Drohender Austritt, drohendes Scheitern?

1.) Der Potsdamer Marik Roeder alias „Dark Viktory“ hat für sein Internet-Newsformat „BrainFed“ im Animationsstil den Publikumspreis des Grimme Online Award 2016 erhalten. Die Jury erklärte, der Mann und seine Redaktion lieferten damit für Jugendliche sehr gut aufbereitete Hintergrundinformationen zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen (vgl.http://www.pnn.de/potsdam/1090046/; Aufruf am 7.7.2016, 10.30 Uhr). Roeder hat auf YouTube derzeit seit seinem Aktivwerden 2009 genau 607.458 Abonnenten und 70.673.022 Aufrufe. Mit den etwa zweiwöchentlich erscheinenden Beiträgen zu „BrainFed“ von rund drei Minuten Länge erreicht er jeweils etwa 100.000 Aufrufe.
Frage aber: Ist das Journalismus? Also möglichst unabhängig von Interessen Dritter (Wirtschaft, Politik etc.)?

„BrainFed“ wird, wie auch im Abspann zu sehen ist, von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt. Diese ist eine nachgeordnete Behörde des Bundesinnenministeriums. Okay, warum nicht, oder?

Ein Beispiel, das mir schnell auffiel: Im „BrainFed“-Beitrag vom 21.6. ging es um das damals gerade bevorstehende Referendum der Briten zur EU (https://www.youtube.com/watch?v=QiS0WHq7cPQ&list=PLWHmptl7dh-U1-mQNP07yCBfQ4GUQHYui&index=2, Aufruf am 7.7.2016, 10.45 Uhr).

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Und wie das Leben so spielt: die mutmaßlichen „Brexit“-Unterstützer werden als alte, eher dumme Griesgrame dargestellt, die EU-Unterstützer hingegen als nette, ziemlich schlaue Nachwuchskräfte. Hätte Thomas de Maiziere nicht besser sagen können, geschweige denn filmisch so gut herübergebracht. Also – Journalismus oder Auftragskommunikation?

2.) Und jetzt droht hier die nächste Sprachkritik – schlimm:
„Ceta-Handelsabkommen droht zu scheitern“, titeln dieser Tage viele Medien, zum Beispiel der Weser-Kurier (http://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-Ceta-Handelsabkommen-droht-zu-scheitern-_arid,1412873.html, Aufruf am 7.7.2016, 10.55 Uhr). Nein, ich denke, das „droht“ nicht. Zumindest sollte es das nicht tun, in einer informationsbetonten, also objektivierenden Schlagzeile. Das Scheitern könnte bevorstehen oder wahrscheinlicher werden oder eben passieren – aber „drohen“ kaum. Es sei denn, man bewertet dieses etwaige Scheitern sehr negativ, wie einen drohenden Tsunami oder eine drohende Unwetterfront. „Drohen“ können per Definition nur ganz klar schlechte Ereignisse oder Entwicklungen. Deswegen sind solche Nachrichten-Überschriften ziemlich sicher eines: bewusste oder unbewusste Kommentare aus den Medienhäusern.

Kopf oder Zahlen

Eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom soll laut FAZ zeigen (vgl. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/bitkom-umfrage-mehr-zahlungsbereitschaft-fuer-online-journalismus-14302489.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2; Aufruf am 27.6. 2016 um 13.38 Uhr): Immer mehr Menschen scheinen bereit, für Online-Journalismus zu zahlen. Auch die Onlinerecherche werde sich weiterentwickeln.

Die Zahlungsbereitschaft für journalistische Inhalte im Internet steigt laut BITKOM und FAZ (die natürlich beide auch Interesse an solchen Nachrichten haben). 36 Prozent der Internetnutzer haben laut Umfrage im vergangenen Jahr für Nachrichten oder andere journalistische Inhalte im Internet Geld ausgegeben. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor, 2015, waren es erst 31 Prozent. Das habe eine repräsentative Umfrage unter gut 1000 Internetnutzern ab 14 Jahren im Auftrag des Digitalverbands Bitkom ergeben. In der spezielleren Gruppe jener Internetnutzer, die Online-Nachrichten lesen, liegt der Anteil derjenigen, die für diese Geld ausgegeben haben, „sogar“ bei 48 Prozent (Vorjahr: 40 Prozent).

Dabei zahlten 22 Prozent der Internetnutzer eine monatliche Pauschale – und ein Fünftel habe im jüngsten Jahr für einzelne Artikel oder Ausgaben Geld ausgegeben (das wären dann aber in der Summe nicht nur die oben erwähnten 36 Prozent, sondern schon 42 – und da sind noch keine Quartals- oder Jahresabos erwähnt – hmmmh …vielleicht erklärbar über Mehrfachnennungen – bleibt aber nebulös).

„Ein gutes journalistisches Angebot lassen sich die Nutzer auch im Internet etwas kosten“, wird der Bitkom-Vizepräsident Achim Berg zur Vorstellung der Studienergebnisse in einer entsprechenden Mitteilung des Verbandes zitiert: „Medienunternehmen brauchen zusätzliche Erlösquellen, um die digitale Transformation vorantreiben zu können.“

Wer nicht bereit ist, für Nachrichten und ähnliche Inhalte zu bezahlen, führt vor allem die große Menge kostenloser Angebote als Grund seiner mangelnden Ausgabebereitschaft an (73 Prozent). Nur einem Drittel (32 Prozent) seien die Digitalangebote zu teuer – wobei meines Erachtens das zweite ja oft vom ersten ziemlich direkt abhängt. Nur noch 9 Prozent der Befragten hielten das Bezahlen im Internet 2016 für zu kompliziert. Im Rahmen einer Bitkom-Befragung im Jahr 2013 waren es noch 32 Prozent, seitdem ist dieser Wert kontinuierlich gesunken.

Trotz steigender Zahlungsbereitschaft haben sich Abrechnungsmodelle für journalistische Inhalte im Internet in den Verlagen aber noch nicht in der Breite durchgesetzt. Das zeigt laut FAZ eine weitere, ebenfalls repräsentative Umfrage, in diesem Fall unter den Geschäftsführern und Vorstandsmitgliedern von 148 Medienunternehmen: 41 Prozent der Anbieter journalistischer Inhalte geben an, dass sie Abrechnungsmodelle für journalistischen Content haben. 31 Prozent setzen auf das sogenannte „Freemium“-Modell, bei dem nur als besonders hochwertig eingestufte Inhalte bezahlt werden müssen. 15 Prozent haben eine Bezahlschranke („Paywall“) für alle Inhalte eingeführt. Und 7 Prozent nutzen ein Kontingentmodell, bei dem die kostenlose Nutzung mengen- oder zeitmäßig beschränkt ist.

Auf der anderen Seite sagen die restlichen 59 Prozent, dass sie sämtliche Inhalte kostenlos anbieten. 46 Prozent der Entscheider erwarteten, dass Crowdfunding immer wichtiger werde. Im Rahmen solcher Projekte wird auf Internetplattformen für journalistische Projekte Geld eingesammelt. Mit 77 Prozent erwarteten aber die weitaus meisten Unternehmen ein steigendes Gewicht digitaler Werbung als Erlösquelle.

„Online-Medien, Video-Streaming-Dienste und Internet-Radio werden in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen“, sagte Berg. Auf den Trend zur mobilen Nachrichtennutzung haben die Anbieter journalistischer Inhalte ebenfalls reagiert. 92 Prozent der befragten Medienunternehmen haben eine mobile Website, bei der sich die Inhalte an unterschiedliche Bildschirmgrößen anpassen. Zwei Drittel (67 Prozent) haben eine oder mehrere Smartphone-Apps im Angebot und gut die Hälfte (55 Prozent) eine Tablet-App. Ein Viertel (25 Prozent) bietet ein digitales E-Paper an, bei dem in der Regel die Zeitung als PDF-Datei zur Verfügung gestellt wird.

Die befragten Medienmanager rechnen der FAZ zufolge damit, dass sich das Berufsbild des Journalisten in den kommenden Jahren wandeln wird. So gehen 40 Prozent davon aus, dass in zehn Jahren journalistische Texte automatisch von Algorithmen erstellt werden. Schon heute kommt der sogenannte Roboter-Journalismus in einigen Redaktionen bei der Erstellung einfacher Standardtexte wie Börsenberichten, Verkehrsmeldungen oder Wettervorhersagen zum Einsatz. „Intelligente Software kann Journalisten von eintönigen Routinetätigkeiten entlasten, ihn aber nicht ersetzen“, betonte Berg. „Fundierte Analysen, investigative Recherchen oder meinungsstarke Kommentare werden auch in Zukunft Markenzeichen von Qualitätsjournalismus sein.“

Digitale Systeme eröffnen Journalisten schon heute bei der Recherche zusätzliche Möglichkeiten. Für die Zukunft gehen laut FAZ 51 Prozent der befragten Medienmanager davon aus, dass Daten-Journalisten mit Hilfe spezieller Software unbekannte Zusammenhänge aufdecken werden.

2.) Komma, komma her! Laut diesem Artikel in der FAZ (siehe http://www.xing-news.com/reader/news/articles/322442?link_position=digest&newsletter_id=14060&xng_share_origin=email, Aufruf am 23.6.2016, 11.26 Uhr) steigt also die Zahlungsbereitschaft für Online-Journalismus. Aber auch für solchen? „Eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom zeigt: Immer mehr Menschen sind bereit für Online-Journalismus zu zahlen.“ Der erweiterte Infinitiv mit zu darf auch online mit einem Komma vom Rest des Satzes getrennt werden – sonst kann man leicht auf den Gedanken kommen wegen der auch hier grassierenden Unübersichtlichkeit die FAZ gar nicht mehr zu benötigen.

Der Kritik Herr werden?

1.) ZDF-Intendant Dr. Thomas Bellut hat auf meine Eingabe vom Mai nun im Juni schriftlich geantwortet. Ich hatte kritisiert, dass in der Politbaromometerumfrage von drei wichtigen US-Kandidaten für die kommende Präsidentschaft Bernard „Bernie“ Sanders schlicht nicht berücksichtigt wurde. Ich monierte, dass der Sender damit meines Erachtens mal wieder eine klassische „Über-Vereinfachung“ praktiziert hatte – nach dem Motto: „Den Sanders kennt hierzulande ohnehin kaum jemand – und wir wollen unser Publikum ja nicht überfordern ….“

Ein Duell handelt wie ein Mensch ….

Bellut schreibt, er habe mit Bedauern zur Kenntnis genommen, dass ich mit „unserer Berichterstattung nicht zufrieden war“. Das trifft es leider nicht, denn das ZDF hat ja an der Stelle nicht „Bericht erstattet“, sondern mit seiner Fragestellung (durch Politbarometer-Redaktion und Forschungsgruppe Wahlen e.V.) Wirklichkeit ganz konkret selbst erschaffen – „die Deutschen sind sich hier weitgehend einig – 90 Prozent würden Hillary Clinton wählen“. Bellut argumentiert, „dass sich die US-Amerikaner am 8.11.2016 mit sehr großer Wahrscheinlichkeit“ zwischen Clinton und Trump „entscheiden werden müssen“. Das habe ich nie bezweifelt – das Problem aber liegt hier: Der Intendant meint, „somit rückt auch in Deutschland das Duell Trump/Clinton immer mehr in den medialen und öffentlichen Fokus“. Nein, dieses Duell selbst ist kein Akteur, der gleichsam naturgesetzlich diesen Weg ginge. Es sind nicht zuletzt wir Medienmacher, die mediale Realität schaffen – natürlich nicht willkürlich, aber ganz gewiss immer mit Spielräumen. Die ZDF-Mitarbeiter rückten an jener Stelle im Mai ihre einfachste Version des Wahlkampfzwischenstandes in den Fokus. Und blendeten den ziemlich überraschend ziemlich erfolgreichen Sanders leider komplett aus.

Lieber kritische Nutzer als gar keine!

Thomas Bellut bedankt sich aber immerhin höflich „für die kritische Begleitung unserer Sendungen“. Er schreibt abschließend, er freue sich, wenn ich dem Sender „auch weiterhin als interessierter und durchaus kritischer Zuschauer erhalten“ bleibe. Viel mehr darf man bei der aktuellen Verfasstheit der hiesigen öffentlich-rechtlichen Sender vermutlich nicht erwarten als offizielle Reaktion der Leitung auf sachliche Kritik. Ich hoffe und gehe davon aus, dass intern solche Anstöße durchaus differenzierter diskutiert werden. Wichtig wäre es sicher – nicht zuletzt im eigenen Interesse des ZDF.

Junge Leute wenden sich von TV-Nachrichten ab

Denn dass das deutsche Fernsehen im Bereich Nachrichten – laut aktueller Zusammenfassung des Hans-Bredow-Institutes an der Uni Hamburg mit Blick auf den Reuters Institute Digital News Survey 2016 (siehe http://www.xing-news.com/reader/news/articles/322441?link_position=digest&newsletter_id=14060&xng_share_origin=email; Aufruf am 23.6.2016 um 21.30 Uhr) – gerade bei jungen Leuten deutlich verliert, verwundert auch daher kaum. Übrigens ganz im Gegensatz zum bald 75-jährigen Politiker Sanders, der als alter weißer Mann ganz gegen vermeintliche Trends gerade bei jungen und klugen Leuten enorm punktet, nicht nur in den USA.
Die Nachrichtennutzung in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen Deutschen ist laut Bredow-Institut/Reuters im Vergleich zum Vorjahr mit deutlichem Abstand bei keinem Medium so stark zurückgegangen wie beim Fernsehen (-18 Prozentpunkte). Dagegen hielten sich Radio (-7 Prozentpunkte), Printmedien (-8 Prozentpunkte) und Internet (-4 Prozentpunkte) vergleichsweise stabil. Vielleicht sollte auch die ZDF-Leitung kritische Nutzer, die eben nicht nur passive „Zuschauer“ sind, doch mehr auf Augenhöhe ernstnehmen – und sich weniger von einem gewissen Sendungsbewusstsein leiten lassen. Welches (nicht nur mir zumindest) leider immer noch und immer wieder ziemlich elitär und arrogant erscheint.

Herr, gib uns Sprachfertigkeiten!

b) Sprachkritisch durch das Kaleidoskop betrachtet: Am 15.6.2016 um 9.25 Uhr sagte die RBB-Inforadio-Reporterin: „Die Mitarbeiter der Behörde hier konnten dem Ansturm nicht Herr werden.“

Auch das „Herr werden“ ist laut Bastian Sick (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-wir-gedenken-dem-genitiv-a-344543.html, Aufruf am 15.6.2016, 16.25 Uhr) eine verbale Konstruktion, in der der Genitiv (noch) herrscht, aber immer häufiger vom Dativ bedrängt wird. Als die Stadt Bern drastische Maßnahmen zur Bekämpfung einer Krähenplage beschloss, schrieb eine Hamburger Boulevardzeitung: „Um dem lauten Gekrächze und all dem Dreck Herr zu werden, setzt die Stadt nun rote Laserstrahlen gegen die schwarzen Vögel ein.“ Nicht erst seitdem zerbrechen sich Genitiv-Freunde den Kopf darüber, wie man des Problems hinter dem Herrwerden noch Herr werden kann.

Zwei Seiten der Medaille „Gewalt“

1.) Fußball als Fest? Journalismus oder aber Auftragskommunikation? Während der Übertragung des EM-Spieles England gegen Russland gab es keine Gewaltszenen aus Marseille zu sehen – das Weltsignal der UEFA schloss das aus (vgl. http://www.sueddeutsche.de/sport/fussball-em-die-uefa-sendet-nur-was-der-uefa-gefaellt-1.3030154; Aufruf am 15.6.2016, 17.32 Uhr). Der ZDF-Reporter Oliver Schmidt wurde daher zum Radio-Journalisten und schilderte die Ausschreitungen auf den Rängen. Und was lehrt uns das? Jeder Medienrealität ist skeptisch zu begegnen, da sie bestenfalls objektivierend ist. Darstellungen zwischen „Gewaltverherrlichung“ und „Gewaltverleugnung“ sollten möglich sein, wenn die Realität gewalthaltig erscheint. Was mich zum nächsten Punkt führt.

Streiks versus Fußball?

Die gegenwärtigen massenhaften, ja massiven Proteste und Streiks in Frankreich (die übrigens weitgehend und millionenfach relativ friedlich abzulaufen scheinen) gegen die seitens der sozialdemokratischen Präsidentschaft und Regierung angeschobenen Veränderungen des Arbeitsrechtes finden in großen deutschen Medien kaum statt. Wenn, dann leider zusammengeschnurrt auf (man ahnt es schon) „Gewalt“ (vgl. http://www.nachdenkseiten.de/?p=33756; Aufruf am 15.6.2016, 17.51 Uhr). Und diese Sichtweise von „Gewaltverherrlichung“ erscheint mir zumindest ähnlich problematisch wie die „Gewaltverleugnung“ seitens der UEFA. Denn dort bei den Streiks geht es um Wirtschaft und Politik, also um in hohem Maße öffentlich-Relevantes. Während Fußball als „wichtigste Nebensache der Welt“ doch privat-relevant sein sollte. Was nicht unwichtig ist.

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2.) Am 13.6.2016 sagte die RBB-Inforadiomoderatorin während eines Interviews mit einem Galleristen: „Neo Rauch ist sicher der best verkaufteste Künstler hierzulande“.
Hoffentlich war das der einzigste Fehler im Text. Der doppelte Superlativ als die optimalste Lösung. Eine besondere Fallgrube dabei ist Bastian Sick zufolge (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-brutalstmoeglichst-gesteigerter-superlativissimus-a-262334.html, Aufruf am 15.6.2016, 16.40 Uhr) das aus zwei Teilen, nämlich aus Adjektiv und Partizip, gebildete Attribut. Wie herrlich einfach werden da aus „weit reichenden“ Vollmachten erst weitreichendere Vollmachten und schließlich weitreichendste Vollmachten. Die korrekte Steigerung von „weit reichend“ lautet indes „weiter reichend“, „weitest reichend“. Unlängst sei, schreibt Sick, in der „Tagesschau“ zu hören gewesen, der Ärmelkanal wäre eine der „vielbefahrensten“ Seestraßen der Welt, statt „meist befahrenen“.
In Kenntnis dieser Fehlerquelle haben die Schöpfer der viel gescholtenen Rechtschreibreform Sick gemäß beschlossen, dass solche Attribute nicht mehr zusammengeschrieben werden. So wurde „weitreichend“ zu „weit reichend“, „schwerverständlich“ zu „schwer verständlich“ und „gutaussehend“ zu „gut aussehend“. Damit man nicht mehr so leicht in Versuchung gerät, den falschen Teil zu steigern. Die Regel lautet: „Ist der erste Bestandteil ein Adjektiv, das gesteigert oder erweitert werden kann, dann schreibt man getrennt.“
Dies wird manche aber nicht davon abhalten, weiterhin von höchstqualifiziertesten Bewerbern, meistbesuchtesten Messen und bestangezogensten Filmstars zu sprechen. So bejubelte ein Plattenkritiker in der „Süddeutschen Zeitung“ das neue Album eines Rap-Sängers als „eines der schnellstverkauftesten der Popgeschichte“. Oder eben bestverkauftest.

Snapchat wird der Aufsteiger?

1.) Snapchat ist eine Plattform, die immer höher gehandelt wird. Die Instant-Messaging-Plattform Snapchat habe von allen so genannten „Social Networks“ das größte Potential, zu den großen Facebooks und Twitters aufzuschließen, hatte Richard Gutjahr Anfang 2016 erklärt (Quelle: (http://www.gutjahr.biz/2016/01/2015-learnings/?xing_share=news, Aufruf am 6.1.2016, 19.12 Uhr). Mit der Einführung von Profi-Inhalten (Discovery) sei es Snapchat gelungen, sein einstiges Image als Teenager- und Sexting-App abzulegen. Auch bei Ereignissen wie den Anschlägen von Paris 2015 ließ sich das Potential (kuratierter) Augenzeugen-Videos zumindest erahnen.
Mit seiner Mischung aus Messaging- und Video-Plattform kombiniere Snapchat zwei große Stärken von Smartphones. Hinzu komme die geschickte Integration der Lokalisierungsfunktion, von Filtern, In-App-Verkäufen und nicht zuletzt Werbung. Keine Plattform zuvor habe so früh so viele und so unterschiedliche Monetarisierungswege erschlossen. Die US-Präsidentschaftswahl 2016 sollte, schrieb Gutjahr, der App zum weltweiten Durchbruch als News-Plattform verhelfen können.

Marketingmaschen?

Dieser Tage argumentiert Thomas Knüwer ganz ähnlich (http://www.xing-news.com/reader/news/articles/306296?link_position=digest&newsletter_id=13710&xng_share_origin=email, Aufruf am 8.6.2016, 21.19 Uhr). Er plädiert für fünf Thesen: 1.) Snapchat sei kein Teenager-Dienst (mehr), weil laut Snapchat-Angaben 2016 in den USA nur 23 Prozent der Nutzer unter 18 Jahren seien, aber 63 Prozent der User zwischen 18 und 34 Jahren. 2.) Wenn die Alten kämen, würden die Jungen dennoch nicht gehen, denn Snapchat habe eine Architektur, die dem entgegenwirke. Bei keinem anderen Social Web-Dienst ließen sich Aktivitäten einzelner Nutzer voneinander derart stark abgrenzen. 3.) Snapchat sei gar nicht so schwer zu erlernen, man solle es einfach probieren. 4.) Jüngere Nutzer wollten keine Werbung, das sei insofern richtig, als dass gerade diese Leute „dumme“ Werbung in Form und Inhalt nerve, sie aber für andere Werbearten durchaus offen seien.

Journalisten am Überschnappen?

5.) Snapchat habe auch journalistisches Potential: Knüwer zählt dafür Beispiele aus seiner Sicht auf: “Bild” betreibe dort ordentlichen Nachrichtenjournalismus für sehr Junge, die “New York Times” und CNBC lieferten Blicke hinter die Kulissen, die “Vogue” besuche Modeevents. All das sei für ihn ernsthafter Journalismus, wenn der nicht nur „staatstragend“ sein solle (Ich denke, überwiegend öffentlich-relevant soll Journalismus schon sein – was gerade nicht „staatstragend“ heißt. Schade, dass Knüwer anscheinend „staatstragend“ und „öffentlich-relevant“ gleichsetzt. Der Fall „Sanders“ in den USA zeigt gerade auch, dass dies keineswegs dasselbe ist).

Knüwer jedenfalls resümiert: „Wenn man einfach mal offener an die Sache herangeht, kommt man vielleicht auch zu anderen Ergebnissen. So wie Bill Adair, 50-jähriger Professor für Journalismuspraxis an der Top-Uni Duke. Er schreibt: “My week with Snapchat Discover showed that as the company’s executives expand and overhaul the news platform, they can broaden their audience by offering a wide range of content, including more substantial news. They should resist the urge to dumb-down their content. If they do, the results may be surprising!”

Prognosen bleiben schwierig ….

2.) Sprachkritisch ebenso wie para-psychologisch interessant: „Bundespräsident Joachim Gauck wird im nächsten Jahr aus dem Amt scheiden.“ Das meldete nicht nur die Wirtschaftswoche (http://www.wiwo.de/politik/deutschland/bundespraesident-joachim-gauck-so-reagieren-deutsche-politiker-auf-gaucks-entscheidung/13694030.html, Aufruf 8.6.2016, 21.09 Uhr). Gut, dass es Medienprofis gibt, die nicht nur nicht schwarzsehen (oder auch schwarz sehen), sondern die geradezu hellsehen können. Oder doch nicht so helle sind? Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Sagen wir besser: „Bundespräsident Gauck: Werde nächstes Jahr aus dem Amt scheiden“ (wenn er es denn so gesagt hat). Oder etwas weniger fest im Ton: „Gauck: Möchte nächstes Jahr aus dem Amt scheiden“. Ob das dann eintritt – das dürfte, wie es so schön heißt, „die Zukunft zeigen“.

Wechselstuben und Testballons

1.) Und wieder ist jemand gewechselt „auf die andere Seite“ (der Medaille), in diesem Falle von der Journalistin zur stellvertretenden Regierungssprecherin, wie Vizekanzler und SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel verkündete (http://www.xing-news.com/reader/news/articles/292677?link_position=digest&newsletter_id=13388&xng_share_origin=email, Aufruf am 31.5.2016, 18.48 Uhr). Ulrike Demmer war nach Jura-Studium unter anderem für ZDF, Spiegel und Focus tätig. Zuletzt leitete sie das Hauptstadtbüro des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) der Mediengruppe Madsack. Gabriel erklärte: „Mit Ulrike Demmer wird eine erfahrene, vielfach preisgekrönte und hervorragend vernetzte Journalistin neue stellvertretende Regierungssprecherin.“ Das meint der Politiker sicher nicht ironisch. Und er hat gewiss, wie Angela Merkel mit Steffen Seibert, aus Sicht der herrschenden Politik alles richtig gemacht mit dieser Wahl.

Magnet Auftragskommunikation

Nein, es ist kein Neid auf solchen Karriereschritt, wenn man auf strukturelle Probleme der Verhältnisse zwischen Journalismus und Auftragskommunikation hierzulande hinweist: Formulieren wir es dezent am (leider eher seltenen) positiven Beispiel: Marietta Slomka wird in diesem Leben sicher nicht mehr Sprecherin von Sigmar Gabriel – einfach, weil sie in Interviews mit ihm schon einige Male ziemlich gut ihren Job gemacht hat – als Journalistin. Also distanziert und auch kritisch, manchmal sogar investigativ-nachbohrend. Damit ist mensch freilich nicht zum Pressesprecher geboren …

Zeitung für Deutschland und Alternative für Deutschland

2.) Alexander Gauland ist seit Jahrzehnten bundesdeutscher Polit- und Medienprofi, und er kommt (oder kam doch) in vieler Hinsicht ziemlich direkt aus der Mitte dieser Gesellschaft (CDU Hessen, Leiter der Staatskanzlei in Wiesbaden, Zeitungsherausgeberschaft etc.). Deswegen ist auch sein jüngster „Fall“ mit ihm zugeschriebenen abwertenden Äußerungen über den Fußballer und Bundesbürger Jérome Boateng lehrreich. Die FAS schreibt: „Gauland sagte dieser Zeitung: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.““ (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/afd-vize-gauland-beleidigt-jerome-boateng-14257743.html, Aufruf am 1.6.2016, 21.06 Uhr; vgl. http://www.tagesschau.de/inland/gauland-presse-regeln-101.html; Aufruf am 1.6.2016, 21.43 Uhr). Er habe in der vorigen Woche ein „als vertraulich klassifiziertes Hintergrundgespräch“ mit den beiden FAS-Redakteuren geführt, schrieb Gauland laut „tagesschau“ in einer Rundmail an seine Parteifreunde. Der AfD-Vize rede dann vom „Bruch aller Regeln“ seitens der Zeitung, durch den der Partei ein Schaden entstanden sei. Er habe rechtliche Schritte gegen die „FAS“ angekündigt, um eine Unterlassungserklärung der Zeitung zu erwirken.

Vertraulichkeit und Tatsächlichkeit

Zwei Aspekte aus dem Pressekodex sind interessant: Laut Ziffer 5 ist „die vereinbarte Vertraulichkeit grundsätzlich zu wahren“. Und gemäß Richtlinie 2.4.(Sorgfalt – Interview) gilt: „Ein Wortlautinterview ist auf jeden Fall journalistisch korrekt, wenn es das Gesagte richtig wiedergibt.“ Beides wird absehbar eine Glaubensfrage bleiben – war komplett ein Hintergrundgespräch „unter 3“ vereinbart? Also entsprechend dem Brauch vor allem vieler Berliner „Hauptstadtjournalisten“ (Bundespressekonferenz) nur zur vertraulichen Information? Und was ist tatsächlich gesagt worden? Dass einer von beiden Seiten oder gar beiden Parteien einfach handwerkliche Fehler unterlaufen sind, halte ich für wenig wahrscheinlich. Beide Seiten dürften auch hier vor allem strategisch agiert haben – wozu Testballons und Provokationen in Zeiten umkämpfterer Ressourcen und daher dünnerer Luft gewiss zählen.

„Boateng-Äußerung“?

3.) Zum sprachkritischen „Kaleidoskop“: n-tv schlagzeilte am 31.5.2016 um 13.16 Uhr: „Weiter Wirbel um Boateng-Äußerung“. Das ist ähnlich schief formuliert wie ihrerzeit die scheinbaren „Döner-Morde“. Damals haben keine Döner gemordet, und heute ist keine Äußerung gemeint, die Jérome Boateng getätigt hätte. Warum schreibt man nicht „Gauland-Äußerung“? Das erscheint mir deutlich präziser als die gesendete Version.

Auf den Keks oder auf den Leim gegangen?

1.) „Die Glaubwürdigkeit der Presse als Informationsquelle gebietet besondere Sorgfalt beim Umgang mit PR-Material“, so heißt es in Ziffer 7.2. des Pressekodex, also der moralisch-ethischen Orientierung im Sinne der freiwilligen Selbstkontrolle hiesiger Print- und Onlinemedien (vgl. http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/#panel-ziffer_7____trennung_von_werbung_und_redaktion.; Aufruf am 24.5.2016, 13.23 Uhr). In den „Potsdamer Neuesten Nachrichten am Sonntag“ (22.5.2016), einem Tagessspiegel-Ableger aus dem Verlagshaus Holtzbrinck, finden sich zwei Beiträge (zum selben Thema und vom selben Autor), die jene Orientierung kaum zu beachten scheinen: Hier der Aufmacher auf Seite 1:

PNN_PR_20160522

Die Überschrift „Millionenrisiko für Mitte“ erscheint als Tatsache, ohne Quellenangabe und so unbestreitbar wie eine Aussage á la „Deutschland liegt in Europa“. Die Quelle wird erst in der Mitte des Kurzberichtes erwähnt – es sei die Stadtverwaltung Potsdam, als Antwort auf eine Anfrage der herrschenden Mehrheit im Stadtparlament. Diese beiden Akteure zählen zu einer „Partei“ im tiefgehenden Streit in Potsdam, ob das Stadtbild entweder möglichst historisierend ähnlich der Preußenzeit entwickelt werden soll, oder aber anders (der Transparenz wegen: Ich teile die zweite Position). Dieser Konflikt dürfte die Stadt und die Öffentlichkeiten ziemlich genau in zwei Lager teilen. Leider kommt die andere „Partei“ weder hier im – dadurch schon sehr einseitigen – Aufmacher vor, noch im zweiten Artikel, diesmal auf Seite 3 des Blattes:

PNN_PR_20160522_1

Noch klarer als der erste Artikel erscheint dieser Bericht als kaum gefilterter PR-Text der Befürworter einer Entwicklung „dem alten Stadtgrundriss nachempfunden“. Während das laufende Bürgerbegehren diffamiert wird als ein „Millionenrisiko für Mitte“ bedeutend, gibt es für die Macht-Partei und deren Bau-Manager Streicheleinheiten in Form der super-netten Überschrift „Kekse für die Mitte“. Auch Service-Tipps in deren Sinne werden geliefert – aber hier ebenso wie im ersten Beitrag kein Wort von anderen Sichtweisen. Beide Texte dürften fast 1:1 auf PR-Maßnahmen oder sogar direkte PR-Texte der in Potsdam mittlerweile machtvollen Preußen-Anhänger in Parlamentsmehrheit und angeschlossener Verwaltung zurückgehen. Aber möglichst unabhängige „Berichterstattung“, also Journalismus, sollte weniger einseitig sein, oder doch zumindest mit frühzeitiger sowie klarer Quellenangabe. Die Überschrift wäre noch immer tendenziös, aber schon professioneller, wenn sie dank Quellenangabe lautete: „Verwaltung: Millionrisiko für Mitte“.

„Besondere Sorgfalt beim Umgang mit PR-Material“ sieht anders aus. Es sei denn, es ginge um „Hofberichterstattung“.

Die unwahrscheinlichste Verschwörungstheorie

2.) Auch mein sprachkritisches Kaleidoskop bewegt sich heute im Problemfeld der Unterscheidungen zwischen Journalismus und Auftragskommunikation, hier vor allem PR: In der MAZ Potsdam (aus dem Verlag Madsack), der anderen Tageszeitung in der Landeshauptstadt, hieß es am 8.4. auf Seite 3 zum Thema „NSU“: „Der letzte von insgesamt 15 Überfällen endete am 4.November 2011 in Eisenach mit dem Tod von Mundlos und Böhnhardt. Nach ihrer Enttarnung erschossen sie sich in einem Wohnmobil“. Man braucht nicht das spannende Buch „Die schützende Hand“ von Wolfgang Schorlau gelesen zu haben, um einfach professionell journalistisch zu texten: Dass sich die beiden „Uwes“ innerhalb ganz weniger Sekunden weg vom Schießen auf einen Polizisten hin zu Selbstötung und Brandstiftung im Wohnmobil nicht nur entschlossen, sondern das auch flugs noch durchgezogen haben sollen, gilt klugen Zeitgenossen als die ( je nach Lesart) lustigste oder doch unwahrscheinlichste Verschwörungstheorie. Da Journalisten aber in der Regel nicht die PR-Schreiber von Polizei oder Geheimdiensten sein sollten, könnte man an solchen Stellen formulieren: „Nach ihrer Enttarnung sollen sie sich erschossen haben.“ Oder auch: „Nach ihrer Enttarnung haben sie sich laut offiziellen Angaben erschossen.“ Das hieße jeweils NICHT, dass der Journalist selbst an andere Versionen glaubt. Es würde einfach, wie es unter anderem Michael Haller zurecht fordert, eine Version als solche kennzeichnen.

Umfragen oder Ansagen? Jedenfalls im Sanders verlaufen …

1.) Offener Brief und Programmbeschwerde an die ZDF-Verantwortlichen

Sehr geehrter Herr ZDF-Fernsehratsvorsitzender Polenz, sehr geehrter Herr Intendant Dr. Bellut,

hiermit möchte ich eine Programmbeschwerde einreichen mit Blick auf Ihre Sendung „Politbarometer“ ausgangs des heute-journals am 13.5.2016, 22.28 Uhr im ZDF. Ich beziehe mich auf § 5, Absatz (1) des aktuellen ZDF-Staatsvertrages, den ich hier als wichtigen Programmgrundsatz verletzt sehe:
„In den Angeboten des ZDF soll ein objektiver
Überblick über das Weltgeschehen, insbesondere ein
umfassendes Bild der deutschen Wirklichkeit vermittelt
werden. Die Angebote sollen eine freie individuelle
und öffentliche Meinungsbildung fördern.“

Sanders ist wählbar

Vorab möchte ich der Transparenz wegen erklären, dass ich Programm und Persönlichkeit von Bernard „Bernie“ Sanders in vieler Hinsicht sehr überzeugend finde und ihn, wenn ich das könnte, sicherlich auch wählen würde.
Zur Sache: Moderator Matthias Fornoff erklärte ausgangs dieser Sendung, bei aller Uneinigkeit seien sich die Deutschen in einer Frage doch fast einig: Wenn sie gefragt werden, wen sie gerne als nächsten US-Präsidenten sähen, dann antworteten 90 Prozent von ihnen „Hillary Clinton“, „magere“ drei Prozent „Donald Trump“. Zu sehen war dann, dass als dritte Antwortmöglichkeit vorgegeben war: „weiß nicht“, was sieben Prozent angekreuzt hätten. „Das ist mal deutlich“, sagte Forndran.
Für mich ist das vor allem ein deutliches Beispiel, wie Medien Wirklichkeit übervereinfachend (re-)konstruieren. Wieso wird die einfache und letzte weitere Möglichkeit, die es derzeit tatsächlich (noch) gibt, nämlich „Bernie“ Sanders, nicht einmal erwähnt? In der aktuellsten vorliegenden US-weiten Umfrage (13.5.2016), in diesem Fall der „Huffingtonpost“ (http://elections.huffingtonpost.com/pollster#2016-general-election; Aufruf am 14.5.2016, 0.30 Uhr), liegt Hillary Clinton gegenüber Donald Trump nur „magere“ sechs Prozentpunkte vorne (44:38), während „Bernie“ Sanders gegen denselben Trump sogar mit 13 Prozentpunkten führt (51:38). Dieser Sanders scheint also kein irrelevantes Randphänomen zu sein, zumindest in der „wirklichen“ Realität. Er hat mit seinem Team bisher als Unabhängiger in 20 Bundesstaaten und bei den „Democrats abroad“ die Vorwahlen der demokratischen Partei gewonnen. Und er sagt, er wolle weitermachen.

Vom Mitdenken und Antworten ausgeschlossen

Wenn ich gefragt worden wäre (ich bin auch schon einmal interviewt worden von der Forschungsgruppe „Wahlen“), dann hätte ich im Rahmen Ihres merkwürdigen Rasters schlicht nicht antworten können, obwohl (oder eben: weil) ich recht genau Bescheid weiß über den laufenden US-Vorwahlkampf und dessen mediale Vermittlungen.
Ich nehme diese scheinbare Kleinigkeit deswegen zum Anlass meiner Programmbeschwerde, weil ich hier wieder und weiterhin wie im Brennglas Aspekte eines durchaus elitären Sendens erkenne, die zu Beschimpfungen wie „Lügenpresse“ zumindest beitragen (mögen). Einerseits zeigt sich hier überdeutlich, dass Umfragen in der Regel genau jene Resultate ergeben, welche die Fragesteller „erwarten“. Auch das strikt empirische Sozialforschen ist nie neutral und beeinflusst, ja bestimmt die Wirklichkeit, die es nur abzubilden behauptet. Aber dennoch wäre Objektivierung (wenn schon nicht Objektivität) bei solchen Fragen doch möglich: Wenn hier im konkreten Beispiel auch der überraschend erfolgreiche, aber nicht-etablierte Kandidat Sanders zum möglichst objektiven Überblick per Perspektivenwechsel hinzukäme, neben den Etablierten (Clinton als etablierte Politikerin, Trump als etablierter Milliardär) und also in Ergänzung zu den in vielen wichtigen, großen Medien durchaus Über-Repräsentierten.

Eliten und Etablierte

Grundsätzlich gesagt, im Aufgreifen von Argumenten des Publizistik-Wissenschaftlers Otfried Jarren (Zürich) (in seinem Aufsatz „Journalismus – unverzichtbar?!“ aus der Fachschzeitschrift „Publizistik“ vom 11.3.2015, S.113-122): Der moderne Journalismus war und ist aus nachvollziehbaren historischen und systematischen Gründen ein ziemlich elitäres Projekt, bezogen auf mächtige wirtschaftliche, politische und kulturelle Tendenzen in den jeweiligen Gesellschaften. Das sollten gerade (wir als) Medienschaffende selbstkritisch erkennen und damit Demokratisierung als ständige Aufgabe begreifen. Anders formuliert: Journalisten sollten ihre Artikulationsfunktion (als oft und offenbar unterschätzter Teil der öffentlichen Aufgabe journalistischer Medien entsprechend den Landespresse- und sonstigen Mediengesetzen) hinsichtlich möglichst vieler sozialer Strömungen besser erfüllen als bisher gewohnt. Das heißt nicht, „Lügenpresse“-Rufern nach dem Munde zu reden – aber das sollte zum Beispiel heißen, wichtige gesellschaftliche Entwicklungen wie das „Feel the Bern“ nicht einfach (ob nun bewusst oder unbewusst) „auszublenden“ (weil den ja hierzulande eh´ keiner kennen würde etc.).
Wir als Journalisten sollten möglichst umfassende und hinreichend differenzierte Angebote machen, die – siehe oben – „eine freie individuelle und öffentliche Meinungsbildung fördern“. In dem Sinne sind Umfragen wie die hier von mir kritisierte sicher kein Schritt in Richtung von Kommunikation auf Augenhöhe mit den Nutzern. Genau darin aber sieht übrigens Jarren (und nicht nur er) eine der Zukünfte von Journalismus.

Zu wenig Platz zum Mitreden?

PS: Ich musste Ihnen diese Kritik auch als persönliche Mail senden, weil Ihr ZDF-Beschwerdeformular nur maximal 5000 Zeichen zulässt. Vielleicht auch bezeichnend? Eine Schmähkritik mag weniger als 5000 Zeichen umfassen, eine hoffentlich konstruktive Analyse in dem Falle aber mehr. Wie gesagt – womöglich offener sein und auf die Prinzipien Öffentlichkeit und Gleichbehandlung setzen ….

Entspräche das den Erfordernissen?

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Noch ein Beitrag zum Thema „Süperkritisch“: In der MAZ vom 4.4.2016, Seit 11, hieß es im Bericht von Nina May: „Es (das Gedicht von Böhmermann, SeK) entspräche „nicht den Ansprüchen, die das ZDF an die Qualität von Satiresendungen stellt“, heißt es“.
Schade gerade auf der Medienseite und bei Medienkritik – es muss natürlich in dieser informationsbetonten Form heißen: „entspreche“, also Konjunktiv I der indirekten Rede. „Entspräche“ wäre Konjunktiv II, was als Bewertung im Kommentar etc. viel eher passte (Konjunktiv II – oder eben: passen würde) – aber leider nicht hier, im sachlich sein sollenden Bericht.

Glaubensfragen?

1.) Die Bundeskanzlerin hat bei ihrem Auftritt vor dem Kongress Deutscher Lokalzeitungen in dieser Woche in Berlin trotz des Schwerpunktes „Medienfreiheit“ kaum ernsthafte Selbstkritik hinsichtlich des Falles „Schmähkritik“ erkennen lassen. Aber sie hat mal wieder die oft zitierte „Glaubwürdigkeit“ der Medien als sehr wichtigen Aspekt beschworen, um den es „letztlich“ gehe, für die Medien und für die Gesellschaft (http://de.reuters.com/article/deutschland-medien-merkel-idDEKCN0Y1188, Aufruf am 11.5.2016, 12.26 Uhr). Das ist bemerkenswert: Vertrauen, Transparenz oder auch Zuverlässigkeit, Vielfalt der Medien und Eigentumsformen, der Themen und Quellen, der Handschriften und Darstellungsformen – all das erscheint mir „letztlich“ wichtiger als solche „Glaubensfragen“. Warum sollten wir den Medien „glauben“? Wir sollten doch vielmehr an allem zweifeln, ohne dabei zu verzweifeln. Wie schon Jenny und Karl Marx in einem unterhaltsamen Fragenbogen für ihre Töchter im 19. Jahrhundert notiert haben sollen. Ist übrigens ziemlich glaubwürdig überliefert (http://www.wikiwand.com/de/Jenny_Marx, Aufruf am 11.5.2016; 12.34 Uhr).

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: In ihrer TV-Reportage im ARD-Morgenmagazin am 4.4.2016 sagte Julia Kurz aus England: „Das kleine Leicester City hat den großen Klubs hier das Fürchten gelehrt“. Nein, das hat es nicht. Anscheinend aber hat der eher kleine Verein den Reichen das Fürchten beigebracht. Wenn schon gelehrter Sprachgebrauch, dann will der gelernt sein. Auch Bastian Sick meint: Jemanden etwas lehren (nicht lernen) wird im Allgemeinen mit dem doppelten Akkusativ gebraucht: einen Menschen (wen = Akkusativ der Person) das Fürchten (was = Akkusativ der Sache) lehren (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-hier-werden-sie-geholfen-a-338517.html, Aufruf am 6.4.2016, 12.23 Uhr). Sonst kann Sie nicht geholfen werden!

Öffentlichkeit versus Politik? Sozial ganz schwach …

1.) Journalisten bleiben wichtig für die Demokratisierung von Gesellschaften. Aktuelles Beispiel: Die Veröffentlichung bisher geheimer TTIP-Papiere sorgt für großes Aufsehen. Die US-Regierung erklärte zwar, dass das Leak sie nicht beunruhige. In der EU-Kommission aber scheinen sich Zweifel zu mehren, dass das Freihandelsabkommen noch geschlossen werden kann ((http://www.heise.de/newsticker/meldung/USA-reagieren-demonstrativ-gelassen-auf-den-TTIP-Leak-3195982.html; Aufruf am 3.5.2016, 15.58 Uhr).

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte in Zusammenarbeit mit investigativen Journalisten bislang unter Verschluss gehaltene TTIP-Dokumente ins Internet gestellt. Sie wirft vor allem der US-Seite vor, im Interesse von Konzernen EU-Umwelt- und Verbraucherschutzstandards aushöhlen zu wollen. Seit Juli 2013 verhandeln Spitzenvertreter von EU und USA ziemlich geheim über den Abbau von Handelsbestimmungen (nein, gerade nicht „-hemmnissen“, denn das wäre ja klar negativ wertend), im Rahmen einer „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ (TTIP). Starke Kritik von vielen Seiten gibt wegen mangelnder demokratischer Kontrolle sowie wegen Befürchtungen, Umwelt- und Gesundheitsstandards könnten abgesenkt oder untergraben werden.

Mehr, als man ahnen konnte …

Journalisten von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR, die ja seit 2014 einen gemeinsamen Rechercheverbund unter Leitung von Georg Mascolo betreiben, erhielten die Papiere von Greenpeace vor anderen Medien und werteten sie offenbar gemeinsam mit Greenpeace-Vertretern aus. Aus den Papieren gehe hervor, dass die US-Regierng Exporterleichterungen für die europäische Autoindustrie blockiere. Im Gegenzug aber solle die EU mehr US-Agrarprodukte abnehmen. Außerdem verweigere sich Washington dem Wunsch aus der EU, umstrittene private Schiedsgerichte für Konzernklagen durch öffentliche Gerichte zu ersetzen.

EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström erklärte, das Schutzniveau für Verbraucher, Lebensmittel oder die Umwelt in Europa werde nicht sinken. Ihre rechte Hand, TTIP-Unterhändler Ignacio Garcia Bercero, sagte, er fürchte negative Folgen der Veröffentlichung für die Verhandlungen. Soviel zur Wirksamkeit des Prinzpis „Öffentlichkeit“ heutzutage. Sollte es politisch nicht um die öffentliche Diskussion und Entscheidung von öffentlich-relevanten Fragen gehen?

Sprachlich schwach

2.) Sprachkritisch geht es heute um die sogenannten „sozial Schwachen“. Zum Beispiel die MAZ hatte am 28.4.2016 auf Seite 4 diese Formulierung im Blatt, mit Blick auf die Debatten um eine weitere Anhebung des Regel-Renteneintrittsalters auf 70 Jahre: vor allem viele „sozial Schwächere“ würden dieses Alter kaum erreichen. Sachlich sicher richtig, aber warum nennt man diese Mitbürger „sozial schwach“? Gemeint ist, dass sie durch Mangel an Kapital in mehr als nur einer Hinsicht (Geld, Macht, Netzwerke, Ansehen, Bildungsabschlüsse etc.) in der herrschenden gesellschaftlichen Hierarchie kaum als privilegiert gelten können. Aber warum sollten sie nicht zugleich sozial sehr kompetente Menschen sein? Vorschläge zum Anderschreiben oder Bessermachen (da am Gelde vieles hängt): „finanziell Schwache“ oder „finanziell schlechter Gestellte“.