Kommerzielle Kommunikation kommt kolossal korrekt?

 

Von Sebastian Köhler

1.) Neues im Online-Journalismus: Die “Berliner Morgenpost” probiert neue digitale Formate aus. Die Axel-Springer-Zeitung, die demnächst offiziell zur Funke-Gruppe gehören dürfte, hat ein so genanntes “Talkie” veröffentlicht, eine Art sprechender Datenvisualisierung (siehe http://kress.de/alle/Detail/Beitrag/125808-datenvisualisierung-berliner-morgenpost-experimentiert-mit-talkie.html,Aufruf am 9.4.2014, 15.56 Uhr) Unter morgenländische/verbotene-Flugrouten erklärt die Redaktion, sie wolle mit dieser Form des digitalen Storytellings zeigen, dass die Vorzüge von linearer Erzählweise in Kombination mit interaktiven Elementen Geschichten für Nutzer auf eine neue Art erlebbar machten.

Im “Talkie” erzählt eine Stimme aus dem Off die Geschichte in 100 Sekunden. Dazu werden aufwändige Datenvisualisierungen gezeigt. Inhalt des Beitrages ist in diesem Fall, dass immer mehr Flugzeuge vorzeitig von den vorgeschriebenen Flugrouten abweichen und im Tiefflug über Berlin fliegen. Die interaktive Anwendung basiert laut MoPo auf Auswertungen einer eigenen Datenbank der “Berliner Morgenpost”, die die Flugbewegungen von rund 96% aller Flüge der Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld erfassen soll.

  1. Fernsehen ist vor allem, was gern gesehen wird und was für Unterhaltung sorgt. YouTube-Stars und -Sternchen liegen da ganz weit vorn bei den ca. Acht- bis 29-Jährigen. Empfehlungen auf YouTube-Kanälen wie dem von Sami Slimani, Y-Titty oder von Daaruum können Produkte binnen Stunden zu Verkaufsschlagern machen – zumindest sorgen sie für Hingucker sowie Gesprächsstoff und verdienen offenbar nicht schlecht daran (wobei die noch viel spannendere Frage wäre – ähnlich wie bei hochbezahlten Sportlern als Werbeträgern: Wie profitieren Konzerne á la Samsung, Coca Cola oder eben auch Google als YouTube-Eigentümer von diesen Verwertungsprozessen?). Aufsichts-Experten wie Jürgen Brautmeier, derzeitig Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, finden das Gebaren der YouTubePromis auf Anfrage von öffentlich-rechtlichen TV-Magazinen wie Report Mainz (SWR) oder Zapp (NDR) “hochproblematisch” (http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/media/zapp7353.html., Aufruf am 5.4.2014, 15.03 Uhr) Es geht im Kern um das Trennungsgebot von redaktionellem Inhalt und Werbung bzw. Product Placement. Dazu sagt das Telemediengesetz von 2007 als einer der zentralen Rahmen des Internet-Rechtes in Deutschland: 1. Kommerzielle Kommunikationen müssen klar als solche zu erkennen sein; 2. Die natürliche oder juristische Person, in deren Auftrag kommerzielle Kommunikationen erfolgen, muss klar identifizierbar sein; 3. Angebote zur Verkaufsförderung wie Preisnachlässe, Zugaben und Geschenke müssen klar als solche erkennbar sein, und die Bedingungen für ihre Inanspruchnahme müssen leicht zugänglich sein sowie klar und unzweideutig angegeben werden. (http://www.gesetze-im-internet.de/tmg/__6.html, Aufruf am 5.42014, 15.07 Uhr). Postwendend nach den öffentlich-rechtlichen Vorwürfen starteten „Vloggerinnen“ (Video-Bloggerinnen) wie Daaruum, xKarenina oder Ebru ihre Gegenkampagnen unter den Slogans #angeber oder #youtuberfürtransparenz. Erklärtes Ziel: Künftig (noch) klarer angeben, von wem sie wofür genau bezahlt werden, direkt und indirekt (http://www.wuv.de/digital/angeber_youtube_blogger_starten_kampagne_gegen_schleichwerbung; Aufruf am 5.4.2014, 15.25 Uhr). Unterm Strich mag der Streit sogar für etwas Aufklärung sorgen – es geht kaum um „Social Media“ bei YouTube, Facebook, Instagram, Vine, WhatsApp & Co. – das ist vor allem ein griffiges Wort aus PR- und Werbeperspektive. Nein, es geht nicht um soziale und vernetzte und freie Kommunikation um ihrer selbst Willen. Die genannten Global Player des „Social Web“ und viele andere sind WWW-Geschäftsplattformen als Mittel zum Zweck (neben den machtpolitischen und geheimdienstlichen Verbindungen), betriebswirtschaftlichen Umsatz und Gewinn zu erzielen/zu steigern (via schneller Aufmerksamkeit und Pseudo-Interaktivität). Nutzende bezahlen dabei mit ihren Daten, die tendenziell komplett ausgewertet und verwertet werden können. Und Vermittler wie die jetzt etwas umstrittenen Vloggerinnen und Vlogger bekommen dabei eben ihr (eher kleines) Stück vom ziemlich großen Kuchen. Auch das kann ja mal „angegeben“ werden, im Sinne gesellschaftlicher Transparenz. Ent-Täuschung mag so produktiv wirken.
  2. Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Die Überschrift einer Reuters-Text-Meldung vom 7.4.2014 lautete: „Separatisten fordern Abspaltung von Ost-Ukraine“. Das lässt sich, um Wittgenstein zu bemühen, klarer sagen: So ist die Version zumindest doppeldeutig – entweder: die Ost-Ukraine soll sich von der gesamten Ukraine abspalten, oder aber: die Separatisten fordern, sich wiederum von der Ost-Ukraine zu abzuspalten. Gemeint ist sicher Ersteres, weswegen zu schreiben wäre: „Separatisten fordern Abspaltung der Ost-Ukraine.“ Ist kein bisschen länger, aber deutlich klarer.

Eskalation der Tatarenmeldung?

 

Von Sebastian Köhler

1.) Im Mainstream des deutschen Journalismus zeigen sich während der Ukraine-Krise bemerkenswerte Dynamiken: In vielen Fällen scheint er, was die Eskalations-Forderungen angeht, jenseits von Bevölkerungsmehrheit, auch von Wirtschaftseliten und sogar von der Regierung zu stehen. Diese Forderungen nach “mehr Härte gegen Putin” sind strukturell wohl am ehesten erklärbar daher, dass von der politischen Grundorientierung sich ja viele Journalisten in Deutschland tendenziell als den Grünen zuneigend verstehen – dabei weit überproportional zum Wahlergebnis mit im Jahre 2005 immerhin 35,5 Prozent aller Journalisten als “Grüne”. (siehe die Weischenberg-Studie von 2005 unter http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/07-2006_Weischenberg.pdf, Aufruf am 29.3.2014, 12.13 Uhr – die Grünen waren 2005 fünftstärkste politische Kraft bei der Bundestagswahl mit 8,1 Prozent hinter Union, SPD, FDP und PDS). An dieser deutlichen Überrepräsentanz bündnisgrüner Neigungen in den Reihen der Journalisten dürfte sich bis heute wenig geändert haben. Aktueller Bezug: Zumindest einige aktuelle Spitzenvertreter der Grünen (Katrin Göring-Eckardt, Rebecca Harms, Marie-Luise Beck) versuchten ja 2014 durchaus, sich mit eher eskalierenden Forderungen gegen die russische Politik zu profilieren.

Dem FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ist, vielleicht auch in diesem Kontext, vor allem ein Gespräch von ZDF-Moderator Claus Kleber mit Siemens-Chef Josef Kaeser aufgefallen (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/echtzeitjournalismus-dr-seltsam-ist-heute-online-12867571.html, Aufruf am 29.3.2014, 12.20 Uhr). In der “Krim-Krise” (ich spreche eher von Ukraine-Krise, weil der Auslöser kaum auf der Krim lag) sehe man: Der “Echtzeitjournalismus” sei schneller als die Reaktionszeit für einen Atomangriff. Er setze auf die Semantik der Eskalation und werde dadurch selbst zur Waffe.Der von Schirrmacher und mir geschätzte Karl Kraus schrieb in diesem Sinne einst: “„Was Redaktionen beschlossen haben, vergelten und büßen Nationen.“ Schirrmacher kritisiert am Journalismus á la Kleber, dass die Nutzer nicht erfahren sollten, was Kaeser in Moskau getan habe (das wäre Außenreferenz und damit eine journalistische Grunddimension), sondern vielmehr, was der empörte Moderator darüber denke (Selbstreferenz): “Beharren auf einer normativen Deutung dessen, was die westlichen Sanktionen angeblich bedeuten, verwandelt Journalismus in Politik und das Fernsehstudio in einen Ort, wo der Interviewer plötzlich außenpolitische Bulletins abgibt.” Schirrmacher gräbt tiefer und narrative Grundstrukturen dieser Art von Eskalation aus: “Die formalen Kriterien dieser fünf Minuten „heute journal“ sind mittlerweile eins zu eins übertragbar auf einen aktuellen Echtzeit-Eskalationsjournalismus, der Lebenssendezeit füllen und Storys erzählen muss.”

Es sei egal, so hatte Karl Kraus als Erster ein Kennzeichen der Massenmedien definiert, ob man eine Operette oder einen Krieg lanciere: “Gemeint war: Die dramaturgischen, auf Kunden oder Klicks zielenden Strukturen von Konflikt, Eskalation, Krise und Katastrophe, mit denen man über die Welt redet, verändern die Welt beim Reden. Die Erzählung vom Kalten Krieg samt Atomwaffen-Angst und biblischer Apokalypse ist das schlechthin unüberbietbare Narrativ – Spannung pur, in der sich der sprachlose Siemens-Chef plötzlich in der Rolle des Spions wiederfindet, der aus der Kälte kam.”

Von Michael Crichton stamme, schreibt Schirrmacher, der Spruch, dass sich eine Geschichte, wenn die Zutaten stimmen, fast von selbst schreibe: “Nicht nach Kriegsgeschrei und dem Donnern von Stiefelabsätzen muss man deshalb heute in der Sprache suchen, sondern nach diesen Automatismen, die durch moderne Kommunikationssysteme sich atemberaubend beschleunigt haben. Es war ein Automatismus, nicht die angebliche moralisch-politische Reflexion, die Claus Klebers Performance erklärt.” Weil Echtzeit Reflexionskraft minimiere, infiziere sie derzeit auf höchst bedrohliche Art das politische und gesellschaftliche Leben in allen Bereichen. Es sei eine Pointe der Geschichte, dass nun auch die entsprechende soziale Kommunikation in den Lichtgeschwindigkeitsmodus wechsele. Schirrmacher: “Wer Zeitpuffer für Hochgeschwindkeitsbörsen verlangt, sollte nach den jüngsten Erfahrungen auch über solche für Nachrichtenbörsen nachdenken.” Oder vielleicht Nachrichten nicht nur als Waren oder Machtmittel begreifen müssen, sondern als öffentliche Leistungen, die anderen Kriterien als Gelderwerb, Machtausbau oder Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen zu folgen hätten.

Ergänzend zu Schirrmachers Kritik bleibt mein Punkt die fehlende “Äquidistanz” dieser Art von Journalismus: Die rasant zunehmende Einseitigkeit, mit der eben nicht allen wichtigen Seiten gegenüber (hier ja zumindest zumindest zwei Parteien: mehr Ablehnung versus eher Verständnis für die russische Politik) der gleiche Abstand gewahrt wird. Dieses “Sich-Nicht-Gemein-Machen” (HaJo Friedrichs) mit einer Sache, und sei sie noch so gut, gilt als eine bewährte Norm aus den Zeiten der Entstehung des modernen Journalismus Mitte des 19. Jahrhunderts. Als es übrigens schon einmal einen Krim-Krieg gab (1853-1856), in dem der erste moderne Kriegsreporter, William Howard Russell, für die Londoner “Times” mangels anderer Neuigkeiten sich eine bewusst falsche Nachricht ausgedacht haben soll (man staune: eine anti-russische). So entstand eben die “Tatarenmeldung”. Allerdings stürzte schließlich im Kontext dieses Krieges die britische Regierung von Premier Aberdeen. Soviel Zeit muss doch sein – zur Ironie von Geschichte.

2.) By the Putin-Bashing-Way: Wo ist eigentlich Edward Snowden? Klar, als Opfer russischer Propaganda sitzt er irgendwo im “Reich des Bösen”. Das ist oberfies – oder liegt es daran, dass ihn “die Guten” nicht friedlich aufnehmen wollen?

And now for something completely different, wie es bei Monty Python heißt: Der britische Guardian, eine der angesehensten Qualitätszeitungen der westlichen Welt, stand jüngst kurz vor der Schließung. Nicht durch die heilsame Hand des Marktes und auch nicht durch einen russischen Oligarchen, sondern durch die britische Regierung.  Wie im März 2014  der stellvertretende Chefredakteur Paul Johnson auf einer Konferenz in Dublin erklärte (siehe http://www.heise.de/newsticker/meldung/NSA-Skandal-Britische-Regierung-drohte-Guardian-mit-Schliessung-2156345.html?wt_mc=sm.feed.tw.ho,, Aufruf am 29.3.2014, 13.54 Uhr), wurden der Redaktion nach Beginn der Enthüllungen in Zusammenarbeit mit dem früheren US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden nicht nur auf Geheiß der Regierung Festplatten zerstört, sondern es wurde der Zeitung sogar unverblümt mit der Schließung gedroht. Insgesamt sei die Arbeit mit Snowdens Material über die gewaltige Überwachung die schwierigste in der Geschichte seiner Zeitung gewesen – auch schwerer als die Arbeit an den Dokumenten von Wikileaks. So habe ein Regierungsbeamter dem Chefredakteur Alan Rusbridger gesagt: “Der Premierminister, sein Stellvertreter, der Außenminister, der Innenminister und der Justizminister haben ein Problem mit Ihnen.”

Das ist alles bemerkenswert genug – aber warum erfahren wir dies zwar, aber erst viele Monate später? Weil eben gerade die vielbeschworene Pressefreiheit selbst in einem Land wie Großbritannien auch politisch (von wirtschaftlich zu schweigen) nie eine absolute ist, sondern stets eine sehr relative, abhängig von aktuellen Macht- und sonstigen Einflussverhältnissen? Dann wäre ja die Welt auch in dieser Hinsicht gar nicht in Schwarz und Weiß zu zeichnen (hier Pressefreiheit, dort keine), und vielleicht auch nicht allein in “Gut versus Böse”? Hmm, das dürfte also anstrengend bleiben ….

3.) Sprachkritisch geht es heute auch um einen Aspekt der Ukraine-Krise: Was passiert mit der Krim nach dem Votum der Menschen, die dort leben? “Annexion”, “Besetzung”, “Diebstahl” (Claus Kleber), “Anschluss”, “Beitritt”, “Eingliederung”, “Angliederung”, “Wiedervereinigung”, “Heimkehr”? Die Bundesregierung hatte den Vergleich des russischen Präsidenten Wladimir Putin zwischen den Ereignissen auf der Krim und der deutschen Vereinigung zurückgewiesen. Die deutsche Einheit habe zwei getrennte Staaten gleicher Nation wieder zusammengeführt, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert gesagt. (http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/krim-krise-berlin-weist-putins-vergleich-mit-wiedervereinigung-zurueck-12854046.html, Aufruf am 29.3.2014, 14.09 Uhr). Kann mensch so sehen, aber Journalisten sollten ja, im Unterschied zu Steffen Seibert, das Sprachrohr keiner Regierung sein, weder der von Frau Merkel noch der von Herrn Putin. Daher dürfen wir uns für informationsbetonten Journalismus die Frage stellen, welchem Terminus die meisten Nutzer mit ihren ganz verschiedenen Interessen und Standpunkten am ehesten zustimmen könnten. Also Merkel-Fans und Putin-Fans und Fans des Rechten Sektors und eher Unentschiedene etc. Deshalb ist meine Wahl in der täglichen Meldungsarbeit das Wort, das mir am wenigsten wertend erscheint aus diesem semantischen Feld: “Eingliederung” (oder auch, wegen des absehbaren Sonderstatus innerhalb der Russischen Föderation: Angliederung). Das kann mensch, je nach Perspektive, schlecht oder gut (oder unentschieden) finden – was sich von “Annexion” oder “Wiedervereinigung” kaum sagen lässt. Dafür gibt es ja meinungsbetonte Formen wie Kommentare. Und manchmal leider auch, siehe oben, TV-Interviews mit “Moderatoren”.

Komm Opa Mittagessen!

Von Sebastian Köhler

1.) Wo kein Geld sei, gebe es auch keinen Journalismus. Das erklärte “Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann Kölner Nachwuchsjournalisten (http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/124544-bild-chef-diekmann-im-interview-mit-journalistenschuelern-wo-kein-geld-ist-gibt-es-auch-keinen-journalismus.html, Aufruf am 8.1., 21.12 Uhr). Er sagte, das Online-Zahlangebot „BildPlus“ habe mittlerweile mehr als 150.000 Abonnenten. So viele Vollzahler in sechs Monaten seien mehr, als viele Regionalzeitungen in Deutschland überhaupt an Käufern bzw. Auflage hätten, so der Bild”-Chef zu diesem “Riesen-Erfolg”.
Die “New York Times” sieht er als sogenannten “Benchmark” (Vergleichs-Maßstab) der Branche. Die Zeitung hatte vor drei Jahren eine neue Bezahlschranke eingeführt und schaffte es im ersten Jahr, 1% der User zu “konvertieren” – auf “Bild” umgerechnet wären das 140.000 zahlende Abonnenten nach zwölf Monaten gewesen, erklärt Diekmann.
Auf die Frage, ob es sich dabei tatsächlich um neue Abonnenten oder um ehemalige Käufer der gedruckten “Bild” handele, antwortete Diekmann: “Ich kannibalisiere mich lieber selber, als von anderen gefressen zu werden.” Der Bild-Chef sieht – wie seit Aufkommen des modernen Journalismus ab. ca. 1830 – vor den publizistischen Erfolg den betriebswirtschaftlichen gestellt: “Wo kein Geld ist, gibt es auch keinen Journalismus”. Das mag für einige Groß(-handels-)unternehmen wie Springer, Bertelsmann oder Burda zutreffen, wird den Journalismus in Breite und Vielfalt aber allein nicht aufheben für künftige Zeiten.
Dann jedenfalls müsse nicht jeder Journalist alles können, „aber jedes Team muss alles können”, meint Diekmann. Er erwarte, dass in den Redaktionen die Teams so zusammengestellt sind, dass jeweils einer da sei, der sich mit sozialen Medien, mit digitalem Storytelling und mit Dateninterpretation auskenne. Die Teams sollten zudem alle Typen von Medien mit Beiträgen bestücken können.
Diekmann sagte, er glaube, Papier werde im Journalismus auch noch in 15 Jahren eine große Rolle spielen. Er erwarte in dem Bereich jedoch kein großes Wachstum mehr.

2.) Der frühere Verfassungsrichter Paul Kirchhof hat in der „SZ“ gefordert, dass die absehbaren Mehreinnahmen der öffentlich-rechtlichen Anstalten durch den neuen Haushaltsbeitrag zum Ende der Werbung in deren Programmen führen sollten (http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/124543-wegen-mehreinnahmen-durch-rundfunkbeitrag-kirchhof-empfiehlt-werbeverzicht-der-oeffentlich-rechtlichen.html, Aufruf am 8.1.2014, 21.37 Uhr). “Wir bleiben bei 17,98 Euro, nutzen aber das Geld, um die Werbung zurückzunehmen. Die Mehreinnahmen werden nicht reichen, um die Werbung ganz abzuschaffen. Aber es besteht die Möglichkeit, die ungute Abhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vom Einfluss der Privatwirtschaft zu lockern”, so Kirchhof. Und er geht noch weiter: “Es soll letztlich auf einen kompletten Verzicht hinauslaufen.”
Hintergründe: Der Staats- und Steuerrechtler Kirchhof bezeichnete die Haushaltsabgabe als Gutachter für ARD, ZDF und Deutschlandradio als verfassungsgemäß. Der Professor aus Heidelberg gilt als Vordenker der Reform. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) hatte jüngst vorgeschlagen, den Rundfunkbeitrag ab 2015 um 73 Cent zu senken. Die KEF rechnete vor, dass durch den neuen Rundfunkbeitrag zwischen 2013 und 2016 etwa 1,146 Milliarden Euro mehr eingenommen werden könnten, als den Anstalten zustünden. Die Hälfte dieses Betrages solle für die Senkung der Gebühren genutzt werden. Entscheiden müssen letztendlich die Ministerpräsidenten der Bundesländer.

3.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im RBB-Inforadio hieß es am 3.1.2014 in einer Meldung, die Piraten seien auf ihrem Bundes-Parteitag „nicht wie die anderen etablierten Parteien durch Delegierte vertreten“ (sondern alle anwesenden Mitglieder durften abstimmen). Auch hier gilt: ein Komma hätte vieles geklärt – denn die Piraten sind sicher (noch) keine etablierte Partei. Zwischen die beiden Attribute vor „Parteien“ hätte ein Komma gemusst. Das Komma ist nur scheinbar unscheinbar, wie die beiden Klassiker zeigen: Zwischen: „Komm Opa, Mittagessen!“ und „Komm Opa Mittagessen!“ dürfte nicht nur für Opa ein gewisser Unterschied bestehen. Ähnlich im Falle von „Hängen, nicht laufenlassen!“ und „Hängen nicht, laufenlassen!“. Der Unterschied zwischen Leben und Tod kann also im Komma überhaupt bzw. in seiner Stellung im Satz bestehen.

Xaver und Unsinn

1.) Der Axel-Springer-Verlag setzt seine Umorientierung fort – weg von Printmedien und hin zum Hybrid-Konzern mit vielen möglichen Medien- und Handelsangeboten. (http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/124257-n24-welt-wachsen-zusammen-axel-springer-kauft-n24-media.html, Aufruf am 11.12.2013, 22.38 Uhr). Springer übernimmt die N24 Media GmbH zu 100%. und will dabei erklärtermaßen vor allem N24 und die Welt-Gruppe zusammenführen, um im deutschsprachigen Raum “das führende multimediale Nachrichtenunternehmen für Qualitätsjournalismus zu etablieren”, wie es in einer Mitteilung von Springer heißt. Das bisher relativ selbständige N24 mit seinen rund 300 Mitarbeitern soll außerdem zentraler Bewegtbildlieferant für alle Marken von Axel Springer werden. N24-Geschäfsführer Torsten Rossmann sagte: „Für den nächsten Schritt und eine nachhaltige Zukunft brauchen wir einen starken Partner, der zu N24 passt. Mit Axel Springer und seinem klaren Bekenntnis zu Journalismus und Digitalisierung haben wir ihn gefunden“. Über den Kaufpreis wurde Stillschweigen vereinbart. Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt der kartell- und medienrechtlichen Genehmigung
2.) Dass die Weltgesellschaft neuer, revolutionär informierterer und kommunikativerer Modelle, Medien und Praxen für ihr Verkehren (im weitesten Sinne) bedarf, um nachhaltig zu überleben, sehen manche so angesichts der Widersprüche zwischen wachsender globaler Produktivität und Reichtumsanhäufung einerseits und grundsätzlichen Krisentendenzen andererseits (Kriege, Anschläge, Umweltzerstörung, Sozialabbau, Verarmung, Verdrängung, Abschottung bis hin zur tendenziellen demografischen Vergreisung etc.). Dass sogenannte soziale Netzwerke wie Facebook, Xing oder LinkedIn wenig zu aufgeklärteren, also in öffentlich-relevanter Hinsicht informierteren Verhältnissen beitragen, überrascht kaum, da sie Unternehmungen sind, die nicht zuletzt für die konzerneigene Verwertung persönlicher Daten und gemeinschaftlicher Beziehungen (virtuelle Empfehlungen und Freundschaften) geschaffen wurden. „Soziales Netzwerk“ ist hier nicht viel mehr als ein nett klingender Eigen-Name. Hätte das neue Phänomen „Global Brain“ eher das Zeug zum „sozialen Netzwerk“? Der österreichische Industrielle Wolfgang Pinegger startet mit seiner Gründung GL Brain eine Plattform, welche Vorteile von Facebook, Xing und Twitter mit sozialem Agenda-Setting zusammenbringen soll. Wichtigstes Argument der neuen Plattformer: Man könne sich auf ihr anonym und zugriffssicher vernetzen. Pinegger erklärte, er wolle brillante Köpfe zusammenbringen, um gemeinsam an den Weltaufgaben zu arbeiten. Daher trägt seine Plattform den ambitionierten Untertitel “The Missing Link”. Neben den üblichen kommunikativen Funktionen wie Chatten, Posten und Verlinken sowie dem Einstellen von Profilen können Nutzer über Global Brain einfach Petitionen erstellen sowie sich zu den beliebten “nachhaltigen” Themen zusammenfinden. Angereichert sei Global Brain mit vielen Echzeit-Statistiken zu gesellschafts- und weltpolitischen Themen. Längerfristig möchte Pinegger daraus erklärtermaßen eine Art “soziale Suchmaschine” generieren. Nach Edward Snowdens Enthüllungen gab die weltweite Empörung über den Zugriff Dritter auf sensible Daten auch per sozialen Netzwerken für Pinegger einen Ausschlag, Global Brain anders aufzuziehen – mit sehr weitreichenden Anonymisierungsmöglichkeiten. Vom Geschäftsmodell mit werberelevanten Datenströmen wolle er sich daher abschneiden. Längerfristig soll Global Brain neben Anzeigenerlösen über Abo-Angebote und Möglichkeiten finanziert werden, sich als Unternehmen prominent auf eigenen Seiten zu präsentieren. (vgl. http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/124383-achtstellige-investition-fuer-neues-soziales-netzwerk-global-brain-zieht-in-den-kampf-mit-facebook.html, Aufruf am 17.12.2013, 13.47 Uhr). Klingt erst einmal spannend und ist hoffentlich keine neue Version von weltweitem „Brain drain“, sondern könnte zu neuen Weisen des Teilens und Mit-Teilens auf aktuellen Höhen der technologischen Möglichkeiten beitragen.
3.) ARD-MoMa-Moderatorin Anne Gesthuysen sprach im Angesicht des nahenden Orkans „Xaver“ am 6.12., die Wetterlage wäre „dieselbe wie 1962“. Das darf als Reverenz an den einstigen bundesdeutschen Eishockeytrainer mit dem schönen Namen „Xaver Unsinn“ gelesen werden: Dieser und das Sturmtief tragen vielleicht denselben Vor-Namen (weil es von solchen Namen kaum ein unverwechselbares Individuum geben kann). Aber zwei unterscheidbare Wetterlagen (1962-2013) gleichen sich bestenfalls (sind vom gleichen Typus), oder erscheinen uns sicher am ehesten ähnlich.

Wie tickern die denn?

Von Sebastian Köhler

1.) Echtzeit-Schnipsel von Reportern – die größte deutsche Nachrichtenagentur dpa scheint mit einigen bisherigen Agentur-Tabus brechen zu wollen (:http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/124204-echtzeit-schnipsel-von-reportern-dpa-live-bricht-mit-agentur-tabus.html., Aufruf am 4.12.2013, 21.17 Uhr). Denn die Deutsche Presse-Agentur bietet ihren Kunden künftig regelmäßig Liveticker an. Text- und Fotoreporter sollen bei größeren Ereignissen parallel zu ihrer normalen Berichterstattung in Echtzeit bloggen, wie dpa-Politikchef Martin Bialecki beim Mainzer Mediendisput 2013 in Berlin sagte. Die Agentur nennt den Service “dpa live”, vor allem auf Websites von Regionalzeitungen dürfte er bald öfter zu sehen sein. In einigen Punkten kratzt die dpa mit ihrem neuen Live-Angebot an Tabus. Das Unterhaltsame, Privat-Relevante soll hier mit harten, öffentlich-relevanten Fakten vermischt werden. Die Abfolge eines Livetickers widerspricht der alten Schule der Nachrichtenagenturen: das Wichtige wird im Ticker nicht zuerst genannt, sondern immer das gerade Neueste; auch fehlt die Trennung zwischen relevanten und irrelevanten Beobachtungen weitgehend, denn ein Ticker will zuerst einmal gefüllt werden. Ein weiterer Schritt in Richtung „Gemischtwaren-Laden“?

2.) Das sprachkritische Kaleidoskop führt in dieser Woche zum Wort „Oppositionsführer“. In vielen deutschen Medien werden mittlerweile Formulierungen verwendet wie vom „Hamburger Abendblatt“: „Behörden schikanieren Oppositionsführer Vitali Klitschko“ (http://www.abendblatt.de/politik/article122478590/Behoerden-schikanieren-Oppositionsfuehrer-Vitali-Klitschko.html, Aufruf am 4.12.2013, 20.24 Uhr). Was aber bedeutet „Oppositionsführer“? In Großbritannien ist dieser Titel eine Institution, dort wie auch in Deutschland wird der Chef der größten Oppositionsfraktion so genannt. In der Ukraine gebührt solche Bezeichnung dem Fraktionschef der Partei „Vaterland“ (Julia Timoschenko), Arsenij Jazenjuk, dessen Fraktion im Kiewer Parlament über 101 Sitze verfügt. Nur auf 40 Mandate hingegen bringt es Vitali Klitschkos Partei „Udar“ (Schlag), die aktiv von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung unterstützt wird (http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/1306144/Wahlen-in-der-Ukraine_Klitschkos-schwierigster-Kampf, Aufruf am 4.12.2013). Wenn schon im Deutschen von „Führer“ oder eben „Oppositionsführer“ gesprochen werden muss, dann doch bitte nicht ganz so „opportunistisch“ – also (bildungssprachlich laut Duden) nicht in allzu bereitwilliger Anpassung an die jeweilige Lage aus Nützlichkeitserwägungen .(http://www.duden.de/rechtschreibung/Opportunismus). Denn unter demokratischem Aspekt ist die sprachliche Frage nicht uninteressant: Wird der Oppositionsführer gewählt, oder wird er ernannt – von sich selbst bzw. von (deutschen) Medien? Zumal ja, Gruß zurück ans Hamburger Abendblatt, die Familie Klitschko ebendort in der Elbmetropole lebt.

Vom Journalisten zum Content-Manager?

Von Sebastian Köhler

Burda-Vorstandschef Paul-Bernhard Kallen hat sich erneut für ein „anderes Journalismusverständnis“ ausgesprochen, im aktuellen Interview mit der „Zeit“ (http://meedia.de/internet/kallen-schreiben-wird-an-bedeutung-verlieren/2013/11/27.html, Aufruf am 27.11.2013, 20.39 Uhr). Der 56-jährige Manager fordert, die Termini „Content“ und „Journalismus“ sehr viel breiter zu interpretieren als bisher. So könnten für Kunden auch Produktbeschreibungen wertvoller Content sein. Das „Kuratieren von Inhalten“, also das Betreuen von tendenziell auftragskommunikativen Beiträgen im Sinne von Planen, Beauftragen, Redigieren, werde wichtiger für Journalisten oder eben Contentmanager als das eigene Produzieren. Dass Kallen von Produktbeschreibungen spricht, kommt nicht von ungefähr. Burda ist auf dem Weg, sich vom Verlag zu einem Handelsunternehmen zu wandeln. 2012 war der Umsatz um knapp 13 Prozent auf ca. 2,5 Mrd. Euro gestiegen. Der Gewinn lag anscheinend im dreistelligen Mio-Bereich – genau teilt das Familien-Unternehmen dies nicht mit. Schon 2012 machten Handelsumsätze 35% der Erlöse aus. Bei der jüngsten Jahresbilanz prägte Kallen den Begriff der “Content- und Handelskonvergenz”. Handelsunternehmen würden immer stärker wie Medienunternehmen auftreten, also müssten sich Medienhäuser auch zu Handelsunternehmen wandeln – als Vorbild scheint Kallen hier vor allem „Amazon“ zu gelten.
„Unabhängiger Journalismus und E-Commerce dürften sich beliebig nahe kommen, solange es neben der journalistischen Auseinandersetzung mit einem Produkt die Möglichkeit gibt, aus einer großen Auswahl zu kaufen.“ Neutralität gehe dabei nicht verloren. Kallen stellte klar, dass der Konzern „heute vor allem durch seine Onlinebeteiligungen“ wachse. „Sie stehen inzwischen für rund 50 Prozent vom Umsatz.“ Einen großen Anteil daran dürfte der Haustierbedarf Zooplus haben, an dem Burda die Mehrheit hält. Der Onlineversand setzte im vergangenen Jahr knapp 340 Mio. Euro um. Die Netz-Nutzer erscheinen Kallen daher vor allem als „Consumer“, gerne mit angeschlossenem Haustier. Und denen dürften auftrags-kommunikative Content-Manager am besten entgegenkommen. Wer bräuchte dann noch wozu Journalisten? Wenn allerdings an möglichst aktueller, authentischer und autonomer Orientierung für persönliche, gemeinschaftliche und gesellschaftliche Kommunikation doch Bedarf besteht, sollte der sich (auch) andere Ressourcen suchen als bisher, andere denn vor allem als journalistische Schaufenster multi-konvergenter Universal-Konzerne.
2.) Sprachkritisch geht es heute um die „Schlagzeile des Jahres“. „Bild” wurde dafür 2013 vom Verein Deutsche Sprache geadelt (seit 2010 gibt es den Preis, bisher ging er an „Zeit“, „taz“ und „stern“): “Yes, we scan!” ist die Schlagzeile dieses Jahres. Ein Klassiker der Ansprechhaltung aus der Reihe „An Bekanntes anknüpfen und diesem dann eine neue und bedeutsame Seite abgewinnen“. Die Schlagzeile erschien in „Bild“ vom 10. Juni. “Besser als jeder Leitartikel fassen diese drei Worte die Enttäuschung vieler Europäer über die Überwachungsmanie der Obama-Regierung zusammen”, so der Jurysprecher und Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache Walter Krämer. Auch Platz zwei ging an „Bild“ – für “Wir gegen uns”, vom 24. Mai, eine Vorschau auf das Champions- League-Finale München gegen Dortmund. Allerdings scheint die Bild-Originalität von „Yes, we scan“ umstritten – René Walter, Betreiber des Weblogs “Nerdcore”, hält die Auszeichnung der “Bild” für “unwürdig” und wünscht sich eine Rücknahme. Laut Walter ist die Schlagzeile nicht von „Bild“ formuliert, sondern aus Online-Medien entnommen. Zuerst tauchte ihm zufolge die Formulierung in Foren bei Spiegel Online und bei Netzpolitik.org auf, weltweite Beachtung habe sie sie dann in Form seines Plakat-Remixes gefunden, den er am bereits am 8.6. (zwei Tage vor „Bild“) online gestellt habe. „Copy and win“ wäre dann eine, allerdings nicht ganz so originelle, Zwischen-Überschrift.

Hölle und Hellseherei auf Erden

Von Sebastian Köhler

1.) Den Negativ-Preis „Höllische Redaktion des Jahres“ des Verbandes „Freischreiber“ für besonders unfairen Umgang mit der wachsenden „Randbelegschaft“ erhielt 2013 der renommierte „Bonner Generalanzeiger“ (http://www.freischreiber.de/aktuelle/hollische-redaktion-2013-der-bonner-generalanzeiger/, http://meedia.de/print/huffpost-fuer-hoelle-preis-nominiert/2013/11/11.html, Aufruf am 21.11.2013, 20.12 Uhr). Der Generalanzeiger zahlt deutlich unter den gewerkschaftlich ausgehandelten Vergütungsregeln. Gegen die Dumping-Honorare klagten rückwirkend zwei langjährige freie Mitarbeiter. Das Landgericht Köln hielt die gezahlten Vergütungen in Höhe von 21 beziehungsweise 25 Cent pro Standard-Zeile für „unangemessen niedrig“ und verurteilte den Verlag zur Nachzahlung von immerhin 40.000 und 10.000 Euro. Ausgerechnet ein Haus, dessen Autoren regelmäßig mit renommierten Journalistenpreisen bedacht werden, weigert sich laut „Freischreiber“ besonders eklatant, langjährige Schreiber angemessen zu bezahlen. Nominiert war auch u.a. neben der öffentlich-rechtlichen „Deutschen Welle“ (Freie müssten ihre Urheber- und Verwertungsrechte dort sehr weitgehend abtreten) die gerade erst gestartete deutsche Ausgabe der Online-Plattform „Huffington Post“ (Focus/Burda): Vor allem die fehlenden Honorare und die Knebelverträge regen die Interessenvertreter auf. O-Ton der Freischreiber in ihrer Nominierungs-Begründung: „So ein Abendkleid von Valentino, wie es die Chefin der Huffington Post gern trägt, das kostet gut und gerne 8000 Euro. Das kann man umso besser hinblättern, wenn man sein Vermögen damit macht, dass man andere für kein Geld schuften lässt.“
2.) Sprachkritisch gesehen und gehört diesmal der erste Meldungs-Satz der Hauptausgabe der Tagesschau im „Ersten“ vom 14.11: „Sigmar Gabriel bleibt für weitere zwei Jahre SPD-Vorsitzender“. Gewiss – kürzer und einfacher geht es kaum, aber geht es vielleicht „richtiger“? Oder anders gefragt – sind bei der Tagesschau jetzt Hellseher am Werk? Der Mann kann morgen oder in einem Jahr, aus absehbaren oder auch aus noch nicht absehbaren Gründen, durchaus nicht mehr SPD-Chef sein – alles mehr als nur denkbar. Warum dann diese Übervereinfachung in einer der sonst exaktesten Nachrichten-Sendungen? Oder fragen wir (zu) einfach zurück: Bleibt ARD-aktuell für weitere zwei Jahre eine der seriösesten Redaktionen hierzulande?

Transparente Reporter ohne Grenzen?

Von Sebastian Köhler

1.) Seit Jahren wird heiß diskutiert, inwiefern Whistleblower-Plattformen wie „Wikileaks“ oder „Open Leaks“ künftig zum Journalismus beitragen. Selbst Spielfilme wie gerade „Inside Wikileaks“ entstehen in diesem Kontext. Die Wikileaks-Unterstützerin Sarah Harrrison, eine britische Journalistin, hat sich dieser Tage von Deutschland aus mit einem offenen Brief zu ihrer Sicht auf die Debatten um Edward Snowden zu Wort gemeldet (siehe
http://www.tagesschau.de/inland/harrisson-erklaerung100~_origin-81a43420-410d-497c-92a8-f1b85830a3fd.html, Aufruf am 14.11.2013, 10.51 Uhr). Ihr Kernargument scheint mir zu sein (ganz im Sinne der öffentlichen Aufgabe journalistischer Medien auch in Deutschland, was die Kritik- und Kontrollfunktion gegenüber Mächtigen und Einfluss-Reichen angeht): In Zeiten eines neuen Maßes von Geheimhaltung und Machtmissbrauch gebe es nur eine Lösung – Transparenz. „Wenn unsere Regierungen so kompromittiert sind, dass sie uns nicht die Wahrheit sagen wollen, dann müssen wir nach vorne treten und die Transparenz zu ergreifen. Wenn die Leute die eindeutigen Belege in Form von Originaldokumenten sehen, dann können sie sich wehren.“ Natürlich wirft das auch Fragen auf, zum Beispiel hinsichtlich des etwaigen Einebnens durchaus fortschrittlicher Differenzierungen zwischen Privatheiten und Öffentlichkeiten, oder hinsichtlich möglicher Verselbständigung der selbsternannten Kontrolleure und Kritiker. Aber immerhin – dass auch diese Fragen überhaupt gestellt werden (können), dürfte ein demokratisierender Schritt sein.
2.) Im Kaleidoskop dreht es sich diesmal um eher inhaltliche Sprach- oder besser Rechenkritik. In der Reuters-Meldung vom 8.10.2013, 11:51 Uhr, wurde Horst Seehofers Wiederwahl als Ministerpräsident von Bayern im Landesparlament in München vermittelt. Der Text lautete dann: „Für Seehofer votierten 100 der 180 Abgeordneten. Ihm fehlte damit eine Stimme aus dem Kreis der 101 CSU-Parlamentarier im neuen Landtag in München. Die CSU war nach Angaben eines Fraktionssprechers in voller Stärke im Plenum vertreten.“
Da solche Wahlen selbst in Bayern noch immer geheime Abstimmungen sind, erhebt sich die Frage, wie der Berichterstatter diese Zahlenverhältnisse errechnet hat? Oder doch eher hellgesehen? Was sich hätte schreiben lassen, wäre in etwa gewesen: „Damit erhielt Seehofer eine Stimme weniger, als seine Fraktion Mitglieder zählt“. Denn vielleicht haben ja beispielsweise sogar zwei Mitglieder der oppositionellen Fraktionen für Seehofer gestimmt – und damit wären es nach Adam Ries immerhin schon drei CSU-ler gewesen, die ihrem Chef die Gefolgschaft verweigert hätten. Alles selbst in Bayern sicher nicht undenkbar. Wie gesagt – so lange die Wahlen geheim sind und bleiben. Was lehrt uns dieser Fall? Geheimes Wählen kann anstrengend sein.

Guck mal, wer da was googelt …

Von Sebastian Köhler

1.) Die Internet-Gratis-Zeitung „Huffingtonpost“ als post-materielles Medium? Gratis ist eben auch ein relativer Ausdruck: Für die Nutzung wird kaum Geld fällig, allerdings für Honorare auch nicht. Das Medienportal „meedia“ meldete (http://meedia.de/internet/arianna-huffington-verdiente-21-mio-an-verkauf/2013/10/17.html, Aufruf am 24.10.2013, 14.23 Uhr), der Kommunikationskonzern AOL habe 2011 insgesamt 315 Millionen US-Dollar für die HuffPo bezahlt, wovon Gründerin Arianna Huffington ihrerzeit 21 Millionen erhalten habe, also 6,6 Prozent. Zum Vergleich: Mark Zuckerberg hält fast 30 Prozent Anteile an Facebook, Jeff Bezos knapp 20 Prozent an Amazon. Strukturell spannend ist neben der Frage der Eigentumsverhältnisse die nach Umsatz- und Gewinnentwicklung: Die HuffPo arbeitet bereits seit 2010 gewinnbringend: Der Umsatz soll von 60 Millionen (2011) auf 165 Millionen US-Dollar (2013) steigen. Im Jahr 2013 wurde ein Reingewinn von 58 Millionen Dollar erwartet. Das entspräche einer Rendite-Rate von rund 35 Prozent – profitabler geht es kaum, und das nicht zuletzt mit Journalismus, freilich „gratis“.
2.) Springer und Google werden bei der Vermarktung digitaler Werbung so eng kooperieren wie bisher noch kein deutsches Unternehmen mit dem Suchmaschinenweltmarkt-Führer (http://meedia.de/werbung/springer-und-google-kooperieren-bei-vermarktung/2013/11/04.html, Aufruf am 5.11.2013, 12.04 Uhr). Zugleich rät angesichts der neuesten Entwicklungen der Geheimdienstaffären DJV-Chef Michael Konken den Journalisten hierzulande, Giganten wie Google oder Yahoo (die anscheinend sowohl wissentlich als auch unwissentlich NSA-Partner waren/sind) im professionellen Bereich zu meiden (http://kress.de/tagesdienst/detail/beitrag/123769-djv-raet-journalisten-nach-nsa-spitzelei-finger-weg-von-google-und-yahoo.html, Aufruf 5.11.2013, 12.29 Uhr): “Es gibt durchaus andere Suchmaschinen und Anbieter von Email-Diensten, die nach bisherigem Kenntnisstand als sicher gelten”, sagte Konken. Bei vergleichbarem Leistungsspektrum dieser Dienstleister sollten Journalisten wechseln, mindestens aber Verschlüsselungstechniken anwenden. Der Netz-Experte und Journalistentrainer Peter Welchering rät auch daher für Online-Recherchen und Mail-Verkehr zu mindestens vier Fragen vorab – und dabei immer die gute alte Frage „Cui bono?“ (Zu wessen Vorteil – wem nutzt es?) im Hinterkopf habend ( http://de.slideshare.net/welchering/verifizieren, Aufruf am 5.11.2013, 12.36 Uhr): 1.) Von welchem Server wurde die Mail gesendet?, 2. Wem gehört die IP-Adresse? 3. Wo steht der Server (in welchem Land, welcher Region?), 4. Welche Internet-Knotenrechner sind benachbart?
3.) Im Kaleidoskop dreht sich diesmal ein Satz aus der Sendung von „Tagesschau24“ am 29.10.2013, 9.40 Uhr: Es ging um Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Protestierenden in Brasilien und deren Auslöser: „Die Polizisten hatten zuvor versehentlich einen Jugendlichen erschossen“. Wenn das mit dem „versehentlich“ so klar gewesen wäre, hätte es die Zusammenstöße – oder zumindest ihr Ausmaß – vielleicht gar nicht gegeben. Ist aber auch eine reine Spekulation oder eben Glaubensfrage. Wie übrigens genau die Frage, ob die Tötung nun „versehentlich“ oder anders geschah. Nachrichtenproduzenten sollten sich entweder an relativ unbestreitbare Tatsachen halten (es war ein Dienstag, und es geschah in Brasilien), oder eben andererseits auch „Versionen als Versionen kennzeichnen“, wie es Michael Haller seit langem zu Recht fordert. Stichwort Quellen-Transparenz. Und anscheinend sahen Polizei und Protestierende das mit dem „versehentlich“ durchaus kontrovers.

Gatewatcher: Gesprächswert und Gesellschaft

Von Sebastian Köhler
1.) Zur Zukunft des Journalismus sagte bei der Eröffnung der Münchener Medientage im Oktober 2013 der BR-Intendant Ulrich Wilhelm (ein früherer Regierungssprecher von Angela Merkel), es solle dabei weniger um lineare Reichweiten- oder Quotenmessungen gehen als mehr um „Relevanz und Themen, die einen Gesprächswert für die Gesellschaft“ hätten (vgl. FAZ 18.10.2013, S.43). Wilhelm ermahnte vor allem die Politiker (und leider erst danach Wirtschaftsbosse wie die von Facebook und Google sowie Geheimdienstchefs), die öffentlichen Räume zu schützen und damit nicht zuletzt das Internet als Sphäre des oszillierenden Verkehrens zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Zu jenem Zeitpunkt dürften weder er noch wir etwas mitbekommen haben von der mutmaßlichen Handy-Überwachung selbst der deutschen Kanzlerin durch die NSA. Aber warum sollte es der Regierungschefin besser gehen als vielen Journalistinnen oder Bürgern? Dass Journalismus wiederum gerade solche öffentlich-relevanten Probleme thematisiert und vermittelt, entspricht seiner modernen öffentlichen Aufgabe. Allerdings angesichts des vielfältigen Netzverkehrs kaum noch tradiert im Sinne vom alleinbestimmenden „Gatekeeper“, sondern mittlerweile angesichts vieler Interaktivitäten und schier unendlicher Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten eher als „Gatewatcher“ und Moderator.
2.) Nachdem die deutsche Nachrichtenagentur dapd im April 2013 endgültig ihren Betrieb eingestellt hatte, ist die heutige Rolle solcher Agenturen von neuem fraglich. Yasmin Schulten-Jaspers hat das aktuelle „Geschäft mit den Nachrichten“ untersucht (http://de.ejo-online.eu/author/yasmin-schulten-jaspers, Aufruf am 24.10.2013, 14.38 Uhr). Schätzungen zufolge stammten noch 2005 wenigstens die Hälfte aller Tageszeitungsbeiträge von Agenturen, bei TV und Radio war der Anteil sogar höher. Befragte Experten (Journalisten, Verlagsmanager, Wissenschaftler) gehen klar mehrheitlich weiterhin von einer Gatekeeper-Rolle aus, vom verlässlichen Vorsortieren. Die Materialien seien aktuell, geprüft und übernehmbar. Gekürzte Redaktionen werden tendenziell noch abhängiger von Agentur-Material, da sie mit weniger Ressourcen mehr und schneller (und möglichst auch noch besseren) Output liefern sollen. Online-Experten allerdings sehen eine schwindende Bedeutung der Agenturen wegen Tendenzen der Regionalisierung und Lokalisierung ebenso wie wegen jener des Bemühens um Exklusivität. TV-und Radio-Fachleute sehen in Nachrichtenagenturen vor allem ein Korrektiv und einen Ideengeber (Themensetzer) für die dann jeweils eigene Story. Netz-Plattformen dürften allerdings eine starke Konkurrenz für die Agenturen sein und noch mehr werden: Von global bis hyperlokal, hyperaktuell, multimedial und nicht zuletzt höchstpersönliche Quellen mit Augenzeugenanspruch.
Künftig dürften gerade auf dem umkämpften deutschen Nachrichtenagenturmarkt Kundenportale für die Abonnenten der Dienste eine wichtigere Rolle spielen: Laut Studie ist von etwa 20 Prozent Agenturbeiträgen als „work-on-demand“ auszugehen, was aber auch hieße, dass rund 80 Prozent der Themen und Beiträge „Eigeninitiative“ von dpa, Reuters, AFP, AP, sid, epd, KNA, vwd etc. blieben. Etwa die Hälfte der Befragten geht im Sinne einer „Entdifferenzierung“ (weg vom spezialisierten Journalismus) davon aus, dass Agenturen bald schon ihren Hauptumsatz abseits ihres Kerngeschäftes erzielen werden, durch Tochterunternehmen und Beteiligungen nicht zuletzt in Bereichen der Auftragskommunikation (PR-Töchter etc.). Entdifferenzierungen dürfte es auch bei den Ressorts und bei der Belegschaftsstruktur geben (Kürzung der Kernbelegschaften). Qualitätskriterien blieben Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit (ist das nicht – fast – dasselbe?), während die Schnelligkeit nicht mehr so wichtig sein dürfte. Multimedialität wird in den Agenturen wachsen, ebenso der Anteil an Ratgeber-Beiträgen im Vergleich zu den tagesaktuellen. Thematisch geht es auch daher mehr in Richtung Privat-Relevantes (Soft News und Sport), während Öffentlich-Relevantes zwar mit Blick auf Politik und Wirtschaft wichtig bleiben mag, allerdings in Form der Kulturberichterstattung eher zurückgehen dürfte.
3.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Sprechen wir vom ehemaligen Römischen Reich oder vom ehemaligen Zweiten Weltkrieg? Kaum, aber immer wieder wird gerade in Ländern deutscher Zunge von der „ehemaligen DDR“ geredet und geschrieben. Als ob es eine andere gäbe. Die Briten haben für solche Bräuche die Rede-Wendung „kicking dead horses“. Das machen Gentlemen and -women natürlich nicht. Aber Medien wie die Berliner Zeitung (15.7.2013, S.24) immer mal wieder – die dänische „Olsenbande“ (in der damaligen BRD hieß sie marktschreiend „Panzerknackerbande“) und ihre Filme waren neben ihrer Heimat laut BLZ z.B. auch in Polen und Ungarn, in der Türkei oder Libyen beliebt: „Den größten Erfolg erzielten sie aber in der ehemaligen DDR“. Da es hier um die Zeit zwischen 1968 und 1981 geht, ist der Ausdruck definitiv tautologisch. Es sei denn, man formulierte per Negation der Negation im gleichen Tenor auch über die „ehemalige Olsenbande“. Aber auch dann ließe sich „ehemalig“ nicht „wegkürzen“, sondern wäre schlicht besinnungsloser Sprachgebrauch. Der nicht einmal „ein Stück weit“ einen gewissen „Sinn machen“ würde.