Schnipsel oder Brosamen für den Journalismus – ein Problem der “westlichen” Welt?

1.) Zwei wichtige neue Phänomene im Bereich Online-Journalismus:

A) Viele deutsche Verlage sind beim Leistungsschutzrecht gegenüber “Google” eingeknickt (siehe http://www.golem.de/news/gratiseinwilligung-fuer-google-verlage-knicken-beim-leistungsschutzrecht-ein-1410-110035.html, Aufruf am 29.10.2014, 21.05 Uhr): Die meisten in der VG Media (klar: dieser Gesellschaft geht es um Verwertung) organisierten Verlage wollen keine verkürzte Darstellung ihrer Links bei Google hinnehmen, sondern dort weiterhin ohne Vergütung durch “Google” mit Snippets (kurzen Text-Schnipseln als Teasern) und Vorschaubildern zu sehen sein. Im Streit mit zahlreichen deutschen Verlagen um das Leistungsschutzrecht hat Google sich damit vorerst durchgesetzt. Die Verleger “sehen sich angesichts der überwältigenden Marktmacht von Google zu diesem außergewöhnlichen Schritt gezwungen”, hieß es in einer Erklärung. Unklar blieb zunächst, welche der 230 vertretenen Websites die Einwilligung abgegeben haben. Die VG Media vertritt auch die großen deutschen Medien-Verlage wAxel Springer, Burda, Funke, Madsack und M. DuMont Schauberg. Der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, hatte ohnehin den Verlegern wenig Hoffnungen auf Lizenzzahlungen gemacht. “Es lässt sich nur schwer aus dem Leistungsschutzgesetz ableiten, dass Google die Verlagsinhalte mehr zu nutzen hat und dafür Geld zahlen muss”, sagte der Behördenchef auf einer Veranstaltung der Medientage München. Mundt räumte jedoch auch ein, dass angesichts starker Player in der Digitalökonomie die grundsätzliche Frage gestellt werden dürfe, ob die Instrumente der Kartellwächter ausreichend seien und “ob wir schnell genug sind”. Eine spannende Frage bleibt damit, wo (neue) finanzielle Ressourcen für Journalismus herkommen sollen, wenn sich “Player” wie Google davon kraft ihrer fast schon monopolistischen Stärke praktisch komplett “freihalten” können und dürfen.

B) Der Axel-Springer-Konzern (siehe http://www.wsj.de/nachrichten/SB10700330261767394000404580240290858238662, Aufruf am 29.10.2014, 20.50 Uhr) will – ebenso wie die “New York Times” – das Geschäft mit Bezahl-Inhalten im Internet ausbauen. Die beiden Unternehmen investieren gemeinsam 3 Millionen Euro in das niederländische Nachrichten-Start-up Blendle, das sich selbst als “iTunes für Journalismus” bezeichnet. Die Online-Plattform Blendle, die erst vor sechs Monaten an den Start gegangen ist, bietet Nutzern die Möglichkeit, digitale Inhalte auf Artikel-Basis zu erwerben. Blendle kooperiert mit den meisten großen Zeitungs- und Magazinverlagen in den Niederlanden und Belgien. Zuletzt hat das Unternehmen einen Deal mit dem Herausgeber des Wirtschaftsmagazins The Economist unterzeichnet. Artikel kosten im Schnitt 0,20 Euro, wovon der Herausgeber 70 Prozent behält. 30 Prozent gehen also an die Plattform. “Als Herausgeber wollen wir unsere Leser überzeugen, für guten Journalismus zu bezahlen, auch im digitalen Zeitalter”, sagte Springer-Chef Matthias Döpfner. Blendle habe das Potenzial, junge Internetnutzer anzuziehen. Zwei Kritikpunkte bleiben a) etwaiges Insiderwissen der neuen Mit-Eigentümer über die Verkaufszahlen der journalistischen Konkurrenz und b) womögliche Vorzugsbehandlung der Inhalte der neuen Mit-Eigentümer auf der Plattform. Der Doppelcharakter als Inhalteanbieter und Mit-Vertreiber dürfte sich auf neuer Stufenleiter als widersprüchlich erweisen.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im Text eines Reuters-Berichtes am 28.10.2014 hieß es einleitend: “Australien hat angesichts der Ebola-Epidemie seine Sicherheitsvorkehrungen weiter verschärft. Als erstes westliches Land will die Regierung in Canberra vorübergehend keine Visa für Reisende aus den drei vom Ausbruch der Seuche betroffenen westafrikanischen Ländern mehr ausstellen.” Australien als “westliches Land”? Klar, wir können verstehen, was gemeint sein dürfte – aber da steht eben nicht “der westlichen Welt” oder “der westlichen Wertegemeinschaft”, sondern da steht der zunächst geografische Terminus “westlich”. Nun gibt es sowohl von Berlin aus noch überhaupt geopolitisch gesehen kaum Gebiete, die relativ und absolut weiter süd-östlich lägen als Australien. Ich denke, es geht, historisch vom britischen Empire herkommend, heutzutage unter dem kulturellen Begriff “westlich” im wesentlichen um den Kreis der 34 OECD-Staaten (also u.a. USA, Kanada, GB, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien, Japan, Israel, Schweiz, aber eben auch Australien und Neuseeland, Südkorea, Chile und Mexiko). Länder also, die politisch demokratisch verfasst sind und die wirtschaftlich durch kapitalistische Marktwirtschaft geprägt sind. Es geht NICHT um große Länder wie China, Russland, Brasilien, Indien, Südafrika (BRICS-Staaten) und erst recht nicht um eher kleinere Länder wie Iran, Venezuela, Bolivien, Ekuador, Syrien, Kuba oder gar Nordkorea. Was also könnten wir mit Blick auf Australien sagen? Zum Beispiel statt “westlich”: als erstes der entwickelten Industrieländer. Das ist zwar mit Blick gerade auf die BRICS-Staaten grenzwertig, aber meines Erachtens trennschärfer und erklärungskräftiger als die “westlich” auf den Kopf gestellte Geografie.

Mit oder mit ohne Hunger auf den alten Hut “Jugendkanal”?

1.) Es ist schwer zu begreifen, dass es in Deutschland zum Beispiel weder ein öffentlich-rechtliches “Familienradio” gibt noch eine entsprechende multimediale Plattform (ich sage bewusst nicht: “Sender”) für Jugendliche. In Berlin bietet seit August 2013 die Plattform “joiz” vom Ostbahnhof aus TV-ähnliche, betont interaktive Offerten, als Social-TV-“Sender”, und ab Ende Oktober 2014 soll von Adlershof aus “doppio TV” als Online-TV-Channel zu Themen wie Lifestyle, Luxus und Reisen zu erleben sein.

Wieder wollten am 16.10. 2014 die Regierungschefs der Bundesländer über den von ARD und ZDF seit Jahren (gefühlt: Jahrzehnten) diskutierten “Jugendkanal” beraten (http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/128272-swr-intendant-appelliert-an-regierungschefs-junge-brauchen-mehr-als-trash-tv-und-katzenfilmchen.html, Aufruf am 15.10.2014, 21.10 Uhr). SWR-Intendant Peter Boudgoust richtete kurz vor der Entscheidung in einem dpa-Gespräch einen Appell an die Ministerpräsidenten: “Sollen junge Menschen nur die Wahl haben zwischen Brutalo-Videos und Katzenfilmchen auf YouTube und Billig-Trash bei privaten Fernsehsendern? Soll so die mediale Sozialisation zukünftiger Generationen aussehen? Sicher nicht, das kann die Politik nicht wollen.”

Die Regierungschefs der Länder hatten ihre Entscheidung im März vertagt, weil es aus den unionsgeführten Ländern Bayern, Hessen und Sachsen noch Widerstände gab. Zuletzt hatte Sachsen seine Bedenken erneuert. “Ein überzeugendes Konzept liegt aus unserer Sicht noch nicht vor. Auch sind Fragen zum Finanzierungskonzept nach wie offen”, hatte der sächsische Medienminister Johannes Beermann (CDU) laut Medienberichten gesagt.

Boudgoust widersprach dem Minister: “Die Finanzierung für das Jugendangebot steht, bis auf den letzten Cent wird alles aus dem Bestand gestemmt”, unterstrich er gegenüber dpa. Die ARD will 30 Millionen Euro übernehmen, das ZDF 15 Millionen Euro. Auch das fertige Konzept liege längst auf dem Tisch. Die Öffentlich-Rechtlichen wollten mit dem Jugendangebot etwas Neues schaffen, das es so noch nicht gebe: “Ein umfassendes Angebot speziell für Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 29 Jahren, abrufbar auf Smartphone, Tablet und PC und im klassischen Fernsehen, eng verzahnt mit den jungen Radiowellen.” Es reiche einfach nicht mehr aus, das Hauptprogramm hie und da mit jugendlichen Einsprengseln zu spicken, erklärte Boudgoust. Es sei eine Illusion zu glauben, junge Menschen suchten nach geeigneten Sendungen. “Hier gilt allein das Motto: Wenn das Programm mich nicht findet, kann es nicht interessant für mich sein.”

2.) Sprachkritisch fiel mir folgende Überschrift in der Märkischen Allgemeinen, Lokalseite 15 vom 27.9., auf: “Nie mehr ohne Hunger”. Im Artikel ging es um Frühstück für alle Oberschüler, spendiert von einer Stiftung. Die Überschrift würde aber ziemlich exakt das Gegenteil bedeuten – “Immer mit Hunger”, sofern die Negation der Negation oft die Position bedeutet. Also – warum eine relativ einfache Überschrift wie “Satte Spende gegen Hunger” oder eben “Nie mehr hungrig” (bzw. “Nie mehr mit Hunger in der Schule”) oder Ähnliches anbieten, wenn es so schön (falsch und) kompliziert geht.

Was geht (ab) im Jahre 2024?

1.) Wie dürfte sich in Deutschland in zehn Jahren die Mediennutzung gestalten? Was geht in diesen Hinsichten (ab) 2024? Der WDR hat in Köln 18 Frauen und 18 Männer tiefenpsychologisch befragen lassen, allerdings als “Verbraucher” und leider nicht als Nutzerinnen und Nutzer (http://www.wdr-mediagroup.com/download/spezialmodule/dokumente/Studie_Mediennutzung2024_Broschuere.pdf – Aufruf 8.10.2014, 14.44 Uhr).

In hohem Maße angelehnt an die Nutzungsgewohnheiten des Internets werden sich laut der Studie als Metatrend auch bei TV und Radio Anforderungen und Erwartungen in Richtung einer gesteigerten, individuellen (und gemeinschaftlichen, SeK) Kontrolle von unten entwickeln. Leider bleibt dabei, bei solch einer horizontalen Sichtweise, tendenziell außen vor, sowohl bei Forschern als auch bei Nutzern, wie wir “von oben”, also vertikal (durch Konzerne, Geheimdienste etc.) kontrolliert werden können.

Laut Studie geht es vor allem darum, die neue internetgestützte Vielfalt individuell in den Griff zu bekommen und die online-typischen Einwirkungsmöglichkeiten für sich nutzbar zu machen. Dosieren möchte man Ausmaß und Geschwindigkeit der Erneuerung der Mediennutzung, das Ausmaß der Vielfalt, Vernetzung und Komplexität sowie den Grad der Bindung an ein Format.

Über die reine, eher passive Nutzung hinaus betreffe der gesteigerte Kontrollanspruch zum anderen aber auch die Content-Seite der Medien. Inhalte und Angebote, die Kontrollverheißungen beleben, wie bspw. das Gesundheits-Monitoring über das Smartphone oder die Smartwatch, dürften wichtiger werden.

Aufgrund des Dosierungswunsches ist den Forschern zufolge insgesamt mit einer verlangsamten Veränderung der Mediennutzung zu rechnen. Die Nutzer ‚hingen‘ an vertrauten Gewohnheiten, und es bestehe insgesamt wenig Leidensdruck, diese aufzugeben oder in Entwicklung zu bringen.
Je mehr die Vernetzung über das Internet fortschreite, desto mehr würden auch Sehnsüchte nach Offline-Momenten entstehen. Im Sinne von Retro-Wellen werde daher stellenweise bewusst an traditionellen Formen der Mediennutzung festgehalten: Röhrenfernseher, Vinylschallplatte, Teletext, Küchenradio, Nokia 3410 etc. Die Suche nach der ‚richtigen‘ Balance zwischen Online und Offline werde die Menschen in Zukunft noch stärker beschäftigen.

Wenn Medien psychologisch die Funktion einer Gefühlsapotheke erfüllten, die auf die individuelle Gestimmtheit und die persönlichen Bedürfnisse der jeweiligen Rezeptionsverfassungen eingehe, dann werde in Zukunft eine noch fokussiertere ‚Individualtherapie‘ erwartet.

Kuratierte oder besser: zu kuratierende und zu moderierende Vielfalt bietet auch neue Plätze für Journalismus: Den Mediennutzern sei bereits heute mehr oder weniger bewusst, dass die Personalisierung der Medieninhalte in eine selbstzentrierte Isolation zu münden drohe. Ohne jede (redaktionelle) Brechung ‚im eigenen Saft‘ zu schmoren, sei für die Nutzer keine attraktive Vorstellung. Insbesondere im Info-Segment (Nachrichten, Reportagen etc.) suche man nach Absicherungen durch vertrauenswürdige Autoritäten, deren Bewertung und Content-Selektion man sich anvertrauen möchte. Der Ausbreitung des User-Generated-Content sei von daher eine Grenze gesetzt. Journalistische Moderation dürfte von neuem gefragt werden. Redaktionen konkurrierten dann mit Rankings von Suchmaschinen, mit Channels von Popstars, mit internationalen Streaming-Anbietern oder auch mit den ‚Empfehlern‘ in privaten Communitys.

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Angesichts des Todes von Siegfried Lenz am Dienstag stand die Frage wieder im Raum bzw. im Newsroom: “Gestorben” oder “verstorben”? Die “Tagesschau” entschied sich für “gestorben”, ich mich für “verstorben”. Meister Sick (http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/zwiebelfisch-abc-verstorben-gestorben-a-344430.html, Aufruf am 6.10.2014, 13.30 Uhr) lässt beides gelten. “Verstorben” als gehobenere Variante, ein Hund könnte demzufolge kaum als “verstorben” gelten, eher als “toter Hund”. Weitere Unterscheidungen: Als Attribut oder als Substantiv nehme mensch z.B. “der verstorbene Großvater” oder eben “der Verstorbene”. Und wenn es um die Todesursache geht – der Missionar ist an Ebola “gestorben”.

Journalistische Rückschläge

1.) Im Info-Radio sagte Moderator Heiner Martin am Donnerstag, 7.8., um 20 Uhr: “Sanktionen aus Moskau – Putin schlägt zurück”. Eine interessante Formulierung, sprachkritisch gesehen. Solches “Zurückschlagen” setzt voraus, dass zuvor “Geschlagen” oder gar “Zugeschlagen” worden wäre. Davon ist allerdings im Sprachgebrauch der meistgenutzten westlichen Medien keine Rede: Putin wurde laut dem Tenor solcher Seiten keinesfalls “geschlagen”, gegen Russland wurde nicht “zugeschlagen” oder “hingeschlagen”. Es wurden “Sanktionen verhängt”, “Strafmaßnahmen ergriffen” oder auch Verhandlungen, Kontakte oder Konten “eingefroren”. Und was macht “der Russe”? Er schlägt nicht nur zurück, sondern er macht in “Vergeltung” oder “Revanche”, ja, er übt “Rache” (Handelsblatt).  Schon richtig dabei im “Zurückschießen” ist Springers Boulevard-Blatt “B.Z.”, das die “Rache Putins am Westen” darin sieht, dass der böse Mann in Moskau einem anderen finsteren Gesellen (ja, Edward Snowden) das Asyl in Russland verlängert hat. Was haben die beiden nur verbrochen, der Putin und der Snowden?

2.) Ebenfalls ein spannendes sprachliches Phänomen sind die “prorussischen Separatisten”. Der Ausdruck erscheint mir als ziemlich negativ wertend und zugleich sachlich wenig angemessen: Bei weitem nicht alle ostukrainischen Gegner der Kiewer Regierung wollen Russland beitreten oder Moskauer Truppen zu sich beordern. Nicht wenige scheinen mehr Autonomie, föderale oder konföderale Strukturen anzustreben. Wie können Journalisten sie nennen? Ganz einfach “Oppositionelle” oder auch “Rebellen”, “Aufständische” oder “Regierungsgegner”.  Ist alles sowohl kürzer als auch sachlich treffender als “prorussische Separatisten”. Aber in dem Falle scheint es nicht darum zu gehen. Wagen wir ein Gedankenexperiment: Hätte man im Syrienkonflikt die Gegner von Staatschef Assad “prowestliche Separatisten” genannt? Nein, das waren und sind eben “Oppositionelle” oder  “Regimegegner”, gerne auch “Menschenrechtler” oder “Freiheitskämpfer”. Zwischen den Konflikten in Syrien und in der Ostukraine scheinen Welten zu liegen. Oder sind es vor allem unterschiedliche Interessenlagen und daher Perspektiven?

3.) Aller schlechten Dinge wären hier heute drei: Am 5.8. hieß es in der ARD-Tagesschau und auch bei den Nachrichtenagenturen in Deutschland: “Nato fürchtet russischen Einmarsch”. An der Formulierung ist vieles fragwürdig, aber suchen wir den größten gemeinsamen Nenner für sachliche Kritik: Eine Nato-Sprecherin hatte sich in diesem Sinne mit Blick auf den Ukraine-Konflikt geäußert – die Überschrift bezog sich auf deren Rede. Dann hätte der Titel lauten können: “Nato-Sprecherin: Furcht vor russischem Einmarsch”, oder zur Not: “Nato: Furcht vor russischem Einmarsch”. Man gibt die Version der Nato (-Sprecherin) als deren Version wieder. Das wäre professionell. Ob “die Nato” (oder eben deren Sprecherin oder das Führungspersonal des Militärbündnisses) tatsächlich Furcht hat vor einem russischen Einmarsch, können wir kaum wissen. Ob man es glaubt oder nicht, ist eben eine Glaubensfrage. Wissen können das nur die Akteure selber (oder auch die Geheimdienste, wer weiß). Was Journalisten wissen können und vermitteln sollten im Bereich der Nachrichten, ist, was geäußert wurde und von wem es geäußert wurde. Nicht mehr und nicht weniger. Und das wäre schon viel, sofern es nicht (all zu) einseitig geschieht. Albert Einstein hätte an der Stelle vielleicht wieder gesagt – Wissenschaftler und Journalisten sollen alles so einfach wie möglich machen – aber nicht einfacher.

Angie muss nicht heulen

Von Sebastian Köhler

1.)  Hyperlokales im Netz hätte durchaus professionelle Chancen angesichts des Schwächelns des tradierten Print-Lokaljournalismus: Wenn auch einer der bundesweiten Vorreiter, das „Heddesheimblog“ um Hardy Prothmann, derzeit pausiert, bis 1000 Euro monatlich an Nutzer-Abo-Einnahmen drin sind, tut sich in Hamburg-Altona Interessantes: Die dortige Plattform „Altona.Info“ probiert den Einstieg in ein Abo-Modell (http://meedia.de/2014/06/17/hyperlokales-gegen-geld-altona-info-probiert-abo-modell/, Aufruf am 18.6.2014, 13.11 Uhr). Fünf Jahre nach dem Start dieser Lokalnachrichten für den Hamburger Bezirk Altona ruft Gründer und Chefredakteur Christoph Zeuch dazu auf, Nutzerabos abzuschließen. Die Zeitung habe “nachhaltig unter Beweis gestellt, dass wir ein lokaljournalistisches Angebot sind”. Jetzt sollen die Nutzer zeigen, ob sie an Nachhaltigkeit interessiert sind – 69,90 Euro jährlich sollen sie für Neuigkeiten aus ihrer direkten Umgebung bezahlen. Bestellt werden könne aber auch für ein paar Wochen oder weniger, Studenten und Schüler bekämen vergünstigte Tarife. Hinter der Paywall solle aber nicht der gesamte Inhalt verschwinden, verspricht Zeuch. Nachrichten und Meldungen blieben weiterhin frei zugänglich, ebenso wie aktuell relevante Inhalte. Ähnliches Modell wie bei den – gerade mit ihrer Kampagne doch noch knapp erfolgreichen – „Krautreportern“ also, was die freie Zugänglichkeit und den Jahrespreis angeht. Laut dem ALTONA.INFO-Gründer sollen die Nutzer in Zukunft den größeren Teil des Umsatzes generieren, denn das Werbegeschäft im lokalen Markt erweise sich als schwierig. Das neue Finanzierungsmodell verspreche Unabhängigkeit. Die neuen Mittel sollen dann in die Redaktion fließen, um “intensiver in Themen einzusteigen” und einen “investigativen Charakter” herauszuarbeiten. Weiterer Ansporn für seine Abonnenten soll eine Art Mitglieder-Intranet sein, also ein Forum für zahlende Nutzer, in dem sie sich untereinander austauschen, diskutieren und miteinander vernetzen können. Auch hier sind Ähnlichkeiten zum Community-Ansatz der „Krautreporter“ nicht zu übersehen, die allerdings ja zumindest bundesweit, wenn nicht darüber hinaus wahrgenommen, genutzt und abonniert werden wollen. Das hyerlokale Online-Portal ALTONA.INFO erreicht eigenen Aussagen zufolge bis zu 5.000 Unique User (Visits) und zwischen 15.000 und 30.000 Seitenabrufe (Views) pro Tag und schreibt mittlerweile schwarze Zahlen. Ziel sei es, sagt Zeuch, so viel einzunehmen, dass die Plattform als Genossenschaftsmodell laufen könne. Dazu wolle Zeuch bis Ende des Jahres erst einmal rund 100 Abonnements verkauft haben.

 
2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: „Gottlob gibt’s solche Emotionsreporter“ titelte die „Bild“ ihre TV-Kritik in der Bundesausgabe vom 17.6.2014 (Seite 15). Der öffentlich-rechtliche „Reporter“ Gerd Gottlob, der verbal die Live-Übertragung des WM-Spieles der deutschen Fußballer gegen die aus Portugal begleitete, wurde von „Bild“ auf eine Lobes-Stufe mit dem hausinternen Anpreisen des Bild-Video-Kommentators Dirc Seemann gestellt („Wahnsinn …. Heul dooooooch! Ruft er, als Ronaldo sein Gesicht weinerlich verzieht. Haha!“). Und das Lob aus berufenem Munde war verdient: Gottlob galt früher als relativ sachlicher Texter bei solchen Übertragungen. Diesmal waren seine ständigen Zwangs-Kollektivierungen („Wir kontrollieren den Ball sicher“, „Wir haben sehr gut in das Spiel gefunden“ etc.) noch eines der geringeren Übel. Warum aber ein NDR-Sportjournalist völlig ironiefrei sagen muss, da freue sich „Angie“ auch sehr (die Bundeskanzlerin saß auf der Tribüne und wurde immer wieder jubelnd eingeblendet), bleibt vielleicht kein Rätsel, da es den Politik-Stil der CDU-Chefin ähnlich charakterisieren mag wie das Journalismus-Verständnis des Kommentators: Gottlob scheint nicht nur begeisterter Fan des DFB-Teams zu sein (und das auch in seiner – doch eine gewisse Distanz erfordern sollenden – ARD-TV-Rolle jedem auf die Nase binden zu müssen), sondern offenbar ebenso ein gerne laut mitjubelnder Anhänger der Regierungschefin. Kann ja beides sein – hätte aber mit seriösem Journalismus so wenig zu tun wie eben – „Bild“.

Beiträge und Beitragen

Von Sebastian Köhler

 
1.) Die Krautreporter auf der Zielgeraden: Am 6.6. durften wir als HMKW-Delegation Mitbegründer Sebastian Esser trotz dessen Stresses vor Ort in Berlin-Kreuzberg einige Fragen stellen. Esser gab sich ungebrochen optimistisch – die 15.000 angestrebten Mitglieder seien bis zum 13.6. erreichbar. Mir erscheinen wichtig die auch hier deutlich werdenden Perspektivenwechsel: Journalismus versucht als Zweck für die Nutzer und nicht als Mittel zu dem Zweck, Publika für die Werbewirtschaft zu schaffen. Damit tendenziell auch weg vom Vermarkten feststehender Produkte und hin zum Beteiligen an relativ offenen Prozessen. Vom fertigen Beitrag zum aktiven Beitragen, sowohl aus Sicht der Journalisten als auch aus der von Nutzern. „Freitag“-Chef Jakob Augstein rät den „Krautreportern“, das Projekt auch durchzuziehen, falls die 15.000 Mitglieder nicht geschafft werden (http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/126602-zieht-es-durch-jakob-augstein-macht-krautreportern-mut.html, Aufruf am 11.6.2014, 17.12 Uhr). Bemerkenswert, da seine Wochenzeitung ja auf eine recht ähnliche Klientel von Nutzern angewiesen ist. Wahrscheinlich sind von den Machern und Nutzern des „Freitag“ auch etliche bei den „Krautreportern“ dabei. Ich will mich da gar nicht ausschließen.

 

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: RBB-Info-Radio-Sportinterviewer Stephan Frase sagte am 21.5.2014 um 10.55 Uhr im Gespräch mit Rodler Felix Loch: „Sie haben unzählige Weltcup-Siege erreicht“. Ungereimtheiten dieser Art geschehen mittlerweile im Medien-Turbo leider unzählig (unzählbar) oft – aber die Anzahl der Weltcupsiege eines Sportlers lässt sich sicher ermitteln. Allerdings fehlt oft die Zeit oder Mühe dafür – aber das führt dann zu „ungezählten“ Siegen. Die jedoch nicht nur für Mathematiker durchaus zählbar sind – oder es doch wären

Geld her oder Baby-Tötung?

Von Sebastian Köhler

 
1.) FAZ-Net-Kunstfigur „Don Alphonso“ kritisiert die „Krautreporter“ bzw. die sich dort versammelnden Internetautoren (http://blogs.faz.net/deus/2014/05/31/geld-oder-wir-toeten-dieses-medienbaby-2068/, Aufruf am 4.6.2014, 12.02 Uhr). Er geht davon aus, „diesen Kreisen gemeinhin als notorischer und zynischer Störenfried (zu gelten), der sich nicht an ungeschriebene Gesetze hält.“ Damit meint der Don, durchaus nachvollziehbar, Burgfriedens-Verhalten, das sich in journalistischen Medien (gerade auch in konkurrierenden) immer wieder beobachten lässt. Ein wichtiger Kritikpunkt in des Dons Worten: „Grob (sic! – er meint wohl: „allgemein“, SeK) gesagt hatte man für das Versprechen einer Ware – ein Jahr feinster Onlinejournalismus ab Herbst – keine richtig funktionierende Kasse“ für die „Kunden“.

Diese Art von Kritik sagt viel über den Kritiker: Nutzer werden auf ihren Kunden-Status reduziert und der Journalismus auf seinen Waren-Charakter – daher ist die „Kasse“ allein entscheidend. Aufgeklärter Damen und Herren als der Don gehen zumindest vom Doppelwesen journalistischer Beiträge als Ware und Kulturgut aus. Solche umfassendere Sichtweise eröffnet alternative Horizonte, was die notwendigen Debatten um die Bereitstellung von Ressourcen für einen Journalismus geht, der mehr als bloße Ware ist. Aber klar, Stimmung gegen eine „Stimmung wie beim Heizdeckenverkauf“ lässt sich leichter machen, Pardon: billiger.
2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Was ist das Verdienst von Angela Merkel? Und was ist andererseits der Verdienst dafür? Die Kanzlerin sagte laut RBB-Info-Radio (am 9.4.2014, 10.00 Uhr): Es sei „der Verdienst dieser und früherer Bundesregierungen, dass jetzt ein Haushalt ohne Neuverschuldung möglich“ sei. Egal, ob das Verdienst an dieser Wortwahl beim Sender oder bei der Senderin liegt: „Das Verdienst“ ist eine besondere, anerkennenswerte Leistung oder Tat (http://www.duden.de/suchen/dudenonline/verdienst, Aufruf am 4.6.2014, 13.30 Uhr), während „der Verdienst“ durch Arbeit erworbenes Einkommen (Geld) meint. Eine ganz andere Frage ist, ob die CDU-Chefin tatsächlich so viel (oder so wenig) Euro bekommt, wie sie verdienen würde, wenn das Verdienst entscheidend wäre. Sehr verdienstvoll, solche Fragen.

Geht Crowd bei den Krauts?

Von Sebastian Köhler

1.) „Der Online-Journalismus ist kaputt“, sagen die Krautreporter (https://krautreporter.de/das-magazin, Aufruf am 14.5.2014, 21.36 Uhr). Aber: „Wir kriegen das wieder hin“. „Kriegen“ würde ich zwar nicht sagen, sondern „bekommen“, aber inhaltlich finde ich diese neue Projektphase der Krautreporter sehr spannend: Es solle ohne Werbung und ohne Boulevardisierung gehen. Statt dessen: „Mit gutem Journalismus: Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken – jeden Tag! Wir wissen, von was (ich sage: „wovon“, SeK) wir reden: weil wir uns mit dem auskennen, über das (nun ja: „worüber“, SeK) wir schreiben. Mit der notwendigen Zeit, die es braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen. Und den Fakten, die nötig sind, um zu verstehen, was auf der Welt passiert. Ganz in Ruhe.“ Inhaltlich geht das in richtige Richtungen, wie gesagt.
Ein unabhängiges Online-Magazin ohne Werbung, das täglich mehrere sorgfältig recherchierte Hintergrundbeiträge von angemessen bezahlten Journalisten veröffentlicht. Innerhalb eines Monates will „Krautreporter“ 15.000 Nutzer gewinnen, die für ein Jahr jeweils mindestens 60 Euro bezahlen, also fünf Euro im Monat. Budget insgesamt also 900.000 Euro. Wenn das klappt, soll die Seite im September live gehen (vgl. http://www.gruenderszene.de/allgemein/krautreporter, Aufruf am 14.05.2014, 21.44 Uhr). Allerdings wird das kein Selbstläufer – nach knapp zehn Tagen hatten knapp 5000 Nutzer sich als Mitglieder eingetragen (https://krautreporter.de/das-magazin, Aufruf am 21.5.2014, 21.42 Uhr).
Vorbild für das Online-Magazin Krautreporter, das aus der gleichnamigen Crowdfunding-Plattform hervorging, ist das niederländische Projekt De Correspondent. Im September 2013 schenkten 15.000 Leser De Correspondent eine Million Euro in nur acht Tagen – viele mehr als jetzt in Deutschland. Der Erfolg von De Correspondent hat Sebastian Esser, einer der Initiatoren von Krautreporter, dazu inspiriert, in Deutschland Journalisten für ein ähnliches Projekt zu suchen. Insgesamt finden sich jetzt 28 Autoren auf der Liste – viele bekannte Namen sind dabei, beispielsweise der Medienjournalist Stefan Niggemeier, Sportreporter Jens Weinreich oder der Digitaljournalist Richard Gutjahr. Chefredakteur soll Alexander von Streit werden, der auch schon das deutsche Wired-Magazin leitete. Alle Krautreporter-Autoren sollen als Pauschalisten ein festes monatliches Einkommen erhalten: 2.000 bis 2.500 Euro – erwartet wird von ihnen laut der Konkurrenz von „Zeit online“ ein Text pro Woche. Mitbegründer Sebastian Esser sagt, man setze auf Rückkopplungen – der Dialog mit den Mitgliedern und Lesern solle das neue Medium auszeichnen (http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/126202-sebastian-esser-ueber-das-magazin-krautreporter-der-dialog-mit-dem-leser-soll-uns-auszeichnen.html, Aufruf am 14.5.2014, 22.41 Uhr). Er glaube nicht, dass Pay Walls im Online-Journalismus künftig funktionieren werden (vgl. http://www.gruenderszene.de/allgemein/krautreporter, Aufruf am 14.05.2014, 21.44 Uhr).: Vielmehr zeigt sich Esser davon überzeugt, dass zahlreiche Menschen unabhängigen Journalismus freiwillig ermöglichen wollten und deswegen bereit seien, solch ein Projekt auch finanziell zu unterstützen. Sollte das Magazin zustande kommen, dürften die meisten Texte für alle Leser frei zugänglich sein. „Wir wollen eine relevante Stimme in der Debatte bekommen, deswegen wollen wir auch verlinkt werden“, erläutert Esser. Das sei nur möglich, wenn Texte nicht hinter einer Paywall sind. Zahlenden Mitgliedern will Krautreporter allerdings einige Extra-Funktionen anbieten: Nur wer Geld gibt, soll beispielsweise die Artikel kommentieren oder die Redakteure in Hintergrundgesprächen, beispielsweise über Google Hangouts, befragen können.
Esser sagt, er hoffe, dass Krautreporter den Journalimus in Deutschland auf den Kopf stellen werde: „Wir behaupten nicht, dass wir besser sind. Wir wollen es nur anders machen.“

2.) Es war ein relativ überraschendes EU-Urteil: (http://kress.de/mail/tagesdienst/detail/beitrag/126233-ueberraschendes-eu-urteil-google-muss-links-zu-sensiblen-daten-entfernen.html, Aufruf am 14.5.2014, 22.45 Uhr). Der Internetkonzern Google muss unter Umständen Links zu sensiblen Daten entfernen Die “FAZ” sprach von einer schweren juristischen Niederlage, mit dramatischen Folgen für den Konzern: Der Europäische Gerichtshof hat am 13.5.2014 in Luxemburg entschieden (Rechtssache C-131/12), dass Google dazu verpflichtet werden kann, Verweise auf Webseiten mit mit sensiblen persönlichen Daten aus seiner Ergebnisliste zu streichen.
Ein solches Recht leite sich aus der EU-Datenschutzrichtlinie ab. Nach Ansicht des Gerichts ist der Suchmaschinenbetreiber für die Verarbeitung der Daten verantwortlich. Ein Betroffener könne sich mit der Bitte um Änderung der Suchergebnisse an Google wenden – oder sonst an die zuständigen Stellen. Geklagt hatte ein Spanier. Er wehrte sich dagegen, dass Google bei der Eingabe seines Namens noch heute einen Artikel über die Zwangsver-steigerung seines Hauses vor 15 Jahren anzeigt. Das Urteil überrascht insofern, als Generalanwalt Niilo Jääskinen noch 2013 im Rahmen eines Gutachtens zu der Ansicht gelangt war, dass dass aus der EU-Datenschutzrichtlinie kein allgemeines “Recht, vergessen zu werden” abgeleitet werden könne.
Die Konzernspitze von Google teilte mit: “Diese Entscheidung ist nicht nur für Suchmaschinen (sic! Als ob die Gefühle hätten …., SeK) enttäuschend, sondern auch für alle, die Inhalte online publizieren”. Und weiter: “Wir sind sehr überrascht, dass das Urteil so stark von der vorherigen Einschätzung des Generalanwalts abweicht und dessen Warnungen und aufgezeigte Konsequenzen unberücksichtigt lässt..”

3.) Der TV-Sender „Tagesschau 24“ am 7.5. um 9.28 Uhr im Sportteil: Der Berichterstatter sagt im Sprechertext:“Die deutschen Handballer strahlen Optimismus und Zuversicht aus“. Ein klassischer „weißer Schimmel“, der immer dann „vorprogrammiert“ scheint, wenn mensch nicht weiß, was das Fremdwort bedeutet. Und so bleiben selbstverständlich wichtige Fragen: Strahlten die Sportler auch Lebensbejahung und Heiterkeit aus? Was ist mit Hoffnung und Zukunftsglauben? Sprachkundige wissen (oder spüren) es: All dies steckt bereits drin im „Optimismus“, der etymologisch aus dem Lateinischen und Französischen stammt.
Ähnlich tautologisch (also: doppelt-gemoppelt) der Textbaustein von Angela Merkel laut Info-Radio am 9.4.2014, 15.40 Uhr: Jetzt gehe es um „Zukunftsinvestitionen“. Normalerweise geht es ja bei Investitionen um Geschäfte in der Vergangenheit oder vielleicht auch Gegenwart. Doch das scheint wirklich innovativ, ja zukunftsweisend: Investitionen diesmal bestimmt als langfristige Anlage von Kapital. Aber Moment mal – genau das heißt ja laut Duden das Wort „Investition“ bereits, auch ohne die Verdoppelung durch das Bestimmungswort „Zukunft“. Mehr „Investitionen“ in (sprachliche) Bildung wären anscheinend auch ganz sinnvoll.

Schrei vor Miss-Ständen?

 

Von Sebastian Köhler

1.) Das „Team Wallraff“, mittlerweile mit Sendeplatz bei RTL, hat sich im April mal wieder spektakulär in den Medien gezeigt. Die 21-jährige Reporterin Caro Lobig recherchierte undercover und per versteckter Kamera – mit Unterstützung des Altmeisters des deutschen investigativen Journalismus, Günter Wallraff (71) – mehrere Wochen in der Erfurter Filiale des Logistik-Konzerns „Zalando“ (Slogan: Schrei vor Glück!). Dann wurde sie „erwischt“, verlor die Aufnahmen dieses letzten Tages, konnte aber mit dem zuvor gesicherten Material eine Reportage für RTL-Extra produzieren, die auf beträchtliche soziale Missstände wie Stress und Überwachung bei dem Online-Händler deuten lässt. „Zalando“ geht seitdem auch juristisch gegen die Filmemacher vor: Interessanterweise nicht mit Fälschungs-Vorwürfen, sondern vor allem wegen des angeblichen Verrates von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen ( http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/undercover-reporterin-lobig-die-zalando-mitarbeiter-sind-skeptisch-seite-all/9826668-all.html; Aufruf am 7.5.2014, 19.37 Uhr). Mentor Günter Wallraff erklärte, es sei erstaunlich, dass Anteilseigner des Konzerns selbstherrlich meinten, sie könnten mit solch einem Prozess einschüchtern, Öffentlichkeit verhindern und Kritik unterbinden: „Das Gegenteil ist der Fall. Sie können uns keinen größeren Gefallen tun und sind rechtlich schlecht beraten. Denn hier geht es nicht um den vermeintlichen Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen, wie es in ihrer Anzeige heißt, sondern um gravierendes Unrecht im Betrieb. Menschen, die hilf- und wehrlos sind, weil sie Angst vor Kündigung und Arbeitslosigkeit haben, werden drangsaliert.“ (http://www.jungewelt.de/2014/04-22/023.php?sstr=wallraff, Aufruf am 7.5.2014, 19.45 Uhr). Wichtig für alle Journalisten und an kritischer Öffentlichkeit interessierten Bürger: Das Bundesverfassungsgericht hat im Fall von Wallraffs Undercover-Recherche bei der Bild-Zeitung (1977) ein Grundsatzurteil (1984) gefällt. Die obersten Richter haben damit in diesem Springer/Wallraff-Urteil festgelegt: Im Fall von gravierenden Mißständen hat die Öffentlichkeit das Recht, informiert zu werden: Auch wenn es um sogenannte erschlichene, unter Täuschung erworbene Informationen geht. Der Pressekodex argumentiert in ethisch-moralischer Richtung entsprechend in seinem Punkt 4.1.: Umstrittene Recherche-Methoden sind im Einzelfall gerechtfertigt, wenn es um öffentich-relevante Miss-Stände geht, auf die anders nicht hinzuweisen wäre. Leider hat Zalando offenbar zumindest erreicht, dass die Langfassung der Reportage vom 14.4. im Netz frei kaum zu finden ist.

 

2.) Zum sprachkritischen „Kaleidoskop“: Der liberale „Independent“ aus London titelte am 16.4. auf Seite 4 seiner Tabloid-Ausgabe: „Nato steps up presence on Russia`s borders to reassure European allies“

 

Ein typischer Fall der Vermengung von Nachricht und Meinung: Der erste Teil der Überschrift dürfte zwischen vielen (auch kontroversen) Beteiligten und Beobachtern dieses Konfliktes als Meldung unstrittig sein – das westliche Militärbündnis verstärkt seine Kräfte an den Grenzen zu Russland. Der zweite Teil bezieht sich entweder auf eine Begründung durch den Nato-Generalsekretär („Wir machen das deshalb, weil…“) und hätte dann als Version und Zitat gekennzeichnet werden sollen. Oder es ist (auch) die Meinung der Redaktion (Die Nato macht das, weil ….), und dann hätte es ebenfalls nicht so in eine nachrichtliche Überschrift gehört, sondern in eine meinungsbetonte Darstellungsform. Bemerkenswert, weil die britische Qualitäts-Presse ja geschichtlich als Hort des Trennungs-Gebotes für den modernen Journalismus gilt, demzufolge Fakten heilig sein sollen, aber der Kommentar frei, wie C.P. Scott vom „Guardian“ 1921 klassisch formuliert hatte: „Comment is free, but facts are sacred”

 

Ätzende Häme?

Zum Beitrag von Ildiko Röd über die Debatten zur Potsdamer Garnisonkirche in der MAZ vom 25.4.2014, S.13:

 Von Sebastian Köhler

Anlass dieser Runde der Berichterstattung über das in Potsdam umstrittene Projekt eines etwaigen Wiederaufbaus der Garnisonkirche war der  Wegfall von 6,3 Millionen Spendengeldern durch den kurz zuvor erklärten Rückzug der „Stiftung Preußisches Kulturerbe“ um den Ex-Bundeswehroberstleutnant Max Klaar. So weit, so klar.

 

Warum aber schreibt die Kollegin schon in der Unterzeile: „Aufbau-Gegner reagieren mit Häme“? „Häme“ ist ein relativ stark wertendes, emotionalisierendes Wort – man denke an „hämisches Grinsen“, „hämische Schadenfreude“ etc. Der Online-Duden nennt als Beispiel „Er ertrug die Häme seiner Mitschüler nicht“, was sich kaum auf berechtigte Kritik dieser Mitschüler am mit Häme Bedachten bezieht. „Häme“ bedeutlich laut Duden Ähnliches wie „Zynismus“ und „Hohn“, also etwas, das der Beobachter schlicht nicht gutheißen kann.

 Ich rate in solchen Sätzen im Sinne der Objektivierung einfach zur Umkehrprobe: Ist es denkbar, der „anderen Seite“ (einer anderen Partei im jeweiligen Konflikt) dieselben Worte zuzusprechen? Ist es wahrscheinlich, dass die Journalistin prominenten Befürwortern des Wiederaufbaus wie z.B. Manfred Stolpe oder Wolfgang Huber „Häme“ attestieren würde (als mögliche Reaktion auf etwaige Misserfolge der Gegner, zum Beispiel, falls das Bürgerbegehren zum Rückzug der Stadt Potsdam aus dem Projekt scheitern sollte)? Wohl kaum – und allein schon deshalb wäre ich mit solchen Worten sehr vorsichtig, zumal in offenbar informationsbetonten Darstellungsformen.  

Leider scheint der Gebrauch von „Häme“ weder Zufall noch Ausrutscher zu sein. Der Linken-Kreischef Sascha Krämer hatte sich geäußert – als Wiederaufbau-Skeptiker relativ sachlich, wie ich finde (das ist natürlich meine Meinung): „Kaum Spenden, kein Geld vorhanden, und nun werden auch noch die auf Eis gelegten 6,3 Millionen Euro von Max Klar gestrichen. Das Projekt Garnisonkirche steht unter keinem guten Stern“. So weit, so klar wiederum – warum er das „geätzt“ haben soll, bleibt unklar: „Ätzen“ ist ein ebenfalls vergleichsweise meinungsbetonter Terminus aus dem Wortfeld „sagen“ – laut Online-Duden ist es salopper Sprachgebrauch in Richtung von „mit beißendem Spott äußern“.

Wiederum mache mensch die „Umkehrprobe“: Würde die Reporterin zum Beispiel Peter Leinemann oder Martin Vogel als Projekt-Angestellte etwas „ätzend“ äußern lassen? Anscheinend nicht – im Artikel äußern die Befürworter folgende Sprechakte: „verzichten“, „erklären“ oder „bedauern“. Für diese Akteure werden also relativ sachliche bzw. sogar eher positiv konnotierende Worte verwendet.   Schade, dass so der Eindruck einer gewissen Parteilichkeit entsteht.

Gut wäre es, die Kirche (journalistischer Fairness) im Dorf (der öffentlichen Debatten) zu lassen. Ob andere Kirchen, Türme oder Schlösser (wieder) sein sollen, darüber mögen am besten und ganz demokratisch all die Menschen entscheiden, die es betrifft. Dazu benötigen sie auch und gerade im Lokalen journalistische Orientierung, die sich in ihren informationsbetonten Bereichen um objektivierende Perspektivenwechsel bemühen sollte. Um es mit einem der Klassiker des bundesdeutschen Journalismus zu sagen, mit HaJo Friedrichs (1927 bis 1995):  Journalisten sollten in alle Richtungen möglichst gleiche Distanz halten, sich dabei insbesondere nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer anscheinend noch so guten.  Ätzende Häme oder hämisches Ätzen sollten da individuelle Glaubensfragen bleiben und nicht tendenziell einseitig den journalistisch-informationsbetonten Stil prägen.