Kann man das so sagen? Jüngere und Männer seien cleverer?

1.) Medienkritisch wichtig: Die Landesmedienanstalt NRW hat dieser Tage eine repräsentative Umfrage vorgestellt, die Forsa im Mai 2017 in ihrem Auftrag durchgeführt hat.

Hier der Link zur LfM in NRW

Demzufolge ist mehr als die Hälfte der deutschen Onlinenutzer schon mit „Fake News“ in Berührung gekommen (59 %). Wie allerdings die Studie zu der Behauptung kommt, „jüngere Nutzer erkennen dabei eher als Ältere Falschmeldungen“, erschließt sich mir nicht. Denn Jüngere haben zwar zu 77 Prozent auf die entsprechende Frage positiv geantwortet (über 60-Jährige hingegen nur zu 46 Prozent). Aber erstens kann das als Selbstauskunft schlicht falsch sein, und zudem dürfte es sich ja wahrscheinlich auch so verhalten, dass Jüngere einfach mehr im Netz unterwegs sind und auch daher absolut häufiger auf potentielle „Fake News“ stoßen. Meines Erachtens könnten am ehesten Experimente oder Beobachtungen auf derartige Unterschiede schließen lassen. Übrigens kommt auf ähnlich fragwürdiger Basis die Studie auch zum Urteil, dass Männer mutmaßliche „Fake News“ eher bemerkten als Frauen (65% :51%).

Spannend jedenfalls mit Blick auf den Journalismus: Jeder Zweite gibt an (48 %), durch Medienberichte auf „Fake News“ aufmerksam gemacht worden zu sein. Klare Kante im Sinne strengerer Gesetze wünschen sich laut Studie immerhin 86 Prozent der Nutzer in Deutschland. Und deutlich mehr Ostdeutsche (17 Prozent) als der Bundesdurchschnitt (8 Prozent) halten „Fake News“ Forsa zufolge für akzeptabel im Sinne von „freie Meinungsäußerung“.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Oft wird bei der Wiedergabe von Sprecher-Äußerungen getextet:

„…konnte der Sprecher nicht sagen.“, siehe hier:

Hier geht es zur Wirtschaftswoche

http://www.wiwo.de/politik/deutschland/ransomware-angriff-hacker-attacke-legt-bahnanzeigen-und-automaten-lahm/19798690.html, Aufruf am 21.6., 10.30 Uhr

Das ist fragwürdig: Journalisten können (!) kaum wissen, ob die Sprecherin dazu nichts sagen KONNTE. Oder vielleicht auch (noch) nicht durfte oder sollte oder wollte. Ja, dafür gibt es Modulverben oder allgemeiner Modi des Verbgebrauches. Und wir SOLLTEN es wissen und können: Es ist nicht unsere Aufgabe als Journalisten, in informationsbetonten Beiträgen in die Köpfe unserer Quellen zu schauen und küchenpsychologisch zu spekulieren. Wie MAG es besser klappen? „Dazu sagte ein Sprecher nichts.“ oder gerne auch: „Dazu äußerte ein Sprecher, er könne hierzu nichts sagen.“ MÜSSTEN wir wohl eher so formulieren als die Standardphrase: „Dazu konnte ein Sprecher nichts sagen.“

Das „unflexible Arbeitsrecht“ in Frankreich – ein Fall von Fake News?

1.) Laut Nieman Lab an der Harvard-University (USA) lassen sich vier Elemente einer wirksamen Fake News bestimmen. „The four key elements of a successful fake news story“: Diese seien:

1. Emotional appeal – gefühlsstarke Ansprache
2. Veneer of authority: Story traces itself back to a leak or statement or something that supposedly happened – fragwürdige Verbindung zu Autoritäten, über behauptete Leaks oder Äußerungen oder sonst mutmaßlich Geschehenes.
3. Effective insertion point into the online space – wirksamer Einsatzpunkt im Netz
4. An amplification network (like Twitter or Facebook) – Eine Plattform zur Verbreitung wie Twitter oder Facebook.

Die Nieman-Lab-Leute raten dazu, sich im Kampf gegen Fake News einen oder mehrere dieser Punkte zu wählen und dann „zurückzuschlagen“.

Hier geht es zur Nieman-Lab-Seite

(Aufruf 31.5.2017, 17.04). Bleibt natürlich inhaltich weiterhin die Frage, ob und wie wir Fake News relativ zuverlässig erkennen können. Denn sie lauern vielerorts, siehe gleich ….

2.) Hier wird es sprachkritisch spannend, im Kaleidoskop: Ist es bereits eine Fake-News-Formulierung? Oder nur eine weitere der leider fast schon normalen deutlichen Bewertungen in Texten, die informationsbetont sein sollen?

Auf Tagesschau.de hieß es am 11.6.2017, 15.27 Uhr

Hier geht es zur Tagesschau.de-Seite

Das „unflexible Arbeitsrecht“. Eine natürlich komplett sachliche Beschreibung eines unstrittigen Sachverhaltes. Oder hätten sich die Nachrichtenredakteure besser das Attribut erspart? Zumal ja auch „Lockerung“ schon ziemlich sympathisch klingt – wer will schon „fest“ oder „verkrampft“ oder „erstarrt“ wirken? Man hätte auch „Aufweichung“ schreiben können – aber das klingt ja womöglich negativ ….

Mein Vorschlag: „Zentrales Vorhaben sind umstrittene Änderungen des Arbeitsrechtes.“ Das ist relativ sachlich. Und für die, die es genauer wissen wollen, muss es die Redaktion ähnlich sachlich dann ausführlicher beschreiben und erklären. Scheint aber eher schwer im Kontext dessen, dass sich weite Teile der reichweitenstarken Medien in einer Art „Macron-Fieber“ befinden mögen.

Lieber einen Altlinken in der Hand als den Trump auf dem Dach?

Im ARD-Weltspiegel im Ersten ging es am 6.6.2017 mehrfach um den „Altlinken Jeremy Corbyn“. Auch die Süddeutsche Zeitung nennt den Labour-Vorsitzenden seit langem so (siehe unter anderem http://www.sueddeutsche.de/politik/labour-party-ein-altlinker-kaempft-um-den-vorsitz-1.3118984; Aufruf 7.6.2017, 17.53 Uhr), und viele andere Medien der selbsternannten Mitte ebenfalls. Aber vielleicht war die Mitte ja nie mittig, nicht einmal gestern und in den alten Zeiten?
Klingt das Wort „Altlinker“ neutral? Nein, da schwingt Überholtheit mit, Verstaubheit, Ewiggestrigkeit. Neu-Rechte hingegen erscheinen in solchem Kontext als up to date, Neo-Liberale sowieso. Redet man in wichtigen Redaktionenn von Alt-Rechten oder Alt-Liberalen? Nein, aber von Neo-Konservativen ohne Probleme.
Mein Punkt: Alt-Nazis soll es geben, und eben Alt-Linke. Beides klar abwertend gemeint und verwendet. Und in dieser Gleichschaltung – pardon: Gleichsetzung – noch problematischer als ohnehin. Ironie der Geschichte: Viele junge, kluge, progressive Leute unterstützen den „Altlinken“ Corbyn, so, wie das auch schon bei Bernie Sanders in den USA der Fall war. Und am Ende des Tages merken vielleicht auch unsere mittelmäßigen Mainstreamer, dass ein Corbyn in der Hand womöglich besser wäre als der nächste Trump auf dem Dach.

„Lückenpresse“ statt „Lügenpresse“

1.) Es geht in dem Sachbuch von Ulrich Teusch mit dem Titel „Lückenpresse“, erschienen 2016 im Westend-Verlag in Frankfurt am Main, um nicht weniger als „das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten“ Und wir sollten keine Angst davor haben! Dem Politikwissenschaftler, Journalisten und Autoren Ulrich Teusch ist ein in vieler Hinsicht lesenswertes Buch gelungen. Er schafft eine konstruktive Kritik der journalistischen Vernunft unserer Jahrzehnte, bis heute und morgen.

Immer wieder entwickelt Teusch originelle Argumente. Der journalistische Mainstream, genauer gesagt: der Mainstream im Mainstream, werde sich zwar weiterhin so nennen, aber er werde es nicht mehr sein (203f.). Diesen Mainstream-Journalismus erwartet laut Teusch das gleiche Schicksal wie die sogenannten „Volksparteien“: Sie nennen sich noch so, sind es aber (auch) nicht mehr. Wenn Macht zu groß und einseitig werde, bilde sich Gegenmacht: „Wenn die „vierte Gewalt“ versagt, tritt die „fünfte Gewalt“ auf den Plan.“ Journalismus gebe es als besseren oder schlechteren: „Und man findet den guten immer seltener im Mainstream und immer öfter im Alternativsektor“. Im Anschluss an die britischen Medienkritiker David Edwards und David Cromwell fordert Teusch einen integrierenden Journalismus als „compassionate journalism“ (209): Der solle als gesellschaftliches Frühwarnsystem fungieren. Dafür müsse Journalismus „das Spektrum erweitern, er muss Menschen, die ganz anders sind – anders leben, anders denken, anders handeln -, mit Neugier und Empathie begegnen, auch den Verlierern, den Ausgegrenzten, den Stigmatisierten“. Die Pointe von Teuschs Darlegungen lautet: Guten Journalismus werde es künftig wahrscheinlich sogar mehr denn je geben. „Aber er wird anderswo stattfinden“ als im Mainstream des Mainstream (210). Wie kommt Ulrich Teusch darauf und dahin?

Originell sind etliche seiner Schritte: Warum schalten viele Journalisten anscheinend lieber die Kommentarfunktion ab, als ein wenig nachzudenken (14)? Warum dämonisieren sie und wundern sich über ernste Glaubwürdigkeitskrisen (15)? Was sollte schlimm daran sein sein, dass erstmals in der Journalismusgeschichte Nutzer „wirklich massiv kritisch nachfragen“ (35)? Im Unterschied zu mir findet Teusch den Begriff „Vertrauen“ in diesem Kontext „noch problematischer“ als den der „Glaubwürdigkeit“ (69). Aber auch hier ist er originell: Geistig reif seien Menschen, die Angeboten begründet misstrauten: „Als Journalist will ich doch nicht, dass Menschen mir vertrauen. Ich will, dass sie mich ernst nehmen, mich für kompetent halten und mir abnehmen, dass ich es ehrlich meine.“ Das genüge völlig. Ansonsten wünsche er sich, “ dass sie sich konstruktiv mit dem auseinandersetzen, was ich ihnen biete. Ich will, dass sie mich kontrollieren und kritisieren, meine Texte überprüfen und mit anderen vergleichen“ (70).

Gut wäre jedenfalls statt naiven Glaubens oder Vertrauens „ein offener, medienkritischer Diskurs, der nicht alles Porzellan kurz und klein“ schlage, sondern es auf den Tisch stelle und es ruhig sowie sachlich begutachte: „Doch dazu müssten beide Seiten abrüsten“ (35). Originell auch Teuschs Debatten mit dem langjährigen Hörfunkdirektor des Bayerischen Rundfunks, Johannes Grotzky. Beide entwickeln einen Begriff von „vermeintlichem Journalismus“ (Para-Journalismus). Dieser bestimme den oben schon erwähnten „Mainstream innerhalb des Mainstream“ (39), der sich oft implizit und eng an die Interessen politischer und wirtschaftlicher Eliten anschmiege und immer wieder verflachend, plakativ und tendenziös erscheine.

Obwohl Ulrich Teusch keinen Bezug zu entsprechenden Kritiken Pierre Bourdieus über die strukturell bedingte Oberflächlichkeit vieler Journalisten herstellt, kommt er auf seine originelle Weise auch zu dem Punkt, warum Journalisten sich viel zu häufig mit Menschlich-Allzumenschlichem beschäftigen – oder eben auch ablenken lassen („die Chemie zwischen Merkel und Macron scheint zu stimmen“). In Redaktionen gebe es kaum „Fachidioten“ – vielmehr wirken Journalisten oft wie „Idioten in allen Fächern“ (60). Neuartig auch seine Herleitung, dass und warum „Alpha-Journalisten“ der jeweils herrschenden Politik so gut wie nie in den Arm fielen (65).

Dominante „Narrative“ sind ein ebenfalls recht originelles Leitmotiv von Teuschs Buch: Diese oft unausgesprochenen und auch kaum bewussten Rahmensetzungen als Kontexte und Subtexte sollten Journalisten „beharrlich auf den Prüfstand“ stellen (120).

Was den Vorwurf eigener Machtambitionen von Journalisten angeht, hat Teusch eine eigene Antwort: Das passiere kaum autonom, sondern sie schlössen sich dabei meist bereits existierenden machtvollen Strömungen an und ergriffen zu deren Gunsten Partei – siehe sowohl den medialen Hype um Martin Schulz Anfang 2017 als auch das spiegelbildliche Abrücken von ihm dann Mitte 2017 nach verlorenen Landtagswahlen (141). So oder so – es bleibe die Mainstream-Front gegen Alternativen außerhalb des Mainstream (143).

Originell auch Teuschs zwei Aspekte von Mainstream-Journalismus als interne Polarisierung (158f.): Spitzenjournalisten als saturierte sähen wenig Veranlassung, neugierig und kritisch zu sein. Andererseits das „journalistische Prekariat“, dass sich Kritik und Kontrolle kaum getraue, „weil es fürchtet, aufs Abstellgleis zu geraten“.

Selten las ich in der deutschen Journalistik solche klaren Worte zur Eigentumsfrage journalistischer Medien: „Wir bräuchten Medien, die tatsächlich der Gesellschaft gehören und verpflichtet sind“ (172). Denn hier seien die Schaltstellen im Mediensystem, und Journalisten wirkten dabei eher als „Rädchen im Getriebe“ (177). Ulrich Teusch zeigt sich als demokratischer, sozial und ökologisch orientierter Kapitalismuskritiker: Die Krise des Kapitalismus führe zu sozialem Zerfall, zu Desintegration, zu Polarisierung (182). Dabei erweist er sich wohl eher als Realist denn als Pessimist: „Je interessanter die Zeiten werden, desto geschlossener wird sich der Mainstream präsentieren (186f.)“. Immerhin stand das Buch auf der Shortlist der Friedrich-Ebert-Stiftung für deren Preis „Das politische Buch 2017“. Insofern mag es Hoffnung geben, dass Mainstream und Alternativen sich nicht (weiter) verselbständigen. Trotz aller Lücken, der unvermeidbaren wie der vermeidbaren.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im Lehrbuch „Radio-Journalismus“ von La Roche und Buchholz (10. Auflage) heißt es auf Seite 234: „Und bei der Ortsmarke FRANKFURT kann man sich fast immer auf Wirtschaft, Banken, Börse einstellen.“ Oder auf Europauni, die Oder und den kleinen Grenzverkehr, nicht wahr? „Es gibt nur ein Rudi Völler“, aber es gibt in Deutschland (zumindest seit 1990 wieder) doch zwei größere Städte mit dem Namen „Frankfurt“: am Main und an der Oder. Können wir doch eindeutig so benennen. Oder nicht?

Texte bleiben wichtig – und die Kongruenz schläft nicht

1.) Nic Newman vom Reuters-Institut für Journalismusforschung an der Universität Oxford hat dieser Tage auf einer Konferenz in Kopenhagen Spannendes zu News-Videos gesagt (Aufruf am 2.5.2017, 17.00)

Zum Bericht über Newsmans Vortrag .

Basis seiner Angebote ist eine Studie des Instituts über „Online Video News“ von 2016.

Hier geht es zur Studie aus Oxford

Wichtige Aussagen: Es sei ein Mythos, dass die Nutzer für Nachrichten mehr Videos forderten. Vielmehr gehe das auf Anbieter- und Technikaspekte zurück. Die meisten Nachrichtennutzer, ca. 75 bis 80 Prozent, bevorzugen laut Newman weiterhin verbalen Text gegenüber Video. Letzteres sei meist ergänzend genutzt.

Schneller und bequemer sei das Lesen von Text: He noted that one consumer told the researchers, “If I have 30 seconds to get actual news, I don’t want to spend that 30 seconds going through an advertising video.”

Die Nutzer hassen der Studie zufolge geradezu und mit steigender Tendenz die Werbung vor den journalistischen Beiträgen. Und das sei zugleich der große Vorteil von Facebooks Video-Offerten: Dort laufen die Filme ohne Vor-Filme.

Der britische Forscher ging auch gegen den „Mythos“ an, Jüngere neigten Video-Nachrichten mehr zu als Ältere.

And last but not least Newman offered participants these takeaways:

1.) Video is just one of many ways of telling online stories.
2.) Video is just one way of making money online.
3.) Video is becoming more important in the mix, but we really need to keep perspective.
4.) Forget the hype – focus on what is right for our business and our users.

2.) Zur Stilkritik: Die ARD-Webseite der „Tagesschau“ äußerte sich zum Streit zwischen Russen und Ukrainern über die Teilnahme am ESC 2017 in Kiew (Aufruf 2.5.2017, 17.30):

Hier zum Text der ARD

„Russland spricht von Diskriminierung ihrer Kandidatin“. Was für ein Satz – zwei Fehler, die sich aber fast schon wieder aufheben: Natürlich spricht nicht „Russland“, sondern es sprechen vermutlich bestimmte Vertreter der russischen Seite. Wenn aber schon „Russland“ sprechen soll, dann doch bitte über nicht über „ihre Kandidatin“, sondern sicher über „seine Kandidatin“. Kongruenz, also hier Übereinstimmung im grammatischen Geschlecht, wäre etwas, worüber „die Tagesschau“ auf „seiner Seite“ auch mal schreiben oder zumindest nachdenken könnte.

Medienfreiheit – und was für ein Liberaler?

1.) Die „Reporter ohne Grenzen“ haben ihren aktuellen Report vorgestellt. Deutschland bleibt demnach auf Rang 16 der 180 gelisteten Staaten und somit im Mittelfeld der EU-Staaten, was die Freiheit journalistischer Medien („Pressefreiheit“) angeht.

Hier geht es zur Seite von ROG, Aufruf am 26.4.2017, 13.15 Uhr.

Aus Sicht von RoG sind die wichtigsten Probleme für journalistiche Freiheit hierzulande:

1. Anfeindungen, Drohungen und Gewalt gegen Journalisten
2. Im Visier von Justiz und Geheimdiensten: Journalisten und ihre Informanten
3. Daten sammeln, Whistleblower abschrecken: der rechtliche Rahmen
4. Harter Kampf um Informationen von öffentlichen Stellen
5. Medien im Strukturwandel: abnehmende Vielfalt, zunehmende Schleichwerbung
6. Versuche politischer Einflussnahme und Ausschluss unliebsamer Journalisten

Auf den Plätzen eins bis vier liegen die skandinavischen Länder Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark. Frankreich ist 39., Großbritannien 40, und die USA rangieren hier auf Platz 44. Russland wird auf Rang 148 notiert und damit sieben Plätze vor NATO-Mitglied Türkei. China ist 176., und last but least Nordkorea als Schlusslicht auf Platz 180.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“, mit Sitz in Frankreich, gibt es seit 1985. Sie versteht sich als Nichtregierungsorganisation. Kritiker bemängeln unter anderem etwaige finanzielle Beziehungen zu US-Behörden wie dem Außenministerium in Washington (https://www.heise.de/tp/features/Reporter-ohne-Grenzen-im-Dienste-des-US-Aussenministeriums-3400875.html, Aufruf 26.4.2017, 13.28 Uhr).

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Emmanuel Macron war in den vergangenen Tagen in wichtigen deutschen Medien vor allem zweierlei: „pro-europäisch“ und „parteilos“ bzw. „parteiunabhängig“.(siehe unter anderem in der ARD-Mediathek die Audiodatei http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2017/04/20/parteilos_und_proeuropaeisch_wird_macron_neuer_praesident_drk_20170420_1830_385da835.mp3, Aufruf 26.4.2017, 12.27 Uhr).

Oder hier beim Spiegel-Ableger für Jugendliche, bento (Aufruf 26.4.2017, 12.32 Uhr)

a.) „Pro-europäisch“ klingt natürlich super, sollte aber besser heißen: „Pro-EU“ (super kurz) oder „EU-freundlich“ (auch noch kurz). Denn „Europa“ ist ein großer Kontinent, mit ca. 750 Millionen dort lebenden Europäern – von denen nach dem Brexit dann etwa noch etwa 450 Millionen EU-Bürger sein werden. Norwegen, Schweiz, Island, aber auch weite Gebiete Osteuropas gehören nicht zur Europäischen Union. Kann man glatt vergessen?
b) „Parteilos“ oder „parteiunabhängig“ klingt auch super, stimmt aber einfach nicht, denn „En marche!“ ist laut eigener Webseite (https://en-marche.fr/, Aufruf 26.4.2017, 12.45 Uhr) eine Partei, die am 6.April 2016 gegründet wurde in seiner Geburtsstadt Amiens von wem? Von Emmanuel Macron! Dass sich diese Partei als ganz neuartige „Bewegung“ präsentiert, kann ihr keiner vorwerfen. Wohl aber vielen Journalisten ihr Kopieren von PR-Sprech.
3.) Womit wir beim „Liberalen“ wären, der sodann jüngst fast einheitlich sogar zum „Sozialliberalen“ wurde. Klingt ebenfalls super – wer aber ein wenig Programm und Hintergründe von Emmanuel Macron und der ihn stützenden Bewegung kennt, sollte zu der sachlichen Bezeichnung „Wirtschaftsliberaler“ kommen. Und wer es kritisch meint, kann sicher auch ganz faktisch „Neoliberaler“ sagen.

Womit ich nicht gesagt haben möchte, dass ich hoffte, seine Kontrahentin würde die Präsidentschaft in Frankreich erobern. Dennoch sollten wir, ganz im Sinn des großen Franzosen Pierre Bourdieu, die „feinen Unterschiede“ gerade im „Feld des Journalismus“ bitte nicht noch mehr einschleifen lassen.

Ressourcen für Journalismus – auch für die feinen Unterschiede zwischen „drohen“ und „warnen“

1.) Journalismus als moderne Erscheinung dürfte meist beides (gewesen) sein – Ware und Kulturgut. Oft war oder ist er vor allem Mittel zum Zweck, zahlkräftige Publika (mit-) zu beschaffen, für Werbe-, PR- oder Marketingbotschaften, oder auch für politische bzw. anderweitige Propaganda. Doch diese tradierten Bindungen sind längst prekär, und die Suche nach neuen (Wegen zu alten) Ressourcen läuft auf Hochtouren. Ich finde dieses Suchen auch deshalb wichtig, weil Journalismus bei allen Risiken vielleicht mehr denn je Chancen hat, selbst zum Zweck zu werden, als nicht zuletzt Mittel zu Zwecken wie Geld- oder Machterwerb zu bleiben.
Welche Wege werden sichtbar, um Ressourcen für Journalismus zu gewinnen?
Zunächst zu Varianten von marktgängigem Journalismus: Die bekannte Querfinanzierung über Werbemärkte bleibt weiterhin ein Weg. Siehe die Werbevideos vor journalistischen Videos auf Webseiten etc. (vgl. auch Matthias Kurp: Die Finanzierungslücke. In: MenschenMachenMedien, Berlin, Heft 1/2016, Seite 6ff.). Im Netz wird längst versucht, Inhalte direkter zu verwerten. Mit „closed paywalls“ oder mit Mischsystemen für Paid Content, hierbei mit „Freemium“-Modellen (nur ein Teil des Gesamtangebotes ist gratis nutzbar) oder auch mit „Metered Models“, bei denen eine bestimmte Anzahl von Beitragen frei nutzbar ist.
Inwiefern sollten Redaktionen mit großen Intermediären wie Facebook und Google zusammenarbeiten? Wichtige Verlage (SPON, SZ, FAZ, ZEIT etc.) beteiligten sich an der „Digital News Initiative“ von Google, um an Geld und Know How zu kommen. Der Springer-Verlag entwickelte mit Samsung die Nachrichtenapp Upday.
Facebook hatte mit seinen „Instant Articles“ ein Erfolgsrezept für sich gefunden: Nutzer konnten auf der Plattform bleiben und Beiträge von Bild oder Spiegel dort lesen. Google und Apple entwickelten Ähnliches – sie alle lockten die Verlage mit größerer Reichweite, Werbeeinahmen und Nutzerdaten. Problem dabei: Die Intermediäre bauen ihren Stellungen aus.
Springer und New York Times investierten Millionen, um am Digital-Kiosk Blendle beteiligt zu sein. Diese Kioske wie auch Pocketstory oder Newscase hießen nun News-Aggregatoren – es ging um entbündelte Vermarktung einzelner Beiträge. Problem hier: Häppchen-Journalismus statt Vielfalt.
„Social publishing“ schien ein weiterer Weg: werbefinanzierte Online-Angebote nach dem Vorbild von BuzzFeed. 2015 hatten u.a. Zeit (ze.tt), Spiegel (bento) und Bild (BYou) neue Portale für junge Nutzer gestartet. Bunte Geschichten, auch in Verbindung mit „Native Advertising“, also Werbung, die wie redaktioneller Inhalt wirkt. Nutzer sollten per App oder Social Media noch personalisierter angesprochen werden.
Journalismus gilt weiterhin als „meritorisches Gut“: die zahlungskräftige Nachfrage privater Nutzer bleibt hinter dem sozial erwünschten Ausmaß in demokratisch verfassten, wirtschaftlich kapitalistischen Gesellschaften zurück.
Was tun? Aus den USA sind Stiftungsmodelle bekannt. Wichtiges Beispiel war die gemeinnützige Organisation ProPublica, die vom Milliardär Herbert M. Sandler finanziell gestartet wurde. Auch in Deutschland gab es 2016 Ansätze für Stiftungen, allerdings mehr aus der Politik, u.a. in NRW und Hessen. Problem hier: eher Zusatz- als Grundversorgung.
Die Gesellschaft könnte Journalismus noch mehr fördern, direkt durch finanzielle Zuwendungen oder indirekt durch Steuernachlässe. Forscher wie Marie-Luise Kiefer entwickelten Modelle in Richtung möglichst markt- und machtferner Selbstorganisation von Journalisten, die auch selbst über die genauen Bedarfe und die Ressourcenaufteilung entscheiden sollten. Problem: Schnell wird der Staat als Machtapparat wirksam (siehe die Abhängígkeiten der öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland).
Alternativer Vorschlag hier: Journalismus sei gemeinnützig und somit von Abgaben zu befreien. 2014 wurde Deutschlands erstes gemeinnütziges Recherchebüro gestartet – Correctiv. Der Redaktion standen für die ersten drei Jahre von der Brost-Stiftung drei Millionen Euro zur Verfügung. Andere Stifter und Spender kamen hinzu, der Milliardär George Soros spendete im April 2017 100.000 Euro an Correctiv – Perspektive soll sein, dass aus dem Stiftungs- ein Community-Modell wird.
Gemeinschaftsmodelle per Mitgliedschaft wie „Crowdfunding“ versuchen auch Medien wie Krautreporter, Prenzlauer-Berg-Nachrichten oder der Guardian: Im Jahr 2015 führte der Guardian ein Mitgliedsschaftssystem ein. Unterstützer zahlten 5 £ im Monat, Partner 15 £ und Patrone 60 £ im Monat. Sie sollten profitieren durch Vorteile wie Vorrang bei Buchungen und Rabatte bei Veranstaltungen. Im Februar 2017 gab es 200.000 Unterstützer, der Guardian strebte bis zum Jahr 2019 an, diese auf eine Million zu erhöhen. Dadurch solle eine Paywall vermieden werden.
Auch Genossenschaften sind ein ähnliches Modell: Die „taz“ und die „junge Welt“ in Berlin haben als Tageszeitungen Genossenschaften im Rücken – die taz mit ca. 15.000 Mitgliedern, die jW mit mehr als 2000 Mitgliedern, mit jeweils 500 Euro pro Anteil.
Insgesamt zeigen sich hier viele, ja vielfältige Möglichkeiten, um Ressourcen für Journalismus zu erschließen – wenn wir sie nur entdecken und entfalten (können) und nicht von Markt- oder Machtfetischisten daran gehindert werden.

2.) Zur Sprach- und Stilkritik: Die Rheinische Post schrieb wie viele andere: „Nordkorea droht trotz Warnung der USA mit „wöchentlichen“ Raketen-Tests“ (http://www.rp-online.de/politik/ausland/nordkorea-droht-trotz-warnung-der-usa-mit-woechentlichen-raketen-tests-aid-1.6761407, Aufruf am 18.4.2017, 19.57 Uhr). Die einen drohen, die anderen warnen. Dem jüngst verstorbenen Publizisten Eckart Spoo (1936 bis 2016) verdanke ich den Hinweis, hier genauer hinzuschauen. Denn in der Sache meinen die beiden Verben Ähnliches: Ich fordere jemanden auf, etwas mir Unpassendes nicht zu tun. Falls doch, würde ich dieses Verhalten bestrafen. Freilich macht auch hier der Ton die Musik: „warnen“ klingt neutral bis positiv, „drohen“ hingegen klar negativ. Und sieh einer an – die „Guten“ warnen, und die Bösen „drohen“. Sprache sagt über die Sprechenden anscheinend mindestens so viel aus wie über das Besprochene.

Fake oder Fakt, hätte oder habe?

Fake News sind kein neues Phänomen. Georg Mascolo, Leiter des gemeinsamen Rechercheteams von SZ, NDR und WDR, verweist auf Desinformationskampagnen der DDR-Staatssicherheit (http://www.sueddeutsche.de/medien/journalismus-fuenf-vorschlaege-fuer-den-umgang-mit-fake-news-1.3413492, Aufruf 29.3.2017, 11.30 Uhr). Mir fallen Kampagnen von 1990 und 2003 ein, als Anlass und Legimation für US-geführte Kriege jeweils gegen den Irak. 1990 war es die „Brutkastenlüge“, es ging um angebliche Tötungen von Säuglingen aus kuwaitischen Brutkästen durch irakische Soldaten (siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Brutkastenl%C3%BCge, Aufruf 29.3.2017, 12.08 Uhr), 2003 dann die „Massenvernichtungswaffen-Lüge“ durch US-Außenminister Colin Powell (http://www.deutschlandradiokultur.de/auf-luegen-gebaut.932.de.html?dram:article_id=236068, Aufruf am 29.3.2017, 12.11 Uhr), als der vor den Vereinten Nationen behauptete, die irakische Führung könne binnen kurzer Zeit schlimmste Waffen einsetzen. Hätten das jeweils wichtige, einflussreiche Medien (besser) wissen können, ja müssen? Es ging doch um nicht weniger als direkt um Fragen von Krieg und Frieden ….

Mascolo machte im Frühjahr 2017 fünf Vorschläge, wie man mit einem alten Phänomen in neuen Zeiten von Facebook, Twitter, Snapchat & Co. umgehen könnte.

1. Desinformation und Fake News als enge Verwandte betrachten

Desinformation wie Fake News meine die gezielten Verbreitungen unzutreffender Informationen.
Sie müssten nicht nur objektiv falsch sein, der Urheber müsse dies auch wissen. Eine bewusste Lüge also. Sie könnten völlig erfunden sein oder durch Auslassungen und Verkürzungen einen bewusst falschen Eindruck erwecken.

Doch verkürzen und vereinfachen Journalisten (insofern wie alle Menschen) nicht immer? Können wir die „ganze Wahrheit“, die „vollständige Realität“ vermitteln? Viel wichtiger erscheint mir weiterhin bestmögliche Objektivierung als offener, als öffentlicher Prozess. Bestimmt durch intersubjektiv überprüfbare Außenreferenz, durch Transparenz (nicht zuletzt der eigenen Interessen und damit Beschränkungen) sowie durch Vielfalt der Themen, Quellen und Darstellungsformen (Stichwort Perspektivenwechsel). Es könnte ja sein, dass „die Anderen“ recht haben.

Mascolo zufolge ist das Mittel gegen Fake News ein Journalismus, der sich der stetigen Beschleunigung entziehe, nach höchsten handwerklichen und ethischen Standards strebe und seine Fehler gegenüber dem Publikum transparent korrigiere. Hilfreich seien auch schnelle Reaktionen von offiziellen Stellen, die Übles und Erfundenes z.B. auf Twitter sofort richtigstellten. Und eine Verpflichtung „der Betreiber“, Ehrenrühriges und Verleumderisches aus dem Netz zu entfernen.

Irrtümer, falsche Einschätzungen, Übertreibungen oder schlechter Journalismus seien noch keine Fake News. Nur wenn Journalisten trotz späteren besseren Wissens erkannte Fehler nicht korrigierten, werde aus einem Irrtum eine Lüge. Journalismus lebe von sorgfältiger Abwägung und doppelter Überprüfung, Vereinfachung ist auch laut Mascolo notwendig, dürfe aber „die Substanz“ nicht verändern (aber wie gesagt: wenn es so einfach wäre, „die Substanz“ immer schon zu kennen – zumal global und intergenerationell, also in Raum und Zeit hinaus möglichst nachhaltig). Die ungeheure Beschleunigung durch ständige Live-Berichterstattung und das Internet jedenfalls ist offenbar riskant.

2. Vorhandene Beweise öffentlich machen

Angesichts von Debatten über etwaige Hacker-Attacken sollten, meint Mascolo, vorhandene Beweise, wo immer sie existierten, öffentlich gemacht werden. „Maximale Transparenz wäre wichtig“, habe dazu etwa Wolfgang Ischinger gesagt, der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Diskussion kranke an zu vielen Behauptungen und zu wenigen Belegen. Auch Mascolo schreibt, Propaganda-Verdacht gegen die russische Führung sei keine „Smoking Gun“, also kein Beweis dafür, dass der Kreml die AfD groß machen oder Kanzlerin Merkel stürzen wolle. Mutmaßliche Hacker-Angriffe ließen sich schwer zurückverfolgen, wer dahinterstecke, werde auch mithilfe einer sogenannten „geopolitischen Cui-bono-Analyse“ zugeordnet. Wem es nutze, der sei es wohl gewesen. Das könne, aber müsse nicht zutreffend sein.

In der Tat sollte meines Erachtens diese Frage „Cui bono?“ (wieder) öfter gestellt werden. Weil sie helfen kann, Interessen zu thematisieren, und zum Beispiel naive „Gut-Böse“-Glaubensbekenntnisse relativieren mag.

3. Vorsicht, sich nicht als Handlanger einspannen zu lassen

In den USA spreche man vom Phänomen der „weaponizing leaks“, also davon, echte Informationen in eine Waffe umzuwandeln. Beliebt seien hierfür abgehörte Telefonate, ein Gespräch der US-Diplomatin Victoria Nuland („Fuck the EU“) gelte als einer der ersten Fälle. Zweifel an der Authentizität habe es nicht gegeben.

Klar scheint: Dass Informanten versuchen, Journalisten für ihre eigenen Zwecke einzuspannen, ist nicht neu. Aufgabe von Journalismus ist es, zu publizieren, was im öffentlichen Interesse liegt (und nur das) und nicht das Geschäft ihrer Quellen zu betreiben. Das ist manchmal ein schwieriger Prozess der Abwägung. Und ich ergänze: das „öffentliche Interesse“ erscheint mir als ein ähnlich vertracktes Ding wie „die Wahrheit“ oder Mascolos „die Substanz“. Ohne Leaks gibt es jedenfalls laut Mascolo keinen Journalismus, zumindest keinen guten. Geheimnisbruch gehöre dazu, Enthüllungen wie die Panama Papers trben notwendige gesellschaftliche Debatten voran. Auch würden oft die angeblich schädlichen Konsequenzen von Leaks übertrieben.

4. Es braucht Regeln für Staaten

Bei den Vereinten Nationen werde nach solchen Regeln gesucht, man nenne es dort „Tischmanieren für Staaten“. Dass der Cyberspace militärisch entdeckt, entwickelt und genutzt wurde, bevor er eine Technologie für Viele wurde, mache dies nicht einfacher. Die ersten Computer seien entwickelt worden, um Codes zu knacken. Zu den Möglichkeiten des Abhörens sei das gezielte Manipulieren und Zerstören getreten. All das wollten Geheimdienste nicht aufgeben, „sie werden sich gegen Regeln sperren. Oder nur solchen zustimmen, an die sich dann doch nicht halten.“ Aber ohne Regeln drohe enormer Schaden.

Ich denke, es müssen dafür gemeinsame Interessen gefunden werden, denen entsprechend solche Regeln und ihre Einhaltung sinnvoll wären. Darauf deutet allerdings angesichts wachsender Konfrontationen auf der Erde derzeit wenig hin. Andererseits liegen hier große Aufgaben für aufklärerischen Journalismus.

5. Journalisten sollten cool bleiben

Mascolo meint, aktive Maßnahmen der Geheimdienste müssten geheim bleiben, um erfolgreich zu sein. Werde allerdings bewiesen, „dass Russland in die US-Wahlen eingriff, könnte das Ergebnis verheerend sein. Ein empörter Kongress, eine wütende Öffentlichkeit, Trump wäre wohl gezwungen, auf Konfrontationskurs zu Moskau zu gehen.“ Anscheinend wäre das aus Sicht von Mascolo etwas Positives, denn er schreibt, Strobe Talbott, einer der besten US-amerikanischen Russlandkenner, spekuliere schon auf eine „heilsame Gegenreaktion“.

Mascolo zufolge wäre das ein weiterer Beleg dafür, dass „die Demokratie“ (in den USA oder in Deutschland?) eine Menge aushalte und sich zu wehren wisse. Die Deutschen jedenfalls wüssten das: „Kein Land war einem solchen Bombardement von Fake News und Desinformation ausgesetzt wie die alte Bundesrepublik, dafür sorgten die Stasi-Offiziere in Berlin-Lichtenberg.“ Eine gewagte Aussage: denn bisher sind ja nur die Akten der Stasi weitgehend komplett bekannt. Welche „aktiven Maßnahmen“ (siehe oben) NSA und CIA, MI5 und BND etc. damals durchführten und heute durchführen – muss das „geheim bleiben“, oder sollte nicht gerade Aufklärung darüber im öffentlichen Interesse von demokratisch verfassten Gesellschaften sein?

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Der RBB meldete jüngst (http://www.rbb-online.de/politik/beitrag/2017/01/staatssekretaer-andrej-holm-tritt-zurueck.html, Aufruf 16.1.2017, 17.16 Uhr):

„Andrej Holm wirft seinen Kritikern in seiner Rücktrittserklärung vor, es gehe nicht nur um seine Zeit bei der Stasi; sondern „vor allem um die Angst vor einer Wende im Bereich der Stadt- und Wohnungspolitik“. Er hätte sich nicht nur in den letzten Wochen bemüht, offen und selbstkritisch mit seiner Biografie umzugehen.“

Der Verbmodus im letzten Satz ist fragwürdig: „hätte“ ist Konjunktiv II und meint maximale Distanzierung. Hier ist aber der Konjunktiv I angebracht, „er habe sich …. bemüht“, als neutrale Wiedergabe einer Äußerung. Es sei denn, der Beitrag wäre als Kommentar oder Glosse gegen Holm gerichtet und gemeint. Was merkwürdig wäre ….

Nazi-Vergleiche hinken meist – aber auf dem anderen Bein

Vielerorts ist dieser Tage in deutschen Medien von „Nazi-Vergleichen“ durch türkische Führungskräfte die Rede. Es geht um entsprechende Vorwürfe aus Ankara wegen manches Auftrittsverbotes hierzulande bezüglich des Wahlkampfes der AKP für das umstrittene Verfassungsreferendum in der Türkei im April.

Hier ein Beispiel von vielen:

Doch das Wort „Nazi-Vergleich“ trifft es nicht. Es geht nicht nur um Vergleiche, bei denen ja auch herauskommen könnte, die Verhältnisse hier und heute hätten gar nichts oder nur sehr wenig gemeinsam mit jenen in der Nazi-Zeit. Vergleiche können mit „größer als“, „kleiner als“ oder auch mit „ist gleich“ gezogen werden. Und deshalb geht es in diesem Kontext um „Nazi-Gleichsetzungen“ im Sinne von versuchten Gleichsetzungen gewisser Zustände im Deutschland heute mit jenen in der Zeit zwischen 1933 und 1945. Das Vergleichen ist eine Methode, die Gleichsetzung kann ein Ergebnis davon sein. Und offenbar versuchen Erdogan & Co., genau mit solchen „Ergebnissen“ zu punkten.

Gleichsetzungen von DDR-Verhältnissen mit jenen der NS-Zeit scheinen mir übrigens ähnlich fragwürdig, weil sie letztere entscheidend verharmlosen und erstere schlicht dämonisieren.

Der Milliardär hat´s manchmal schwer

„Der Milliardär und Potsdam-Mäzen Hasso Plattner hatte das Museum mit insgesamt 2200 Quadratmetern Ausstellungsfläche hinter der Fassade des 1945 zerstörten Palais Barberini in drei Jahren Bauzeit wiedererrichtet.“ Hier das Original aus der Zeitung „PNN“ vom 30.1.2017.
Hofberichterstattung gut und schön – aber hatte Plattner nicht, wie seinerzeit wohl auch der große Cäsar bei seinem Sieg über die Gallier, wenigstens einen Koch dabei? Um hier mal Bertolt Brecht und seine „Fragen eines lesenden Arbeiters“ ins Spiel zu bringen? Es ist die alte Leier – Geschichtsschreibung aus der Sicht der berühmten „großen Männer“. Und solcher Journalismus sei nicht länger viel zu sehr elitär? Wer bezahlt denn auch heute die Spesen? So viele Berichte, so viele Fragen. „Plattner hat das Museum wiedererrichten lassen“. Ließe sich doch ziemlich einfach sagen.