Öffentlichkeit versus Politik? Sozial ganz schwach …

1.) Journalisten bleiben wichtig für die Demokratisierung von Gesellschaften. Aktuelles Beispiel: Die Veröffentlichung bisher geheimer TTIP-Papiere sorgt für großes Aufsehen. Die US-Regierung erklärte zwar, dass das Leak sie nicht beunruhige. In der EU-Kommission aber scheinen sich Zweifel zu mehren, dass das Freihandelsabkommen noch geschlossen werden kann ((http://www.heise.de/newsticker/meldung/USA-reagieren-demonstrativ-gelassen-auf-den-TTIP-Leak-3195982.html; Aufruf am 3.5.2016, 15.58 Uhr).

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hatte in Zusammenarbeit mit investigativen Journalisten bislang unter Verschluss gehaltene TTIP-Dokumente ins Internet gestellt. Sie wirft vor allem der US-Seite vor, im Interesse von Konzernen EU-Umwelt- und Verbraucherschutzstandards aushöhlen zu wollen. Seit Juli 2013 verhandeln Spitzenvertreter von EU und USA ziemlich geheim über den Abbau von Handelsbestimmungen (nein, gerade nicht „-hemmnissen“, denn das wäre ja klar negativ wertend), im Rahmen einer „Transatlantic Trade and Investment Partnership“ (TTIP). Starke Kritik von vielen Seiten gibt wegen mangelnder demokratischer Kontrolle sowie wegen Befürchtungen, Umwelt- und Gesundheitsstandards könnten abgesenkt oder untergraben werden.

Mehr, als man ahnen konnte …

Journalisten von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR, die ja seit 2014 einen gemeinsamen Rechercheverbund unter Leitung von Georg Mascolo betreiben, erhielten die Papiere von Greenpeace vor anderen Medien und werteten sie offenbar gemeinsam mit Greenpeace-Vertretern aus. Aus den Papieren gehe hervor, dass die US-Regierng Exporterleichterungen für die europäische Autoindustrie blockiere. Im Gegenzug aber solle die EU mehr US-Agrarprodukte abnehmen. Außerdem verweigere sich Washington dem Wunsch aus der EU, umstrittene private Schiedsgerichte für Konzernklagen durch öffentliche Gerichte zu ersetzen.

EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström erklärte, das Schutzniveau für Verbraucher, Lebensmittel oder die Umwelt in Europa werde nicht sinken. Ihre rechte Hand, TTIP-Unterhändler Ignacio Garcia Bercero, sagte, er fürchte negative Folgen der Veröffentlichung für die Verhandlungen. Soviel zur Wirksamkeit des Prinzpis „Öffentlichkeit“ heutzutage. Sollte es politisch nicht um die öffentliche Diskussion und Entscheidung von öffentlich-relevanten Fragen gehen?

Sprachlich schwach

2.) Sprachkritisch geht es heute um die sogenannten „sozial Schwachen“. Zum Beispiel die MAZ hatte am 28.4.2016 auf Seite 4 diese Formulierung im Blatt, mit Blick auf die Debatten um eine weitere Anhebung des Regel-Renteneintrittsalters auf 70 Jahre: vor allem viele „sozial Schwächere“ würden dieses Alter kaum erreichen. Sachlich sicher richtig, aber warum nennt man diese Mitbürger „sozial schwach“? Gemeint ist, dass sie durch Mangel an Kapital in mehr als nur einer Hinsicht (Geld, Macht, Netzwerke, Ansehen, Bildungsabschlüsse etc.) in der herrschenden gesellschaftlichen Hierarchie kaum als privilegiert gelten können. Aber warum sollten sie nicht zugleich sozial sehr kompetente Menschen sein? Vorschläge zum Anderschreiben oder Bessermachen (da am Gelde vieles hängt): „finanziell Schwache“ oder „finanziell schlechter Gestellte“.

„Mangelnde Instinktlosigkeit“

1.) Und wöchentlich grüßt der Fall Böhmermann: Am Dienstag hieß es bei Reuters (12:45:34 Uhr), die Staatsanwaltschaft Mainz wolle den Satiriker Jan Böhmermann im laufenden Ermittlungsverfahren wegen angeblicher Beleidigung des türkischen Staatspräsidenten anhören. Danach könne entschieden werden, ob ein hinreichender Tatverdacht bestehe, teilte die Anklagebehörde mit. Am Vormittag waren den Angaben der Behörde zufolge die Ermächtigung der Bundesregierung nach dem umstrittenen Paragrafen 103 StGB sowie das entsprechende Ersuchen der türkischen Regierung eingetroffen.
Böhmermann hatte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in einem selbst so erklärten Schmähgedicht in Vulgärsprache beleidigt, um nach eigenen Angaben die Grenzen dessen aufzuzeigen, was in Deutschland als Satire erlaubt sei und was nicht. Dagegen hatte die türkische Regierung beim Auswärtigen Amt nach Paragraf 103 Beschwerde eingelegt. Der Paragraf stellt die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter unter Strafe, insofern die Bundesregierung die Staatsanwaltschaft dazu ermächtigt, Ermittlungen einzuleiten. Bundeskanzlerin Angela Merkel gab dem statt mit Verweis auf die Gewaltenteilung einerseits und auf gute Beziehungen zur türkischen Führung andererseits.

Comeback im ZDF

Und was macht der Medienmensch Böhmermann derweil? (http://www.welt.de/politik/deutschland/article154724643/Boehmermann-und-Schulz-machen-bei-Spotify-weiter.html, Aufruf am 27.4.2016, 12.40 Uhr): Nach wochenlanger Pause wegen des Wirbels um sein Schmähgedicht wird er zurückkehren ins TV. Der „Neo Magazin Royale“-Moderator hatte Mitte April bekannt gegeben, dass er eine TV-Pause einlege. Nun kündigte das „Neo Magazin Royale“ auf seiner Facebook-Seite eine Ticketverlosung für die kommende Sendeaufzeichnung am 11. Mai an. Jan Böhmermann teilte die Ankündigung auf seiner eigenen Facebook-Seite. „Damit dauert die Sendepause genauso lange wie angekündigt“, sagte ein ZDF-Sprecher gegenüber der „Welt“. Ausgestrahlt werde die Sendung „Neo Magazin Royale“ dann am 12. Mai.
Die Deutschen zeigen sich größtenteils unzufrieden mit dem Umgang der Kanzlerin mit Böhmermann und dessen Schmähgedicht. 62 Prozent stellen Merkel laut „Welt“ ein schlechtes Zeugnis aus, nur 26 Prozent meinen, sie habe in diesem Zusammenhang ihre Sache gut gemacht.

Frühstücksdirektor für Wirtschaftstreffen

Bereits am 28. April sollte Böhmermann eigentlich wieder als Auftragskommunikator arbeiten. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft hatte ihn vor Monaten für seine Preisverleihung „Deutscher Digital Award“ in Berlin gebucht. Vorerst war unklar, ob Böhmermann die Preisverleihung tatsächlich moderieren würde. Klar dagegen war, dass mit der Sonntagsshow „sanft & sorgfältig“ auf RBB-Radio-Eins Schluss ist, wie Böhmermann und Olli Schulz am Montag auf ihren Facebook-Seiten mitgeteilt hatten. Das Erfolgsformat hat jedoch noch längst nicht ausgedient: Beim Streamingdienst Spotify soll es ab Mitte Mai exklusiv weitergehen, meldete das Branchen-Magazin „HORIZONT“.

Ab zu Spotify

Ein Unternehmenssprecher von Spotify bestätigte gegenüber der „Welt“ die Meldung: „Wir können bestätigen, dass wir mit Jan Böhmermann und Olli Schulz über ein neues Podcast-Format sprechen. Weitere Informationen zum Inhalt und Konzept des Podcast können wir derzeit noch nicht kommunizieren.“

Ironie der Geschichte

Für den RBB war die Kündigung angeblich überraschend gekommen, da Böhmermann durch eine Kooperation innerhalb der ARD von NDR, HR, BR und Radio Bremen eine enorme Reichweite erreicht hatte. Auch auf den Podcast der Sendung griff eine beachtliche Hörerschaft zurück. Sogar eine Zusammenarbeit von ARD und Spotify sei überdacht worden, doch der Streamingdienstleister setzte zuletzt auf die Exklusivrechte der Show.
Radioeins-Chef Robert Skuppin bedauerte das Aus. „“Sanft & Sorgfältig“ haben wir mit den beiden Künstlern zu einem einzigartigen Radioformat entwickelt und ein immer weiter wachsendes Publikum erreicht“, sagte er in Potsdam.
Ich finde es schade, dass Böhmermann die ARD verlässt, aber beim ZDF bleibt. Das nennt man wohl Ironie der Geschichte: Immerhin war es nicht die ARD, die eines seiner Formate zensiert hatte, in einer Weise, die manche Kritiker als vorauseilenden Gehorsam gegenüber Politikern moniert hatten.

Bizarr kommentiert

2.) Sprachkritisch durchs Kaleidoskop geschaut, sehe ich im Kommentar von Torsten Gellner in der MAZ Potsdam am 20.4.2016 auf Seite zwei unter der Überschrift „Instinktlos“ (es geht um den Fall des wegen umstrittener Privatnutzung eines Dienstfahrzeuges in die Kritik geratenen und dann zwei Tage später zurückgetretenen brandenburgischen Justizministers Helmuth Markov von der Linken): “ (…) Das Bizarre an der Affäre ist die mangelnde Instinktlosigkeit des Ministers, die er damals wie heute an den Tag legt (…)“. Ähm, ja, ich glaube, ich kann ahnen, was uns der Kommentator an dieser Stelle „eigentlich“ sagen möchte. Aber aufgrund „mangelnder Schreibunfertigkeit“ textet der Kollege ziemlich instinktlos genau das Gegenteil dessen, was er wohl meint. Jaja, die Negation der Negation. Oder wie es Karl Kraus, der große Publizist aus Österreich (1874-1936) seinerzeit im Jahre 1919 polemisch sinngemäß formulierte: Für Journalisten sei leider typisch, dass sie, erstens, keinen eigenen Gedanken hätten und das, zweitens, dann auch noch nicht einmal ausdrücken könnten. Aber das ist kein Naturgesetz, oder anders gesagt: Es muss ja nicht immer so sein oder bleiben.

Automatismus im Absolutismus?

1.) Die Kanzlerin hat am 15.4. fünf Minuten live vorgetragen, dass und warum sie namens der Bundesregierung die vom türkischen Präsidenten geforderte Ermächtigung zu Ermittlungen gemäß § 103 Strafgesetzbuch (Beleidigung und Verleumdung ausländischer „Majestäten“) im Falle „Gedicht Jan Böhmermann“ erteile. Frau Merkel hatte meines Erachtens Spielräume, dieses Ansinnen abzulehnen. Zumal sie ja selber erklärte, diesen nunmehr auch aus ihrer Sicht anachronistischen Straftatbestand recht flott (2018?) abschaffen zu wollen. Gegen manches platte Merkel-Bashing (Deutschland sei leider nicht souverän etc.) gibt es wiederum auch einige eher liberale Verteidiger, die sicher nicht nur sagen wollen: „Hauptsache, Erdogan hält Deutschland die Flüchtlinge fern“.
Sascha Lobo zum Beispiel twitterte sogleich: „Ihr denkt also, dass Merkel die Gewaltenteilung hätte missachten sollen, um gegen Erdogans Missachtung der Gewaltenteilung zu protestieren?“

Absolut gewaltenteilig?

Nett gezwitscher, aber der Spruch übersieht, dass die Paragrafen 103 und 104 weiterhin ziemlich untote Exempel dafür sind, dass auch die Gewaltenteilung eine relative ist. Hier werden einige mächtige Menschen als „gleicher“ denn alle anderen betrachtet, und die Entscheidung darüber, ob diese Königs-Karte gespielt werden darf, trifft die Exekutive als Machtpartei gleich mal selbst. Ziemlich vorbürgerliche Verhältnisse. Aber es hätte eben kein Automatismus des Absolutismus an dieser Stelle sein müssen, sondern Merkel hätte Erdogan – in der Tat gewaltenteilig – darauf verweisen können, dass er doch bitte wie jeder andere, der sich beleidigt sieht, den „zivilen“ § 185 in Anspruch nehmen möge – was der türkische Präsident ja auch macht. Aber dann wäre der vermutlich gewaltig beleidigt gewesen, und das hätte womöglich zu neuen Flüchtlingsbewegungen in Richtung Deutschland geführt. Das wiederum wäre Wasser auf die Mühlen der AfD, NPD etc. gewesen – und also hat sich Merkel doch mal wieder ganz pragmatisch clever verhalten, oder? So bekämpft man Fluchtursachen, könnten wir tirillieren, wenn es nicht so traurig wäre ….

Scheinbar oder anscheinend?

2.) In einer Reportage im ARD-Morgenmagazin am 20.4.2016 um 6.42 Uhr (http://mediathek.daserste.de/Morgenmagazin/moma-Reporter-Europ%C3%A4ischer-Blitzmaratho/Das-Erste/Video?documentId=34791776&topRessort&bcastId=435054; Aufruf am 20.4., 16.08 Uhr) sagt die Reporterin Gabriele Dunkel angesichts des bevorstehenden Blitzermarathons: „Scheinbar sind Kontrollen und saftige Geldstrafen doch der beste Weg, um Raserei entgegenzuwirken.“ Anscheinend aber meinte sie „anscheinend“. Denn „scheinbar“ bedeutet, dass die Autorin es anders und besser wüsste – „anscheinend“ hingegen lässt offen, ob es so ist oder nicht. Es hat aber zumindest den Anschein, als sei es so. Und genau das dürfte hier gemeint sein, allem Anschein nach.

Hiebe für die Medienfreiheit?

1.) Stellen wir uns vor, ein deutscher Satiriker hätte den nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-Un öffentlich-rechtlich und zugleich (aus dessen Sicht) unflätigst beschimpft und persönlich beleidigt – „Du hast ja gar keine eigenen Atomwaffen und wirst auch nie welche haben“ etc. Der Mann hätte vermutlich nicht gleich per Rakete zurückgeschossen, aber vielleicht auch eine Verbalnote mit dem Ansinnen von Strafverfolgung entsprechend Paragraf 103 und 104 des deutschen Strafgesetzbuches an die Bundesregierung geschickt.
Was wäre passiert? (Und bitte – nein, hier wird NICHT der Diktator aus Pjöngjang mit lupenreinen Demokraten und Freunden aller Menschenrechte in Ankara gleichgesetzt. Die einen zum Beispiel sind in der Nato, der andere nicht). Die Spitzen von Bundespolitik und öffentlich-rechtlichen Apparaten hätten den kleinen Mann (Achtung, Realsatire) aus Asien aber sowas von einfach wegtreten lassen. Dann hätte es in Berlin und Mainz sicher in der Tendenz geheißen, die Grundwerte des Grundgesetzes gälten nicht nur abstrakt und im Allgmeinenen, sondern immer ganz konkret und eben auch in diesem Falle – alles andere sollten ganz einfach die hiesigen Gerichte regeln.
Die Sache läge aber eventuell doch anders, falls absehbar wichtige Flüchtlingsrouten mit Nordkorea zu tun hätten, oder?
Ironisch ließe sich formulieren – 1000 Peitschenhiebe als Strafe für die Sachen, die man NICHT sagen darf, und dann wäre alles wieder gut? Ich fürchte, nein.
Und last but not least – Böhmermann und Erdogan verhalten sich genau so, wie man es von ihnen erwarten durfte. Viel spannender und diskussionswürdiger finde ich das Agieren der Damen und Herren Merkel, Bellut usw.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im RBB-Inforadio ging es am 13.4. um 9.45 Uhr in einem Bericht um die Lage im Irak. Die Journalistin sagte: „Diese Stadt wurde vom IS befreit“ und „Jene Gebiete wurden vom IS zurückerobert.“ Sie meinte damit offenbar (wenn man genau auf den Kontext achtete), dass dort der sogenannte „IS“ jetzt nicht mehr herrsche. Ihre Formulierungen allerdings sind ungewollt mehrdeutig: „IS“ kann hier sowohl strukturelles Objekt als auch Subjekt der Handlungen sein: Der IS befreit als Handlungsträger diese Stadt, erobert jene Gebiete zurück. Oder eben: Irakische Regierungskräfte befreien diese Region im Kampf gegen den IS, erobern sie vom IS zurück. Wie hätte es sich klarer sagen lassen? Zum Beispiel so: „Diese Stadt wurde durch irakische Regierungskräfte vom IS befreit“. Oder auch: „Irakische Regierungskräfte eroberten jene Gebiete vom IS zurück“. Es kann manchmal sehr sinnvoll sein, den Handlungsträger zu nennen, auch wenn das die Formulierung etwas länger macht. Denn laut dem frühen Wittgenstein sollten wir ja so klar wie möglich sagen, was wir sagen können. Der Rest wäre Schweigen.

Süperkritisch: Böhmermann und Erdogan

1.) „Schmähkritik“ – das Wort war dieser Tage in vieler Munde, nachdem Jan Böhmermann auf „ZDF neo“ ein Gedicht mit diesem Titel vorgetragen hatte. Ein kalkulierter Tabu-Bruch im Nachgang der „extra3“-Satire gegen die Politik des türkischen Präsidenten. ZDF-Obere ließen den Abschnitt aus der Mediatheksfassung hinausnehmen, manche sagen auch (was man NICHT tun sollte!) „zensieren“ – später war selbst auf YouTube kaum mehr etwas im Original zu finden (http://www.spiegel.de/kultur/tv/zdf-zensiert-boehmermann-schmaehgedicht-auf-erdogan-a-1085087.html, Aufruf am 6.4.2016, 12.48 Uhr). Die ZDF-Spitze ließ verlauten, das sei mit Böhmermann abgesprochen – der ließ das unkommentiert.

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Quelle: horizont/dpa

Als Schmähung hatte das Bundesverfassungsgericht 1990 eine herabsetzende Äußerung charakterisiert, „wenn in ihr nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Diffamierung der Person im Vordergrund steht.“ Eine solche Schmähkritik steht dann laut BVerfG nicht mehr unter dem Schutz der Meinungsfreiheit.

Allerdings scheinen die höchsten Richterinnen und Richter in Deutschland die Meinungsfreiheit weiterhin sehr hoch zu halten, wie sie 2014 deutlich machten, siehe die Pressemitteilung aus Karlsruhe zum Beschluss vom 28.07.2014 (1 BvR 482/13): „Auch überspitzte Kritik fällt grundsätzlich in den Schutzbereich der Meinungsfreiheit. Dies hat die 3. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts entschieden und die verfassungsrechtlichen Maßstäbe zur sogenannten Schmähkritik bekräftigt. Selbst eine überzogene oder ausfällige Kritik macht eine Äußerung für sich genommen noch nicht zur Schmähung. Vielmehr muss hinzutreten, dass bei der Äußerung nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache, sondern die Herabsetzung einer Person im Vordergrund steht. Nur dann kann ausnahmsweise auf eine Abwägung unter Berücksichtigung aller Umstände des Einzelfalls verzichtet werden.“ (https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2014/bvg14-086.html, Aufruf 6.4.2016, 13.42 Uhr)

Ich finde, es gibt gute Gründe für die Annahme, dass es Böhmermann und seinem Team inhaltlich um eine besondere Auseinandersetzung in der Sache „deutliche Kritik an der türkischen Führung“ ging (Minderheiten unterdrücken – Kurden treten, Christen hauen), wofür allerdings eine sehr überziehende Form bewusst gewählt wurde.

Die deutsche Regierung hingegen hatte es mal wieder nicht so süpereilig mit öffentlicher und klarer Kritik am Kurs der türkischen Machthaber. (vgl. http://www.horizont.net/medien/nachrichten/Nach-Boehmermanns-Schmaehkritik-ZDF-will-nicht-an-Neo-Magazin-Royale-ruetteln-139588, Aufruf 6.4.2016, 13.11 Uhr). Stattdessen gab es nicht zuletzt von Angela Merkel deutliche Medienschelte („bewusst verletzend“): Bei dpa las sich das laut „horizont“ so: „Merkel teilte ihre Meinung nach Angaben von Regierungssprecher Steffen Seibert am Sonntagabend telefonisch dem türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu mit. Sie habe auf die bereits gezogenen Konsequenzen des Senders verwiesen. Auch habe sie den hohen Wert bekräftigt, den die Bundesregierung der Presse- und Meinungsfreiheit beimesse. Die sei aber nicht schrankenlos.“. Im Bereich der Politik gab es von der Linkspartei als größter Oppositionskraft im Bundestag Kritik an Regierung und ZDF: Der medienpolitische Sprecher der Linken im Bundestag, Harald Petzold, kündigte laut „Welt“ an, eine förmliche Beschwerde beim ZDF einzulegen. „Wir werden nachfragen und gegen die Löschung des Beitrags protestieren.“

Rückführung, Abschiebung, Überstellung?

Von Sebastian Köhler

1.) Angesichts der ab 4.4. vorgesehenen Aktionen, Flüchtende aus Griechenland zwangsweise in die Türkei zu bewegen, wird in vielen wichtigen Medien hierzulande von „Rückführung illegaler Flüchtlinge“ geredet (siehe u.a. die Tagesschau unter http://www.tagesschau.de/ausland/tuerkei-fluechtlinge-protest-rueckfuehrung-101.html, Aufruf am 3.4.2016, 16.31 Uhr). Dass die PR-Stäbe der EU-Spitzen und der Bundesregierung wie auch vielleicht der griechischen Regierung so sprechen, ist klar – das klingt nach einem, wenn nicht nach dem einzigmöglichen logischen und geregelten Weg für diese Menschen. Aber wieso eigentlich zurück („dahin, wo sie herkamen und also hingehören“)? Es dürften kaum ALLE dieser Menschen über die Türkei nach Griechenland gekommen sein. „Rückführung“ erscheint mir als beschönigendes Wort in diesem Zusammenhang, zumal, wenn dann noch die fast schon Orwellsche Wendung von den „illegalen Flüchtlingen“ aus dem Bürokratendeutsch übernommen wird. Warum nicht, so neutral wie möglich, vom „Überstellen von Flüchtenden“ texten? Oder eben, auch ziemlich sachlich, vom „Abschieben“? Aber da käme dann sicher Kritik von offizieller Seite, dass dies ein wertender Terminus sei … Ach nee – wer hätte das gedacht, dass Sprache IMMER wertet. Kommt nur drauf an, in welche Richtung und in welchem Maße.

Ergänzung am 6.4.: Übrigens sprach das BBC-World-Radio z.B. am 4.4. in der Regel von „migrants are deported“, also in etwa von „Deportationen“ (Abschiebungen, Ausweisungen). Das wiederum schreiben in Deutschland eher linke Medien wie die Tageszeitung „junge Welt“.

2.) Die „Süddeutsche Zeitung“ titelte am 30.3.2016 in ihrer Hauptüberschrift auf Seite 1: „Apple trotzt dem FBI“. Eine unbezahlbar gute Zeile. Zwar nicht für die Nutzer, aber für den Konzern und für die US-Behörde. Klar: die Ermittler haben ganz offiziell und medienwirksam bei Apple angeklopft – „Könnt Ihr uns bitte, bitte ausnahmesweise mal helfen, in diesem klaren Fall des Gerätes eines sehr bösen Menschen ….“. Und der Konzern hat ganz offiziell und medienwirksam geantwortet: „Nein, niemals, der Datenschutz für unsere Nutzer ist uns das höchste aller Güter“. Mit einer ziemlich wahrscheinlichen Inszenierung solcher oder ähnlicher Art kommen beide Seiten durch in unseren Qualitätsmedien: Win-win-win, für Behörde und Konzern und Leitmedium – es verlieren bei solchem Verlautbarungsjournalismus die Nutzer, sowohl der Zeitung als auch von Datengiganten wie Apple. Und wie ginge es journalistisch professioneller? Ganz einfach: „Apple: Wir trotzen dem FBI“. Das wäre zwar immer noch PR oder sogar direkte Werbung, aber zumindest könnten wir die Quelle der frohen Botschaft erkennen. Meine ich gar nicht trotzig ….

Zwei Fragen des Respektes

1.) Richard Gutjahr (geboren 1973 in Bonn) gilt als einer der bekanntesten deutschen Journalisten, Blogger und Moderatoren. Anfang 2016 war er Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens (BR) und neben seiner Bloggertätigkeit auch für andere Medien (FAZ, Tagesspiegel etc.) journalistisch tätig. Er hat das Medienjahr 2015 in zehn Lektionen bilanziert (http://www.gutjahr.biz/2016/01/2015-learnings/?xing_share=news, Aufruf am 6.1.2016, 19.12 Uhr).

1. Platform killed the Media-Star – die etablierten Medien sieht Gutjahr als hilflos an gegenüber den neuen Akteuren wie vor allem Facebook und Google. Mit dem Siegeszug von Videos und „Instant Articles“ und der weitgehenden Übernahme der Werbung durch die Plattformen wird für Gutjahr deutlich: Verlust der Kontrolle über eigene Inhalte im Tausch gegen erhoffte neue Reichweiten.

2. Technology matters!
Junge Nutzer seien vor allem in den USA zunehmend ungeduldig. Was Mark Zuckerberg und Jeff Bezos seit jeher predigten, scheint auch für Gutjahr ein reales Problem. Technische Mängel wie zu lange Ladezeiten oder irreführende Weiterleitungen werden von Jüngeren abgestraft. Studenten klickten kaum noch auf Links. Zu langwierig, zu umständlich. Der zu erwartende Informationsgewinn gegenüber dem Zeitverlust zu gering. Gutjahrs Forderung: Mehr Softwareentwickler (Coder)! Die technische Umsetzung journalistischer Angebote sei mindestens so entscheidend wie Themenauswahl oder Recherche.

3. Partikel statt Artikel – Nachrichten werden Gutjahr zufolge kaum noch zusammenhängend verfolgt, sondern in Fragmenten, die wie eine Art Fortsetzungsgeschichte über den Tag hinweg genutzt würden, oft sogar nur mehr über verlängerte Schlagzeilen oder Push-Nachrichten auf dem Lock-Screen des Smartphones. Das setze völlig neue Artikelstruktur und –Taktung voraus. Aber auch längere Texte blieben gefragt, verstärkt am Wochenende oder an Feiertagen – dann gerne auch auf bedrucktem Papier. Gutjahrs Fazit hier entgegen dem „Snowfalling“: Weg von der strukturierten Geschichte, hin zu granularen (also für die Nutzer passgenauen), thematisch gebündelten Nachrichten-Updates.

4. New Kids On The Block – Bei diesem Punkt äußert Gutjahr Zweifel, ob der sich von den USA auf Deutschland übertragen lasse. Wenn man US-Studenten frage, aus welchen Quellen sie sich nachrichtlich informierten, finden sich Gutjahr zufolge auf der Liste der meistgenutzten Informationsquellen einige alte Bekannte, wie z.B. die New York Times oder auch CNN. Andererseits fänden sich unter den Top-10-Nachrichtenquellen immerhin sechs Medienmarken (z.B. Huffington Post, Politico, Buzzfeed oder Vox), die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Randnotiz: CNN werde bei den Jungen offenbar nicht mehr als TV-Sender wahrgenommen, sondern als Online-Angebot. Ein Wink für die deutschen öffentlich-Rechtlichen? Also: Auch klassische Medienmarken könnten überleben, sofern sie sich angemessen an die neue Medienrealität anpassten.

5. Livestreaming goes Mainstream – Livestreaming-Apps wie Meerkat und Periscope deuten für Gutjahr mehr als nur an: Kein Liveticker sei schneller, intimer und näher dran als Livevideo. Spätestens mit der neuen Mobilfunkgeneration 5G (LTE+), besseren Akkus und einer Integration von Periscope & Co in TV-Geräte (siehe Apple TV) dürften Livestreams den Mainstream erreichen. Der gute alte Live-Reporter werde dank Livestreaming sein großes Comeback erleben.

6. Augenzeugenvideos betreuen – Die Instant-Messaging-Plattform Snapchat habe von allen so genannten „Social Networks“ das größte Potential, zu den großen Facebooks und Twitters aufzuschließen. Mit der Einführung von Profi-Inhalten (Discovery) sei es Snapchat gelungen, sein einstiges Image als Teenager- und Sexting-App abzulegen. Auch bei Ereignissen wie den Anschlägen von Paris 2015 ließ sich das Potential (kuratierter) Augenzeugen-Videos zumindest erahnen. Mit seiner Mischung aus Messaging- und Video-Plattform kombiniere Snapchat zwei große Stärken von Smartphones. Hinzu komme die geschickte Integration der Lokalisierungsfunktion, von Filtern, In-App-Verkäufen und nicht zuletzt Werbung. Keine Plattform zuvor habe so früh so viele und so unterschiedliche Monetarisierungswege erschlossen. Die US-Präsidentschaftswahl 2016 sollte der App zum weltweiten Durchbruch als News-Plattform verhelfen können.

7. Die Smartwatch als Schlüsselbund – Gutjahr schreibt, er glaube an die Zukunft von Wearables. Wenn man die Smartwatch nicht als Uhr, sondern als Schlüsselbund begreife, mit dem man bezahlen, Türen öffnen, digitale Inhalte freischalten kann, deren Nutzungsrechte man erworben hat. Keine Magnetkarten, keine PIN-Codes oder Passworte mehr. Ein Selbstläufer (natürlich auch, was den Datenhandel angeht, SeK). Smartwatches werden sich laut Gutjahr durchsetzen. Weniger als Medien-Empfangsgerät, sondern als digitaler Geldbeutel und Schlüsselbund.

8. Klasse statt Klicks – Qualität wird laut Gutjahr neben der Schnelligkeit wieder wichtiger. Gemeint seien damit nicht jene Schau!-mich!-an!-Multimedia-Projekte, um zu prahlen, was man theoretisch alles drauf habe (das “Snowfall-Syndrom”). Allerdings müsse man sich von dem Gedanken verabschieden, durch Qualität viele Klicks oder eine große Reichweite zu generieren. Die neue Währung im Netz laute Aufmerksamkeit, also hier Relevanz und Vertrauen, die man zu seinem Publikum aufbaue. Refinanzierung erfolge nicht mehr ausschließlich über Masse, sondern über neue, noch schwer messbare Kriterien wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Engagement.

9. There is no business like „Beziehungsbusiness“ – Wir sind Menschen – und als solche identifizieren wir uns vor allem mit anderen Menschen, nicht mit Marken. Ein Prinzip, das durch Digitalisierung eher noch wichtiger werde – FACEbook mache es vor. Journalisten werden Gutjahr zufolge Teil der Produkte, die sie herstellen. Er möchte sogar behaupten: Das eigentliche Produkt seien am Ende wir selbst. In einer Zeit, in der es keinen Mangel an Information gebe, werde der Filter zum Entscheidungskriterium, nicht die beliebig austauschbaren Inhalte. Gefragt seien in Zukunft Experten, die über ein eigenes Stammpublikum (Fans & Follower) verfügten, die sie einem potentiellen Unternehmer als “Mitgift” mitbringen dürften. Je weiter sich das Publikum fragmentiere, desto wichtiger würden die einzelnen Mitarbeiter, die in bestimmten Nischen eine überdurchschnittliche Glaubwürdigkeit besitzen sollten. Auch US-Starblogger Jeff Jarvis sehe im Relationship-Business den alles entscheidenden Faktor für das Überleben klassischer Medienanbieter. Daher rückten die Mitarbeiter als einzelne stärker ins Zentrum der Medienwelt, sollten an Macht innerhalb der Sender und Verlage gewinnen.

10. Endspiel: Kreative Talente respektieren – In einer digitalisierten Welt sind aus Gutjahrs Sicht Kreativität und Talent der letzte „Battleground“, der in der Konkurrenz über Sieg oder Niederlage, Aufmerksamkeit oder Austauschbarkeit entscheide. Medienverantwortliche sollten in die Menschen „investieren“ und innerhalb ihrer Teams für das richtige Klima zu sorgen. Derjenige, der Individuen exzellent bedienen kann, gewinnt Gutjahr zufolge. Aufmerksamkeit im Tausch gegen Respekt – und zwar sowohl gegenüber dem Publikum als auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern – so Gutjahrs Formel für ein Überleben in digitalen Zeiten

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Barbara Hallweg in den ZDF-Heute-Nachrichten am 6.1.: Es sei weiter unklar, „warum die Polizei in Köln die Übergriffe in der Silvesternacht nicht hat verhindern können“. Können? Genau das ist ja offenbar das Problem – die Sicherheitskräfte haben das nicht verhindert. Ob sie es hätten verhindern KÖNNEN, ist aber die Frage. Die Formulierung nimmt die Polizei tendenziell in Schutz, was meines Erachtens nicht sein sollte. Auf der anderen Seite reden einige Medien bereits von „Massenüberfällen“ (siehe u.a. https://www.ndr.de/info/Wendt-besorgt-ueber-Massenueberfaelle-in-Koeln,audio268134.html, Aufruf 6.1.2016, 19.32 Uhr), wo ich Ausdrücke wie „Massenübergriffe“ nach derzeitigem Kenntnisstand für angemessener halte. Zwei inhaltliche Lehren ziehe ich aus dem medialen Geschehen: Trotz ausgedünnter Redaktionen sollte wieder mehr professionelle Skepsis auch gegenüber Behörden als Quelle praktiziert werden. Und andererseits – warum haben sich von den offenbar vielen, vielen Dutzenden Opfern oder auch Augenzeugen nicht viel schneller welche (auch) an klassische Medien gewandt? Wie steht es mit dem Vertrauen und damit der Legitimation vieler etablierter Medien bei anscheinend nicht gerade geringen Teilen der Bevölkerung? Respekt dürfte auch hier ein grundlegendes Problem sein ….

Über Hasskommentare nur mal reden, aber Handlungsfähigkeit simulieren wollen

1.) Bei „Zeit Online“ hieß es mit Blick auf die neuen Regeln, die Justizminister Heiko Maas und seine Task-Force zum Thema „Umgang mit rechtswidrigen Hassbotschaften im Internet“ am Dienstag in Berlin vorstellten: „Besorgte Bürger müssen sich weiter keine Sorgen machen“. Unternehmen wie Facebook und Google sowie zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung waren eingeladen, Antworten zum Thema „Hate-Speech“ zu finden. Was genau unter „Hate-Speech“ zu verstehen ist und ob damit eher hasserfüllte Kommentare oder vor allem strafrechtliche relevante Äußerungen zu verstehen sind, die als beispielsweise Volksverhetzung einzustufen wären, bleibt noch immer vage, wie Netzpolitik.org-Chef Markus Beckedahl schreibt ((https://netzpolitik.org/2015/hate-speech-besorgte-buerger-muessen-sich-weiter-keine-sorgen-machen/, Aufruf am 16.12.2015, 18.15 Uhr)

Geschenke für die Großen und die Kleinen

Mit den Ergebnissen können laut Beckedahl nur Facebook und Google zufrieden sein, denn es handele sich um einen eher unverbindlichen Katalog an „Könnte man mal“-Regeln, die weitgehend bereits den Status Quo beschrieben. Maas simuliere Handlungsfähigkeit. „Aber sonst gab es viel heiße Luft um Nichts. Zumindest mit dem Ergebnis kann niemand so richtig zufrieden sein. Es sei denn, man arbeitet für Facebook oder Google. Und die zivilgesellschaftlichen Organisationen bekommen etwas „Anzeigevolumina“, also Anzeigenplätze, von den kommerziellen Plattformen geschenkt.“ Unklar bleibe vor allem, auf welche technische und organisatorische Weise die vermeintliche „Hate-Speech“ blockiert werden solle.

Aber, aber, Herr Chefredakteur!

2.) „Ich glaube daran, dass die OZ auch in Zukunft Erfolg haben wird. Im guten Lokal- und Regionaljournalismus liegt unsere große Chance – in der Printausgabe aber auch in den digitalen Medien. Ich bin auch stolz, in einem so starken Team arbeiten zu können.“ (http://kress.de/mail/tagesdienst/detail/beitrag/133370-madsack-greift-durch-bei-der-ostsee-zeitung-fallen-18-stellen-weg.html, 16.11.2015, 13.27 Uhr). Schreibt laut Branchendienst „kress“ immerhin der Chefredakteur der „Ostseezeitung“ (Madsack-Gruppe Hannover), Andreas Ebel, in einer längeren Mail an seine Mitarbeiter.

Ich bin Medienschaffender aber so richtig schreiben kann ich kaum.

„Aber“ als Konjunktion verlangt nicht immer ein Komma vor sich („Einer von uns muss es aber gewesen sein.“), aber (sic! Wie Bastian Sick!) doch meistens. Denn es ist eine gegenüberstellende oder zumindest einschränkende Konjunktion. Der Satz oben könnte ja vollständig auch lauten: „Keiner bekannte sich zu der Tat, aber einer von uns muss es gewesen sein.“ Da ich aber selbst in Texten von Superhirnen wie Jürgen Habermas auf dieses Phänomen des Weglassens des Kommas vor der Konjunktion „aber“ gestoßen bin, will ich an dieser Stelle nur sagen: „Ja, okay, aber es geht wie so oft im Menschenleben auch anders.“ Ohne Wenn und Aber – auch der Duden lässt hier vorerst keine Spielräume, aber beim Apo´stro´ph schon. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wühltisch widerspiegelt worst case?

1.) FAZ-Medienkritikerin Nina Rehfeld sprach von dem „Tiefpunkt“ des US-amerikanischen Fernsehens. Wie am Wühltisch sei es zugegangen in der Wohnung der mutmaßlichen Attentäter von San Bernardino, die zu jenem Zeitpunkt bereits selbst getötet waren.
(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wie-amerikanische-nachrichtensender-die-wohnung-der-attentaeter-von-san-bernadino-stuermten-13951366.html, Aufruf am 9.12.2015, 19.13 Uhr)

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Zitiert aus faz.net / AFP – Intime Einblicke: Fotografen im Kampf um die besten Plätze

Vom „skurrilsten Tag der Kabelnachrichten“ sprach man in „Vanity Fair“, als nach dem Attentat Dutzende Reporter vor live geschalteten Fernsehkameras die Wohnung der mutmaßlichen Täter durchwühlten. Laut Rehfeld stellt die Aufgabe jedweder Zurückhaltung bei diesem Gedränge, das Szenen bei einem Schlussverkauf glich, einen neuen Tiefpunkt des US-amerikanischen Nachrichtenfernsehens dar. Angetrieben von Fox News, das als Murdoch-Medium der politischen Correctness den Krieg erklärt und kurzerhand alle Verhaltensregeln suspendiert habe, seien auch die Sender CNN und MSNBC in die Arena durchlauferhitzter Nachrichtenmacher hinabgestiegen. „Action-News“ rund um die Uhr.

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Hier geht es zu einem Ausschnitt – Quelle: You Tube

CNN-Reporterin Stephanie Elam berichtet aus dem Apartment der mutmaßlichen Attentäter.

Die FAZ moniert einen blanken Voyeurismus – mit einer auch nur ansatzweise erhellenden Berichterstattung habe das nichts mehr zu tun gehabt: „Journalismus als Rummelplatz“. Erik Wemple von der „Washington Post“ kritisierte laut faz.net diesen „erbärmlichen Moment des Journalismus“. Selbstverständlich sei der Zugang zu der Wohnung der Attentäter ein Nachrichten-Ereignis, doch sei die Situation für eine Live-Berichterstattung denkbar ungeeignet gewesen. Das Zeigen der Personal-Dokumente sei ein „enormer Regelbruch – das darf man einfach nicht“. Personen auf diese Weise kenntlich zu machen, das könne unvorhersehbare Folgen haben.

Menschen im Mittelpunkt?

Die Reaktion von CNN habe in einem Seitenhieb auf die noch hemmungslosere Konkurrenz bestanden: Man habe eine „bewusste redaktionelle Entscheidung getroffen, keine Nahaufnahmen von sensiblen oder identifizierenden Materialien wie Fotografien oder Ausweisen“ zu zeigen. Der MSNBC-Moderator Chris Hayes habe erklärt, man vergesse in solchen Situationen schon mal, dass es sich bei den Subjekten der Berichterstattung um Menschen handele.

Bei Journalistenkollegen, aber auch bei Strafrechtsexperten war der taz zufolge das Entsetzen über den Vorfall groß (http://www.taz.de/Wohnung-der-mutmasslichen-Attentaeter/!5258259/, Aufruf am 9.12.2015, 20.54 Uhr). Kritik richtete sich hier vor allem gegen Behörden wie das FBI, weil diese die Wohnung (überhaupt oder zu früh?) dem Eigentümer zurück- und damit in gewisser Weise freigegeben hätten.

Wessen Probleme?

Die Bundespolizei FBI verteidigte sich laut taz gegen den Vorwurf, sie habe die Wohnung nicht ausreichend abgeriegelt. Die Beamten hätten in weniger als 48 Stunden ihre wissenschaftlichen Analysen in der Wohnung in Redlands bei San Bernardino entfernt abgeschlossen. Wenn ein Tatort den Besitzern wieder überlassen werde, „dann ist das nicht mehr unser Problem, wer da reingeht“, sagte David Bowdich vom FBI in Los Angeles.

Aber inwiefern den Journalistenkollegen vor Ort einseitig die Schuld geben? Wer als TV-Reporter wo auch immer in der ersten Reihe steht, von dem wird oft erwartet, zumindest nichts zu verpassen – „mit der Welle mitgehen“ ist dabei eine der pragmatischen Orientierungen. Wie wollte man dann solches Verhalten innerhalb sich zuspitzender, kaum regulierter Konkurrenz anders als billig verdammen? Es ist nicht zynisch oder resignierend gemeint – Gesellschaften haben in der Tendenz die Medien, die sie verdienen. Und auch, dass die Kritik von FAZ bis taz die Ereignisse von Redlands im Superlativ als extreme Ausrutscher darstellt, ist schon wieder viel mehr Teil der Probleme als Ansatz zu Lösungen.

Widerspiegeln oder Wiederspiegeln?

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Immer wieder stoße ich in journalistischen oder Studierenden-Texten auf den Terminus „wiederspiegeln“. Das Verb heißt natürlich „widerspiegeln“, zählt auch im Duden online zu den rechtschreiblich schwierigen Wörtern (siehe http://www.duden.de/rechtschreibung/widerspiegeln, Aufruf am 9.12.2015, 14.55 Uhr). Klar, es dreht sich hier nicht um „erneut“ oder „zurück“, sonden um „gegen“. Dennoch frage ich mich, ob es nicht kürzer und einfacher geht: Gerade angesichts des Duden-Beispieles „Der Mond hat sich im Wasser widergespiegelt“ – auch hier reicht „spiegeln“ meines Erachtens völlig, „widerspiegeln“ scheint mir hingegen in Richtung von „weißen Schimmeln“, also Tautologien zu gehen, wie die Klassiker „vorprogrammieren“ oder „zusammenaddieren“. Wenn ein Gegenstand gespiegel wird, entstehen die Bildpunkte auf der jeweiligen Gegenseite der Spiegelachse. Insofern hätte tatsächlich nur das (laut Duden gar nicht mögliche) „wiederspiegeln“ einen Informationsgehalt, nämlich dann, wenn jemand oder etwas eben noch einmal gespiegelt würde.

Nicht Königsweg, sondern Schlüssel zum Newsroom-Verständnis

Drei Schlüsselaspekte prägen die digitale Transformation der Newsrooms laut dem Digitalisierungs-Verantwortlichen des BBC World Service, Dmitrij Shishkin (http://blog.wan-ifra.org/2015/11/27/3-key-components-of-the-digital-transformation-of-newsrooms, Aufruf am 2.12.2015, 15.26 Uhr). 1.) digitaler Journalismus, 2.) Entscheidungen auf Daten-Grundlage, 3.) permanente Innovationen

Shishkin geht davon aus, dass derzeit rund drei Milliarden Menschen weltweit das Internet nutzen, 2020 dürften es vier Milliarden sein (was immer noch weniger als die Hälfte der Erdbevölkerung wäre). Die Schwerpunkte beim Zuwachs liegen für Shishkin in den Entwicklungsländern und bei der Mobilnutzung. Für die Newrooms, die Redaktionen von morgen würden Generalisten gebraucht, die den redaktionellen Inhalt genau verstehen, die technisch kompetent sind und die auf der organisatorischen Ebene fähig sind, „to get things done“, also kurz-, mittel- und langfristig konkrete Ergebnisse zu erreichen.

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Kernstück vieler Redaktionen ist mittlerweile ein kombinierter Newsroom. Zugleich laufen aber auch manche Prozesse immer noch oder wieder separat ab, zum Beispiel Auftragsvergabe, Recherchieren, Bild- und Ton-Produktion und Post-Produktion der Beiträge. Das Verständnis für den Gesamtauftritt des Mediums sollte wachsen. Shishkin kritisiert exemplarisch, dass immer wieder Bild- und Tonmaterial zu lange in Speichermedien verschwinde (mit Blick auf eine TV- oder Radiosendung) und es dann auch erst Stunden später online nutzbar sei. Hier müssten die Fähigkeiten, der Horizont der Journalisten erweitert werden. Die BBC versuche seit April 2015 mit ihrer Plattform „BBC Africa Live page“ einen neuen Ansatz – „feed digital platforms as you gather, irrespective of what platform you are on an assignment for“ – der schnelle Web-Output sei sehr wichtig.

Shishkin fordert, Journalisten sollten besessen sein von Daten. Auch wenn kein Rechner-Programm redaktionelle Entscheidungen ersetzen solle, möge das Bauchgefühl künftig eine geringere Rolle spielen. Vor allem sei das bei sehr begrenzten Ressourcen wichtig – „if you are only able to produce 10 pieces of content a day, you really ought to know which ones to go for.“ Wenn zum Beispiel Pageviews klare Nutzertendenzen anzeigen, dann sollte das die Produktion auch bestimmen.

Last but not least – „Innovation is the underlying principle“: Die Nutzer sind kaum einer bestimmten Marke treu: Redaktionen lösen sich tendenziell auf, sie werden weniger direkt angesteuert, und netz-basierte Newsaggregatoren wie Google News oder aber Micropayment-Kioske wie Blendle vermitteln zunehmend Journalismus. Die Nutzer sind vor allem über Plattformen wie Facebook, WhatsApp, Snapchat, Instagram oder Twitter unterwegs, diese gelten ihnen oft auch als Quelle der Nachrichten – wenn nicht sogar „das Internet“. Shishkin empfiehlt, ganz im Sinne von Herbert Marshall McLuhan (The medium is the message), dass die Inhalte zählen, „but interesting treatment and packaging of content matter too.“ Zum Text hinzu kommen, ergänzen oder ersetzen diesen: Bilder, Audios, Videos, Infografiken, One-Foto-Stories, Kurzvideos, Vertikalvideos, Cartoons, Emoticons, interaktive Charts usw. Shishkin sagt – versuche es, miss es, versuche es noch einmal. Wenn es klappe, sei das großartig, wenn nicht, auch gut – dann habe man etwas gelernt. Faszinierend sei die enorme Beweglichkeit der digitalen Medien.

Nicht auf das Komma verzichten, sondern es setzen!

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: „Nach den Worten von Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls werden weitere Anschläge nicht nur in Frankreich sondern auch in Europa vorbereitet.“(siehe http://www.handelsblatt.com/politik/international/paris-und-die-folgen-im-newsblog-syrien-ist-die-groesste-terrorismusfabrik-der-welt/12593156.html,Aufruf am 2.12.2015, 18.24 Uhr). Gegenüberstellende Konjunktionen wie „aber“ oder „sondern“ werden in der Regeln durch ein Komma getrennt vom vorhergehenden Satz. „Sondern“ sogar immer, laut Duden: „Eins gleich vorweg: Obwohl es fast von jeder Interpunktionsregel eine Ausnahme gibt, existieren doch ein paar Fälle, die Sie sich für „immer“ merken können. Dazu gehört die Regel, dass vor die Konjunktion sondern immer ein Komma zu setzen ist. Davon gibt es praktischerweise keine Ausnahme. Sondern drückt bekanntlich einen Gegensatz aus. Dieser setzt voraus, dass zuvor etwas verneint wurde, beispielsweise durch nicht oder kein: „Uns fehlen nicht nur Teller, sondern auch Gläser. Das ist kein Hamster, sondern ein Meerschweinchen.“ Wenn die Verneinung nicht explizit vorliegt, darf sondern allerdings nicht verwendet werden: „Das war weniger schlau als vielmehr hinterlistig.“
Nun kommt sie aber doch noch, die Ausnahme. Steht nämlich kaum im ersten Teil, darf der Anschluss dennoch mit sondern erfolgen: „Er hat kaum gearbeitet, sondern nur vor sich hin geträumt.“ Wir hoffen, dies war nun weniger verwirrend als vielmehr erhellend.“ (http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/besonderheiten-von–em-sondern–em-, Aufruf am 2.12.2015, 18.35 Uhr). Kann ich auch nicht besser sagen, sondern nur zustimmen.