Fake-Reportagen aus der Mitte des Stromes

„An einem späten Januarabend, der Himmel über Joplin, Missouri, ist ohne Mond, verlässt eine kleine zierliche Frau ihr Haus, um einen Mann, den sie nicht kennt, sterben zu sehen. Sie verriegelt die Tür, dreht den Schlüssel dreimal um, dann geht sie eine menschenleere Straße entlang, zum Busbahnhof. Sie besorgt sich ein Greyhound-Ticket für 141 Dollar nach Huntsville, Texas, und zurück. Sie hat nur eine Handtasche und einen leichten Rucksack mit einer Bibel, einer Zahnbürste und ein paar Keksen als Proviant dabei. Gayle Gladdis, 59, eine Frau mit schulterlangem Haar und Perlenohrringen, plant, nicht länger als 48 Stunden unterwegs zu sein, um das Böse aus der Welt zu schaffen.“

Ein typischer Einstieg in einen Spiegeltext, der wohl eine Reportage sein soll. Wie so oft mittels „szenischer Rekonstruktion“. Erschienen im Spiegel am 3.3.2018 und so richtig bekannt geworden dann ab dem 19.12.2018 (Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-wie-das-spiegel-sicherungssystem-an-grenzen-stiess-a-1244593.html, Aufruf 19.12.2018, 20.33 Uhr).
Denn der Text stammt von Claas Relotius und soll die US-Amerikanerin Gayle Gladdis beschreiben, die durch die USA reist, um dabei zuzusehen, wie Menschen durch Giftspritzen von Staats wegen hingerichtet werden. Die Spiegelführung schreibt dazu: „Gayle Gladdis, so sagt es zumindest Relotius, gibt es. Aber Relotius hat sie nur einmal getroffen, für 20 Minuten vor dem Gericht, in dem die Hinrichtung stattfindet. Er war nie bei ihr zu Hause, die Einstiegsszene an der Haustür hat er erfunden, wohl auch ihre Biografie.“

So weit, so schlecht. Aber ist es nicht fragwürdig, den sich jetzt abzeichnenden Skandal um mutmaßlich viele gefälschte Reportagen und andere Beiträge im Spiegel auf etwaige Persönlichkeitsdefizite des bisherigen Star-Reporters Relotius zu reduzieren? Wäre das nicht billiges Sündenbock-Bashing?

Der designierte Print-Chefredakteur Ullrich Fichtner wird zitiert (Quelle: https://meedia.de/2018/12/19/der-eine-getuerkte-text-zuviel-spiegel-trennt-sich-von-reporterpreis-traeger-claas-relotius-wegen-betrugsverdacht/ Aufruf 19.12.2018, 21.45 Uhr) und macht wohl nolens volens einige der Strukturprobleme deutlich, die auch (und vielleicht gerade) ein so etabliertes Medium wie den „Spiegel“ zu betreffen scheinen:

„Als Redakteur, als Ressortleiter, der solche Texte frisch (frisch? Sind wir hier an der „Frischetheke“? SeK) bekommt, spürt man (also er, SeK) zuerst nicht Zweifeln nach (zweifellos eine effiziente Einstellung, SeK), sondern freut sich über die gute Ware (in der Tat: Es geht um Warenproduktion wie im ganz ordinären Kapitalismus. Offenbar möglichst billig und schnell – und dennoch gut erscheinend, SeK). Es geht um eine Beurteilung nach handwerklichen Kriterien (welche immer das auch sein mögen, SeK), um Dramaturgie (Drama sells, SeK), um stimmige Sprachbilder (das lesen wir jetzt immer wieder: Diese Text seien so elegant, geradezu suggestiv gut geschrieben, das spreche einfach für sich, SeK), es geht nicht um die Frage: Stimmt das alles überhaupt? (Klar, Fake News machen ja immer die anderen – also die Bösen da draußen, SeK). Und dieser Relotius liefert immer wieder hervorragende Geschichten (märchenhaft glaubwürdig sozusagen, SeK), die wenig Arbeit (das erhöht Umsatz und Gewinn, SeK) und viel Freude (Entertainment wollen die Leute haben! SeK) machen.“

Ich finde, dieser Text vom künftigen Text-Chef des „Spiegel“ kann deutlich machen, dass in gewisser Weise „der Fisch vom Kopf stinkt“. Also von den Strukturen her. Hauptsache, die Fassade stimmt. Dahinter verbirgt sich meines Erachtens eine explosive Mischung von Selbstüberschätzung und struktureller Überforderung. Auch beim „Spiegel“ bräuchte es mehr und bessere Ressourcen, aber auch mehr Selbstkritik, um dem tendenziellen Durchwinken von nicht-journalistischen Beiträgen (seien es Fake-Reportagen, seien es PR-lastige Texte) zumindest entgegenwirken zu können. Solange Strukturprobleme wichtiger Medien aber auf kranke oder auch böse Einzeltäter (Michael Born, Tom Kummer, Jason Blair, Claas Relotius) abgewälzt werden, wird die Show weitergehen – aber eher als Koloss auf tönernen Füßen. Besserer Journalismus ginge anders!

l2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Der bereits erwähnte Ullrich Fichtner, künftiger Text-Chef des „Spiegel“, wird nochmals zitiert (https://meedia.de/2018/12/19/der-eine-getuerkte-text-zuviel-spiegel-trennt-sich-von-reporterpreis-traeger-claas-relotius-wegen-betrugsverdacht/, Aufruf 19.12.2018, 22.09 Uhr):

„An “Jaegers Grenze” wird Relotius scheitern. Es ist der eine getürkte Text zuviel, weil er diesmal einen Co-Autoren hat, der seinen “Quatsch” nicht mitmacht, der Alarm schlägt und bald Fakten gegen die Fiktionen sammelt.“

Genau – solche Texte sind wahlweise „gelinkte“ oder eben „getürkte“. Das Böse ist immer und überall, aber es kommt von der anderen Seite oder eben von ganz weit draußen. Mag es ein erkenntnispraktischer „blinder Fleck“ sein – Rassismus ist das natürlich nicht, sondern der ganz normale deutsche Sprachgebrauch, hier in der Spiegel-Chefetage. Wäre ja auch wenig unterhaltsam, schlicht vom „gefälschten Text“ zu schreiben. „Frisches“ (s.o.) Texten á la Fichtner scheint anders zu gehen.


Sie ahnen nicht einmal, was sie nicht wissen

Zwölf Tage nach meiner Kritik an den ARD-„Tagesthemen“ zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ antwortete der Publikumsservice von ARD-Aktuell. Die KollegInnen aus Hamburg schreiben (versuchend, meine Kritik zusammenzufassen): „Ihrer Meinung nach (fehlt) der Blick auf die DDR-Geschichte.“

Nein, „der Blick“ hatte ich nicht geschrieben, weil es „DEN“ Blick kaum geben kann. Es fehlte überhaupt EIN Blick auf die oder aus der DDR-Geschichte, obwohl es ja um so wichtige Themen wie Schwangerschaftsabbruch und Erwerbstätigkeit von Frauen ging, die in DDR und BRD doch ziemlich verschieden erfahren wurden.

Dann meint man, mich mit politischen Allgemeinplätzen belehren zu müssen, um die es erstens sowohl in den TV-Beiträgen als auch in meiner Kritik gar nicht ging und die ich zweitens längst (und immernoch) weiß: „So waren die politischen Führungsfunktionen in der DDR fast ausschließlich von Männern besetzt. Der Frauenanteil im Zentralkomitee der SED lag unter 15 Prozent, im Politbüro waren so gut wie keine Frauen vertreten und im Ministerrat war es zuletzt nur Margot Honecker.“  Wer hätte das gedacht?

Jetzt aber wird es interessanter, weil es um gewisse Unterschiede zwischen Frauen in BRD und DDR geht (was im Beitrag, wie gesagt, mit keinem Wort vorkam): „Was sich unterschieden hat, war das vom Sozialismus propagierte Frauenbild von der in der Bundesrepublik vorherrschenden Rollenverteilung.“

Das lässt tief blicken. Es standen sich also gegenüber „Sozialismus“ und „Bundesrepublik“. Und „Propaganda“ machen natürlich immer die anderen – geschenkt. Aber inwieweit es neben der Propaganda in der DDR eine von jener in der BRD verschiedene und in mancher Hinsicht deutlich fortschrittlichere  Rollenverteilung gab (die Beispiele in den TV-Beiträgen waren ja gerade Schwangerschaftsabbruch oder Erwerbsbeteiligung) –  das gerät beim hier offenbar vorherrschenden „Framing“ (den impliziten Wahrnehmungs- und Interpretationsrahmen) gar nicht erst in den Blick, geschweige denn in den Diskurs. Man könnte sagen – sie wissen es nicht nur nicht, sie können anscheinend auch gar nicht ahnen, dass sie es nicht wissen.

Immerhin scheint man sich in der eigenen Filterblase nicht komplett abschotten zu wollen: „Gleichwohl gab es – und da haben Sie Recht- Unterschiede zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Im Rückblick betrachtet wäre es sicher wünschenswert gewesen, wir hätten diesen Aspekt im Beitrag über die drei Frauengenerationen unterbringen können. Wir halten aber dennoch den Gesamtblock zu „100 Jahre Frauenwahlrecht“ für journalistisch absolut vertretbar. Es ging, wie bereits gesagt, vor allem um die Frage der politischen Gleichberechtigung.“

Was für ein seltsam enges und selektives Verständnis des Politischen! Aber „absolut vertretbar“ – das bringt die relativ ausgeprägte Unfähigkeit zu Perspektiv-Wechsel und Selbstkritik fast schon „absolut“ auf den Punkt.

Was lässt sich daher von solchen leer wirkenden Floskeln halten? „Haben Sie vielen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen. Grundsätzlich ist es richtig, dass wir uns bei der Planung und Gestaltung unserer Sendungen immer wieder vor Augen führen müssen, dass die Menschen in Deutschland mehr als vier Jahrzehnte in verschiedenen Ländern und Gesellschaften gelebt haben.“ Die Botschaft hör`ich wohl, allein mir fehlt der Glaube angesichts der Zeilen zuvor.

Aber trotz aller Ernüchterung über die anscheinend weiterhin stark ausgeprägte Kritik-Resistenz bei ARD-aktuell (zumindest bei Kritik von „links“) werde ich dem Publikumsservice natürlich gerne eine Bitte erfüllen: Als „kritischer Begleiter (ihrer) Nachrichtenangebote erhalten“ bleiben.


Bild der Frau? Kein west-östlicher Divan

1.) Meine aktuelle Medienkritik der Woche: „100 Jahre Frauenwahlrecht“, das war auch in den ARD-Tagesthemen am 12.11.2018 (https://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/tagesthemen/Das-Erste/Video?bcastId=3914&documentId=57608738, Aufruf am 18.11.2018, 17.15 Uhr) ein wichtiges Thema, mit zwei Filmbeiträgen und einem Kommentar. In den gesamten knapp zehn Minuten zum Thema „Frauenrechte“ taucht allerdings kein einziger Halbsatz auf zum Thema „Frauen in der DDR“. Dabei geht es den „Tagesthemen“ durchaus um Themen wie Berufstätigkeit von Frauen oder auch Schwangerschaftsabbruch (was auch hier „natürlich“ stark negativ wertend „Abtreibung“ genannt wird). Aber kein Wort darüber und anscheinend auch kein Gedanke daran, dass es gerade mit Blick auf Gleichstellung der Frauen in der DDR andere und oft klar fortschrittlichere Entwicklungen gab als in der BRD. Da dürfen im TV-Beitrag drei glasklare „Westfrauen“ (Rita Süßmuth, Susanne Omran, Carina Beck) stellvertretend für drei Generationen deutscher Frauen reden. Und kein Seitenblick nach oder von „Osten“ relativiert die bundesdeutsche „Erfolgsgeschichte“.

Selbst die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung, die kaum der DDR-Nostalgie verdächtig ist, schreibt in einer Studie aus dem Jahre 2016 (https://www.boell.de/de/2016/11/09/familienpolitik-ost-und-westdeutschland-und-ihre-langfristigen-auswirkungen, Aufruf am 18.11.2018, 17.30 Uhr):

„Schon kurz nach der Gründung der DDR wurde 1950 ein “Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau” erlassen,[…] das mit der Tradition des Nationalsozialismus, die Frau primär über ihre Mutterrolle zu definieren, klar brach. So schrieb §14 vor, dass:

“…die Eheschließung für die Frau keine Einschränkung oder Schmälerung ihrer Rechte zur Folge hat” und noch expliziter in §15: “Durch die Eheschließung darf die Frau nicht gehindert werden, einen Beruf auszuüben oder einer beruflichen Ausbildung und ihrer gesellschaftlichen und politischen Fortbildung nachzugehen; auch wenn hierdurch eine zeitweilige örtliche Trennung der Eheleute bedingt wird.”“

Und weiter im Text der Böll-Stiftung: „Auch die Rechte von Frauen, die uneheliche Kinder geboren hatten, wurden mit diesem Gesetz von 1950 in §17(1) gestärkt: “Die nicht eheliche Geburt ist kein Makel. Der Mutter eines nicht ehelichen Kindes stehen die vollen elterlichen Rechte zu, die nicht durch die Einsetzung eines Vormundes für das Kind geschmälert werden dürfen.” Diese Regelungen standen in direktem Gegensatz zu den zeitgleich in der BRD geltenden Gesetzen, die teilweise noch jahrzehntelang etwa Ehefrauen und Alleinerziehende diskriminierten.“ Soweit der O-Ton von der Böllstiftung.

Schwangerschaftsabbrüche waren in der DDR bereits ab 1972 ohne weitere Bedingungen bis zur zwölften Schwangerschaftswoche möglich – und das, obwohl ja permanenter Arbeitskräftemangel herrschte. Auch die „Pille“ gab es kostenlos für jede Frau, die so eine Schwangerschaft verhüten wollte.

Die soziale Norm der Vollzeiterwerbstätigkeit galt auch für Mütter, so dass die meisten nach Ablauf des Babyjahres wieder arbeiten gingen. Nur so war die hohe Erwerbsbeteiligung von 91 Prozent bis zum Wendejahr 1989 erreichbar – die höchste Quote weltweit, wie sich auch in der Studie der Böll-Stiftung nachlesen lässt.

Es gibt also beim Thema „Gleichstellung der Frauen“ ziemlich unterschiedliche Erfahrungen zwischen Ost- und Westdeutschen. Damit sollte man in einer offenen Gesellschaft und in pluralistischen Medien umgehen können. Doch am Beispiel dieser „Tagesthemen“ zeigt sich, dass es in öffentlich-rechtlichen Medien offenbar weiterhin ein massives (und vielleicht sogar wachsendes) Repräsentationsproblem gibt, was die Artikulation von DDR-Erfahrungen und damit von ostdeutschen Sichtweisen (denn es geht ja auch um nach 1990 Geborene) betrifft. Das scheint bedenklich, da es gleichsam Sinnbild ist für verschiedene spiegelbildliche „Filterblasen“, die sich meines Erachtens gegenseitig verstärken. Die Zustimmungsraten zur AfD im Osten und zu den Grünen im Westen korrelieren in gewisser Weise, und das scheint kein Zufall. Gesamtgesellschaftliche Kommunikation kann so kaum gelingen.

2.) Zum stilkritischen Kaleidoskop: Das Portal „Börse Online“ meldete am 13.8.2018 (https://www.boerse-online.de/nachrichten/devisen/tuerkische-lira-setzt-talfahrt-fort-1027452076, Aufruf am 18.11.2018, 18.30 Uhr): „Experten gehen davon aus, dass eine deutliche Zinserhöhung um mehrere Prozentpunkte den Lira-Verfall bremsen könnte. Mit ein Auslöser für den Lira-Verfall waren allerdings Sorgen über die Unabhängigkeit der Notenbank: Erdogan hat sich selbst wiederholt als “Gegner der Zinsen” bezeichnet und angekündigt, eine größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben.“

„Mit ein Auslöser“ liest sich merkwürdig doppelt-gemoppelt: „Ein Auslöser“ reicht doch völlig! Oder würden wir beispielweise schreiben nach dem 3:0-Sieg der DFB-Männer gegen das russische Team: „Mit ein Torschütze der deutschen Mannschaft war Leroy Sané“?

Den vollen Namen, das ganze Bild?

1.) Aktuelle Medienkritik: Im RBB-Inforadio wurde der Ex-Krankenpfleger am Dienstag, 30.10., weiterhin „Niels H.“ genannt, viele andere Medien sprechen dagegen seit langem von „Niels Högel“, der NDR hatte beide Varianten am Start, wenn es um den „größten Mordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte“ geht. (https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Der-mordende-Krankenpfleger-alles-zum-Prozess,hoegel170.html (Aufruf am 30.10.2018, 21.42 Uhr). Details über Verdächtige oder Angeklagte journalistisch zu erwähnen, bedeutet immer eine Abwägung zwischen Medienfreiheit, öffentlichem Interesse und Persönlichkeitsrecht (https://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/2013/09/05/beate-zschaepe-medien-namen-abkuerzen/ Aufruf 301.10.2018, 21.44 Uhr). Denn Entscheidungen der Staatsgewalten sollen einerseits öffentlich nachvollziehbar sein. Deshalb sind ja zu Gerichtsverhandlungen grundsätzlich Besucher zugelassen (Ausnahmen gibt es, etwa im Jugendstrafrecht). Nun ist die Öffentlichkeit eines Gerichtssaals sehr begrenzt, die Rechte der Angeklagten oder Verurteilten bleiben in dem engen Rahmen gewahrt. Erst durch journalistische und andere Medien erlangt ein Prozess jene Breitenwirkung, die den Schutz Betroffener erfordert. Deshalb haben sich Journalisten und Verleger eigene Regeln gegeben: Im Pressekodex heißt es (https://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/#panel-ziffer_8__schutz_der_persoenlichkeit_, Aufruf 30.10.2018, 13.52 Uhr), dass Verdächtige oder Täter nicht identifizierbar dargestellt werden sollen, um den Betroffenen eine spätere Resozialisierung so leicht wie möglich zu machen. In Richtlinie 8.1 des Pressekodex heißt es zur „Kriminalberichterstattung“, die Presse veröffentliche dabei Namen, Fotos und andere Angaben, durch die Verdächtige oder Täter identifizierbar werden könnten, nur dann, wenn das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit im Einzelfall die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiege. Für ein überwiegendes öffentliches Interesse spreche in der Regel, wenn zum Beispiel eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat vorliege. Davon kann im Fall des Ex-Krankenpflegers sicher ausgegangen werden. Bestimmte Umstände also können es rechtfertigen, den vollen Namen von Angeklagten zu nennen und Bilder zu zeigen.

Medien wie Bild und n-tv zeigen auch wiedererkennbare Gesichts-Bilder des Ex-Krankenpflegers, was fragwürdig bleibt, da das Gericht in diesem Falle darauf bestand, den Angeklagten unkenntlich erscheinen zu lassen. Viele Medien gehen offenbar davon aus, dass Niels H. mindestens zur sogenannten relativen Person der Zeitgeschichte wurde. Das öffentliche Interesse überwiegt bei solchen Personen das Schutzbedürfnis der Betroffenen und auch deren Recht am eigenen Bild.

2.) zu meinem sprachkritischen Kaleidoskop: Im RBB-Inforadio hieß es in den Nachrichten am 27.10.2018 um 11.20 Uhr: „Der Außenminister Saudi-Arabiens sagte, der Prozess fände in Saudi-Arabien statt“. Das ist eine – sicher unfreiwillige – Vermischung von Information und Kommentar. In den Nachrichten sollte es heißen: „Der Minister sagte, der Prozess FINDE in Saudi-Arabien statt.“ Der Konjunktiv II mag hingegen in meinungsbetonten Darstellungsformen genutzt werden, um Distanz zum Gesagten zu vermitteln: Ich weiß es anders, ich glaube es nicht, ich mache mich darüber lustig: „Der Minster versprach hoch und heilig, der Prozess fände natürlich und streng rechtsstaatlich in Saudi-Arabien statt“. Ais ob das so schwer wäre! Pardon: ist!

Rechts, rechtsextrem, faschistisch?

1.) Zum Beispiel in der einst linksliberalen spanischen Tageszeitung „El Pais“ kann ich dieser Tage immer wieder lesen (Printausgabe vom 20.10.2018, Seite 13), dass in Brasilien eine Stichwahl zwischen einem linken und einem rechten Präsidentschafts-Kandidaten stattfände. Dass der mindestens rechtsextreme (und mittlerweile auch wirtschaftsliberale) Bolsonaro noch als „rechts“ und der bestenfalls sanft sozialdemokratische Haddad schon als „links“ gelten soll, zeigt, wieweit sich auch hier nicht zuletzt der mediale Rahmen stramm nach rechts verschoben hat. Dazu passt mit Blick auf Spaniens wichtigste Zeitung, dass der Ex-Präsident von Brasilien (1995-2003), Fernando Henrique Cardoso, hier eine ganze Seite Essay füllen darf mit dem Tenor, Bolsonaro sei doch gar nicht so schlimm, ohne dass zur Einordnung irgendwo darauf verwiesen würde, dass Cardoso ja selbst als einer der Vorreiter jener mittlerweile fast schon typischen Allianzen zwischen wirtschaftlichem Neoliberalismus und politischem Autoritarismus kritisiert wird.

2.) Im wie gesagt sehr lesenswerten Buch des Philosophen Guillaume Pauli „Die lange Nacht der Metamorphose“, in dem es um Mutationen in Richtung einer Gentrifizierung von Kultur geht, heißt es auf Seite 181: „Nach der Machtergreifung der Nazis arbeitet (Carl Einstein) am Manuskript weiter (….)“. Das wundert mich, gerade aus der Feder eines so klugen Kritikers nicht nur des Turbokapitalismus, sondern überhaupt des Kapitalismus: Ging es 1932/1933 nicht vielmehr um eine „Machtübergabe“ seitens wichtiger Teile der herrschenden Eliten in Politik, Wirtschaft, Militär etc. an die Nazis? Die Macht lag doch nicht auf der Straße an jenem 30.1.1933 und wurde dort ergriffen, sondern sie wurde relativ regulär übergeben an die aufstrebenden deutschen Faschisten, namentlich an den neuen Reichskanzler Adolf Hitler (dessen Stern bei halbwegs demokratischen Wahlen ja schon seinen Zenit überschritten zu haben schien). Das erscheint mir sprachlich wichtig, weil sonst meines Erachtens im Vergleich zum zivilisatorischen Bruch (der es auch war und ja noch viel schlimmer wurde) wichtige Kontinuitäten zwischen Weimarer Verhältnissen und Nazi-Deutschland systematisch unterbelichtet blieben. Zum Beispiel BMW und Audi, Krupp und Thyssen, Deutsche Bank und Dresdner Bank, Bertelsmann und Oetker, Bayer, BASF und IG Farben, Degussa und nicht zuletzt Hugo Boss sowie viele andere Konzerne haben vor und nach „1933“ sehr gute und dann noch bessere Geschäfte machen können (https://www.huffingtonpost.de/2014/06/08/hitler-unternehmen-nazi-vergangenheit_n_5432205.html, Aufruf am 25.10.2018, 22.30 Uhr). Oder wie es John Heartfield im Oktober 1932 auf seinen Punkt brachte zum Sinn des Hitlergrußes: „Millionen stehen hinter mir“ (https://www.ksta.de/wirtschaftelite-das-todesspiel-13769014, Aufruf am 25.10.2018, 22.35 Uhr). Insofern verharmlost der Terminus „Machtergreifung“ die Verantwortung wichtiger Teile der liberal-kapitalistischen Verhältnisse für die „Machtübernahme“ durch die Nazis.

Kosmo-Alex: Raumfahrer aller Länder, vereinigt Euch!

Im RBB-Inforadio hieß es am 11.10 in den Nachrichten: „An Bord der Sojus-Kapsel (wird übrigens „Sajus“ ausgesprochen, NICHT: „So-jus“, heißt aus dem Russischen übersetzt „Einheit“ oder „Vereinigung“, SeK) befanden sich ein russischer und ein US-Astronaut.“

Nein, das formuliere ich anders: „An Bord der Kapsel befanden sich zwei Raumfahrer, ein russischer Kosmonaut und ein US-amerikanischer Astronaut.“ Außer einer (unbewussten) transatlantischen Nähe gibt es keine sachlichen Gründe, gerade Russen im Weltraum als „Astronauten“ zu bezeichnen. Der erste Mensch im Kosmos war am 12.4.1961 ein Russe, der Sowjetbürger Juri Gagarin, der ganz sicher als Kosmonaut gelten kann. Generell sollten Menschen im All als Raumfahrer bezeichnet werden – nicht zuletzt der deutsche Alexander Gerst, den Medien hierzulande gerne „Astro-Alex“ nennen – aber warum eigentlich nicht: „Kosmo-Alex“? Ist vielleicht sogar „kosmopolitischer“, oder?

Hätte, hätte, Fahrradkette!

1.) Der Philosoph Guillaume Paoli bestimmt in seinem sehr lesenswerten Buch „Die lange Nacht der Metamorphose. Über die Gentrifizierung der Kultur“ (Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2017) auf Seite 84 Plattformen wie Facebook, Instagram etc. als „asoziale Netzwerke“. Das scheint mir auf jeden Fall erklärungskräftiger als das Nachplappern der PR-Selbstdarstellung der Konzerne als „soziale Netzwerke“ oder „soziale Medien“. Paoli begründet seinen Sprachgebrauch mit Blick auf jene zahllosen Communitys, die kaum etwas miteinander teilten: Diese spiegelten eine wachsende Segmentierung wider, die sowohl in Arbeitsprozessen als auch im Konsum vorherrsche.

2.) Eine Prise aktuelle Sprachkritik: Im Potsdamer Ableger des „Tagesspiegel“, der „PNN“, schreibt Henri Kramer über den Stichwahlkampf im Oberbürgermeisterrennen in Potsdam (https://www.pnn.de/potsdam/potsdam-vor-der-stichwahl-potsdamer-ob-kandidaten-gehen-in-die-offensive/23154974.html, Aufruf am 7.10.2018, 12.20 Uhr). Es geht um die Wahl zwischen Mike Schubert (SPD) und Martina Trauth (parteilos, für die Linke“): Kramer im Wortlaut:

„Auch hätte die SPD die Stadt und die Mieter „an Spekulanten ausgeliefert“, so Trauth. Sie fordert einen Mietenstopp bei der kommunalen Bauholding Pro Potsdam.“

Ein Fehler und eine Fragwürdigkeit: „Hätte“ ist in einem informationsbetont sein sollenden Beitrag falsch, weil es die Form des Konjunktiv II ist. Damit drückt der Autor maximale Distanz zum Zitat aus. Er sieht das offenbar anders, glaubt es nicht, weiß es besser. „Hätte“ wirkt hier als Kommentar. Richtig ist an der Stelle der Konjunktiv I, die Form der relativ neutralen Wiedergabe von Gesagtem: „Auch habe die SPD die Stadt und die Mieter „an Spekulante ausgeliefert“, so Trauth“.

„So“ würde wiederum Wolf Schneider kritisieren, weil es kein Verb ist. „So“ hat meines Erachtens jedoch die Vorteile, dass es kurz und relativ neutral ist. Aber wir können statt dessen auch „sagen“ oder „äußern“ verwenden, beides ebenfalls kurz, zudem relativ neutral (im Gegensatz zu „beweisen“ oder aber „lügen“), und vor allem: beides Verben, die wir aktiv verwenden können.

Eigentore, wie sie ihnen gefallen – zwei Stück weit daneben

1.) „Putins Propagandaplattform“, so titelt WDR-Korrespondentin Golineh Atai ihren Beitrag zur Eröffnung der Fußball-WM auf „tagesschau.de“ (http://www.tagesschau.de/ausland/wm-politik-101.html; Aufruf am 14.6.2018, 22.19 Uhr). Mir erscheint der Text, der als informationsbetont daherkommt und am ehesten wohl eine Art Feature werden sollte, als prototypisch und klar einseitig zumindest gegen die russische Führung gerichtet.

Um mit dem Unwichtigsten zu beginnen – mit dem szenischen Einstieg, der behauptet, Putin sei gar kein Fußballfan, sondern er sei Anhänger von Judo und Eishockey. Die beiden letzten Sportarten scheint er aktiv oder wenigstens demonstrativ zu betreiben – aber warum folgt daraus (und einen anderen „Beleg“ gibt es nicht), er sei kein Fußballfan? Um hier ein Leitmotiv meiner Kritik schon mal anklingen zu lassen: Inwieweit ist Kanzlerin Merkel denn „Fußballfan“? Aber wir ahnen es – wenn zwei das Gleiche (nicht) tun, ist es noch lange nicht „dasselbe“.

Die erste Quelle ist dann „Russland-Expertin“ Sabine Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die als Wissenschaftlerin vorgestellt wird. Ihre deutliche Putin-Kritik kulminiert in der Aussage: „Russlands offizielles WM-Poster suggeriert denn auch nicht das Gefühl von internationalem Glanz, eher spielt es mit alten Bildern sowjetischer Größe.“ Das hätte man früher „Kreml-Astrologie“ vom Feinsten genannt. Wichtiger als solche Spekulation wäre im Text ein Hinweis, dass die SWP auch nach eigener Darstellung ihre Ressourcen weit überwiegend direkt aus dem Haushalt des Bundeskanzleramtes bezieht (https://www.swp-berlin.org/ueber-uns/finanzierung/.; Aufruf 14.6.2018, 22.20 Uhr). Die Organisation „Lobbypedia“ nennt die SWP eine „regierungsnahe Stiftung“ (https://lobbypedia.de/wiki/Stiftung_Wissenschaft_und_Politik; Aufruf 14.6.2018, 22.25 Uhr). Nicht unwichtig, gerade wenn es um Staatsnähe oder -ferne von Medien, Wissenschaft und Sport geht.

Russlands Regierung habe, schreibt Atai, in den vergangenen Jahren „einige alte Brücken verbrannt und Gemeinschaften auseinanderdividiert“. „Auseinanderdividieren“ ist natürlich sinnlos tautologischer sprachlicher Tiefgang, aber inhaltlich ist das in seiner Einseitigkeit noch viel gravierender: Westliche Eliten haben zumindest ihren Anteil an der Ukraine-Krise, am Syrienkonflikt oder an den Konfrontationen im Fall „Skripal“. Aber davon kein Wort.

Die zweite und letzte Expertin ist Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und Internationale Studien. Dieses Zentrum wiederum wird (nach eigenen Angaben) komplett vom Auswärtigen Amt finanziert (https://ostexperte.de/zois-berlin/, Aufruf 14.6.2018, 22.54 Uhr). Aber auch davon kein Wort im Text – stattdessen polemisiert Frau Sasse gegen russische „Staatsmedien“. Um nicht missverstanden zu werden – das kann man thematisieren und kritisieren, aber doch bitte kaum mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt.

Dann stellt Autorin Atai „die Staatsführer der Weltgemeinschaft“ dem Russen Putin gegenüber. Sorry: Wer bitte soll das sein? Die Weltgemeinschaft? Und deren Führer? Meint sie die westlichen Eliten, die bis vor kurzem freundschaftlich verbunden schienen und deren Interessenkonflikte mittlerweile ziemlich deutlich werden? Eher nicht scheint sie Staatschefs von China oder Indien oder Südafrika etc. zu meinen. Auch das höchst fragwürdig ….

Der Artikel kommt praktisch durchgehend ohne Perspektivenwechsel und Objektierung aus. Nicht einmal klingt die Frage an, inwiefern Kanzlerin Merkel „Propaganda“ (sorry für das böse Wort) betreiben könnte, wenn immer sie, wo es opportun erscheint, seit dem wunderschönen deutschen Sommermärchen von 2006 bis heute „die Mannschaft“ besucht. Nein, Propaganda machen natürlich immer nur die Anderen.

Bedenklich, dass sich Frau Atai und Ähnlichdenkende immer mehr in ihren „Echo-Kammern“ zu verselbständigen scheinen.

Spannend aber, dass in den zugelassenen 137 Kommentaren (die Kommentarfunktion war zwischendurch immer wieder geschlossen wegen „Überlastung“) deutlich mehr als 90 Prozent der bei „tagesschau.de“ angemeldeten ARD-Nutzer den Artikel klar bis sehr klar kritisieren.

Der Kreis schließt sich am Abend, beim ARD-Deutschlandtrend (http://www.tagesschau.de/inland/deutschlandtrend/index.html; Aufruf 14.6.2018, 23.09 Uhr) in den Tagesthemen im „Ersten“: Moderatorin Ellen Ehni hat interessante Zahlen zu präsentieren:

Eine relative Mehrheit von 45 Prozent hält laut dieser Umfrage die Entscheidung, die Fußball-WM 2018 in Russland zu verstalten, für richtig. 42 Prozent halten sie für falsch. Im Vergleich zur Lage vor vier Jahren ist das ein deutlicher Unterschied – Olympia in Sotschi hielten nur 34 Prozent für richtig und satte 57 Prozent für falsch.

Und jetzt wird es spannend: Was sagt die Moderatorin zur Erklärung? Gibt es Selbstkritik oder einen Verweis auf eine sich womöglich wandelnde Stimmung im Land in dieser Frage? Nein, alles halb so wild: „Offenbar sind die Deutschen beim Fußball nachsichtiger in solchen Fragen“.

Dagegen darf Pippi Langstrumpf als Realistin gelten: Immerhin singt sie und weiß von sich, dass sie sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt.

2.) Henry Kramer schrieb am 25.5. 2018 in den Potsdamer Neuesten Nachrichten:
„Dieser Skandal wird nun mit den günstigeren Kita-Gebühren ein stückweit geheilt“.
(http://www.pnn.de/potsdam/1287064/, Aufruf 27.5.2018, 14.10 Uhr)

Das ist zwei Stück weit fragwürdig: Erstens: Wenn ich diese Wendung nutze, dann laut Duden in der Form „ein Stück weit“ (https://www.duden.de/rechtschreibung/Stueck; Aufruf 27.5.2018, 14.12 Uhr). Zweitens aber finde ich den Ausdruck sinnlos doppelt moppelnd: „Ein Stück“ würde doch reichen, oder auch „ein Stückchen“ (also ein kleines Stück), im Sinne von „ein wenig“, „ein bisschen“ oder auch „etwas“. „Ein Stück weit“ wirkt auf mich wie aufgeblähte, aufgeblasene Sprache. Hier läge in der Kürze mehr Würze. Zumindest „ein stückweit“.

Repräsentationslücken auf „neuem Rekordniveau“?

1.) Angesichts von erneuten höchstrichterlichen Verhandlungen über die Zukunft von Rundfunkbeitrag und öffentlich-rechtlichen Medien ist die Frage interessant, inwieweit sich in Deutschland „mediale Repräsentationslücken“ wissenschaftlich belegen lassen. Diesem Problem geht in den – öffentlich-rechtlich finanzierten – „MediaPerspektiven“ in Heft 3/2018 ein Artikel von Forschern aus Zürich und Düsseldorf nach, der zu dem Ergebnis kommt, es gebe gerade keine „bevölkerungsweite Repräsentationslücke“

Hier geht zum Artikel in der Fachzeitschrift

Allerdings zeigten zumindest „einzelne Milieus“ wiederum „starke Tendenzen zur Abkopplung und Abschottung“. Im Mai 2016 waren dazu 1488 wahlberechtigte Onliner zwischen 18 und 69 Jahren befragt worden. Unter „Filterblase“ oder auch „Echokammer“ sei verstanden, dass „Themen und Deutungen anderer Gruppen entweder überhaupt nicht wahrgenommen oder lediglich in diskreditierender Weise behandelt“ würden. Interessant an dieser Formulierung, dass dies wechselseitig gelten dürfte: So sieht der „Mainstream“ die „Ränder“ – und umgekehrt. Und ebenso interessant, dass als Hauptthema anscheinend diskutiert wurde, inwiefern es Medien gebe, „die ausdrücken, was ich zu politischen Themen meine.“ Ob es überhaupt die „richtigen“ Themen sind, die journalistisch ausgewählt und angeboten werden, war offenbar nicht gefragt. Dennoch finde ich den Befund bemerkenswert: Obwohl ja „Medien“ sehr weit gefasst werden kann, vom Leitmedium bis zum Plattformchat, stimmten nur 56 Prozent voll und ganz oder eher dieser Aussage zu. Daraus zu schließen, es gebe „keine bevölkerungsweite Repräsentationslücke“, finde ich zumindest gewagt. Es sei denn, das Ganze sollte zu einem legitimierenden „Weiter so“ beitragen. Was schade wäre, da wir bessere Öffentlich-Rechtliche dringend benötigen.

2.) Und nun wird schon wieder ein „neuer Rekord“ vermeldet, oder eben auch gerne mal ein „Neu-Zugang“ in dieser Kategorie, erneut von einem angesehenen Qualitätsmedium, diesmal vom „Deutschlandfunk Kultur“

Hier geht es zur Seite vom DLF Kultur

Doppelt gemoppelt? Eine Tautologie ist eine Wiederholung von bereits Gesagtem – wenn dies als rhetorische Figur bewusst zur Verstärkung eingesetzt wird („kohlrabenschwarz“ als gleich dreimal schwarz), mag es als Pleonasmus dem Ausdruck helfen. Aber hier scheint es sich um unreflektierte Redundanz zu handeln – natürlich (sic!) wird ein Rekord als „neuer“ aufgestellt und ebenso erstmals. Sonst wäre das Ereignis einfach kein Rekord.

Aus der Hand lesen?

1.) Viele wichtige Medien hatten dieser Tage einen Aspekt ganz oben auf ihrer Agenda im Zusammenhang des jüngsten Merkel-Besuches bei Trump: So fragte die extra mitgereiste ARD-Hörfunkkorrespondentin Angela Ulrich am 27.4.2018 um 10.10 Uhr im RBB-Inforadio vor Ort In Washington: „Wird Trump Merkel auch vor laufenden Kameras die Hand schütteln?“

Ganz ähnlich hatte zuvor bereits die FAZ online gefragt:

(siehe http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/merkel-besucht-trump-weisses-haus-bestaetigt-reise-der-kanzlerin-15528487.html, Aufruf am 1.5.2018, 19.20 Uhr).

Superwichtig!!!! Das ist unter anderem laut Pierre Bourdieu jener typisch oberflächliche Journalismus, der sich dringend ändern sollte. Für solche Mitteilungen auf dem Niveau von „Stimmt die Chemie zwischen den beiden Promis?“ braucht es kaum Recherche oder Nachdenken. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) hatte in mehreren journalismuskritischen Arbeiten, erschienen in deutscher Sprache im Sammelband „Gegenfeuer“ 2004 im UVK-Verlag Konstanz, geschrieben, dass viele Journalisten nicht zuletzt im politischen Bereich darauf achteten, „dass es eher zu einer Konfrontation zwischen Personen (besonders Politikern) als zwischen ihren Argumenten kommt, auf Kosten dessen, was eigentlich Gegenstand der Debatte ist – das Haushaltsdefizit, die Steuersenkung oder die Auslandsverschuldung. Da das Wissen dieser Journalisten über die politische Welt im Wesentlichen auf persönlichen Kontakten und vertraulichen Mitteilungen beruht (oder sogar auf Klatsch und Gerüchten) und weniger auf der Objektivität einer Beobachtung oder fundierten Recherche, neigen sie dazu, alles auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie die Experten sind“.

Offenbar typische Phänomene dieser Art hat Bourdieu bereits in den 1990er-Jahren sehr treffend beschrieben und analysiert, lange vor dem Aufkommen der aktuellen Skepsis bis hin zur Ablehnung gegenüber zentralen Erscheinungen des etablierten Journalismus. Also – man hätte es auch hier längst besser wissen und machen können. Aber andererseits, was grundlegende Veränderungen im Journalismus angeht: Besser spät als nie (sich zum Beispiel mal mit Bourdieus Argumenten beschäftigen).

2.) Und noch zwei Prisen Sprachkritik: Die Deutsche Welle meldete auf ihrer Webseite:

(http://www.dw.com/de/puigdemont-bittet-spanische-regierung-um-r%C3%BCckkehr/a-41919594, Aufruf am 1.5.2018, 19.10 Uhr).

Das ist – als ein Bezugsfehler – zumindest missverständlich: Puigdemont hat ganz sicher NICHT die spanische Regierung darum gebeten, dass diese, wohin auch immer, zurückkehre. Sondern er hat sie offenbar darum gebeten, dass er nach Barcelona zurückkehren könne. Das ist ein Unterschied so ziemlich ums Ganze, und auch daher sollten Journalisten hier besonders sorgfältig arbeiten.

Nicht falsch, aber doch problematisch finde ich den Sprachgebrauch „Separatist“, weil der Ausdruck für mein Verständnis im Deutschen ziemlich klar negativ besetzt ist. Siehe die Bezeichnung „Pro-russische Separatisten“ für bestimmte Gruppen von Menschen in der Ost-Ukraine. Warum sagt man nicht, sachlicher, „Unabhängigkeitsbefürworter“ oder Ähnliches? Ist etwas länger, wirkt aber (auf mich) deutlich objektivierender als der zumal mehrmalige Gebrauch des klangvollen Fremdwortes „Separatist“.