Eigentore, wie sie ihnen gefallen – zwei Stück weit daneben

1.) „Putins Propagandaplattform“, so titelt WDR-Korrespondentin Golineh Atai ihren Beitrag zur Eröffnung der Fußball-WM auf „tagesschau.de“ (http://www.tagesschau.de/ausland/wm-politik-101.html; Aufruf am 14.6.2018, 22.19 Uhr). Mir erscheint der Text, der als informationsbetont daherkommt und am ehesten wohl eine Art Feature werden sollte, als prototypisch und klar einseitig zumindest gegen die russische Führung gerichtet.

Um mit dem Unwichtigsten zu beginnen – mit dem szenischen Einstieg, der behauptet, Putin sei gar kein Fußballfan, sondern er sei Anhänger von Judo und Eishockey. Die beiden letzten Sportarten scheint er aktiv oder wenigstens demonstrativ zu betreiben – aber warum folgt daraus (und einen anderen „Beleg“ gibt es nicht), er sei kein Fußballfan? Um hier ein Leitmotiv meiner Kritik schon mal anklingen zu lassen: Inwieweit ist Kanzlerin Merkel denn „Fußballfan“? Aber wir ahnen es – wenn zwei das Gleiche (nicht) tun, ist es noch lange nicht „dasselbe“.

Die erste Quelle ist dann „Russland-Expertin“ Sabine Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die als Wissenschaftlerin vorgestellt wird. Ihre deutliche Putin-Kritik kulminiert in der Aussage: „Russlands offizielles WM-Poster suggeriert denn auch nicht das Gefühl von internationalem Glanz, eher spielt es mit alten Bildern sowjetischer Größe.“ Das hätte man früher „Kreml-Astrologie“ vom Feinsten genannt. Wichtiger als solche Spekulation wäre im Text ein Hinweis, dass die SWP auch nach eigener Darstellung ihre Ressourcen weit überwiegend direkt aus dem Haushalt des Bundeskanzleramtes bezieht (https://www.swp-berlin.org/ueber-uns/finanzierung/.; Aufruf 14.6.2018, 22.20 Uhr). Die Organisation „Lobbypedia“ nennt die SWP eine „regierungsnahe Stiftung“ (https://lobbypedia.de/wiki/Stiftung_Wissenschaft_und_Politik; Aufruf 14.6.2018, 22.25 Uhr). Nicht unwichtig, gerade wenn es um Staatsnähe oder -ferne von Medien, Wissenschaft und Sport geht.

Russlands Regierung habe, schreibt Atai, in den vergangenen Jahren „einige alte Brücken verbrannt und Gemeinschaften auseinanderdividiert“. „Auseinanderdividieren“ ist natürlich sinnlos tautologischer sprachlicher Tiefgang, aber inhaltlich ist das in seiner Einseitigkeit noch viel gravierender: Westliche Eliten haben zumindest ihren Anteil an der Ukraine-Krise, am Syrienkonflikt oder an den Konfrontationen im Fall „Skripal“. Aber davon kein Wort.

Die zweite und letzte Expertin ist Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und Internationale Studien. Dieses Zentrum wiederum wird (nach eigenen Angaben) komplett vom Auswärtigen Amt finanziert (https://ostexperte.de/zois-berlin/, Aufruf 14.6.2018, 22.54 Uhr). Aber auch davon kein Wort im Text – stattdessen polemisiert Frau Sasse gegen russische „Staatsmedien“. Um nicht missverstanden zu werden – das kann man thematisieren und kritisieren, aber doch bitte kaum mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt.

Dann stellt Autorin Atai „die Staatsführer der Weltgemeinschaft“ dem Russen Putin gegenüber. Sorry: Wer bitte soll das sein? Die Weltgemeinschaft? Und deren Führer? Meint sie die westlichen Eliten, die bis vor kurzem freundschaftlich verbunden schienen und deren Interessenkonflikte mittlerweile ziemlich deutlich werden? Eher nicht scheint sie Staatschefs von China oder Indien oder Südafrika etc. zu meinen. Auch das höchst fragwürdig ….

Der Artikel kommt praktisch durchgehend ohne Perspektivenwechsel und Objektierung aus. Nicht einmal klingt die Frage an, inwiefern Kanzlerin Merkel „Propaganda“ (sorry für das böse Wort) betreiben könnte, wenn immer sie, wo es opportun erscheint, seit dem wunderschönen deutschen Sommermärchen von 2006 bis heute „die Mannschaft“ besucht. Nein, Propaganda machen natürlich immer nur die Anderen.

Bedenklich, dass sich Frau Atai und Ähnlichdenkende immer mehr in ihren „Echo-Kammern“ zu verselbständigen scheinen.

Spannend aber, dass in den zugelassenen 137 Kommentaren (die Kommentarfunktion war zwischendurch immer wieder geschlossen wegen „Überlastung“) deutlich mehr als 90 Prozent der bei „tagesschau.de“ angemeldeten ARD-Nutzer den Artikel klar bis sehr klar kritisieren.

Der Kreis schließt sich am Abend, beim ARD-Deutschlandtrend (http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/index.html; Aufruf 14.6.2018, 23.09 Uhr) in den Tagesthemen im „Ersten“: Moderatorin Ellen Ehni hat interessante Zahlen zu präsentieren:

Eine relative Mehrheit von 45 Prozent hält laut dieser Umfrage die Entscheidung, die Fußball-WM 2018 in Russland zu verstalten, für richtig. 42 Prozent halten sie für falsch. Im Vergleich zur Lage vor vier Jahren ist das ein deutlicher Unterschied – Olympia in Sotschi hielten nur 34 Prozent für richtig und satte 57 Prozent für falsch.

Und jetzt wird es spannend: Was sagt die Moderatorin zur Erklärung? Gibt es Selbstkritik oder einen Verweis auf eine sich womöglich wandelnde Stimmung im Land in dieser Frage? Nein, alles halb so wild: „Offenbar sind die Deutschen beim Fußball nachsichtiger in solchen Fragen“.

Dagegen darf Pippi Langstrumpf als Realistin gelten: Immerhin singt sie und weiß von sich, dass sie sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt.

2.) Henry Kramer schrieb am 25.5. 2018 in den Potsdamer Neuesten Nachrichten:
„Dieser Skandal wird nun mit den günstigeren Kita-Gebühren ein stückweit geheilt“.
(http://www.pnn.de/potsdam/1287064/, Aufruf 27.5.2018, 14.10 Uhr)

Das ist zwei Stück weit fragwürdig: Erstens: Wenn ich diese Wendung nutze, dann laut Duden in der Form „ein Stück weit“ (https://www.duden.de/rechtschreibung/Stueck; Aufruf 27.5.2018, 14.12 Uhr). Zweitens aber finde ich den Ausdruck sinnlos doppelt moppelnd: „Ein Stück“ würde doch reichen, oder auch „ein Stückchen“ (also ein kleines Stück), im Sinne von „ein wenig“, „ein bisschen“ oder auch „etwas“. „Ein Stück weit“ wirkt auf mich wie aufgeblähte, aufgeblasene Sprache. Hier läge in der Kürze mehr Würze. Zumindest „ein stückweit“.

Repräsentationslücken auf „neuem Rekordniveau“?

1.) Angesichts von erneuten höchstrichterlichen Verhandlungen über die Zukunft von Rundfunkbeitrag und öffentlich-rechtlichen Medien ist die Frage interessant, inwieweit sich in Deutschland „mediale Repräsentationslücken“ wissenschaftlich belegen lassen. Diesem Problem geht in den – öffentlich-rechtlich finanzierten – „MediaPerspektiven“ in Heft 3/2018 ein Artikel von Forschern aus Zürich und Düsseldorf nach, der zu dem Ergebnis kommt, es gebe gerade keine „bevölkerungsweite Repräsentationslücke“

Hier geht zum Artikel in der Fachzeitschrift

Allerdings zeigten zumindest „einzelne Milieus“ wiederum „starke Tendenzen zur Abkopplung und Abschottung“. Im Mai 2016 waren dazu 1488 wahlberechtigte Onliner zwischen 18 und 69 Jahren befragt worden. Unter „Filterblase“ oder auch „Echokammer“ sei verstanden, dass „Themen und Deutungen anderer Gruppen entweder überhaupt nicht wahrgenommen oder lediglich in diskreditierender Weise behandelt“ würden. Interessant an dieser Formulierung, dass dies wechselseitig gelten dürfte: So sieht der „Mainstream“ die „Ränder“ – und umgekehrt. Und ebenso interessant, dass als Hauptthema anscheinend diskutiert wurde, inwiefern es Medien gebe, „die ausdrücken, was ich zu politischen Themen meine.“ Ob es überhaupt die „richtigen“ Themen sind, die journalistisch ausgewählt und angeboten werden, war offenbar nicht gefragt. Dennoch finde ich den Befund bemerkenswert: Obwohl ja „Medien“ sehr weit gefasst werden kann, vom Leitmedium bis zum Plattformchat, stimmten nur 56 Prozent voll und ganz oder eher dieser Aussage zu. Daraus zu schließen, es gebe „keine bevölkerungsweite Repräsentationslücke“, finde ich zumindest gewagt. Es sei denn, das Ganze sollte zu einem legitimierenden „Weiter so“ beitragen. Was schade wäre, da wir bessere Öffentlich-Rechtliche dringend benötigen.

2.) Und nun wird schon wieder ein „neuer Rekord“ vermeldet, oder eben auch gerne mal ein „Neu-Zugang“ in dieser Kategorie, erneut von einem angesehenen Qualitätsmedium, diesmal vom „Deutschlandfunk Kultur“

Hier geht es zur Seite vom DLF Kultur

Doppelt gemoppelt? Eine Tautologie ist eine Wiederholung von bereits Gesagtem – wenn dies als rhetorische Figur bewusst zur Verstärkung eingesetzt wird („kohlrabenschwarz“ als gleich dreimal schwarz), mag es als Pleonasmus dem Ausdruck helfen. Aber hier scheint es sich um unreflektierte Redundanz zu handeln – natürlich (sic!) wird ein Rekord als „neuer“ aufgestellt und ebenso erstmals. Sonst wäre das Ereignis einfach kein Rekord.

Aus der Hand lesen?

1.) Viele wichtige Medien hatten dieser Tage einen Aspekt ganz oben auf ihrer Agenda im Zusammenhang des jüngsten Merkel-Besuches bei Trump: So fragte die extra mitgereiste ARD-Hörfunkkorrespondentin Angela Ulrich am 27.4.2018 um 10.10 Uhr im RBB-Inforadio vor Ort In Washington: „Wird Trump Merkel auch vor laufenden Kameras die Hand schütteln?“

Ganz ähnlich hatte zuvor bereits die FAZ online gefragt:

(siehe http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/merkel-besucht-trump-weisses-haus-bestaetigt-reise-der-kanzlerin-15528487.html, Aufruf am 1.5.2018, 19.20 Uhr).

Superwichtig!!!! Das ist unter anderem laut Pierre Bourdieu jener typisch oberflächliche Journalismus, der sich dringend ändern sollte. Für solche Mitteilungen auf dem Niveau von „Stimmt die Chemie zwischen den beiden Promis?“ braucht es kaum Recherche oder Nachdenken. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) hatte in mehreren journalismuskritischen Arbeiten, erschienen in deutscher Sprache im Sammelband „Gegenfeuer“ 2004 im UVK-Verlag Konstanz, geschrieben, dass viele Journalisten nicht zuletzt im politischen Bereich darauf achteten, „dass es eher zu einer Konfrontation zwischen Personen (besonders Politikern) als zwischen ihren Argumenten kommt, auf Kosten dessen, was eigentlich Gegenstand der Debatte ist – das Haushaltsdefizit, die Steuersenkung oder die Auslandsverschuldung. Da das Wissen dieser Journalisten über die politische Welt im Wesentlichen auf persönlichen Kontakten und vertraulichen Mitteilungen beruht (oder sogar auf Klatsch und Gerüchten) und weniger auf der Objektivität einer Beobachtung oder fundierten Recherche, neigen sie dazu, alles auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie die Experten sind“.

Offenbar typische Phänomene dieser Art hat Bourdieu bereits in den 1990er-Jahren sehr treffend beschrieben und analysiert, lange vor dem Aufkommen der aktuellen Skepsis bis hin zur Ablehnung gegenüber zentralen Erscheinungen des etablierten Journalismus. Also – man hätte es auch hier längst besser wissen und machen können. Aber andererseits, was grundlegende Veränderungen im Journalismus angeht: Besser spät als nie (sich zum Beispiel mal mit Bourdieus Argumenten beschäftigen).

2.) Und noch zwei Prisen Sprachkritik: Die Deutsche Welle meldete auf ihrer Webseite:

(http://www.dw.com/de/puigdemont-bittet-spanische-regierung-um-r%C3%BCckkehr/a-41919594, Aufruf am 1.5.2018, 19.10 Uhr).

Das ist – als ein Bezugsfehler – zumindest missverständlich: Puigdemont hat ganz sicher NICHT die spanische Regierung darum gebeten, dass diese, wohin auch immer, zurückkehre. Sondern er hat sie offenbar darum gebeten, dass er nach Barcelona zurückkehren könne. Das ist ein Unterschied so ziemlich ums Ganze, und auch daher sollten Journalisten hier besonders sorgfältig arbeiten.

Nicht falsch, aber doch problematisch finde ich den Sprachgebrauch „Separatist“, weil der Ausdruck für mein Verständnis im Deutschen ziemlich klar negativ besetzt ist. Siehe die Bezeichnung „Pro-russische Separatisten“ für bestimmte Gruppen von Menschen in der Ost-Ukraine. Warum sagt man nicht, sachlicher, „Unabhängigkeitsbefürworter“ oder Ähnliches? Ist etwas länger, wirkt aber (auf mich) deutlich objektivierender als der zumal mehrmalige Gebrauch des klangvollen Fremdwortes „Separatist“.

Eine redaktionelle Gesellschaft?

1.) Wohin entwickeln sich Redaktionen? Oder anders gefragt: Kann „Redaktion“ auf neue Weise sogar zu einem gesellschaflichen Prinzip werden? Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat im Februar 2018 in der „Zeit“ einen Gastbeitrag veröffentlicht, mit der Überschrift „Alle müssen Journalisten sein“ (http://www.zeit.de/2018/08/umgang-medien-fake-news-propaganda-journalismus/komplettansicht, Aufruf am 21.4.2018, 22.30 Uhr).
Entgegen mancher Modelle von Journalismus aus den vergangenen Jahren als gleichsam schon „post-redaktionellem“ (Redaktionen würden tendenziell als „zu teuer“ abgelöst von Bloggern, Vloggern oder VJs als Einzelkämpfern) schlägt Pörksen eine „Utopie der redaktionellen Gesellschaft“ vor. Es gehe ihm darum, publizistische Verantwortung neu zu denken und also „die Verantwortungszone“ auszuweiten.

Neue Allgemeinbildung

Damit soll eine redaktionelle Gesellschaft das längst medienmächtig gewordene Publikum ähnlich einbeziehen wie den etablierten Journalismus oder auch die Plattformbetreiber. Pörksen schlägt folgende Definition vor: „In einer redaktionellen Gesellschaft sind die Normen und Prinzipien eines ideal gedachten Journalismus zum Bestandteil der Allgemeinbildung geworden.“. Der Ansatz von Pörksen ist ein explizit normativer, wogegen wenig einzuwenden wäre. Aber er ist insgesamt meines Erachtens zu sehr „ethisch-moralisch“, ja idealistisch orientiert und fragt zu wenig nach (auch ziemlich handfesten) Interessen, Konflikten und Krisen in Gesellschaften wie unserer, die er als „liberale Demokratien“ bestimmt, womit er zum Beispiel von Kapitalismus und verschärfter Konkurrenz nicht redet. Pörksen schreibt, solche Werte und Prinzipien für eine redaktionelle Gesellschaft müssten nicht neu erfunden werden – „sie liegen in Form der handwerklichen Regeln und Maximen des journalistischen Arbeitens bereits vor.“ Gebraucht werde das Ideal der redaktionellen Gesellschaft schon deswegen, weil es als „Katalysator von Diskurs und Debatte“ tauge.

Runter vom Sockel

Und wenn auch das „Handwerkszeug“ laut Pörksen bereits vorhanden ist – eines sieht er ganz ähnlich wie ich: Mit Blick auf ihre Publika müssten sich Journalisten von ihren bisherigen elitären Höhen in Bewegung setzen – „sie müssten sich von der Rolle des Predigers, des Pädagogen und des autoritär auftretenden Wahrheitsverkünders verabschieden“. Pörksen versucht, sein Ideal eines transparent und dialogisch orientierten Journalismus anhand von zwei Imperativen zu formulieren: Erstens gebe man seinem Publikum „jede nur denkbare Möglichkeit, die Qualität der von dir vermittelten Informationen einzuschätzen!“. Und zweitens begreife man die eigene Kommunikation nie als Endpunkt, sondern immer als „Anfang und Anstoß von Dialog und Diskurs“. Insgesamt sieht Pörksen seine Vorschläge als Versuche, ein Modell von Journalismus zu aktualisieren, das auf Bildung und nicht auf Bevormundung setze.

Filmtitel genauer betrachtet

2.) Der Tatort vom NDR „Alles was Sie sagen“ (https://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/videos/alles-was-sie-sagen-video-102.htmlist, Aufruf 25.4.2018, 16.40 Uhr) ist meines Erachtens in vieler Hinsicht ein ziemlich guter Film.

Aber auch bei einem Film sollte gelten: „Alles, was Sie schreiben, sollte möglichst richtig (geschrieben) sein!“ Warum verzichteten die Filmemacher auf das Komma? „Alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden“. Ein eingeschobener Attributsatz, der uns jenes „Alles“ näher erklärt. Ohne Einschub (und damit ohne jene zwei Kommas oder auch Kommata) würde es heißen: „Alles kann gegen Sie verwendet werden“. Ob mensch der Meinung war, so etwas „versendete“ sich? Oder aber es wäre zu kompliziert für die Zielgruppe?
Alles was ich weiß ist dass Kommata auch Kommas genannt helfen können geschriebene Sprache besser zu erfassen ja zu verstehen wenn nicht sogar zu begreifen.

Neues aus der Giftküche

Als gleichsam szenischer Einstieg in diesen Beitrag eine „Geschichte“ von einem aktuellen Fall von „Fake News“, in einer insgesamt über Wochen dauernden, dramatischen Medien-Story. Und zwar von einem sehr etablierten Medium der westlichen Welt, von der französischen Nachrichtenagentur AFP. Am 12.4.2018 meldete man dort im deutschen Dienst Folgendes ( https://www.nachdenkseiten.de/?p=43460, Aufruf am 12.4.2018, 21.55 Uhr): „OPCW bestätigt russische Herkunft des Giftes im Fall Skripal“

Wichtige deutsche Online-Medien wie Spiegel, Welt und SZ übernahmen diese Falschmeldung zunächst anscheinend mehr oder weniger per „copy and paste“. Doch von „russischer Herkunft“ des Giftes im Fall Skripal war in der an jenem Tag veröffentlichten Mitteilung der Organisation an keiner Stelle die Rede. Im Laufe des Tages änderten die erwähnten Medien ihre Texte, bei AFP war die Falschmeldung allerdings noch zehn Stunden später im Netz für jedermann zu finden (https://www.afp.com/de/nachrichten/59/opcw-bestaetigt-russische-herkunft-des-giftes-im-fall-skripal-doc-13y68j1, Aufruf am 12.4.2018, 22.19 Uhr). Thomas Borgböhmer vom deutschen Branchendienst „meedia“ schrieb (http://meedia.de/2018/04/13/fall-skripal-und-die-russen-wie-sich-qualitaetsmedien-ein-wettrennen-um-die-schnellste-falsche-eilmeldung-lieferten/?utm_campaign=NEWSLETTER_MITTAG&utm_source=newsletter&utm_medium=email, Aufruf am 15.4.2018, 19.48 Uhr), es habe sich „keineswegs“ um „bewusst verbreitete Desinformation“ gehandelt. Vielmehr hätten in diesem Fall „wohl gängige redaktionelle Arbeitsweisen gegriffen“. Denn es gelte: „Nachrichtenagenturen wie die dpa, Reuters und die AFP sind vertrauenswürdige Quellen, deren Material bedenkenlos verwendet werden kann. Dass die dort arbeitenden Journalisten Fehler machen, schließt das freilich nicht aus. Im vorliegenden Fall war der Ausgangspunkt der Eilmeldungen und Überschriften ein von der Nachrichtenagentur AFP verbreiteter Artikel (…)“.
Das finde ich fragwürdig: Denn ob etwas Falsches „bewusst“ oder „aus Versehen“ publiziert wird, erschließt sich nicht ohne Weiteres. Es scheint mir in vielen Fällen leider als Glaubensfrage gehandhabt zu werden – wir glauben, AFP-Kollegen machten aus Versehen Fehler, und wir glauben, Kollegen zum Beispiel von RT oder anderen Medien machten bewusst „Fake News“. Aber vielleicht „glauben“ diese ja (auch), was sie publizieren. Auf der Reflexionsebene daher interessant: Man kann diese AFP-Falschmeldung durchaus als fast schon klassische „Fake News“ im Sinne zum Beispiel der Definition von Alexander Sängerlaub interpretieren (https://www.stiftung-nv.de/sites/default/files/fakenews.pdf, Aufruf am 3.1.2018, 17.02 Uhr). Das häufig benutzte Unterscheidungskriterium für „Fake News“, diese seien nicht nur falsch, sondern bewusst falsch und zudem ebenfalls bewusst zur Propaganda eingesetzt, halte ich allerdings zumindest für problematisch. Wer wollte wie in die Köpfe der Journalisten hineinschauen? Wissen sie es besser oder zumindest anders? Lügen sie also? Was auch diese Menschen glauben oder „wirklich glauben“, sollte ihre Privatsache sein und Theologen oder Psychologen vorbehalten bleiben. Doch die AFP-Meldung kann (auch) interpretiert werden als gezielte Verbreitung von falschen oder irreführenden Informationen, um jemandem zu schaden (in dem Fall der russischen Führung, woran die französische Führung – die der AFP relativ direkt einen wichtigen Teil von deren Ressourcen liefert – offenbar in jenen Tagen ein nicht unbeträchtliches Interesse gehabt haben dürfte mit Blick auf mutmaßliche russische Verantwortung für den etwaigen Einsatz chemischer Giftstoffe in Salisbury und in Syrien).
Tritt man medienkritisch noch einen Schritt weiter zurück, zeigen sich Verbindungen zwischen Falschmeldungen (oder eben auch „Fake News“) und dem Storytelling: Die Geschehnisse um den Nervengiftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter am 4.März 2018 wurden in vielen westlichen Medien als „Story“ vermittelt, als die Geschichte zweier Menschen, Vater und Tochter, die sich plötzlich mit einer großen Gefahr konfrontiert sahen. Der „böse“ Gegenspieler der beiden recht deutlich positiv besetzen Hauptfiguren wurde in vielen dieser Medien relativ schnell ausgemacht, „Russland“ (Siehe unter anderem https://www.bild.de/politik/ausland/skripal-sergej/der-kreml-luegt-55374022.bild.html, Aufruf am 12.4.2018, 22.25 Uhr). Und damit die Geschichte auch klar ankommt bei der Zielgruppe, wurden manche klassischen Handwerksregeln anscheinend kaum noch beachtet: Die SZ meldete wie viele andere wichtige Medien am 12.4.2018: „Julia Skripal will keinen Kontakt zur russischen Botschaft“. Das passte ins Bild, das mochte man sehr gut verstehen.

Kleiner Schönheitsfehler: Das konnte man hier nicht direkt von Frau Skripal wissen. Quelle dieser Meldungen war eine Verlautbarung von Scotland Yard, einer britischen Behörde. Und gerade bei kontroversen Themen sollte gelten, was u.a. Michael Haller immer wieder betont: Versionen als Versionen kennzeichnen! Die Quelle angeben, damit Mindestanforderungen an Transparenz erfüllt werden. Man hätte also zum Beispiel von vornherein (und nicht erst im Kleingedruckten) schreiben sollen: „Laut Scotland Yard will Julia Skripal keinen Kontakt zur russischen Botschaft“. Solch eine Meldung könnten mündige Nutzerinnen und Nutzer dann eigenständig kritisch einordnen. Insgesamt lässt sich anhand einer medialen Story wie jener über den Anschlag auf Julia und Sergej Skripal sowie dessen Folgen diskutieren, was mein Konzept von „Narrativismus“ kritisch zu beschreiben versucht (siehe in meinem Buch „Die Nachrichtenerzähler“ von 2009).

Die Facebook-Vertikale

Facebooks Aktien machten nach dem ersten Teil der Anhörung Mark Zuckerbergs vor dem US-Kongress einen Sprung nach oben, um fast fünf Prozentpunkte (https://www.derstandard.de/story/2000077710170/facebook-aktie-steigt-um-4-5-prozent-nach-anhoerung-vorkongress, Aufruf 11.4.2018, 16.23 Uhr). Das ist bemerkenswert, weil der Internetkonzern sehr wahrscheinlich davon ausgehen kann, trotz (oder wegen) der aktuellen Debatten um seine Geschäftsmodelle noch gewinnträchtiger zu werden (https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article213967649/Zuckerberg-Dank-mehr-Sicherheit-wird-Facebook-noch-profitabler.html, Aufruf 11.4.2018, 16.25 Uhr). Und Mark Zuckerberg scheint den Spieß bereits wieder umzudrehen: Etwas mehr „Regulierung“ als bisher dürfe schon sein, aber keinesfalls eine „Überregulierung“ – es solle aus seiner Sicht halt die „right regulation“ sein (https://www.theguardian.com/technology/live/2018/apr/10/mark-zuckerberg-testimony-live-congress-facebook-cambridge-analytica, Aufruf 11.4.2018, 16.35 Uhr).

Wieso droht Facebook etwas?

Dass selbst kritische Medien wie „heise.de“ schreiben, Facebook „droht“ eine strengere Regulierung (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Facebook-Datenskandal-Zuckerberg-zeigt-sich-vor-Anhoerung-im-US-Kongress-demuetig-4014048.html; Aufruf 11-4-2018, 16.40 Uhr), scheint mir ein bedrohliches Zeichen für das Niveau öffentlicher Debatten: Was kann für die Gesellschaft (the many, not the few) bedrohlich, also schlecht daran sein, wenn Mediengiganten wie der Konzern Facebook reguliert werden? Selbst für Facebook mag das auf lange Sicht erfolgversprechender sein als eine sozial tatsächlich bedrohliche Monopolstellung.

Horizontal und vertikal

Felix Stalder, ein Schweizer Medien- und Kommunikationswissenschaftler, hatte bereits 2012 sehr treffend und hellsichtig argumentiert mit Blick auf selbsternannte „Social Networks“ wie gerade Facebook (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/vor-und-nach-facebook, Aufruf 11.4.2018, 16.47 Uhr): „Durch die Horizontalität auf der Nutzerseite der Infrastruktur wird verschleiert, dass gleichzeitig neue, hochgradig vertikale Machtzentren entstehen – an denen nicht nur der Wert der gemeinsam produzierten Arbeit abgeschöpft werden kann, sondern auch neue Kontrollpunkte angeführt werden. An diesen Punkten fällt Wissen um die Zusammensetzung der Gesellschaft in Echtzeit an. Herrschaftswissen, mit dem man mehr oder weniger unbemerkt in gesellschaftliche Prozesse eingegreifen kann, sei das mit kommerziellen oder politischen Motiven. Die Spannungen zwischen den Dynamiken der horizontalen Vernetzung und der vertikalen Kontrolle werden immer deutlicher.“

Öffentliche Plattformen!

Man konnte es längst wissen. Es bräuchte auch daher für die öffentlichen Aufgaben journalistischer Medien im für soziale und ökologische Demokratisierung Alternativen im Sinne öffentlicher, nicht-kommerzieller Plattformen, wie das zum Beispiel Christian Fuchs, Medienprofessor an der Westminister University London, nachvollziehbar fordert (https://books.google.de/books?id=ABYnDwAAQBAJ&pg=PA70&lpg=PA70&dq=christian+fuchs+%C3%B6ffentliche+Plattformen&source=bl&ots=oBXoUv5Ebu&sig=kA4VUM84HPR9-hwETP0I70pRvzU&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwimw4eRvbLaAhVCyKQKHbBiARgQ6AEIajAO#v=onepage&q=christian%20fuchs%20%C3%B6ffentliche%20Plattformen&f=false, Aufruf 11.4.2018, 16.50 Uhr).

Das Einfache, das schwer zu machen ist

2.) Ein anscheinend leider zunehmendes Problem auch in der journalistischen Sprache ist die fehlende Kongruenz, also die fehlende Übereinstimmung entsprechender Wörter in Aspekten wie Person, Zahl, Geschlecht und Zeit.

Hier ein Fall aus der „Süddeutschen Zeitung“, die ja als Qualitätsmedium gilt. „Es war nicht die kubanische Hinwendung zum Kommunismus, der die Nachbarn entzweite.“ (http://www.sueddeutsche.de/politik/kuba-und-die-usa-woher-die-feindschaft-zwischen-kuba-und-den-usa-kommt-1.2917128, Aufruf 11.4.2018, 17.10 Uhr). Knapp daneben ist auch vorbei. Das Bezugswort des Attribut-Satzes ist hier ganz klar „die Hinwendung“ und eben nicht „der Kommunismus“. Also sollte es heißen: …., die die Nachbarn entzweite“ oder eleganter: „…, welche die Nachbarn entzweite“. Wie schrieb schon Bertolt Brecht (allerdings über den Kommunismus und nicht über die Kongruenz): Das sei „das Einfache, das schwer zu machen ist“.

Stimmenfänger und Rattenfänger

Nach der Parlamentswahl in Italien hieß es bei Reuters: „Die Lega, die das „Nord“ aus ihrem Namen gestrichen hat und in Süditalien auf Stimmenfang ging, rief ihren Parteichef Matteo Salvini zum Kandidaten für das Amt des Regierungschefs und zum „Führer von Mitte-Rechts“ aus.“ (https://de.reuters.com/article/italien-wahl-idDEKBN1GH1DB, Aufruf am 10.3.2018, 15.13 Uhr). Was sagt uns die Formulierung „auf Stimmenfang gehen“? Würde man das auch bei einer Partei wie der deutschen CDU oder bei den italienischen Sozialdemokraten so ausdrücken? Wohl kaum. Die Formulierung bewertet relativ stark, und zwar negativ. Warum schreibt man hier nicht möglichst neutral „die nun auch in Süditalien um Stimmen warb“ oder Ähnliches? Ich vermute, weil diese Partei (noch) nicht zum „Mainstream“ gehört. Obwohl ja auch Matteo Salvini schon mehrfach betonte, dass „die Märkte“ oder eben „Investoren“ von seiner „Lega“ nichts zu befürchten hätten. „Auf Stimmenfang gehen“ ist ein semantischer Nachbar der unsäglichen „Rattenfänger“. Als solche werden ja „Populisten“ oder „Extremisten“ gerne vom Mainstream aus bezeichnet und damit deren Wähler nolens volens als „Ratten“. Sollte mensch sich (besser vorher) überlegen. Oder wie André Brie einst schrieb: „Die Wahrheit lügt in der Mitte“.

Schuldige Zivilisten?

1.) Im RBB-Inforadio und vielen anderen wichtigen deutschen Medien hieß es am 21.2.2018 mit Blick auf die Kämpfe um die syrische Stadt Ost-Ghouta, dabei seien auch viele „unschuldige Zivilisten“ getötet worden.
Darf man fragen, ob es auch andere Zivilisten gibt? Also „schuldige“? Die Frage zu stellen heißt, sie zu beantworten – der Ausdruck scheint mir eine Doppelung im Sinne einer Tautologie oder eines Pleonasmus, um die tragischen und traurigen Sachverhalte emotional deutlich zuzuspitzen. Nicht zuletzt wohl, um die Schuldfrage ein weiteres Mal zu klären.

2.) Ebenfalls im RBB-Inforadio war am 21.2.2018 wie in vielen anderen Medien angesichts von Dieselskandal und Luftverschmutzung die Rede davon, „nun drohen in den Innenstädten Fahrverbote“. Warum bitte sollten die „drohen“? „Drohen“ ist ein klar negativ besetztes Verb, „drohen“, das tun praktisch nur negative Dinge wie Erdbeben, Epidemien, Wirbelstürme oder Fluten. Die Fahrverbote aber dürften für die meisten Menschen viel mehr Gutes als Schlechtes bringen, nämlich weniger Luftverschmutzung. Okay, aus Sicht mancher Autofahrer und vor allem aus Sicht der Autoindustrie wäre das „natürlich“ sehr schlecht. Aber hey, warum deren Sichtweise und deren Interessen absolut setzen? Wir können doch einfach sagen – Fahrverbote stehen bevor (oder an oder ins Haus). Alles viel sachlicher als dieses oft gesagte, aber dennoch unsägliche „Fahrverbote drohen.“

Fake oder Fakt?

1.) „Alternative Fakten“ ist in Deutschland zum „Unwort“ des Jahres 2017 bestimmt worden (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-01/alternative-fakten-unwort-des-jahres-2017-sprache, Aufruf 16.1.2018, 19.20 Uhr).
Der Ausdruck geht auf Äußerungen von Kellyanne Conway zurück. Damit hatte die Beraterin von Donald Trump die ersichtlich falsche Tatsachenbehauptung bezeichnet, zur Amtseinführung des US-Präsidenten Anfang 2017 seien so viele Feiernde vor Ort in Washington auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit. Laut Jury steht der Ausdruck „für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen“. Also für einen, das Paradoxon sei gestattet, „absoluten Relatvismus“, dem scheinbar alles irgendwie gleichermaßen gültig ist. Aber natürlich und naheliegender Weise vor allem das, was in der eigenen „Blase“ ventiliert wird. Was das eigene Weltbild bestätigt und verstärkt.

Wem nutzen Kampagnen gegen „Fake News“?

Aber man sollte bei aller berechtigten Kritik an „Fake News“ und „Alternative Facts“ nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Michael Meyen weist zu Recht darauf hin (Michael Meyen: Fake Debate: Wem „Fake News“ wirklich helfen. In: Michael Meyen (Hrsg.): Medienrealität 2018. https://medienblog.hypotheses.org/1009, Aufruf 16.1.2018, 19.20 Uhr), dass die Kampagnen gegen „Fake News“ (ähnlich wie das Schlagwort „asoziale Medien“) vor allem denen helfen, die (so oder so, ob nun das Trump-Lager oder die Clinton-Tendenz) an der Macht sind, und ihren „traditionellen Sprachrohren“, heißen sie nun Fox News oder aber New York Times. Das stimmt laut Meyen auch deshalb, weil diese Debatten ablenken von Problemen, über die wir sprechen sollten im Sinne sozialer und ökologischer Demokratisierung. Über die Qualität des Journalismus zum Beispiel, über seine Finanzierung via Werbung und Verkauf, die vieles von dem zumindest nicht erleichtert, was wir von ihm erwarten dürfen (Öffentlichkeit herstellen, die Mächtigen kritisieren und kontrollieren), und nicht zuletzt über die Besitzverhältnisse. Ich halte in dieser Hinsicht für wichtig: Einerseits lassen sich längst auch in den Metropolen des Turbokapitalismus wachsende soziale Spaltungen beobachten. Andererseits (und das mag damit zusammenhängen) kann man den medialen „Mainstream“ als sogar noch homogener beschreiben denn bisher. Aus diesen sich verstärkenden Spannungen scheinen sowohl „von oben“ als auch „von unten“ (leider) eher destruktive Tendenzen zu erwachsen, im Sinne von Autoritarismus und Exklusion. Und dann haben es „Fake News“ oder „Alternative Fakten“ relativ leicht, zumindest große Reichweiten zu erzielen.

Fake News als bewährte Profit-Strategie

Christian Fuchs (Westminster University London) erklärt, inwiefern Fake News als Gefahr für Demokratisierung gesehen werden können (https://camri.ac.uk/blog/Articles/fake-news-not-just-word-year-danger-democracy-can-overcome-adequate-legal-media-reforms/, Aufruf 17.1.2018, 15.18 Uhr). Sie sind zunächst nichts Neues, wie die Serie der Boulevardzeitung „New York Sun“ aus dem Jahre 1835 zeigt, in der sehr massenwirksam von einer vermeintlichen Entdeckung menschlichen und tierischen Lebens auf dem Mond geschrieben wird („The Great Moon Hoax“). „Fakes News“ waren und sind Fuchs zufolge vor allem eine spezielle Profit-Strategie. Relativ neu aber seien nun die Herstellungs- und Verteilungswege: Weniger in und aus tradierten Medien, zunehmend in und aus und für Netzumgebungen, vor allem im Kontext bestimmter Plattformen („Social Media“). Dort ist vieles möglich:
Fuchs verweist auf das Online-Software-Werkzeug „Twitter Audit“, demzufolge von den rund 43 Millionen Followern Donald Trumps auf Twitter rund 45 Prozent „fake accounts“ seien.

Alternativen zur Fake-News-Kultur

Sich mit diesen gewiss nicht neuen, aber neuerdings aus dem Netz heraus ziemlich reichweitenstarken Phänomenen auseinanderzusetzen, das sollte allerdings weder alleinige Aufgabe von Staat und Gesetz noch von Konzern und Algorithmus sein, sondern im Sinne sozialer und ökologischer Demokratisierung eine Daueraufgabe für gestaffelte Öffentlichkeiten mit aktiven Nutzern auf allen Ebenen. Dabei hätten auch Intermediäre wie Google und Facebook ihre Beiträge zum Zustandekommen solch vielfältiger Öffentlichkeiten zu leisten, indem sie Menschen dafür angemessen bezahlen, dass diese professionell Inhalte auf den großen Plattformen kuratieren bzw. die entsprechenden Debatten moderieren. Christian Fuchs weist zu Recht darauf hin, dass intermediäre Konzerne gemäß ihrer betriebswirtschaftlichen Rationalität Automatisierung und „Big Data“ über menschliche Praxis stellen, man aber möglichst viele Menschen weit mehr einbeziehen solle, um nicht „profits over democracy“ (noch mehr) zu etablieren. Fuchs zufolge mag gerade hier hier im Zusammenspiel zwischen Journalisten und Nutzern Neues entstehen: Gesetze sollten Medienkonzerne weltweit zwingen, zum Beispiel Journalisten als angemessen bezahlte „Fact-Checker“ zu beschäftigen. Wenn dann entsprechend viele oder auch qualifizierte Nutzer eine bestimmte Interaktion auslösen, dann könnte weit besser als bisher „demokratisch“ (und nicht gewinn- oder machtorientiert) mit-bestimmt werden, was angemessen sei und was nicht.

Öffentliche oder öffentlich-rechtliche Internetplattformen (wie Club 2.0) erscheinen dabei als sinnvolle Alternative zu Intermediären: Sie sollten möglichst werbefrei und entschleunigt sein, um damit politische Debatten und Demokratisierungen auf neue Weise zu ermöglichen.

Wer ist hier (nicht) ganz sauber?

2.) Zur Sprach- und Stilkritik: Geht es um „Alternative Fakten“, wenn tagesschau.de am 10.Januar schreibt: „Der Diesel kann auch sauber“?

Der Beitrag Hier geht es auf die Seite tagesschau.de ist allein von der Themensetzung her sehr fragwürdig, weil nicht deutlich wird, wie die Studie an der Hochschule zustande gekommen ist. Oft stehen hinter solchen Studien Auftraggeber mit bestimmten Interessen. Eher unwahrscheinlich zum Beispiel, dass die HTW Saar sich extra dafür den getesteten BMW 520d gekauft hat – die unverbindliche Preisempfehlung liegt bei 48.600 Euro. Insgesamt hat der Beitrag meines Erachtens eine klare PR-, wenn nicht sogar Werbe-Tendenz in Richtung „Pro Auto“ und nicht zuletzt „Pro Diesel“. Die Überschrift ist „sauber“ formuliert: Das Wort „sauber“ müsste doch zumindest in Anführungszeichen stehen. Oder eben in Form des Komparativs, also „sauberer“. Oder passender: „etwas weniger dreckig“.

Ich hatte genau das per Mail an Dr. Kai Gniffke geschrieben, den Leiter der Redaktion ARD-aktuell in Hamburg. Mein Schluss-Satz lautete: „Insgesamt stimmt mich dieser Beitrag sehr nachdenklich. Ich bitte um Ihr Feedback, weil es ja um Journalismus im Sinne von Öffentlichkeit und Gemeinwohlbezug geht, gerade im Bereich der öffentlich-rechtlichen Anstalten.“ Leider kam dieses Mal nur eine automatische, also nichtssagende Antwort.

Wenn allerdings am selben Tag im Teletext des ARD-Ersten um 22.50 Uhr auf Tafel 107 die Überschrift sauber getextet lautet: „Union und SPD für saubere Autos“, dann dürfen wir begründet wünschen: Gute Fahrt in Richtung Auftragskommunikation (natürlich, ohne direkten Auftraggeber, wir wissen es), wie von selbst für Regierung und (im dem Falle: deutsche Auto-)Konzerne. Oder wie man es vielleicht „am saubersten“ formulieren würde: „Mit Voll-Gas in die ganz, ganz große Koalition.“

In your Face(-book)?

1.) Die Intermediäre, also Kommunikations-Konzerne wie Facebook, Google, Amazon, Apple, Microsoft und andere, haben einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf Gegenwart und Zukunft. Das Bundeskartellamt kommt Ende 2017 zu der Zwischen-Bewertung, Facebook sei in Deutschland marktbeherrschend und sammele missbräuchlich Daten auf Millionen von Webseiten.

Wie auch Markus Reuter von der Plattform „netzpolitik.org“ schreibt, geht die Kartellbehörde davon aus, das Unternehmen mache die Nutzung davon abhängig, unbegrenzt jegliche Art von Nutzerdaten aus Drittquellen sammeln und mit dem Facebook-Konto zusammenführen zu dürfen (https://netzpolitik.org/2017/bundeskartellamt-facebooks-datensammelei-aus-drittquellen-ist-missbraeuchlich/,Aufruf am 19.12.2017, 16.30 Uhr).

Hier geht es zum Text von netzpolitik.org

Zu solchen Drittquellen gehörten nicht nur konzerneigene Dienste wie WhatsApp oder Instagram, sondern auch Webseiten und Apps anderer Betreiber, auf die Facebook über Schnittstellen zugreifen könne. Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, äußerte: „Mithilfe von Schnittstellen fließen auch dann Daten an Facebook und werden dort gesammelt und verwertet, wenn man andere Internetseiten besucht. Dies geschieht sogar schon, wenn man z.B. einen „Gefällt Mir-Button“ gar nicht nutzt, aber eine entsprechende Seite aufgerufen hat, in die ein solcher Button eingebettet ist. Dies ist den Nutzern nicht bewusst.“

Das Bundeskartellamt konzentriere sich in diesem Verfahren auf die Sammlung und Verwendung von Nutzerdaten aus Drittquellen. Die Behörde habe offen gelassen, ob nicht auch bei der Datensammlung und -verwendung auf Plattform „Facebook“ selbst Datenschutzverstöße und ein Missbrauch der Marktbeherrschung vorlägen.

Das Bundeskartellamt führt gegen Facebook ein Verwaltungsverfahren. Am Ende des Verfahrens könne es zu einer Einstellung des Verfahrens, Verpflichtungszusagen des Unternehmens oder einer Untersagung durch die Kartellbehörde kommen. Eine abschließende Entscheidung in der Sache wurde nicht vor Frühsommer 2018 erwartet.

2.) Sprachkritisch fiel mir im „Kaleidoskop“ Folgendes auf:

a) Radio-Reporterin Anja Stöhr aus Moskau am 15.12. in der „ARD-Infonacht“: „Putin sagte, mit der russischen Wirtschaft ginge es aufwärts“. Einfach nur ein Fehler oder aber ein Freudscher Versprecher, um nicht als „Putin-Versteherin“ zu gelten? Wie dem auch sei – in einem Bericht wie diesem hat der Konjunktiv II wenig zu suchen. Für die sachliche Wiedergabe von Äußerungen gibt es den Konjunktiv I: „Putin sagte, mit der russischen Wirtschaft gehe es aufwärts“.

b) Ebenfalls öffentlich-rechtlich, im ZDF-Morgenmagazin am 19.12. ein Beitrag von Ulf Röller aus Washington über den US-Präsidenten. O-Ton Röller: „America first, brüllt Donald Trump der Welt entgegen.“ Der O-Ton von Trump ist versetzt zu hören, und ich bezweilfe, dass Trump an dieser Stelle tatsächlich gebrüllt hat. Aber selbst wenn man sich darauf einigen möchte: In einem Bericht hat ein solches Verb kaum etwas verloren. Es ist so negativ wertend, dass wir als Nachrichtenprofis darauf verzichten sollten. Lassen wir das doch bitte die Nutzer beurteilen und äußern uns einfach möglichst sachlich darüber, dass jemand anderes sich und etwas geäußert hat. Schließlich haben wir als Journalisten ja schon das Thema, die O-Töne, die sonstigen Bilder und natürlich auch unseren Sprechertext bestimmt. Vertrauen in die Mitwirkung mündiger Nutzer – warum denn nicht? Vertrauen sollte keine Einbahnstraße sein, wie es ja die vielbeschworene „Glaubwürdigkeit“ lange (viele Jahrhunderte lang 😉 ) genug war.