Vermeintliche Spielverderber

„Wer glaubt uns noch?“ fragen viele maßgebliche Journalisten hierzulande, anscheinend (sic!) verzweifelt. In der „Zeit“ gedruckt und online steht Ende Juni 2015 als letzter Satz der Zusammenfassung einer eigens von dem Blatt in Auftrag gegebenen Umfrage: „Jeder zehnte der Befragten bemängelte außerdem die vermeintlich fehlende Unabhängigkeit der Medien“. (vgl. http://www.xing-news.com/reader/news/articles/71759?xng_share_origin=email, letzter Aufruf am 27.6.2015, 20.49 Uhr)

Dieser meines Erachtens nur scheinbare Sprachfehler mit dem Wort „vermeintlich“ führt in den Kern der inhaltlichen Debatten:

„Vermeintlich“ bedeutet ja, es sei falsch, was da von manchen Nutzern angenommen wird (also dass wichtige Medien hierzulande nicht „unabhängig“ seien). Wenn die hier Beteiligten bei der „Zeit“ die Nutzerkritik aber ernst nähmen (ínhaltlich UND sprachlich), dann sollten sie schreiben: „(…) die angeblich fehlende Unabhängigkeit der Medien“. Denn damit würden sie ihre Position in diesem offenbar informationsbetont sein sollenden Artikel relativ offen lassen. So aber bewerten diese Journalisten (leider) die Sichtweise jener Kritiker von vornherein als falsch. Und das ist zumindest schade, meine ich.

2.) Im ARD-Brennpunkt im Ersten am 27.6. 2015 um 20.20 Uhr gibt die Moderatorin Ellen Ehni ihrem Gesprächspartner das Stichwort: Der griechische Ministerpräsident Tsipras habe sich ja nun (mit seiner Ankündigung eines Referendums) als „Spielverderber“ erwiesen, worauf Martin Schulz, der Präsident des Europäischen Parlamentes, nur noch wie ein gut angespielter Fußballstürmer „einzunicken“ braucht: Zumindest sei damit erneut klar geworden, dass Tsipras jedenfalls ein „Spieler“ sei. Dürfen wir das kommunizierende Röhren nennen, oder Selbstinduktion? Polemisch ließe sich sagen: Wer solche Journalisten hat, braucht keine Pressesprecher mehr. Oder andersherum: Man könnte sich eher wundern, wieviel solchem „Journalismus“ immer noch geglaubt wird. Wenn der interessierte Machtpolitiker Schulz als Versachlicher und Instanz von Objektivierung erscheint – dann haben wir es (nur noch und leider, leider) vermeintlich mit Journalismus zu tun.

Helfen und Geld geben ist seliger als nehmen, oder?

1.) Die Sprache mit Blick auf die Griechenland-EU-Euro-Krise verdient immer wieder genaues Hinschauen: In den meisten Medien ist fast ständig die Rede von „Geldgebern“ und „Hilfsprogrammen“ – siehe hier aktuell in der FAZ (http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/hilfsprogramm-verlaengerung-fuer-griechenland-bis-maerz-2016-13637140.html, Aufruf am 10.6.2015, 12.51 Uhr).

Wenn das so einfach wäre, warum nehmen „die Griechen“ die Gaben dann nicht einfach und endlich an? Gemeint ist die derzeitige, demokratisch gewählte griechische Regierung, und wir dürfen vermuten, dass es zumindest aus deren Sicht nicht schlicht um Geschenke von großzügigen Gönnern geht. Warum sagen dann Journalisten hierzulande nicht „Kreditverleiher“ statt „Geldgeber“ und ganz kurz „Programme“ statt „Hilfsprogramme“? Weil das in den PR-Texten der Spitzenvertreter von EU-Kommission, EZB, IWF oder deutscher Bundesregierung schon so schön steht? Mag sein, aber das muss keine Lizenz zum Copy-and-Paste bedeuten. Dann müssen wir auch nicht die verlangten (Worte wie) „Mehrwertsteuerreform“ und „Rentenreform“ nachbeten, sondern können in jenen Fällen ganz konkret sagen: Die Kreditanbieter fordern in Griechenland u.a. eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und eine Senkung der Renten und des Rentenniveaus. Okay, das klingt jetzt vielleicht nicht unbedingt so positiv. Aber sollen professionelle Journalisten positiv klingen? Oder doch eher objektivierend und transparent?

2.) Sprachkritisch betrachtet (die Griechen mögen sagen: „Per Kaleidoskop“ – also „schöne Formen sehen im anderen Licht“ – vielen Dank für dieses schöne Wort, liebe Griechen!), ist es übrigens spannend, dass und warum sich Seele und selig so verschieden schreiben. Das Wort „Seele“ bedeutet laut Duden online vor allem eine „Gesamtheit dessen, was das Fühlen, Empfinden, Denken eines Menschen ausmacht; Psyche“ und stamme ab vom Mittelhochdeutschen „sēle, althochdeutsch sē(u)la, wahrscheinlich zu See und eigentlich = die zum See Gehörende; nach germanischer Vorstellung wohnten die Seelen der Ungeborenen und Toten im Wasser“. Das entsprechende Adjektiv lautet „seelisch“ wie bei „seelischen Problemen“ etc. „Selig“ hingegen heißt derselben Quelle zufolge „von allen irdischen Übeln erlöst und des ewigen Lebens, der himmlischen Wonnen teilhaftig“, wortgeschichtlich (etymologisch) wahrscheinlich herkommend vom Mittelhochdeutschen „sælec, althochdeutsch sālīg, eigentlich = wohlgeartet, gut, glücklich“, wobei auch der Duden hier verkündet: genaue „Herkunft ungeklärt“. Nicht ohne Grund erscheint mir dieses doch etwas „seelenverwandte“ Wortpaar als Kandidat für einen (oder zwei) der ganz vorderen Plätze in der offiziellen Duden-Hitliste der „rechtschreiblich schwierigen Wörter“ (Aufruf Duden online am 10.6.2015, 13.38 Uhr).

Binde-Striche?

Sollen wir im Redaktionsalltag schreiben: „Schusswaffengebrauch“? Oder aber „Schusswaffen-Gebrauch“? Oder doch lieber „Schuss-Waffengebrauch“? Oder gar „Schuss-Waffen-Gebrauch“?

Der Duden orientierte 2006 wie folgt: (http://www.duden.de/sprachwissen/newsletter/duden-newsletter-vom-06-10-06, Aufruf am 14.4.2015, 15.20 Uhr.)

(Zitat Anfang) Auch wenn man sie oft zu sehen bzw. zu lesen bekommt, ist die Getrenntschreibung solcher Zusammensetzungen nach wie vor nicht korrekt. Ist das neu entstandene Wort unübersichtlich und damit nicht so gut lesbar, kann man allerdings einen Bindestrich zwischen beide Bestandteile setzen, durchaus sinnvoll z. B. bei Video-Installation oder Lotto-Annahmestelle wegen des Aufeinandertreffens mehrerer Vokale. Sinnvoll kann der Bindestrich auch sein, wenn Fremdwörter oder Eigennamen zum Grundwort treten wie bei Apollo-Raumschiff oder Assessment-Center. So wäre neben dem Hairstudio auch das Hair-Studio möglich. Die meisten Komposita wie beispielsweise Videotechnik, Technologietransfer oder Hautcreme können jedoch sehr gut auf den Bindestrich verzichten. (Zitat Ende).

Die Bedeutung eines Wortes sei dessen Gebrauch, hatte ganz pragmatisch der späte Ludwig Wittgenstein (1889 bis 1951) formuliert. Die beste oder „richtigste“ Formulierung nützt also wenig bis nichts, wenn sie nicht verstanden wird, wenn sie nicht kommunikativ gelingt. Das soll im Sinne der Regelwerke nicht Beliebigkeit heißen, aber hier darauf verweisen, dass es bei zusammengesetzten Wörtern, Komposita, immer auch um die Lesbarkeit geht, da sich das Lesen ja wiederum und weiter dynamisiert. Deshalb dürften Bildungsbürger rechtschreiblich eher zur „Schusswaffengebrauchsordnung“ tendieren (um im obigen Beispiel zu bleiben), während Boulevardaffine mehr zur „Schuss-Waffe“ neigen mögen. Kann sich ergänzend klappen. Und ist ja im Unterschied zu gemeintem Vorgang keine Frage von Leben und Tod.

Spaniens Medienfreiheit verblüht?

1.) Kämpft die Medienfreiheit in Spanien derzeit gegen Windmühlenflügel? Also einen aussichtslosen (oder auch nur eingebildeten) Kampf wie der legendäre Don Quichote? Das Land bleibt wirtschaftlich und politisch tief in der Krise, und in den hauptsächlichen Medien scheint es vor allem um Erhaltung von Macht und Pfründen zu gehen (siehe u.a. http://www.taz.de/!157923/, Aufruf am 15.4.2015 um 19.45 Uhr).

Zwei Wochen hatte es gedauert, bis der spanische TV-Moderator Jesús Cintora auf dem Kurznachrichtendienst Twitter erste Worte fand. „Ihr wisst, dass sie beschlossen haben, dass ich nicht weitermache. Es ist nicht leicht, aber ich lass mich nicht unterkriegen“, lautete die Nachricht Cintoras an seine Fans, nachdem er zur Osterwoche als Moderator der allmorgendlichen Politiktalkshow im Privatsender Cuatro abgesetzt worden war. Betreiber Mediaset begründete dies mit dem „klaren Ziel, die Zuschauer mit Pluralismus zu informieren, mit Moderatoren, die die Informationen objektiv darstellen“. Mediaset gilt als eine Fernseh-Sendergruppe, die vom späteren italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi gegründet wurde. Die Mediengruppe Mediaset ist eingebettet in die Fininvest-Holding, an der die Familie Berlusconi knapp 51 Prozent hält und die in Italien (auch ein kriselndes Euro-Land) und in Spanien als sehr einflussreich angesehen wird. Der deutschen „taz“ erscheint dies als Chronik eines angekündigten Todes. Cintora war vielen zu kritisch. Er überging kaum einen Fehltritt der regierenden konservativen Partido Popular (PP) unter Ministerpräsident Mariano Rajoy. Seine Gäste debattierten über die tiefe Krise des Zweiparteiensystems aus Konservativen und Sozialdemokraten, das Spanien seit Ende der Diktatur regiert. Berichte über Opfer der Kürzungspolitik fehlten nicht. Cintora ließ auch Vertreter der neuen Protestpartei Podemos (Wir können) zu Wort kommen, die in Umfragen seit einigen Monaten sogar vorne liegt. Dem Fernsehmoderator wurden gute Beziehungen zu deren Gründer Pablo Iglesias nachgesagt. Ironie der Geschichte: Das Ganze war betriebswirtschaftlich erfolgreich: In Cintoras zwei Jahren bei „Las manañas de Cuatro“ verdoppelte sich der Marktanteil von sechs Prozent auf über 13 Prozent. Seine Nachrichtenshow war oft das meistgesehene Programm am Morgen.

Das Problem der stark eingeschränkten Medienfreiheit in einem tradierten EU- und Euroland wird deutlich, wenn man sieht, dass auch die öffentlichen Rundfunkmedien und die Presse in Spanien bis hin zur (einst) linksliberalen „El Pais“ auf Linie gebracht zu werden scheinen. Viele als kritisch oder links geltende Journalisten wurden in den vergangenen Wochen und Monaten abgesetzt. Doch nicht nur auf Internetplattformen regt sich durchaus und massenhaft Protest: Vor einigen Tagen demonstrierten Dutzende in Madrid mit einem Hologramm am Parlament gegen das, was sie auch in Form neuer Gesetze als Abbau von demokratischen Rechten wahrnehmen. Im Herbst dieses Jahres stehen in Spanien Parlamentswahlen im Zeichenb politischer Umbrüche an, und dabei muss es trotz der Krise keinen „Rechtsruck“ geben.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Die Potsdamer MAZ hatte am 13.12.2014 auf Seite 17 mit der Überschrift zum Thema „Flughafen BER“ aufgewartet: „Erste Flieger heben schon im Mai 2015 ab“. „Schon“ ist sicherlich sehr gut formuliert, das hätte die Pressestelle vom BER nicht besser sagen können. „Flieger“ finde ich aber ebenfalls nicht „alternativlos“: Ich ziehe das Wort „Flugzeuge“ vor, weil es kaum länger, aber dafür exakter ist: „Flieger“ können auch Piloten etc. sein. Sieht der Duden übrigens ganz ähnlich und hält „Flugzeug“ für die primäre und zumindest elegantere Variante (http://www.duden.de/rechtschreibung/Flugzeug, Aufruf am 15.4.2015, 20.28 Uhr)

Varoufake – in den Mund gelegt, aus den Fingern gesogen?

Die Redaktionen von „Jauch“ und „Bild“ wollten offenbar vorführen. Und dürften, so oder so, vorgeführt worden sein:

Link zum Böhmermann-Beitrag auf YouTube

Es erscheint mir zwar spannend, aber letztlich zweitrangig, ob der Videoausschnitt „echt“ ist.

Viel wichtiger ist zweierlei: Selbst wenn „der Grieche“ den Stinkefinger gezeigt haben sollte, dann bleibt anzumerken:

1.) Es ist eine, gelinde gesagt, Über-Vereinfachung, den Konflikt um Griechenlands Verschuldung auf solch einen emotionalen und persönlichen Aspekt zu reduzieren (vielleicht meinten die Redaktionen, den Konflikt so „auf den Punkt zu bringen“).

2.) Und es ist, vorsichtig formuliert, die nächste Über-Vereinfachung, diese Einstellungen so aus dem Kontext zu reißen, dass nicht deutlich wird, dass „der Grieche“ ja wohl gesagt hatte, es gehe NICHT, einfach mit dem Finger gegen Deutschland zu zeigen. Also so ziemlich das Gegenteil von dem gesagt (und vielleicht auch gezeigt) hatte, was „die Deutschen“ (Jauch und Bild) ihm in den Mund legten (und – sich – aus den Fingern sogen).

Keine schlechten Aussichten ….

Von Sebastian Köhler

Positive Beispiele greift unser sprachkritisches Kaleidoskop ja auch gerne auf (wenn auch leider eher selten ….):

Am Mittwoch, 11.2.2015, hieß es bei „Tagesschau24″ in Wort und Text: „GDL stellt neue Streiks in Aussicht“. Die ARD-Aktuell-Redaktion als lernender Organismus.
Nicht das so klar negativ wertende „droht“ (wie ja auch Erdbeben, Seuchen, Weltuntergang etc.), sondern diese sachliche und durchaus elegante Formulierung. Wie mensch das dann findet, ob schlecht, gut, unentschieden oder noch ganz anders, sei uns allen selbst überlassen. Denn der „böseste“ Streik mag ja, im Unterschied zu Grippe-Epidemien o.ä., für die menschliche Gesellschaft durchaus nicht bloß „schlecht“ sein. Das nur mal so in Aussicht gestellt ….

Mit ein WhatsApp ….

1.) Zweiter Weltkrieg auf „WhatsApp“? Die Redaktion der Zeitung „Heilbronner Stimme“ arbeitet zu einem speziellen Jahrestag mit neuen Print- und Online-Formaten und setzt dabei auch den Kurznachrichtendienst WhatsApp ein (http://kress.de/mail/tagesdienst/detail/beitrag/128935-zum-jahrestag-der-bombadierung-der-stadt-heilbronner-stimme-lockt-junge-leser-mit-whatsapp.html – Aufruf am 3.12.2014, 19.05 Uhr). Vor 70 Jahren erlebte Heilbronn einen der schlimmsten Tage der Stadtgeschichte. Am 4. Dezember 1944 warfen britische Kampfflugzeuge fast 250.000 Bomben über der Stadt ab.

Die „Heilbronner Stimme“ stellte sich die Frage, wie man die Erinnerung daran wach halten und das Thema 70 Jahre danach begreifbar machen kann. Und wie man damit junge Menschen erreicht. Ich frage mich freilich, ob man damit die Ursachen für den Krieg besser verstehen oder gar begreifen kann.

Beim Blatt wird zusätzlich zur ausführlichen Berichterstattung in der Zeitung ab dem 4. Dezember auf „Stimme.de“ ein interaktives Video zu sehen sein. Es zeigt in sechs Kapiteln den Ablauf der „Operation Sawfish“ – so nannte die britische Royal Air Force den verheerenden Luftangriff auf Heilbronn. Die Onlineredaktion hat das Web-Projekt gemeinsam mit Grafikern und Programmierern entwickelt. Recherchiert haben die Redakteure dafür in Archiven, bei Zeitzeugen und bei Militärexperten.

Neben dem Video nutzt die „Heilbronner Stimme“ – Auflage derzeit rund 84.000 Printexemplare – am 4. Dezember ein weiteres neues Format: Die Redakteure erzählen die Geschichte der Bombennacht zusätzlich mit einer historischen Chronik beim Kurznachrichtendienst WhatsApp. Angemeldete Nutzer erhalten am 4. Dezember, zum Zeitpunkt des Angriffs vor 70 Jahren, kurze Texte, Fotos und Grafiken zur Bombardierung. „Wir wollen damit am Abend des Jahrestages die Erinnerung wach halten und die Menschen unmittelbar erreichen – auf allen Kanälen. Der Ansturm auf die Registrierungen macht deutlich, dass wir damit den Nerv der Leser und User getroffen haben“, sagt Chefredakteur Uwe Ralf Heer. Hintergrund: Tilmann Distelbarth, Verleger der „Heilbronner Stimme“, hat in diesem Jahr bereits ein positives Zwischenfazit zur Digitalstrategie des Hauses gezogen.

2.) Im RBB-Inforadio wurde am Vormittag des 3.12.2014 vermeldet: „Diese Bemühungen der Konzerleitung (der Lufthansa um die Gründung weiterer Billig-Airlines, SeK) sind mit ein Grund für die Streiks der Piloten“. „Mit ein Grund“ ist „doppelt gemoppelt“: Entweder sind sie der einzige Grund, dann können wir sagen: „der Grund“ oder ganz ohne Artikel „Grund“. Oder es scheint noch andere Gründe zu geben – dann wären die erwähnten Bemühungen „ein Grund“ für die Streiks.

Rassenunruhen? Rassismus 2.0!

1.) Bloggerinnen und Blogger als „Fünfte Gewalt“? Der Journalist Richard Gutjahr ist einer vom Team der „Krautreporter“ und hat dort gerade einen Beitrag veröffentlicht über das Zusammenwirken von Netznutzern und Journalisten beim „Fall“ der CSU-Politikerin Christine Haderthauer (https://krautreporter.de/171–die-funfte-gewalt, Aufruft am 26.11.2014, 18.43 Uhr). Gutjahr bilanziert: „Es scheint, als hat sich etwas verändert im Machtgefüge der Republik. Etablierte Netzwerke aus Politikern auf der einen Seite und Journalisten auf der anderen Seite treffen auf eine Phalanx digitaler, gut vernetzter Bürger. Blogger, Netzaktivisten und Bürgerjournalisten als Kontrolleure der Kontrolleure – eine neue, Fünfte Gewalt im Lande?“ Kritisch bleibt hier einzuwenden, dass die großen Konzerne, die organisierten wirtschaftlichen Interessen bei diesem klassisch-bürgerlichen Modell von Gewaltenteilung seit je „außen vor“ bleiben, als „Privatsache“ (ein zuständiger FDP-Minister namens Günter Rexrodt hatte das einst auf den neo-liberalen Punkt gebracht: Wirtschaft finde in der Wirtschaft statt). Doch immerhin bewegt sich manches auf den tradiert öffentlichen Gebieten von Politik, Justiz und Medien, den Gewalten Eins bis Vier: Der von Gutjahr befragte Journalist der Süddeutschen Zeitung, Dietrich Mittler, sieht in den Amateuren weit mehr als nur reine Tippgeber: „Jeder Blogger ist für sich eine eigene kleine Zeitung“, sagt er. „Jeder, der mit einer Information als Erster auf den Markt kommt, steht mit seiner Marke für sich. Andere Medien greifen das auf, recherchieren und kommen zu neuen Ergebnissen, von denen wiederum der Blogger profitieren kann.“ Und der ebenfalls am „Fall Haderthauer“ beteiligte freie Journalist Helmut Reister (laut dem „investigativer Journalismus“ eine Tautologie ist) ergänzt: „Früher hingen wir alle überwiegend am Tropf der Nachrichtenagenturen“. Durch das Web gebe es heute unendlich viel Material. Dadurch gehe aber auch Vieles unter. Die Leute im Netz beobachten die Medien, helfen den Journalisten aber auch, diese neue Informationsflut zu bewältigen. Wenn er an die Print-vs.-Online-Diskussionen denke, die gerade beim Stern oder beim Spiegel geführt würden, das seien Prozesse, die hätten schon vor zehn Jahren stattfinden müssen. „Print oder Digital, Profis oder Amateure, wen kümmert das?“, so der 60-Jährige. Das gehöre alles zusammen, das sei eine Einheit. „Anders geht’s doch heute gar nicht mehr!“. Journalismus lässt sich mit Blick auf dieses Beispiel und seine Publikationsformen tendenziell von den etablierten Medien unterscheiden – wofür die „Krautreporter“ mit ihrem Modell der Ressourcen-Gewinnung über ihre Nutzer – bei allen Problemen und Überschneidungen mit eben jenen traditionellen Medienhäusern – kein schlechtes Beispiel zu sein scheinen.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop. In der „Tagesschau“ der ARD lief am Dienstag, 25.11., von morgens bis abends der Hauptbericht über die Zusammenstöße in Ferguson mit derselben Sprachregelung: „die schwersten Rassenunruhen seit Jahrzehnten“. Es gab dazu im Netz auch auf der Tagesschau-Seite kritische Kommentare, aber am Textbaustein „Rassenunruhen“ änderte sich nichts. Der Focus sprach online von „Rasse-Unruhen“ (http://www.focus.de/panorama/welt/fotostrecke-fall-michael-brown-rasseunruhen-gewalt-protest_id_4292461.html, Aufruf 25.11., 16.30 Uhr).

Ein erster Blick in die für solche Zwecke sicher sinnvolle „Wikipedia“-Online-Enzyklopädie zeigt (http://de.wikipedia.org/wiki/Rassentheorie, Aufruf am 26.11.2014, 17.41 Uhr): Wer heutzutage und zumal als Medienrprofi noch oder wieder von „Rassenunruhen“ spricht und damit die Existenz von (zumindest zwei unterscheidbaren) menschlichen Rassen voraussetzt, muss sich Vorwürfe des Rassismus gefallen lassen.

Wortlaut Wikipedia: „In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute weder in Rassen noch in Unterarten unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen seit den 1970er Jahren haben gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen innerhalb einer geographischen Population zu finden ist. Die Einteilung des Menschen in biologische Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft.“

Gibt es also „Rassismus“ ohne die Existenz von Rassen? Ich denke, ja, und zwar sowohl auf wirtschaftlicher, politischer, juristischer oder auch medialer Ebene. Menschengruppen (oder genauer: Schichten und Klassen in Gesellschaften) werden für höher- oder minderwertig gehalten, und zwar sowohl in der Fremd- als auch in der Selbstwahrnehmung. Am einfachsten geht das „natürlich“ entlang äußerer Merkmale, also im Wortsinne oberflächlich. Auch wenn sich eher dunkel- oder mehr hellhäutige Menschen sogar selber als „Schwarze“ und „Weiße“ bezeichnen, rate ich im Sinne von Objektvierung und Sachlichkeit entschieden zu den etwas längeren Termini aus dem ersten Teil des Satzes. Denn wer ist schon wahrhaft „weiß“ oder „schwarz“ von der Hautfarbe her? Und einen Schritt weiter gedacht: Was und wem nützen die damit oft verbundenen Stereotypisierungen? Wie schon Einstein gesagt haben soll – man mache die Dinge so einfach wie möglich. Aber bitte nicht noch einfacher.

Im Zweifel pro Verdacht – und doppelt zusammenaddiert hält besser

1.) Zur aktuellen Viertel-Stunde: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat die journalistische Medienfreiheit bei der sogenannten Verdachtsberichterstattung gestärkt, wie unter anderem die Nachrichtenagentur Reuters meldete. Der BGH entschied am 18.11.2014 in Karlsruhe, dass das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ keine nachträgliche „Richtigstellung“ zu einem Verdachtsbericht über angebliche Verfehlungen eines früheren Spitzen-Juristen der HSH Nordbank veröffentlichen muss. Da der Verdacht inzwischen ausgeräumt sei, könne vom „Spiegel“ allerdings ein „Nachtrag“ verlangt werden, dass nach Klärung des Sachverhalts der berichtete Verdacht nicht mehr aufrechterhalten werde, urteilte das Gericht. (Az. VI ZR 76/14).

In dem „Spiegel“-Bericht aus dem Jahr 2010 ging es um den Verdacht, der Ex-Chefjustiziar der HSH Nordbank, Wolfgang Gößmann, habe bei angeblichen Abhörmaßnahmen gegen ein früheres HSH-Vorstandsmitglied mitgewirkt. Gerichtlich ist inzwischen festgestellt, dass dieser Verdacht unberechtigt war. Gößmann hatte daher eine „Richtigstellung“ vom „Spiegel“ gefordert, die das Magazin jedoch ablehnte. Vor dem Oberlandesgericht Hamburg hatte Gößmann Recht bekommen. Dieses Urteil hob der BGH nun auf und erklärte, dass die Verdachtsberichterstattung des „Spiegel“ zum Zeitpunkt der Veröffentlichung rechtmäßig gewesen sei. Der Fall wurde an das OLG Hamburg zurückverwiesen.

Ein Presseorgan könne „nicht verpflichtet werden, sich nach einer rechtmäßigen Verdachtsberichterstattung selbst ins Unrecht zu setzen“, begründete der 6. Zivilsenat des BGH seine Entscheidung. Ein Betroffener könne bei späterer Ausräumung des Verdachts „nicht die Richtigstellung der ursprünglichen Berichterstattung verlangen“. Dies ergebe die Abwägung zwischen seinem Persönlichkeitsrecht und dem Recht journalistischer Medien auf Meinungsfreiheit.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Klar, es gibt Apfelschimmel. Dennoch wird in der Regel nicht von „weißen Schimmeln“ geredet, also möglichst nicht unbewusst tautologisch. Die Bundeskanzlerin scheint das ausnahmsweise nicht „alternativlos“ zu finden, denn sie äußerte in Australien in einer Rede auf dem G20-Gipfel: „Die größte Gefahr ist, dass wir uns auseinanderdividieren lassen“. Das sagte Angela Merkel angesichts unterschiedlicher Meinungen über mögliche Reaktionen westlicher Regierungen auf das Verhalten der russischen Führung in der Ukraine-Krise (vgl. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/angela-merkel-kritisiert-putins-vorgehen-im-ukraine-konflikt-13270007.html, Aufruf am 19.11.2014, 21.48 Uhr). „Auseinanderdividieren“ ist natürlich ein super-wissenschaftlich klingendes Wort, zumal aus dem Munde der promovierten Physikerin. Aber heißt „Dividieren“ nicht schon Zer-Teilen oder Auseinanderlegen? Vielleicht soll ja aus ihrer Sicht gegenüber Putin (ja, sie dürfte weiterhin auch sehr, sehr gut Russisch sprechen) gelten: Doppelt (zusammenaddiert) hält besser.

Spitz oder Spitze?

1.) Der deutsche und digitale Ableger des „Wall Street Journal“ soll Ende 2014 geschlossen werden. Das Medium gehört über das Unternehmen Dow Jones zur „News Corporation“ des Rupert Murdoch, einem der weltweit umfassendsten Medienkonglomerate (21th Century Fox etc.). Das „WSJ“ gilt auch online in den USA als relativ erfolgreich und wurde nicht zuletzt deshalb ab Januar 2012 auch in Deutschland an den Start gebracht (vgl. http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/128651-zwei-jahre-nach-dem-start-wall-street-journal-deutschland-wird-eingestellt.html, Aufruf am 12.11.2014, 21.31 Uhr). Mit dem erklärten Ziel, gegen die Konkurrenz von Handelsblatt oder FTD zum „führenden Anbieter von internationalen Finanz- und Wirtschaftsnachrichten für deutsche Leser aus dem professionellen Umfeld“ zu werden. Der Plan ging offenbar nicht auf. 50-60 Mitarbeiter sind betroffen. Trotz oder wegen der Größe und Marktmacht des Dachkonzerns?

2.) In einem Nachrichtenagentur-Text dieser Tage findet sich die Formulierung „spitz auf Knopf“ als Umschreibung für „ganz eng“. Diese aus dem Süddeutschen stammende Redewendung muss aber laut Duden (http://www.duden.de/rechtschreibung/Spitz#Bedeutung4b, Aufruf am 12.11.2014, 21.38 Uhr) anders geschrieben werden: „auf Spitz und Knopf/Spitz auf Knopf stehen (süddeutsch: auf Messers Schneide stehen; wohl zu Spitze 1a = Degen-, Schwertspitze und Knopf in der Bedeutung »Knauf des Degens, Schwertes«)“. Zwei Substantive also, die verbunden sind – zwei Enden der Waffe eben. Redewendungen im Text – gut und schön. Aber noch besser, wenn sie richtig geschrieben sind. was oft durch die Wortgeschichte – die Etymologie – erhellt werden kann.