Mord und Medien

Die ARD-Chefetage hat Vorwürfe zurückgewiesen, eine Berichterstattung über Vergewaltigungs- und Mordvorwürfe gegen einen 17 Jahre alten Flüchtling aus Afghanistan in Freiburg zu unterdrücken (vgl. u.a. http://de.reuters.com/article/deutschland-fl-chtlinge-ard-idDEKBN13U243, Aufruf am 7.12.2016, 9.20 Uhr). Zwar sei der Tod der 19 Jahre alten Studentin im Oktober fürchterlich gewesen, aber der Fall der Festnahme des Verdächtigen Anfang Dezember habe nicht die Tragweite für einen Tagesschau-Bericht, hatte ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke via Facebook geschrieben: Es sei so, „dass es sich um einen Einzelfall, einen Kriminalfall gehandelt hat, der aus unserer Sicht eben nicht diese gesellschaftliche, diese nationale oder internationale Relevanz hat.“ Mit seiner Stellungnahme reagierte Gniffke nach eigenen Angaben auf viele Anfragen, in denen Zuschauer wissen wollten, warum die Tagesschau im Unterschied zum ZDF nicht über die neuen Entwicklungen in diesem Fall berichtet habe.
Der Verdächtige war nach Polizeiangaben 2015 unbegleitet aus Afghanistan eingereist und bei einer Familie in Freiburg untergebracht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vergewaltigung und Mord der 19-jährigen Studentin vor.

Petry beschwert sich

AfD-Chefin Frauke Petry wiederum warf der Tagesschau vor zu behaupten, „es handelt sich um ein regionales Ereignis“. Mit Blick auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sprach sie vom „Verschweigen wichtiger Geschehnisse“ und „Kleinreden“ und nannte neben dem Freiburger Fall die Silvesternacht von Köln, als eine große Zahl von Männern mit Migrationshintergrund Frauen sexuell genötigt haben soll. „Das lässt mich doch alles daran zweifeln – und das sind nur sehr wenige von sehr vielen Beispielen – dass wir tatsächlich eine Informationsfreiheit und eine breitere Berichterstattung erleben“, erklärte Petry.
Gniffke erklärte, die Tagesschau hätte auch nicht berichtet, wenn ein Deutscher ein Flüchtlingsmädchen getötet hätte. Über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte werde aber informiert, weil sich dahinter ein offenbar breiteres gesellschaftliches Phänomen verberge, nämlich Fremdenfeindlichkeit. Die ARD-Tagesthemen berichteten dann am Montagabend erstmals über den Freiburger Fall (siehe https://www.youtube.com/watch?v=iRdCyx4XlQs; Aufruf am 7.12.2016, 9.45 Uhr). Grund sei aber kein Sinneswandel gewesen, äußerte Gniffke, sondern das breite Echo, das der Fall und seine mediale Behandlung gefunden hätten.

Mediale Wirklichkeiten

Das ist interessant – es geht nicht nur um den Kriminalfall (in Deutschland hat es 2015 offiziell 296 Morde geben, also durchschnittlich etwa fast jeden Tag einen, Tendenz seit dem Jahr 2000 mit damals knapp 500 fallend, vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/2229/umfrage/mordopfer-in-deutschland-entwicklung-seit-1987/; Aufruf am 7.12.2016, 9.30 Uhr), sondern beim Umschwenken von ARD-Aktuell um vor allem mediale Reaktionen darauf, die nun laut Moderator Ingo Zamperoni eine „politische Dimension“ des Falles bis hin zur Äußerung der Kanzlerin bedeuten. Auch wenn Nachrichten und Nachrichtenmagazine traditionell nicht gerade als medienkritische Formate bekannt sind, werden also Unterscheidungen von medialer und außermedialer Realität anscheinend schwieriger. Nachrichtenfaktoren wie Negativismus, Frequenz, Schwellenwert, Eliteperson und Personalisierung sind auch daher nicht naiv zu fassen als Wirklichkeitsmerkmale, sondern wesentlich als Beitragsmerkmale. Kai Gniffke meint, „Relevanz“ als hier kaum erfüllter Nachrichtenfaktor habe zunächst über dem „Gesprächswert“ gestanden und damit das Schweigen von ARD-Aktuell bis Montag begründet.

Einer für alle?

„Relevant“ meint hier offenbar „öffentlich-relevant“, im Sinne von Problemen aus Politik, Wirtschaft, Grundrechtsfragen etc., die uns einerseits tendenziell alle und nachhaltig betreffen, die wir andererseits in unserer demokratisch verfassten Gesellschaft aber auch selbst zumindest mit-bestimmen können (sollten). „Gesprächswert“ hieße dann privat-relevant, also alles, worüber sich auch „normale“ Menschen (keine Medienprofis) unterhalten, weil es irgendwie interessant scheint, zum Beispiel Sport, Promi-News oder Wetter. Gniffke wurde von einem Nutzer entgegengehalten, dass es doch fast jeder mittlere Waldbrand in den USA bis in die „Tagesschau“ schaffe, obwohl die Relevanz solcher Ereignisse oder eben Beiträge für die Nutzer jener Sendung gegen Null gehen dürfte.
Aber womöglich war die lange funktionierende Unterscheidung wichtiger „hard news“ von interessanten „soft news“ schon immer eine exklusive, weil (unbewusst und unbefohlen) elitäre Angelegenheit? Das selbstkrisch zu reflektieren heißt nicht, sich von rechtspopulistischen Extremisten (aus) der Mitte wie Trump, Gauland oder Hofer treiben zu lassen. Wir Journalisten und unser Journalismus, vielleicht sogar die Journalismen sollten heterogener werden, um die Gesellschaft und ihre Widersprüche, ja Spaltungen (zumindest besser) „repräsentieren“ zu können.

Fragwürdige Praktiken

Zwei Beispiele dazu aus diesem Anlass: a) Arno Frank schrieb auf Spiegel Online (http://www.spiegel.de/kultur/tv/getoetete-studentin-maria-l-in-freiburg-warum-die-ard-nun-doch-ueber-den-mord-berichtet-a-1124574.html; Aufruf am 7.12.2016, 9.36 Uhr): „Darüber berichteten alle, von „Focus“ bis zum ZDF-„heute-journal““, was natürlich Quatsch ist, selbst wenn, wie er selber einräumt, nur die „Tagesschau“ noch nicht darüber berichtet hätte. Solche sinnlosen All-Aussagen als Über-Vereinfachungen sind Teil der Probleme, die (viele Menschen mit den) Medien haben.
b) Alle drei Umfrage-O-Ton-Geber im Tagesthemen-Beitrag von Daniel Hechler sind offenbar linksliberale Bürger der Stadt. Das kann repräsentativ sein, muss es aber nicht. Sollte man jedenfalls selbstkritisch recherchiert und als Rohmaterial produziert/gesichtet/ausgewählt haben.

Verweihnachtung in der Sprache

2.) Einfach heute hingegen mein sprachkritisches Kaleidoskop: Die PR-Profis vom Berliner Studentenwerk texteten dieser Tage: „Wegen der Durchführung einer innerbetrieblichen Veranstaltung bleiben unsere Mensen ….“ Das liest sich elegant, ja fast schon literarisch und ist jedenfalls so viel ansprechender als „wegen unserer Weihnachtsfeier“ (was ja außerdem auch viel zu kurz gewesen wäre). Eine schöne Absolvierung der Realisierung des dritten Adventes wünsche ich!

Da kennte ich mich gern aus!

1.) Jay Rosen, ein bekannter US-Journalist und Journalistik-Professor in New York ähnlich wie Jeff Jarvis, hat dieser Tage über Twitter ein spannendes Plädoyer gehalten (https://storify.com/jayrosen_nyu/evidence-based-vs-accusation-driven-reporting, Aufruf am 30.11.2016, 13.20 Uhr; auch hier Dankeschön für Hinweise und Diskussionen an meinen Kollegen und Freund Henrik Bortels). Journalisten sollten nicht nur etwaige sachliche „Fakten“, sondern auch Vorwürfe oder Anklagen NICHT einfach verbreiten, auch dann nicht (bzw. gerade dann nicht), wenn sie von vielen oder berühmten Leuten geäußert werden. Rosen bezieht sich auf Apple News und US Today, die Vorwürfe verbreiteten, dass Milliardär George Soros einer der Drahtzieher von Protesten gegen den Wahlsieg Donald Trumps gewesen sei.

Aber was ist „die Wahrheit“?

Oder zumindest: Wie können wir ihr näher kommen? Es wäre naiv, dabei anzunehmen, dass wir einfach „die Realität“ objektiv spiegeln oder abbilden könnten. Vielmehr geht es um Objektivierung durch intersubjektive Überprüfung, wobei Perspektivenwechsel, Transparenz und Außenreferenz wichtige Aspekte sind und bleiben. Aber es gibt Neues zum Thema „Fakten-Check“. Das Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford (vgl. http://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/news/rise-fact-checker-%E2%80%93-new-democratic-institution, Aufruf am 30.11.2016, 16.51 Uhr) geht der Frage nach, inwiefern die aufsteigenden selbsternannten „Fact checker“ als neue demokratische Institution gelten können. „The report argues that independent fact-checking can help combat misinformation in public life, provided they can find funding for their work, either as parts of existing news media or as NGOs and provided that their work reach a wide audience—often through collaboration with existing news media.“

Post-Faktisch oder Telekom-Faktisch?

Die Autoren erklären, dass es seitens der Trump-Kampagne während des US-Wahlkampfes „often gross distortions of the truth“ gegeben habe. Die Rede vom „Post-Faktischen“ oder vom „Post-Wahren“ ist ja spätestens seit dem EU-Referendum der Briten nicht zu überhören. “We found that there was more newsroom-based fact checking in Western Europe and more NGO-based fact checking in Eastern Europe,” äußert einer der beiden Hauptautoren der Studie, Lucas Graves. “The fact-checkers themselves identify in different and sometimes multiple ways. Many see themselves as reporters, but others identify as activists or experts, and in some cases two or all three of these.” Hier scheint mir ein spannender Aspekt von Konvergenz zu beobachten, allerdings offenbar genau auf einer Seite des sozialen Spektrums, polemisch gesagt: auf der „guten“. Da darf der Reporter auch gerne Experte oder eben Aktivist sein. Die Lügner oder Populisten aber stehen auf der anderen Seite, was die Spaltung der Gesellschaft im Sinne von Divergenz zu unterstreichen scheint.

Extremismus der Mitte

Hier wünsche ich mir mehr Problembewusstsein und Selbstkritik seitens der etablierten Medien und Wisenschaft – eine Renaissance von jeweils professioneller Neugier auf „die Anderen“, gerne ja (von oben herab) auch „die Abgehängten“ genannt. Und es ist ja kein Geheimnis: Trump oder Wilders oder Gauland etc. mögen „divergent“ sein, aber doch keinesfalls abgehängt. Sie kommen in gewisser Weise aus der Mitte ihrer Gesellschaften und vertreten daher einen Extremismus der Mitte. Deswegen erscheint mir das Schema viel zu vereinfachend: Hier die gute Mitte, dort rechts und links die populistischen, extremistischen Ränder. Ein kluger Mensch wie Max Horkheimer hatte 1939 kurz vor dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, das vom Faschismus schweigen solle (Jeff Jarvis nennt Trump ja schon „Faschist“), wer vom Kapitalismus nicht reden wolle. Das finde ich heute wieder sehr erklärungskräftig.

Kennen, brennen, rennen

2.) Im Kaleidoskop kommen wir kurz zur Kunst des Konjunktivs (nicht der Alliteration): Wir hatten neulich eine Diskussion, wie der Konjunktiv II von kennen heißt: Gibt es die doch etwas schräg klingende Form „kennte“? Der Verein „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS) aus Wiesbaden schreibt dazu (http://gfds.de/kennen-konjunktiv-von/; Aufruf am 30.11.2016 um 12.30 Uhr) schreibt dazu, „kennte“ sei eine korrekte deutsche Verbform, die seit Jahrhunderten belegt ist, unter anderem bei Goethe, Schiller und Schopenhauer. Allerdings kommt laut GfdS diese From selten vor – meist werde mit „kennen würde“ umschrieben. Andererseits können wir schriftsprachlich und niveauvoll sicher „kennte“ verwenden, wie übrigens auch „brennte“ und „rennte“ von den entsprechenden Verben „brennen“ und „rennen“

Verbreiteter Unsinn

Donald Trump hat Mitte November einen offenbar, gelinde gesagt, ziemlich strittigen Tweet versendet – und manche Medien haben das für bare Münze genommen (Dankeschön für den Hinweis an meinen Freund und Kollegen Henrik Bortels, hier die Quelle und das Zitat von dort: http://mashable.com/2016/11/18/trumps-misleading-tweet-fake-news/?utm_cid=mash-com-fb-main-link#QoN8J2PXDOqp, Aufruf am 23.11.2106, 12.12 Uhr).

trump-tweet

Da braucht es keine „Fake News“, wenn relativ etablierte Medien wie der „Washington Examiner“ schlagzeilen: „How Donald Trump got Ford to not outsource jobs to Mexico.“ Auch die Nachrichtenagentur Reuters hat sich anscheinend an der Stelle in einer ersten Version nicht mit Ruhm bekleckert, selbst wenn man dort zumindest die Quelle angab: „Trumps says Ford not moving U.S. plant to Mexico.“ Reuters wies zwar bald darauf hin, dass sich Trump hier wohl mit falschen Federn schmücken wollte, aber die Überschrift war in der Welt und verbreitete sich nicht zuletzt auf „conservative fake news sites“ wie ein Lauffeuer. Das Handelsblatt fasste zusammen (http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/lincoln-fabrik-in-kentucky-trump-rettet-ford-werk-das-nicht-gefaehrdet-war/14861420.html, Aufruf 23.11.2016 um 12.16 Uhr): „Lincoln-Fabrik in Kentucky – Trump rettet Ford-Werk, das nicht gefährdet war“. In Deutschland ist in solchen Fällen neben ethischen Aspekten auch die „Verbreiterhaftung“ zu beachten – die soll verhindern, dass umstrittene oder gar offenbar falsche Aussagen einfach verbreitet werden, ohne dass journalistisch gegenrecherchiert worden wäre. Soviel Zeit sollte sein.

2.) Im RBB-Inforadio berichtet der Wirtschaftsredakteur am 23.11.2016 um 18.37 Uhr angesichts des Streikes und Gegenmaßnahmen: „Die Lufthansa wehrt sich damit gegen erhebliche Gehaltsforderungen der Gewerkschaft.“ Ist das ein Kommentar oder die direkte Übernahme einer Pressemitteilung des Lufthansa-Vorstandes? Dreierlei führte zu mehr Sachlichkeit: Da die Beschäftigten auch „die Lufthansa“ sind, könnte man die eine Streit-Partei als „Lufthansa-Vorstand“ o.ä. bezeichnen. „Sich wehren“ klingt meines Erachtens sehr wohlwollend, ich hätte zum Beispiel „versucht damit zu begegnen“ getextet. Die krasseste Fragwürdigkeit aber finde ich die Bewertung der Cockpit-Forderungen als „erhebliche“. Selbst wenn die Gewerkschafter ihre Forderungen selbst so nennen würden – ich rate in den Nachrichten als informationsbetonten Formen zum Verzicht auf das Attribut oder eben zum Nennen von konkreten Zahlen. Damit wäre hier mehr Objektivierung erreicht als in der gesendeten Version.

Fake news – faked elections?

1.) Facebook hat sicher seine Aktie am Wahlsieg Donald Trumps. Aber meines Erachtens nicht auf so simple Weise, wie das manche Debatten über die Rolle von „fake news“ im Wahlkampf nahelegen (vgl. https://www.welt.de/wirtschaft/article159516474/Facebook-Mitarbeiter-stellen-Mark-Zuckerberg-bloss.html, Aufruf am 16.11.2016, 16.41 Uhr). Mark Zuckerberg hatte Vorwürfe aus dieser Richtung am Wochenende als „crazy“ zurückgewiesen, unter anderem mit dem Satz: „Voters make decisions based on their lived experience“. Das ist bemerkenswert, da Zuckerberg natürlich weiß, dass Medien wie Facebook wichtiger Teil von „lived experience“ sind. Was wir von Politik und Gesellschaft aktuell wissen, stammt weit überwiegend aus Medien, längst tendenziell aus dem Netz, nicht zuletzt aus sogenannten „Sozialen Netzwerken“ (ich sage lieber: Plattformen von Internetkonzeren) wie Facebook.

Scheinwelten

„Papst hat Donald Trump getroffen und eine Wahlempfehlung für ihn ausgesprochen.“ Oder: „FBI-Agent, der gegen Clinton ermittelt hat, wurde ermordet aufgefunden.“ Schlagzeilen wie diese scheinen aus Parallelwelten zu stammen. Sie stehen über komplett erfundenen Nachrichtenmeldungen, die von Pseudo-Nachrichtenseiten mit Namen wie „Denver Guardian“ oder „Libertywritersnews“ im US-Wahlkampf veröffentlicht wurden. Facebook steht nun in der Kritik, nicht genug gegen die Verbreitung gefälschter Nachrichten auf der Plattform unternommen – im Gegenteil: Viele solcher Seiten, die laut „Guardian“ als Gelddruckmaschinen oft aus Osteuropa stammen, sind überhaupt erst dank Facebook entstanden. Denn sie wurden bisher durch Facebooks „Audience Network“ an den Werbe-Einnahmen beteiligt, die der Groß-Konzern mit der Schaltung von Anzeigen neben solchen Beiträgen verdiente. Das kann man „Synergien“ nennen.

Nun aber werde man Nachrichten-Herausgeber regelmäßig prüfen. Wenige Stunden zuvor hatte auch Google angekündigt, solche fragwürdigen Seiten nicht mehr länger über die Vermittlung von Anzeigenplatz zu finanzieren. Die Konzerne dürften diese Entscheidung nicht nur aus politischen Gründen treffen. Bereits zuvor hatten diverse Werbekunden verkündet, künftig keine Werbung mehr in Medien schalten zu wollen, die extreme politische Positionen propagierten.

99 Luftballons

Laut Zuckerberg sind aber 99 Prozent der Nachrichten im Netzwerk „korrekt“. Woher weiß er das? Und wenn es so ist – warum geht er dann nicht gegen das „falsche eine Prozent“ vor?

Ich vermute, es ist Mark Zuckerberg (und den Chefetagen von Google, Apple, Amazon, Microsoft etc.) ziemlich egal, wer „unter ihm“ US-Präsident ist. Den globalen Technologiekonzernen dürfte es (leider) relativ gleichgültig sein, was „Medien- und Meinungsvielfalt“ bedeutet. Wenn von den wichtigen US-Zeitungen keine einzige die Wahlempfehlung „Trump“ aussprach, lag es nahe, dass sich dessen potentielle Wähler eben vermehrt auf Internet-Plattformen wie Facebook trafen. „Blase“ traf auf „Blase“. Und aus Sicht des Kapitals betrachtet, liegen zwischen Clinton und Trump keine Welten. Sie gab sich eher neoliberal und global orientiert, er zeigte sich bisher mehr national & kapital ausgerichtet. Doch wenn schon kurz nach der Wahl Trumps der Dow Jones-Aktienindex in New York auf ein Allzeithoch kletterte, verdeutlicht das: Noch pragmatischer als der Familien-Wirtschaftsboss und Neo-Politiker Trump sind einmal mehr – die großen Konzerne.

Alle Menschen, alle Menschen?

2.) Zur Stilkritik: „Die Menschen haben gehofft, dass Clinton gewinnt“, sagt Sonja Peteranderl, freie Auslandskorrespondentin unter anderem bei „Zeit“ und „Spiegel“, sogar noch in der Manöver-Selbstkritik mancher etablierter Medienvertreter im RBB-Radio-Medienmagazin (Radio Eins und Inforadio) am 13.11.
Nein, DIE Menschen (also alle) in dieser Absolutheit haben das offenbar nicht gehofft. Wir könnten ja sagen, „viele Menschen“. Das wäre zwar rein sprachlich und daher logisch kaum zu widerlegen, aber noch immer anscheinend weit weg von der Lebensrealität nicht weniger Menschen dort. Am besten wäre hier sicher „einige“ oder „manche“ oder „nicht wenige“.

Trump ist Trumpf?

1.) Viele etablierte Medien hier wie dort tun sich schwer mit dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentschaftswahl. Einerseits verständlich, andererseits auch Teil des Problemes, warum er überhaupt gewinnen konnte (und zwar dank des US-Wahlsystemes mit seinem besonderen Mehrheitswahlrecht sogar recht klar – wenn auch nicht mit Blick auf die absolute Stimmenanzahl). Die Wahlbeteiligung war relativ hoch, aber wir sollten nicht vergessen: Diesmal reichten gerade mal rund 60 Millionen Stimmen, um bei immerhin mehr als 200 Millionen eigentlich Wahlberechtigten zu siegen. Das ist schon eine spezielle Art von Demokratie. (Übrigens bleibt es eine spannende Frage, wie Bernard „Bernie“ Sanders gegen Trump abgeschnitten hätte – aber dagegen war ja anscheinend die elitäre Machtmaschine der demokratischen Partei strikt.)

Auf neuem Rekordniveau liegen anscheinend öffentliche und veröffentlichte Meinung weit auseinander. Das Bubble-Problem haben nicht nur „Protestwähler“ (oder „Brexit“-Befürworter oder hierzulande auch „Reichsbürger“ etc.), sondern offenbar mindestens ebenso große Medien und wichtige Umfrageinstitute.

Einige Reaktionen: Sandra Schwarte übersetzt am Morgen nach der Wahl im RBB-Inforadio einen O-Ton von Trump mit den Worten: „Wir werden die Kampagne fortsetzen, die wir losgetreten haben.“ „Losgetreten“? Solche Wortwahl ist mit Blick auf die Clinton-Kampagne kaum vorstellbar. Jeff Jarvis, Blogger-Pionier, Journalistik-Prof. und Clinton-Unterstützer, twittert: „My profession failed to inform the public about the fascist they are electing.“ „Faschist“ halte ich (auch wenn heute Jahrestag der „Reichskristallnacht“ ist) für wenig erklärungskräftig. Noch stehen nicht Hunderte Milliardäre UND Millionen Deklassierte hinter ihm und seiner Bewegung – was ja damals die Nazis in Deutschland so stark machte. Viele Trump-Kritiker (zu denen ich zähle) monieren verständlicherweise „Blödheit“ beim abgehängten älteren weißen Mann („white trash“). Aber diese Blödheit fällt erstens nicht vom Himmel, und zweitens wird es dann zur gefährlichen, ja explosiven Mischung, wenn „Blödheit von unten“ und Sozialabbau von oben zusammenkommen.
Im „Guardian“ lese ich nach Trumps Sieg: „Never has the world needed fearless independent media more – help us hold the new president to account, sort fact from fiction, amplify underrepresented voices, and understand the forces behind this divisive election“. Die beiden letzten Punkte finde ich besonders wichtig, weil sie auf lange bestehende Strukturprobleme im Journalismus hinweisen. Er ist oft zu einseitig, und er ist oft zu oberflächlich. Das sollte sich ändern. Hierzulande möglichst, bevor die AfD stärkste Partei wird. Sozial- und Umweltabbau von oben sowie Blödheit von unten sind keine Naturgesetze. Sondern sie nutzen bestimmten Interessen und damit den einen (eher wenigen) Menschen mehr und den meisten Menschen (global und intergenerationell) bestimmt weniger.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im Lehrbuch „Radio-Journalismus“ der Autoren La Roche und Buchholz wird vom Interviewer (S. 168) gefordert: „Knapp aber abwechslungsreich fragen“. Und Frank Plasbergs Talk im Ersten heißt ja schon lange „Hart aber fair“. Aber, aber: Ein Komma sollte stehen vor entgegensetzenden Konjunktionen (Bindewörtern) wie aber, sondern, allein, doch, jedoch, vielmehr. Diese Wörter machen in jener Funktion eine Gegenüberstellung deutlich, deshalb muss davor ein Komma stehen. Mancher sieht das anders, aber es ist so!

Fragen über Fragen

1.) Die Entgrenzungen zwischen Journalismus, PR und direkter Parteipolitik scheinen neue Tiefpunkte zu erreichen: „Kannte Hillary Clinton vor dem TV-Duell mit ihrem parteiinternen Kontrahenten Bernie Sanders etwa die Fragen?“, fragt zum Beispiel „WeltN24“ und fragt leider nicht, inwieweit strukturelle Probleme zu diesem an sich eher lächerlichen Phänomen führten. (https://www.welt.de/politik/ausland/article159180804/Kannte-Hillary-Clinton-vor-TV-Duellen-die-Fragen.html, Aufruf am 1.11.2016, 20.05 Uhr). Als ob ein Politikprofi wie Clinton darauf angewiesen wäre … Aber anscheinend sollte gar nichts schiefgehen.

Ich hätte da mal eine Frage für Sie ….

Die Politikanalystin und damalige CNN-Mitarbeiterin Donna Brazile soll daher Clintons Wahlkampfteam Fragen vorab zugespielt haben. Brazile ließ ihren Job bei CNN später für ihre Wahlkampfarbeit im Clinton-Team ruhen. Nun teilte CNN immerhin die Trennung von Brazile mit.

Die Plattform „Wikileaks“ hatte am Montag vertrauliche E-Mails von Parteistrategen veröffentlicht. Nach Bekanntwerden der neuen gehackten E-Mails trennte sich der Sender CNN umgehend von der prominenten Politikanalystin, die aber zugleich amtierende Parteichefin der „Demokraten“ ist (auch ihre Vorgängerin hatte wegen Vorwürfen der Parteilichkeit zugunsten Clintons zurücktreten müssen.)

Sanders außen vor

In dem Fall geht es um E-Mails, welche die damalige CNN-Mitarbeiterin Brazile an Clintons Wahlkampfchef John Podesta und andere Kampagnenmanager geschrieben hat. Sie nehmen Bezug auf eine bevorstehende TV-Debatte, die von CNN ausgerichtet wurde und wobei sich Clinton und ihr damaliger parteiinterner linker Gegner Bernhard „Bernie“ Sanders gegenüberstanden. Die Mails lassen den Schluss zu, dass Brazile der Kandidatin einen Vorteil gegenüber Sanders verschaffen wollte.

Brazile ist eines der bekanntesten Gesichter aus dem Parteiapparat der US-Demokraten. Seit Juli ist sie kommissarische Parteivorsitzende – seitdem hatte Brazile ihren Vertrag mit CNN ruhen lassen und war nicht mehr als Analystin aufgetreten.

Und wenn es Russen waren?

Die neuen Enthüllungen von Wikileaks sind Teil einer ganzen Serie, die auf interne Mails aus dem gehackten E-Mail-Konto von John Podesta beruhen. US-Geheimdienste ließen verlautbaren, man vermute, dass russische Hacker hinter den Veröffentlichungen stehen. Clinton sagte nicht, dass die Vorwürfe nicht stimmten. Sie sagte nur, sie sehe darin einen Versuch, den Wahlkampf zu ihren Lasten zu beeinflussen.

Ich bleibe dabei – es ist NICHT professionell, in derselben Sache Journalismus UND Auftragskommunikation zu betreiben. Allerdings könnte man auch sagen, das Beispiel belege, dass „der Fisch vom Kopfe her“ stinke. Dass also nicht verwirrte Lokalreporter das Hauptproblem sind, die zum Beispiel auch noch die Autohaus-Eröffnung moderieren, über die sie zugleich „berichten“. Konvergenzen mögen ein wichtiger Trend sein – aber es sollte im Sinne gesellschaftlicher Modernisierung nicht alles (wieder) „eine Soße“ werden.

We are family?

2.) „Die internationale Gemeinschaft hat Afghanistan für die kommenden vier Jahre Finanzhilfen in Höhe von 15,2 Milliarden Dollar zugesagt. Das teilte EU-Entwicklungskommissar Neven Mimica am Mittwoch zum Abschluss des zweitägigen Treffens in Brüssel mit.“ (http://www.spiegel.de/politik/ausland/afghanistan-erhaelt-weiter-15-milliarden-dollar-aufbauhilfe-a-1115358.html, Aufruf am 05.10.2016, 18:36 Uhr). Wer aber ist das, die „internationale Gemeinschaft“? Laut SPON versucht „die internationale Gemeinschaft seit 14 Jahren, die Situation in Afghanistan zu verbessern“.
Bei jener Brüsseler Konferenz waren „Vertreter von mehr als 70 Staaten und 20 internationalen Organisationen zusammengekommen“. Beispielsweise aus Deutschland, den USA und Großbritannien, nicht aber aus Russland und China. Und in der Tat scheint das meist der Fall, wenn hierzulande in wichtigen Medien von „internationaler Gemeinschaft“ oder auch „Staatengemeinschaft“ die Rede ist – gemeint sind wichtige westliche Länder, oft auch die EU- oder auch Nato-Mitglieder oder sonstige „Verbündete“. Da sich aber nicht klar bestimmen lässt, wer warum zu diesem Klub gehört, denke ich, Journalisten sollten hier anders texten („führende Vertreter wichtiger westlicher Länder“ zum Beispiel). Denn jener scheinbar so gemeinschaftliche Sprachgebrauch schließt aus, ohne dass Kriterien dafür transparent oder zumindest explizit würden.

Wer leistet (sich) hier was?

1.) Angela Merkel sprach „Google“ und „Facebook“ nicht direkt an während ihrer Rede zur Eröffnung der Medientage in München (http://www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medientage-in-muenchen-merkel-fordert-mehr-transparenz-von-internetplattformen/14739656.html., Aufruf am 26.10.2016 um 13.39 Uhr). Aber sie sagte immerhin, dass die großen Plattformen sich mit ihren Algorithmen zunehmend „zum Nadelöhr für die Vielfalt der Anbieter“ entwickelten. Dies könne erhebliche wirtschaftliche Folgen für andere Medien haben und deren Existenz bedrohen. Und in der Tat: Google und Facebook, die beiden großen Internet-Konzerne, werden seit Jahren immer wieder aufgefordert, sich nicht zuletzt an der Finanzierung von Journalismus nachhhaltig zu beteiligen.

Capitalism reloaded

Die aktuelle Einschätzung des EU-Kommissars für Digitale Wirtschaft und Gesellschaft, Günther H. Oettinger (ebenfalls von der CDU), scheint klar (vgl. http://www.inforadio.de/programm/schema/sendungen/medienmagazin/201610/68277.html; Aufruf am 26.10.2016): Vor allem Google generiert Milliarden mit Inhalten europäischer Verlage. Vielen Nutzern scheint das „kostenlose“ Angebot an Snippets (Nachrichtenschnippseln) von automatisierten Aggregatoren wie eben „Google News“ zu reichen. Ein europäisches Leistungsschutzrecht soll nun laut Oettinger den Verlagen endlich garantieren, ihr angemessenes Stück vom Kuchen zu bekommen. Der Kommissar: „Kapitalismus von heute heißt: Werbestrategien von Onlineplattformen“. (Und er bedeutet, denke ich, sicher auch die darüber hinausgehende Sammlung und den Verkauf von Daten). Doch Verlage profitieren insofern bereits von Google, da viele Nutzer über die Suchergebnisse den Weg zu Inhalten auf den Verlagsplattformen (und der dortigen Werbung oder eben den Bezahlschranken) finden.
Besonders intensiv wird zur Zeit mal wieder über ein europäisches Leistungschutzrecht diskutiert, das vor allem gegenüber Google finanzielle Ansprüche geltend machen könnte, da die Suchmaschine schließlich mit Verlagsinhalten Milliarden Werbeerlöse erzielt. Das hierzulande bisher bestehende Leistungsschutzrecht funktioniert kaum. Verlage geben Google Gratislizenzen, um in den Suchmaschinenergebnissen zu bleiben. Weltweit sollen die Medienkonzerne andererseits momentan etwa 10 Milliarden Euro pro Jahr durch Google-Werbung zusätzlich in die Kassen bekommen.

Globalisierung als Problem

Ich denke, dass auch ein solches Recht als soziale Errungenschaft am ehesten international oder global durchzusetzen wäre, um weltweite Wegtauch-Bewegungen (wie bei der tradierten „Steuervermeidung“) vom „scheuen Reh“ (dem Kapital) zu verhindern. Globale Konzerne müssten meines Erachtens durch globale Politik, Kultur und Recht reguliert werden, wenn das überhaupt gelingen soll. Last but not least: Wer erbringt die Leistungen? Vor allem wir Journalisten. Wir sind die „Arbeitgeber“, die Konzerne und Leitungsebenen doch eher „Arbeitsplatzgeber“, falls wir in dieser Medienwelt von Selbständigkeit und Scheinselbständigkeit noch von „Arbeitsplätzen“ reden wollen. Diese Leistungen der Journalisten sollten Oettinger, Merkel & Co. besser schützen, zum Beispiel mit Blick auf die Mehrfach- und Endlosverwertungen unserer Leistungen oder auch hinsichtlich prekärer (werdender) Arbeitswelten. Statt dessen spricht die Kanzlerin in München darüber, dass feste Arbeitsverhältnisse für die nötige Flexibilität in der Branche doch eher hinderlich seien. Tolle Leistung!

Anti-europäisch oder EU-skeptisch?

2.) Sprachkritisch fiel mir in den Tagesthemen vom 13.10. im Beitrag zum Tod von Literaturnobelpreisträger Dario Fo folgender Satz von Korrespondent Richard C. Schneider auf: „In den letzten Jahren schloss er sich der anti-europäischen Fünf-Sterne-Bewegung an“. Das finde ich doppelt überzogen: Fo & Co. hatten die EU gemeint und insbesondere deren Politik sowie Spitzenpersonal. Und „anti-“ scheint mir auch zu schwarz-weiß gemalt und würde als schlichte und schlechte Gegenthese dem Dialektiker Fo kaum gerecht. Warum nicht einfach „EU-kritisch“ oder „EU-skeptisch“ texten? Weil es zu komplex klänge? Wäre schade und dann doch leider wieder ziemlich von oben herab geschrieben. In dem Falle nicht nur auf Fo und seine Mitstreiter hinabgeschaut.

Keineswegs wortlos

1.) Medienkritisch spannend: Texte und Texten bleiben wichtig. Angesichts der hohen Wertschätzung für Video-Beiträge sind die Ergebnisse des Meinungs- und Medienforschungsinstitutes Pew Research (Washington D.C) bemerkenswert, über welche gerade das ebenfalls renommierte Nieman Journalism Lab an der Harvard University berichtet (http://www.niemanlab.org/2016/10/younger-adults-prefer-to-get-their-news-in-text-not-video-according-to-new-data-from-pew-research/Aufruf am 12.10.2016, 13.15 Uhr). Junge Erwachsene (18 bis 29 Jahre alt) scheinen demzufolge weiter (oder wieder) Worte gegenüber Bewegtbild als Nachrichtenmedium nicht nur zu schätzen, sondern sogar zu bevorzugen:

pew_2016

Nur 38 Prozent der jungen Erwachsenen geben an, Videonachrichten zu bevorzugen. 42 Prozent hingegen sagen, sie präferierten Text (meist „natürlich“ online). Immerhin (die restlichen) 19 Prozent ziehen das Hören vor (Radio, Podcast, Audio). Bei der Gesamtbevölkerung hingegen liegt News-Video (TV, Plattformen) mit 46 Prozent vorne, aber eben auch nur mit relativer Mehrheit gegenüber Lesen und Hören. Insgesamt meines Erachtens ein neues Plädoyer für (mehr) Vielfalt bei Produktion und Nutzung von Nachrichten sowie in der professionellen (Aus-)Bildung dafür.

Terrorzugriff in LE?

2.) Sprachkritisch aktuell: Am 10.10. hieß bei n-tv im Ticker-Text (Inserteinblendung) mit Blick auf Meldungen über die Festnahme eines syrischen Verdächtigen: „Terrorzugriff in Leipzig“.

Zwei Fragen – die erste ist einfach zu beantworten: Wenn, dann meinte man sicherlich „Antiterrorzugriff in Leipzig“.

Die zweite ist komplexer: Inwiefern muss hier ständig schon von „Terror“ geredet werden? Das Wort (und sein Wortfeld) ist sehr emotionalisierend und wertend. CNN zum Beispiel schrieb von „explosive suspect“, was im Deutschen mit „Sprengstoff-Verdächtiger“ auch noch nicht sehr lang ist und den Stand der Dinge meines Erachtens besser trifft als „Terror-Verdächtiger“ oder gar „Terrorist“. Wenn Quellen aus deutscher Politik oder Polizei oder Geheimdiensten das hingegen so sagen – o.k., dann sollten wir Journalisten das aber mit Quellenangabe zitieren, wie vor 15 Jahren den vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush erklärten „War on Terror“, also seinen „Antiterrorkrieg“.

Schmäh-Kritik und Einheits-Gegröle?

1.) Medienpolitisch wichtig dieser Tage sicher der Entscheid aus Mainz in Sachen „Schmähkritik und Böhmermann“ (vgl. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/verfahren-gegen-jan-boehmermann-eingestellt-14465948.html; Aufruf am 5.10.2016, 12.30 Uhr): Die Ermittlungen gegen den ZDF-Moderator Jan Böhmermann wegen dessen „Schmähgedichts“ über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan wurden eingestellt. Wie die Staatsanwaltschaft Mainz mitteilte, seien „strafbare Handlungen nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen“. Der TV-Satiriker und Grimme-Preisträger Böhmermann hatte sein Gedicht „Schmähkritik“ Ende März in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ vorgetragen.

Ermächtigung zur Strafverfolgung

Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Verdachts auf Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts ermittelt. Dabei ging es zum einen um den Strafantrag Erdogans wegen Beleidigung nach Paragraph 185 des Strafgesetzbuches. Zum anderen hatte die Bundesregierung ihre – durchaus umstrittene – Ermächtigung zur Strafverfolgung wegen des Vorwurfs der Beleidigung von Vertretern ausländischer Staaten nach Paragraph 103 StGB erteilt (der nun laut Regierung ja abgeschafft werden soll). Parallel dazu soll aber noch eine Privatklage Erdogans gegen Böhmermann am 2. November in Hamburg vor Gericht kommen. Dort dürfte es darum gehten, dass der türkische Präsident anscheinend erreichen will, den gesamten Text verbieten zu lassen. Auf seinen Antrag hatte das Hamburger Landgericht bereits im Mai eine einstweilige Verfügung gegen Böhmermann erlassen. Der ZDF-Moderator darf demnach den größeren Teil seines Gedichts nicht wiederholen.

Insbesondere zeigte sich die Mainzer Staatsanwaltschaft nicht sicher, ob Böhmermann Erdogan vorsätzlich beleidigt habe. Dagegen könnte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft sprechen, dass der Beitrag als Beispiel für eine Überschreitung der Meinungsfreiheit dienen sollte.

Sodomie und Pädophilie?

Mit seinem Gedicht über Erdogan wollte Böhmermann nach eigenen Angaben den Unterschied zwischen in Deutschland erlaubter Satire und verbotener Schmähkritik aufzeigen. Der Text handelt unter anderem von Sex mit Tieren und Kinderpornografie und transportiert außerdem Klischees über Türken.

Daniel Krause, Verteidiger Jan Böhmermanns im Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Mainz, kommentierte: „Die Staatsanwaltschaft hat rechtsstaatlich entschieden und jedem politischen Druck widerstanden. Das verdient Hervorhebung und Respekt.“ Der Rechtsanwalt Christian Schertz, der den Moderator in den vom türkischen Präsidenten angestrengten Zivilverfahren vertritt, kritisierte in seiner Stellungnahme Kanzlerin Merkel: „Anders als etwa die Bundeskanzlerin, die offenbar in Unkenntnis des genauen Sachverhalts ihren Regierungssprecher die satirische Nummer von Herrn Böhmermann sogleich pauschal als ‚bewusst verletzend‘ bewerten ließ, noch dazu gegenüber einer ausländischen Regierung, hat die Staatsanwaltschaft erkannt, dass man das Gedicht nicht solitär betrachten kann, sondern es in dem Gesamtkontext seiner Einbindung beurteilen muss.“

Die Bewertung der künstlerischen Arbeit Böhmermanns durch die Bundeskanzlerin stelle „nicht nur eine Kompetenzüberschreitung und eine nicht hinzunehmende Verletzung der verfassungsmäßigen Gewaltenteilung dar, sondern kam einer öffentlichen Vorverurteilung gleich, die umso schwerer wiegt, als dass sie von der türkischen Regierung als Ermutigung aufgefasst werden konnte, straf- und zivilrechtlich gegen Herrn Böhmermann vorzugehen.“

Sehr positives Echo vielerorten

Die ZDF-Spitze, die im Frühjahr meines Erachtens noch eingeknickt war vor etwaigem politischen Druck, begrüßte nun lautstark die Einstellung der Ermittlungen. „Das ist eine gute Nachricht“, erklärte Intendant Thomas Bellut. Ähnlich äußerte sich Frank Werneke, Mitglied des ZDF-Fernsehrats und stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft Verdi, und ergänzte, es sei ein Fehler der Bundesregierung gewesen, dem Ersuchen der türkischen Regierung zur Strafverfolgung Böhmermanns überhaupt nachgegeben zu haben.

Der Deutsche Journalisten-Verband zeigte sich ebenfalls erfreut. Damit sei „klar, dass in Deutschland die Satirefreiheit einen höheren Stellenwert besitzt als die Ehrpusseligkeit eines Autokraten“, sagte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen erklärte, der Staatsanwaltschaft müsse man danken: „Im Gegensatz zur vorverurteilenden Bundeskanzlerin Merkel verteidigt sie die Kunst- und Pressefreiheit in Deutschland gegen den türkischen Präsidenten Erdogan, einen erklärten Feind der Pressefreiheit.“ Und in der Tat – die türkische Führung hatte erst dieser Tage wieder mehrere TV-Kanäle aus dem Satellitenangebot nehmen lassen, wegen mutmaßlicher Gefährdung der nationalen Sicherheit (siehe http://www.heise.de/tp/artikel/49/49581/1.html, Aufruf am 5.10.2016, 12.37 Uhr)

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im RBB-Inforadio sagte am 3.10.2016 um 13.07 Uhr der live aus Dresden zugeschaltete Reporter Karsten Wolf angesichts von lautstarken und heftigen Protesten gegen Merkel, Gauck & Co. auf dem Weg zum Einheitsfeier-Gottesdienst: „Und diese Leute grölten ihre Parolen“.

Sachlich oder meinungsbetont?

Ich denke, solche Worte könnten in einem Kommentar als meinungsbetonter Darstellungsform fallen – aber kaum in einem informationsbetonten Beitrag. Voltaire (1694-1778), einer der großen Aufklärer, soll ja geäußert haben, er teile bestimmte Meinungen ganz und gar nicht, gäbe aber sogar sein Leben dafür, dass sie geäußert werden könnten. Die Redeweise „Und diese Leute grölten ihre Parolen“ hat auch mit etwaiger journalistischer Einordnung wenig zu tun – es ist eine stark abwertende Äußerung. Natürlich hat laut Artikel 5 Grundgesetz die Meinungsfreiheit auch hierzulande ihre Grenzen, nämlich in den Bestimmungen der entsprechenden Gesetze und insbesondere in den Regeln zum Schutze der Jugend sowie der persönlichen Ehre. Aber solange sich Demonstranten im Rahmen dessen bewegen, was (vielleicht gerade noch) erlaubt zu sein scheint, sollte der Berichterstatter doch versuchen, relativ sachlich zu bleiben. Und nicht zugleich „Scharfrichter“ sein wollen.
Das heißt nun, dialektisch betrachtet, überhaupt nicht, dass die Damen und Herren Petry und Meuthen, Gauland und Höcke etc. in mittlerweile gefühlt jeder Talkshow etc. gehypt werden müssten. Wir Journalisten sollten einfach professionell-distanziert mit ihnen umgehen – das heißt prinzipiell auf Augenhöhe (wie mit allen Menschen) und nicht weiterhin ziemlich von oben herab.

Drohender Austritt, drohendes Scheitern?

1.) Der Potsdamer Marik Roeder alias „Dark Viktory“ hat für sein Internet-Newsformat „BrainFed“ im Animationsstil den Publikumspreis des Grimme Online Award 2016 erhalten. Die Jury erklärte, der Mann und seine Redaktion lieferten damit für Jugendliche sehr gut aufbereitete Hintergrundinformationen zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen (vgl.http://www.pnn.de/potsdam/1090046/; Aufruf am 7.7.2016, 10.30 Uhr). Roeder hat auf YouTube derzeit seit seinem Aktivwerden 2009 genau 607.458 Abonnenten und 70.673.022 Aufrufe. Mit den etwa zweiwöchentlich erscheinenden Beiträgen zu „BrainFed“ von rund drei Minuten Länge erreicht er jeweils etwa 100.000 Aufrufe.
Frage aber: Ist das Journalismus? Also möglichst unabhängig von Interessen Dritter (Wirtschaft, Politik etc.)?

„BrainFed“ wird, wie auch im Abspann zu sehen ist, von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützt. Diese ist eine nachgeordnete Behörde des Bundesinnenministeriums. Okay, warum nicht, oder?

Ein Beispiel, das mir schnell auffiel: Im „BrainFed“-Beitrag vom 21.6. ging es um das damals gerade bevorstehende Referendum der Briten zur EU (https://www.youtube.com/watch?v=QiS0WHq7cPQ&list=PLWHmptl7dh-U1-mQNP07yCBfQ4GUQHYui&index=2, Aufruf am 7.7.2016, 10.45 Uhr).

Briten_alt

Briten_jung

Und wie das Leben so spielt: die mutmaßlichen „Brexit“-Unterstützer werden als alte, eher dumme Griesgrame dargestellt, die EU-Unterstützer hingegen als nette, ziemlich schlaue Nachwuchskräfte. Hätte Thomas de Maiziere nicht besser sagen können, geschweige denn filmisch so gut herübergebracht. Also – Journalismus oder Auftragskommunikation?

2.) Und jetzt droht hier die nächste Sprachkritik – schlimm:
„Ceta-Handelsabkommen droht zu scheitern“, titeln dieser Tage viele Medien, zum Beispiel der Weser-Kurier (http://www.weser-kurier.de/startseite_artikel,-Ceta-Handelsabkommen-droht-zu-scheitern-_arid,1412873.html, Aufruf am 7.7.2016, 10.55 Uhr). Nein, ich denke, das „droht“ nicht. Zumindest sollte es das nicht tun, in einer informationsbetonten, also objektivierenden Schlagzeile. Das Scheitern könnte bevorstehen oder wahrscheinlicher werden oder eben passieren – aber „drohen“ kaum. Es sei denn, man bewertet dieses etwaige Scheitern sehr negativ, wie einen drohenden Tsunami oder eine drohende Unwetterfront. „Drohen“ können per Definition nur ganz klar schlechte Ereignisse oder Entwicklungen. Deswegen sind solche Nachrichten-Überschriften ziemlich sicher eines: bewusste oder unbewusste Kommentare aus den Medienhäusern.