Zwei Fragen des Respektes

1.) Richard Gutjahr (geboren 1973 in Bonn) gilt als einer der bekanntesten deutschen Journalisten, Blogger und Moderatoren. Anfang 2016 war er Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens (BR) und neben seiner Bloggertätigkeit auch für andere Medien (FAZ, Tagesspiegel etc.) journalistisch tätig. Er hat das Medienjahr 2015 in zehn Lektionen bilanziert (http://www.gutjahr.biz/2016/01/2015-learnings/?xing_share=news, Aufruf am 6.1.2016, 19.12 Uhr).

1. Platform killed the Media-Star – die etablierten Medien sieht Gutjahr als hilflos an gegenüber den neuen Akteuren wie vor allem Facebook und Google. Mit dem Siegeszug von Videos und „Instant Articles“ und der weitgehenden Übernahme der Werbung durch die Plattformen wird für Gutjahr deutlich: Verlust der Kontrolle über eigene Inhalte im Tausch gegen erhoffte neue Reichweiten.

2. Technology matters!
Junge Nutzer seien vor allem in den USA zunehmend ungeduldig. Was Mark Zuckerberg und Jeff Bezos seit jeher predigten, scheint auch für Gutjahr ein reales Problem. Technische Mängel wie zu lange Ladezeiten oder irreführende Weiterleitungen werden von Jüngeren abgestraft. Studenten klickten kaum noch auf Links. Zu langwierig, zu umständlich. Der zu erwartende Informationsgewinn gegenüber dem Zeitverlust zu gering. Gutjahrs Forderung: Mehr Softwareentwickler (Coder)! Die technische Umsetzung journalistischer Angebote sei mindestens so entscheidend wie Themenauswahl oder Recherche.

3. Partikel statt Artikel – Nachrichten werden Gutjahr zufolge kaum noch zusammenhängend verfolgt, sondern in Fragmenten, die wie eine Art Fortsetzungsgeschichte über den Tag hinweg genutzt würden, oft sogar nur mehr über verlängerte Schlagzeilen oder Push-Nachrichten auf dem Lock-Screen des Smartphones. Das setze völlig neue Artikelstruktur und –Taktung voraus. Aber auch längere Texte blieben gefragt, verstärkt am Wochenende oder an Feiertagen – dann gerne auch auf bedrucktem Papier. Gutjahrs Fazit hier entgegen dem „Snowfalling“: Weg von der strukturierten Geschichte, hin zu granularen (also für die Nutzer passgenauen), thematisch gebündelten Nachrichten-Updates.

4. New Kids On The Block – Bei diesem Punkt äußert Gutjahr Zweifel, ob der sich von den USA auf Deutschland übertragen lasse. Wenn man US-Studenten frage, aus welchen Quellen sie sich nachrichtlich informierten, finden sich Gutjahr zufolge auf der Liste der meistgenutzten Informationsquellen einige alte Bekannte, wie z.B. die New York Times oder auch CNN. Andererseits fänden sich unter den Top-10-Nachrichtenquellen immerhin sechs Medienmarken (z.B. Huffington Post, Politico, Buzzfeed oder Vox), die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Randnotiz: CNN werde bei den Jungen offenbar nicht mehr als TV-Sender wahrgenommen, sondern als Online-Angebot. Ein Wink für die deutschen öffentlich-Rechtlichen? Also: Auch klassische Medienmarken könnten überleben, sofern sie sich angemessen an die neue Medienrealität anpassten.

5. Livestreaming goes Mainstream – Livestreaming-Apps wie Meerkat und Periscope deuten für Gutjahr mehr als nur an: Kein Liveticker sei schneller, intimer und näher dran als Livevideo. Spätestens mit der neuen Mobilfunkgeneration 5G (LTE+), besseren Akkus und einer Integration von Periscope & Co in TV-Geräte (siehe Apple TV) dürften Livestreams den Mainstream erreichen. Der gute alte Live-Reporter werde dank Livestreaming sein großes Comeback erleben.

6. Augenzeugenvideos betreuen – Die Instant-Messaging-Plattform Snapchat habe von allen so genannten „Social Networks“ das größte Potential, zu den großen Facebooks und Twitters aufzuschließen. Mit der Einführung von Profi-Inhalten (Discovery) sei es Snapchat gelungen, sein einstiges Image als Teenager- und Sexting-App abzulegen. Auch bei Ereignissen wie den Anschlägen von Paris 2015 ließ sich das Potential (kuratierter) Augenzeugen-Videos zumindest erahnen. Mit seiner Mischung aus Messaging- und Video-Plattform kombiniere Snapchat zwei große Stärken von Smartphones. Hinzu komme die geschickte Integration der Lokalisierungsfunktion, von Filtern, In-App-Verkäufen und nicht zuletzt Werbung. Keine Plattform zuvor habe so früh so viele und so unterschiedliche Monetarisierungswege erschlossen. Die US-Präsidentschaftswahl 2016 sollte der App zum weltweiten Durchbruch als News-Plattform verhelfen können.

7. Die Smartwatch als Schlüsselbund – Gutjahr schreibt, er glaube an die Zukunft von Wearables. Wenn man die Smartwatch nicht als Uhr, sondern als Schlüsselbund begreife, mit dem man bezahlen, Türen öffnen, digitale Inhalte freischalten kann, deren Nutzungsrechte man erworben hat. Keine Magnetkarten, keine PIN-Codes oder Passworte mehr. Ein Selbstläufer (natürlich auch, was den Datenhandel angeht, SeK). Smartwatches werden sich laut Gutjahr durchsetzen. Weniger als Medien-Empfangsgerät, sondern als digitaler Geldbeutel und Schlüsselbund.

8. Klasse statt Klicks – Qualität wird laut Gutjahr neben der Schnelligkeit wieder wichtiger. Gemeint seien damit nicht jene Schau!-mich!-an!-Multimedia-Projekte, um zu prahlen, was man theoretisch alles drauf habe (das “Snowfall-Syndrom”). Allerdings müsse man sich von dem Gedanken verabschieden, durch Qualität viele Klicks oder eine große Reichweite zu generieren. Die neue Währung im Netz laute Aufmerksamkeit, also hier Relevanz und Vertrauen, die man zu seinem Publikum aufbaue. Refinanzierung erfolge nicht mehr ausschließlich über Masse, sondern über neue, noch schwer messbare Kriterien wie Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Engagement.

9. There is no business like „Beziehungsbusiness“ – Wir sind Menschen – und als solche identifizieren wir uns vor allem mit anderen Menschen, nicht mit Marken. Ein Prinzip, das durch Digitalisierung eher noch wichtiger werde – FACEbook mache es vor. Journalisten werden Gutjahr zufolge Teil der Produkte, die sie herstellen. Er möchte sogar behaupten: Das eigentliche Produkt seien am Ende wir selbst. In einer Zeit, in der es keinen Mangel an Information gebe, werde der Filter zum Entscheidungskriterium, nicht die beliebig austauschbaren Inhalte. Gefragt seien in Zukunft Experten, die über ein eigenes Stammpublikum (Fans & Follower) verfügten, die sie einem potentiellen Unternehmer als “Mitgift” mitbringen dürften. Je weiter sich das Publikum fragmentiere, desto wichtiger würden die einzelnen Mitarbeiter, die in bestimmten Nischen eine überdurchschnittliche Glaubwürdigkeit besitzen sollten. Auch US-Starblogger Jeff Jarvis sehe im Relationship-Business den alles entscheidenden Faktor für das Überleben klassischer Medienanbieter. Daher rückten die Mitarbeiter als einzelne stärker ins Zentrum der Medienwelt, sollten an Macht innerhalb der Sender und Verlage gewinnen.

10. Endspiel: Kreative Talente respektieren – In einer digitalisierten Welt sind aus Gutjahrs Sicht Kreativität und Talent der letzte „Battleground“, der in der Konkurrenz über Sieg oder Niederlage, Aufmerksamkeit oder Austauschbarkeit entscheide. Medienverantwortliche sollten in die Menschen „investieren“ und innerhalb ihrer Teams für das richtige Klima zu sorgen. Derjenige, der Individuen exzellent bedienen kann, gewinnt Gutjahr zufolge. Aufmerksamkeit im Tausch gegen Respekt – und zwar sowohl gegenüber dem Publikum als auch gegenüber den eigenen Mitarbeitern – so Gutjahrs Formel für ein Überleben in digitalen Zeiten

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Barbara Hallweg in den ZDF-Heute-Nachrichten am 6.1.: Es sei weiter unklar, „warum die Polizei in Köln die Übergriffe in der Silvesternacht nicht hat verhindern können“. Können? Genau das ist ja offenbar das Problem – die Sicherheitskräfte haben das nicht verhindert. Ob sie es hätten verhindern KÖNNEN, ist aber die Frage. Die Formulierung nimmt die Polizei tendenziell in Schutz, was meines Erachtens nicht sein sollte. Auf der anderen Seite reden einige Medien bereits von „Massenüberfällen“ (siehe u.a. https://www.ndr.de/info/Wendt-besorgt-ueber-Massenueberfaelle-in-Koeln,audio268134.html, Aufruf 6.1.2016, 19.32 Uhr), wo ich Ausdrücke wie „Massenübergriffe“ nach derzeitigem Kenntnisstand für angemessener halte. Zwei inhaltliche Lehren ziehe ich aus dem medialen Geschehen: Trotz ausgedünnter Redaktionen sollte wieder mehr professionelle Skepsis auch gegenüber Behörden als Quelle praktiziert werden. Und andererseits – warum haben sich von den offenbar vielen, vielen Dutzenden Opfern oder auch Augenzeugen nicht viel schneller welche (auch) an klassische Medien gewandt? Wie steht es mit dem Vertrauen und damit der Legitimation vieler etablierter Medien bei anscheinend nicht gerade geringen Teilen der Bevölkerung? Respekt dürfte auch hier ein grundlegendes Problem sein ….

Über Hasskommentare nur mal reden, aber Handlungsfähigkeit simulieren wollen

1.) Bei „Zeit Online“ hieß es mit Blick auf die neuen Regeln, die Justizminister Heiko Maas und seine Task-Force zum Thema „Umgang mit rechtswidrigen Hassbotschaften im Internet“ am Dienstag in Berlin vorstellten: „Besorgte Bürger müssen sich weiter keine Sorgen machen“. Unternehmen wie Facebook und Google sowie zivilgesellschaftliche Organisationen wie die Amadeu-Antonio-Stiftung waren eingeladen, Antworten zum Thema „Hate-Speech“ zu finden. Was genau unter „Hate-Speech“ zu verstehen ist und ob damit eher hasserfüllte Kommentare oder vor allem strafrechtliche relevante Äußerungen zu verstehen sind, die als beispielsweise Volksverhetzung einzustufen wären, bleibt noch immer vage, wie Netzpolitik.org-Chef Markus Beckedahl schreibt ((https://netzpolitik.org/2015/hate-speech-besorgte-buerger-muessen-sich-weiter-keine-sorgen-machen/, Aufruf am 16.12.2015, 18.15 Uhr)

Geschenke für die Großen und die Kleinen

Mit den Ergebnissen können laut Beckedahl nur Facebook und Google zufrieden sein, denn es handele sich um einen eher unverbindlichen Katalog an „Könnte man mal“-Regeln, die weitgehend bereits den Status Quo beschrieben. Maas simuliere Handlungsfähigkeit. „Aber sonst gab es viel heiße Luft um Nichts. Zumindest mit dem Ergebnis kann niemand so richtig zufrieden sein. Es sei denn, man arbeitet für Facebook oder Google. Und die zivilgesellschaftlichen Organisationen bekommen etwas „Anzeigevolumina“, also Anzeigenplätze, von den kommerziellen Plattformen geschenkt.“ Unklar bleibe vor allem, auf welche technische und organisatorische Weise die vermeintliche „Hate-Speech“ blockiert werden solle.

Aber, aber, Herr Chefredakteur!

2.) „Ich glaube daran, dass die OZ auch in Zukunft Erfolg haben wird. Im guten Lokal- und Regionaljournalismus liegt unsere große Chance – in der Printausgabe aber auch in den digitalen Medien. Ich bin auch stolz, in einem so starken Team arbeiten zu können.“ (http://kress.de/mail/tagesdienst/detail/beitrag/133370-madsack-greift-durch-bei-der-ostsee-zeitung-fallen-18-stellen-weg.html, 16.11.2015, 13.27 Uhr). Schreibt laut Branchendienst „kress“ immerhin der Chefredakteur der „Ostseezeitung“ (Madsack-Gruppe Hannover), Andreas Ebel, in einer längeren Mail an seine Mitarbeiter.

Ich bin Medienschaffender aber so richtig schreiben kann ich kaum.

„Aber“ als Konjunktion verlangt nicht immer ein Komma vor sich („Einer von uns muss es aber gewesen sein.“), aber (sic! Wie Bastian Sick!) doch meistens. Denn es ist eine gegenüberstellende oder zumindest einschränkende Konjunktion. Der Satz oben könnte ja vollständig auch lauten: „Keiner bekannte sich zu der Tat, aber einer von uns muss es gewesen sein.“ Da ich aber selbst in Texten von Superhirnen wie Jürgen Habermas auf dieses Phänomen des Weglassens des Kommas vor der Konjunktion „aber“ gestoßen bin, will ich an dieser Stelle nur sagen: „Ja, okay, aber es geht wie so oft im Menschenleben auch anders.“ Ohne Wenn und Aber – auch der Duden lässt hier vorerst keine Spielräume, aber beim Apo´stro´ph schon. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wühltisch widerspiegelt worst case?

1.) FAZ-Medienkritikerin Nina Rehfeld sprach von dem „Tiefpunkt“ des US-amerikanischen Fernsehens. Wie am Wühltisch sei es zugegangen in der Wohnung der mutmaßlichen Attentäter von San Bernardino, die zu jenem Zeitpunkt bereits selbst getötet waren.
(http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/wie-amerikanische-nachrichtensender-die-wohnung-der-attentaeter-von-san-bernadino-stuermten-13951366.html, Aufruf am 9.12.2015, 19.13 Uhr)

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Zitiert aus faz.net / AFP – Intime Einblicke: Fotografen im Kampf um die besten Plätze

Vom „skurrilsten Tag der Kabelnachrichten“ sprach man in „Vanity Fair“, als nach dem Attentat Dutzende Reporter vor live geschalteten Fernsehkameras die Wohnung der mutmaßlichen Täter durchwühlten. Laut Rehfeld stellt die Aufgabe jedweder Zurückhaltung bei diesem Gedränge, das Szenen bei einem Schlussverkauf glich, einen neuen Tiefpunkt des US-amerikanischen Nachrichtenfernsehens dar. Angetrieben von Fox News, das als Murdoch-Medium der politischen Correctness den Krieg erklärt und kurzerhand alle Verhaltensregeln suspendiert habe, seien auch die Sender CNN und MSNBC in die Arena durchlauferhitzter Nachrichtenmacher hinabgestiegen. „Action-News“ rund um die Uhr.

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Hier geht es zu einem Ausschnitt – Quelle: You Tube

CNN-Reporterin Stephanie Elam berichtet aus dem Apartment der mutmaßlichen Attentäter.

Die FAZ moniert einen blanken Voyeurismus – mit einer auch nur ansatzweise erhellenden Berichterstattung habe das nichts mehr zu tun gehabt: „Journalismus als Rummelplatz“. Erik Wemple von der „Washington Post“ kritisierte laut faz.net diesen „erbärmlichen Moment des Journalismus“. Selbstverständlich sei der Zugang zu der Wohnung der Attentäter ein Nachrichten-Ereignis, doch sei die Situation für eine Live-Berichterstattung denkbar ungeeignet gewesen. Das Zeigen der Personal-Dokumente sei ein „enormer Regelbruch – das darf man einfach nicht“. Personen auf diese Weise kenntlich zu machen, das könne unvorhersehbare Folgen haben.

Menschen im Mittelpunkt?

Die Reaktion von CNN habe in einem Seitenhieb auf die noch hemmungslosere Konkurrenz bestanden: Man habe eine „bewusste redaktionelle Entscheidung getroffen, keine Nahaufnahmen von sensiblen oder identifizierenden Materialien wie Fotografien oder Ausweisen“ zu zeigen. Der MSNBC-Moderator Chris Hayes habe erklärt, man vergesse in solchen Situationen schon mal, dass es sich bei den Subjekten der Berichterstattung um Menschen handele.

Bei Journalistenkollegen, aber auch bei Strafrechtsexperten war der taz zufolge das Entsetzen über den Vorfall groß (http://www.taz.de/Wohnung-der-mutmasslichen-Attentaeter/!5258259/, Aufruf am 9.12.2015, 20.54 Uhr). Kritik richtete sich hier vor allem gegen Behörden wie das FBI, weil diese die Wohnung (überhaupt oder zu früh?) dem Eigentümer zurück- und damit in gewisser Weise freigegeben hätten.

Wessen Probleme?

Die Bundespolizei FBI verteidigte sich laut taz gegen den Vorwurf, sie habe die Wohnung nicht ausreichend abgeriegelt. Die Beamten hätten in weniger als 48 Stunden ihre wissenschaftlichen Analysen in der Wohnung in Redlands bei San Bernardino entfernt abgeschlossen. Wenn ein Tatort den Besitzern wieder überlassen werde, „dann ist das nicht mehr unser Problem, wer da reingeht“, sagte David Bowdich vom FBI in Los Angeles.

Aber inwiefern den Journalistenkollegen vor Ort einseitig die Schuld geben? Wer als TV-Reporter wo auch immer in der ersten Reihe steht, von dem wird oft erwartet, zumindest nichts zu verpassen – „mit der Welle mitgehen“ ist dabei eine der pragmatischen Orientierungen. Wie wollte man dann solches Verhalten innerhalb sich zuspitzender, kaum regulierter Konkurrenz anders als billig verdammen? Es ist nicht zynisch oder resignierend gemeint – Gesellschaften haben in der Tendenz die Medien, die sie verdienen. Und auch, dass die Kritik von FAZ bis taz die Ereignisse von Redlands im Superlativ als extreme Ausrutscher darstellt, ist schon wieder viel mehr Teil der Probleme als Ansatz zu Lösungen.

Widerspiegeln oder Wiederspiegeln?

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Immer wieder stoße ich in journalistischen oder Studierenden-Texten auf den Terminus „wiederspiegeln“. Das Verb heißt natürlich „widerspiegeln“, zählt auch im Duden online zu den rechtschreiblich schwierigen Wörtern (siehe http://www.duden.de/rechtschreibung/widerspiegeln, Aufruf am 9.12.2015, 14.55 Uhr). Klar, es dreht sich hier nicht um „erneut“ oder „zurück“, sonden um „gegen“. Dennoch frage ich mich, ob es nicht kürzer und einfacher geht: Gerade angesichts des Duden-Beispieles „Der Mond hat sich im Wasser widergespiegelt“ – auch hier reicht „spiegeln“ meines Erachtens völlig, „widerspiegeln“ scheint mir hingegen in Richtung von „weißen Schimmeln“, also Tautologien zu gehen, wie die Klassiker „vorprogrammieren“ oder „zusammenaddieren“. Wenn ein Gegenstand gespiegel wird, entstehen die Bildpunkte auf der jeweiligen Gegenseite der Spiegelachse. Insofern hätte tatsächlich nur das (laut Duden gar nicht mögliche) „wiederspiegeln“ einen Informationsgehalt, nämlich dann, wenn jemand oder etwas eben noch einmal gespiegelt würde.

Nicht Königsweg, sondern Schlüssel zum Newsroom-Verständnis

Drei Schlüsselaspekte prägen die digitale Transformation der Newsrooms laut dem Digitalisierungs-Verantwortlichen des BBC World Service, Dmitrij Shishkin (http://blog.wan-ifra.org/2015/11/27/3-key-components-of-the-digital-transformation-of-newsrooms, Aufruf am 2.12.2015, 15.26 Uhr). 1.) digitaler Journalismus, 2.) Entscheidungen auf Daten-Grundlage, 3.) permanente Innovationen

Shishkin geht davon aus, dass derzeit rund drei Milliarden Menschen weltweit das Internet nutzen, 2020 dürften es vier Milliarden sein (was immer noch weniger als die Hälfte der Erdbevölkerung wäre). Die Schwerpunkte beim Zuwachs liegen für Shishkin in den Entwicklungsländern und bei der Mobilnutzung. Für die Newrooms, die Redaktionen von morgen würden Generalisten gebraucht, die den redaktionellen Inhalt genau verstehen, die technisch kompetent sind und die auf der organisatorischen Ebene fähig sind, „to get things done“, also kurz-, mittel- und langfristig konkrete Ergebnisse zu erreichen.

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Kernstück vieler Redaktionen ist mittlerweile ein kombinierter Newsroom. Zugleich laufen aber auch manche Prozesse immer noch oder wieder separat ab, zum Beispiel Auftragsvergabe, Recherchieren, Bild- und Ton-Produktion und Post-Produktion der Beiträge. Das Verständnis für den Gesamtauftritt des Mediums sollte wachsen. Shishkin kritisiert exemplarisch, dass immer wieder Bild- und Tonmaterial zu lange in Speichermedien verschwinde (mit Blick auf eine TV- oder Radiosendung) und es dann auch erst Stunden später online nutzbar sei. Hier müssten die Fähigkeiten, der Horizont der Journalisten erweitert werden. Die BBC versuche seit April 2015 mit ihrer Plattform „BBC Africa Live page“ einen neuen Ansatz – „feed digital platforms as you gather, irrespective of what platform you are on an assignment for“ – der schnelle Web-Output sei sehr wichtig.

Shishkin fordert, Journalisten sollten besessen sein von Daten. Auch wenn kein Rechner-Programm redaktionelle Entscheidungen ersetzen solle, möge das Bauchgefühl künftig eine geringere Rolle spielen. Vor allem sei das bei sehr begrenzten Ressourcen wichtig – „if you are only able to produce 10 pieces of content a day, you really ought to know which ones to go for.“ Wenn zum Beispiel Pageviews klare Nutzertendenzen anzeigen, dann sollte das die Produktion auch bestimmen.

Last but not least – „Innovation is the underlying principle“: Die Nutzer sind kaum einer bestimmten Marke treu: Redaktionen lösen sich tendenziell auf, sie werden weniger direkt angesteuert, und netz-basierte Newsaggregatoren wie Google News oder aber Micropayment-Kioske wie Blendle vermitteln zunehmend Journalismus. Die Nutzer sind vor allem über Plattformen wie Facebook, WhatsApp, Snapchat, Instagram oder Twitter unterwegs, diese gelten ihnen oft auch als Quelle der Nachrichten – wenn nicht sogar „das Internet“. Shishkin empfiehlt, ganz im Sinne von Herbert Marshall McLuhan (The medium is the message), dass die Inhalte zählen, „but interesting treatment and packaging of content matter too.“ Zum Text hinzu kommen, ergänzen oder ersetzen diesen: Bilder, Audios, Videos, Infografiken, One-Foto-Stories, Kurzvideos, Vertikalvideos, Cartoons, Emoticons, interaktive Charts usw. Shishkin sagt – versuche es, miss es, versuche es noch einmal. Wenn es klappe, sei das großartig, wenn nicht, auch gut – dann habe man etwas gelernt. Faszinierend sei die enorme Beweglichkeit der digitalen Medien.

Nicht auf das Komma verzichten, sondern es setzen!

2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: „Nach den Worten von Frankreichs Ministerpräsident Manuel Valls werden weitere Anschläge nicht nur in Frankreich sondern auch in Europa vorbereitet.“(siehe http://www.handelsblatt.com/politik/international/paris-und-die-folgen-im-newsblog-syrien-ist-die-groesste-terrorismusfabrik-der-welt/12593156.html,Aufruf am 2.12.2015, 18.24 Uhr). Gegenüberstellende Konjunktionen wie „aber“ oder „sondern“ werden in der Regeln durch ein Komma getrennt vom vorhergehenden Satz. „Sondern“ sogar immer, laut Duden: „Eins gleich vorweg: Obwohl es fast von jeder Interpunktionsregel eine Ausnahme gibt, existieren doch ein paar Fälle, die Sie sich für „immer“ merken können. Dazu gehört die Regel, dass vor die Konjunktion sondern immer ein Komma zu setzen ist. Davon gibt es praktischerweise keine Ausnahme. Sondern drückt bekanntlich einen Gegensatz aus. Dieser setzt voraus, dass zuvor etwas verneint wurde, beispielsweise durch nicht oder kein: „Uns fehlen nicht nur Teller, sondern auch Gläser. Das ist kein Hamster, sondern ein Meerschweinchen.“ Wenn die Verneinung nicht explizit vorliegt, darf sondern allerdings nicht verwendet werden: „Das war weniger schlau als vielmehr hinterlistig.“
Nun kommt sie aber doch noch, die Ausnahme. Steht nämlich kaum im ersten Teil, darf der Anschluss dennoch mit sondern erfolgen: „Er hat kaum gearbeitet, sondern nur vor sich hin geträumt.“ Wir hoffen, dies war nun weniger verwirrend als vielmehr erhellend.“ (http://www.duden.de/sprachwissen/sprachratgeber/besonderheiten-von–em-sondern–em-, Aufruf am 2.12.2015, 18.35 Uhr). Kann ich auch nicht besser sagen, sondern nur zustimmen.

Gewalt hallt aus den Medien?

1.) Gewalt und Medien – eine Frage, die immer wieder auch als Henne-Ei-Variante diskutiert wird – was ist zuerst da, oder was ist die Ursache wovon?
Mehr als ein Jahr nach tödlichen Schüssen auf einen dunkelhäutigen Teenager in Chicago muss sich ein US-amerikanischer Polizist wegen Mordes verantworten. Der Polizeibeamte Jason Van Dyke wurde jetzt angeklagt, weil er den 17 Jahre alten Afroamerikaner Laquan McDonald mit 16 Kugeln niedergestreckt haben soll. Dieser Tage war auch ein Video der Tat öffentlich geworden – zu befürchteten Ausschreitungen deswegen kam es aber zumindest zunächst nicht. Allerdings ist interessant, wie Staatsanwaltschaft und (manche) Medien die Gewaltfrage stellen:

CNN_Shooting_2015

Quelle: YouTube/CNN

„Es ist grausam, es ist gewaltsam, es ist schaurig“, wurde Staatsanwältin Anita Alvarez z.B. von faz.net zitiert: „Einen 17-Jährigen auf so gewalttätige Art sterben zu sehen ist zutiefst verstörend.“ (http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/amerika/todesschuesse-auf-jugendlichen-chicago-befuerchtet-unruhen-nach-veroeffentlichung-von-polizeivideo-13930825.html; Aufruf am 25.11.2015, 19.10 Uhr). Allerdings hatte es schon am Morgen des Tages im rbb-Inforadio geheißen, dieselbe Staatsanwältin befürchte nun, dass die Veröffentlichung der Bewegtbilder der Tat zu neuer „Gewalt“ führen könne. Wäre also das Medium (hier eine Version von CNN per: https://www.youtube.com/watch?v=Ow27I3yTFKc; Aufruf am 25.10.2015, 19.15 Uhr) mit seiner umstrittenen Vermittlung (man könnte auch sagen: der „Aufklärung“) der Polizeigewalt „schuld“ an etwaigen gewalttätigen Reaktionen – oder doch eher die hier offenbar ursprüngliche Gewalt des angeklagten Polizisten? Tragisch Ironie der Geschichte – da es ein Polizeivideo war, das hier ca. ein Jahr später veröffentlicht wurde, scheint in diesem Falle die Verantwortung so oder so bei der Polizei zu liegen. Die Problematik der Wechselwirkungen zwischen (außermedialer) Gewalt und Medien bleibt freilich.

2.) In den Nachrichten im rbb-Inforadio hieß es (25.11.2015, 19.04 Uhr; http://www.inforadio.de/nachrichten/), die traditionelle Weihnachstbeleuchtung am Ku’damm werde auch dieses Jahr wieder von der Firma Wall organisiert: „Der Kurfürstendamm in Berlin erstrahlt seit heute Abend wieder in weihnachtlichem Glanz. Eingeschaltet wurde die Festbeleuchtung vom Regierenden Bürgermeister Müller. Etwa 650 Bäume seien mit Lichterketten geschmückt, teilte die Werbefirma Wall AG mit. Das Unternehmen finanziert (wenn schon, dann bitte: finanziere, SeK) auch in diesem Jahr die Beleuchtung zwischen Rathenau- und Wittenbergplatz. Neu sind zwei zehn Meter hohe Bäume, die mit Leuchtkugeln in wechselnden Farben geschmückt sind.“ Das dürfte für das Unternehmen Wall werbeträchtiger sein als jeder Spot in der Reklame beim selben Sender. Der Pressekodex orientiert allerdings meines Erachtens anders, in seiner Ziffer 7 „Trennung von Werbung und Redaktion“ heißt es in Richtlinie 7.2. zum Thema Schleichwerbung:
„Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht oder von dritter Seite bezahlt bzw. durch geldwerte Vorteile belohnt wird.

3.) Die Bundeswehr wirbt derzeit unter dem Motto: „Mach was wirklich zählt.de“.

Bundeswehr

Quelle: Bundeswehr.de

Ich würde sagen, macht zunächst erst einmal ein Komma hinter „Mach“, das würde auch schon zählen, als Zeichen einer gewissen Lese-Rechtschreibkompetenz.

Schau an – das ZDF als Meinungsführer

Es liegt wohl leider weniger an Super-Sendungen wie der „Anstalt“ oder an auch guten wie der „heute show“ und „sketch history“, aber immerhin: Das ZDF hat als meinungsmächtigstes Medium in Deutschland Springers „Bild“ im ersten Halbjahr 2015 abgelöst. Zumindest laut MedienVielfaltsMonitor der Landesmedienanstalten, die als öffentliche Einrichtungen (finanziert aus der Rundfunkhaushaltsabgabe) die privat-rechtlichen Rundfunkanstalten kontrollieren sollen. Der Medienvielfaltsmonitor zeigt in der aktualisierten Fassung (vgl. http://www.xing-news.com/reader/news/articles/138587?newsletter_id=9358&xng_share_origin=email, Aufruf am 18.11.2015, 13.01 Uhr), dass die Rivalen ihre Position getauscht haben und die Mainzer jetzt die Nase vorne haben: „Das Medium mit der größten Meinungsmacht ist neuerdings das Fernsehprogramm ZDF mit einem Anteil von 4,6 Prozent am bundesweiten Meinungsmarkt“, teilen die Medienwächter mit, die die Anteile der Medienkonzerne am Meinungsmarkt für das 1. Halbjahr 2015 ausgewertet haben. Dahinter folgen im Ranking der Meinungsmächtigen der ehemalige Spitzenreiter „Bild“-Zeitung (4,4 Prozent), Das Erste der ARD (4,3 Prozent) sowie die beiden TV-Privatsender RTL (3,6 Prozent) und Sat.1 (2,8 Prozent).

medienvielfaltsmonitor_2015

Quelle: medienvielfaltsmonitor.de

Bedeutsam für die weitere Entwicklung am Meinungsmarkt seien die „reichweitenstarken intermediären Internetplattformen, die zunehmend die informationsbetonte Mediennutzung im Internet bestimmen“, heißt es weiter. Gemeint sind Facebook (auch mit Instagram), Google (auch mit Youtube), Twitter, Microsoft (auch mit Skype) etc. Rund 30 Prozent der Bevölkerung nutzen demnach diese Plattformen bereits täglich für die Suche oder Nutzung von informierenden Medieninhalten. Meinungsmächtig sind hier Marken wie web.de, gmx.de oder auch yahoo.com.

INTERMEDIÄRE PLATTFORMEN IM KOMMEN

Trotz aller Macht der neuen Player aus dem Netz hält das Team hinter dem MedienVielfaltsMonitor fest, dass Medienunternehmen mit dem Schwerpunkt Fernsehen oder Print weiterhin eine führende Position im Meinungsmarkt haben. Aus dem Werk geht hervor: ARD, Bertelsmann, ProSiebenSat.1, Springer und das ZDF – seit Monaten führend beim Gesamtpublikum – kommen zusammen auf einen Anteil von 58 Prozent. Weitere 25 Medienunternehmen erzielen zusammengerechnet einen Anteil von rund 29 Prozent. Darunter würden sich mit United Internet, Yahoo und Microsoft (MSN) bisher „lediglich“ drei Internetunternehmen befinden, wie es heißt. Im Radio hat etwa der lokale Senderverbund Radio NRW die Nase vorn.

KONVERGENZ WIRD WICHTIGER

Zur Methode: Die Ergebnisse des MedienVielfaltsMonitors basieren auf der Vernetzung der Daten der regelmäßigen Reichweitenstudien von agma, GfK und Nielsen mit der repräsentativen Gewichtungsstudie von TNS Infratest, die im Auftrag der Landesmedienanstalten ganzjährig durchgeführt wird, sowie den Beteiligungsverhältnissen der Medienunternehmen. Der MedienVielfaltsMonitor ist Teil des Projektes Medienkonvergenzmonitor der Medienwächter.

Hier der Link zu den Monitoren, Konvergenz und Vielfalt betreffend:

Die Landesmedienanstalten informieren …

2.) Sprachkritisch ist in diesen nachrichtenreichen Tagen vieles zu bemerken und anzumerken, ein Beispiel: Am Mittwochvormittag, 18.11., hieß es bei Tagesschau24 im TV: „Verfassungsschutzpräsident Maaßen sagte im Morgenmagazin, die Absage des Länderspieles war gerechtfertigt.“ Klarer Fall von falschem Modus – es gibt im Deutschen drei Aussageformen: Wirklichkeit (Indikativ), Möglichkeit (Konjunktiv) und Aufforderung (Imperativ). Journalisten sollen im Bereich der informationsbetonten Formen (von den Nachrichten bis zur Reportage) in der Regel den Konjunktiv 1 als indirekte Rede verwenden. Das ist die neutralst-mögliche Darstellung, sie enthält praktisch keine Wertung (außer jener, die Äußerung ausgewählt zu haben), und sie gibt, wie u.a. Michael Haller zurecht fordert, eine Version als genau das wieder: eine bestimmte Version von jemandem. Also muss (oder müsste ;-.) es heißen: „(….), die Absage des Länderspieles sei gerechtfertigt gewesen“. Gerne auch Alternativen wie „Laut Maaßen war die Absage gerechtfertigt“ oder: „Wie Maaßen sagte, war die Absage des Länderspieles gerechtfertigt“. Entdecken wir die journalistischen Möglichkeiten, die älteren wie auch neuere, um uns professionell auszudrücken.

Gegen was ist Facebook? Und an was erkennen wir guten Stil?

1.) Die Online-Plattform Facebook (bitte nicht: „das soziale Netzwerk“, das ist m.E. einfach nur PR und Marketing und Werbung in einem sehr wohlklingenden Schlagwort) erscheint dieser Tage mal wieder in mehrfacher Hinsicht als Thema von Kritik auf Medienseiten: Laut dem WSJ, „Wall Street Journal“ (http://www.wsj.com/articles/facebook-to-appeal-privacy-decision-in-belgium-1447094262, Aufruf am 11.11.2015, 12.41 Uhr), der derzeit nach Medienangaben wieder auflagenstärksten US-Tageszeitung, die mehrheitlich Rupert Murdoch gehört und (auch daher) als politisch konservativ und wirtschaftsliberal gilt, hat in dieser Woche ein Gericht im belgischen Brüssel den Konzern Facebook dazu verurteilt, die Verwendung von „Cookies“ (bestimmten Text-Informationen) zu beenden, welche Nutzerspuren im Netz verfolgen und speichern, selbst wenn diese gar nicht bei Facebook eingeloggt sind. Die Kammer stellte Facebook Strafen von 250.000 Euro pro Tag im Falle der Nichtbeachtung in Aussicht.

Vor einigen Monaten hatte das „Belgian Privacy Committee“ einen Report veröffentlicht, dem zufolge solche „tracking cookies“ Nutzerverhalten im Netz genau identifizieren. Selbst wenn sich diese Nutzer ausdrücklich ausgeloggt oder sogar ihre Zugänge (accounts) deaktiviert hatten. Solche Praktiken verletzen laut jener Kommission EU-Recht: Denn die Regeln in Europa verlangten von Konzernen, dass es für Nutzer möglich sein müsse, das Online-Tracking abzuwählen und auszuschließen.

Laut WSJ hat ein Facebook-Sprecher Einspruch gegen das Urteil angekündigt – man nutze solche Cookies seit mehr als fünf Jahren, um Facebook für 1,5 Milliarden Nutzer weltweit so sicher wie möglich laufen zu lassen. Nun mache man sich Sorgen, dass der Richter-Entscheid den Zugang in Belgien erschweren könnte.

2.) Was vielleicht gar keine so schlechte Nachricht wäre – denn auch eine neue Studie aus Dänemark besagt (laut Branchendienst meedia, siehe http://www.xing-news.com/reader/news/articles/133981?newsletter_id=9172&xng_share_origin=email, Aufruf am 11.11.2015, 13.11 Uhr), dass Verzicht auf Facebook-Nutzung glücklicher mache. Denn eine der Tendenzen der Selbst-Darstellung vieler der 1,5 Milliarden Nutzer scheint ja zu sein, sich im möglichst positiven Licht erscheinen zu lassen. Was dann für die Adressaten eher Stress und Frust bringen mag – im Sinne von: Warum bin ich NICHT so cool drauf wie die/der Postende?

„Meedia“ zufolge führte das dänischen „Happiness Research Institute“ folgenden Versuch durch. Für eine Woche verzichteten über 500 Menschen auf Facebook. Also keine Kommunikation über die US-basierte Plattform, keine Statusmeldungen, keine Fotos, Likes und Shares. Eine ähnlich große Gruppe machte dagegen wie gehabt weiter in Sachen FB-Kommunikation.

Das Ergebnis überraschte die Forscher nach eigenen Angaben: Die Lebenszufriedenheit der Offline-Gruppe war signifikant höher als die der Onliner. Die „Abstinenzler“ hätten sich konzentrierter gefühlt und weniger Zeit verschwendet. Sie seien zufriedener mit ihren sozialen Kontakten im „echten“ Leben gewesen.

Die dänischen Resultate entsprechen älteren Negativ-Studien zu Facebook. So kamen Forscher der Technischen Universität Darmstadt und der Humboldt-Universität in Berlin zu dem Ergebnis, dass sich viele FB-Mitglieder während und nach der Nutzung des sozialen Netzwerks relativ schlecht fühlten. Als wesentlichen Grund für diese Ergebnisse sehen Forscher, siehe oben, einen gewissen Neid auf die positiven Nachrichten der Facebook-Freunde. Heißt: Je mehr coole Fotos die eigenen Freunde posten, je mehr hippe Sachen sie auf Facebook zeigen, umso stärker steigt der sozialen Stress bei den passiven Konsumenten solcher Nachrichten.

3.) Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb am 2.11.2015 mit Blick auf Ermittlungen wegen des Absturzes eines russischen Flugzeuges über Ägypten mit 224 Toten: „Als einzige Ursache komme ein anderer „technischer oder physikalischer Vorgang“ infrage. Um was es sich dabei handeln könne, müssten die staatlichen Ermittler herausfinden.“ (http://de.reuters.com/article/idDEKCN0SR17Q20151102; Aufruf am 11.11.2015, 12.15 Uhr). In der gesprochenen Umgangsrede wird häufig die Verbindung von Präposition und „was“ verwendet (Gegen was bist du? Bei was bist du erwischt worden? etc.) Im geschriebenen Standarddeutsch darf oder besser: sollte aber im Sinne der Vielfalt gerne weiter das entsprechende Pronominaladverb (auf Deutsch: Umstandsfürwort) benutzt werden, also: „Worum es sich dabei handelt, …“ oder eben: „Wogegen bist du?“ etc. Auch laut Bastian Sick sind das „kleine nützliche Platzhalter, die eine Fügung aus Präposition und Pronomen ersetzen“ können (http://www.spiegel.de/schulspiegel/zwiebelfibel-an-was-erkennt-man-schlechten-stil-a-376735.html, Aufruf am 11.11.2015, 12.30 Uhr). Und ja – an was erkennt man eine gewisse rhetorische Redlichkeit? Die Überschrift meines heutigen Textes ist angelehnt an die vom Sick-Artikel, der allerdings ganz im Sinne des Nachrichtenfaktors „Negativismus“ formuliert: „An was erkennt man schlechten Stil?“. Aber wenn wir was gegen was haben, dann gegen zu viele schlechte Nachrichten, oder eben: Nachrichtenformulierungen. Mit was wir schon wieder beim Thema wären.

Todesfälle Mohamed und Elias: Steht „der Mörder“ schon fest?

1.) Die Regionalzeitung MAZ (Märkische Allgemeine Zeitung, Madsack-Konzern Hannover) hat es leider wieder und wieder getan seit dem Bekanntwerden des schweren Verdachtes und des ersten Geständnisses: Sie hat Silvio S. direkt „Mörder“ genannt. (vgl. u.a. http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Elias/Auf-Elias-Moerder-wartet-eine-Einzelzelle, Aufruf am 4.11.2015, 16.47 Uhr). Die lokale Konkurrenz, die PNN (Potsdamer Neueste Nachrichten), der örtliche Ableger des „Tagesspiegel“ (Holtzbrinck-Konzern Stuttgart), macht es besser und schreibt nicht nur im Kleingedruckten „mutmaßlicher Mörder“ (siehe u.a. http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/1021459/, Aufruf am 4.11.2015, 16.52 Uhr).

Und wenn der Mann noch so oft gestehen würde, die Morde an den beiden Jungen begangen zu haben: Es sollte bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung gelten. Menschen haben immer wieder Dinge gestanden, die sie dann doch nicht getan hatten. Ab wann also dürfen professionelle Journalisten Menschen wie Silvio S. „Mörder“ nennen?

Laut Pressekodex, Punkt 13, soll für die Zunft gelten: „Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse“. Das ist klar angesagt – und dementsprechend sind vorschnelle und durchaus populistische Formulierungen wie „Mörder“ nicht nur mutmaßlich ganz klar zumindest eines – unprofessionell.

2.) Gleiches Thema, gleiches Medium – nun aber mehr sprach- als medienkritisch betrachtet: „Potsdam Oberbürgermeister Jann Jakobs ist über den Tod von Elias erschüttert“ (http://www.maz-online.de/Lokales/Potsdam/Potsdam-plant-Trauerzeremonie-fuer-Elias, Aufruf 1.11.2015, 13.49 Uhr). Auch hier ein Fall von Über-Vereinfachung. Klar: Journalisten sollen Komplexität angemessen reduzieren, in Richtung Verständlichkeit sinnvoll übersetzen. Journalisten sind aber nicht unbedingt Psychologen oder Hirnforscher. Es nicht ihre primäre Aufgabe, anderen Leuten in die Köpfe zu schauen. Deswegen: Wie es im Inneren des Bürgermeisters aussieht, weiß (bestenfalls) der allein. Sein Seelenleben sollte nicht Hauptgegenstand journalistischer Berichterstattung sein. Vorschlag zur besseren Güte: „Jakobs zeigt sich erschüttert“ (das wäre eine intersubjektiv beobachtbare, verifizierbare Tatsache). Oder eben mit Quellenangabe: „Jakobs: Ich bin erschüttert“. Beides ein wenig komplizierter als das Zitat aus der MAZ, aber beides wohl um Längen „richtiger“ als die hier kritisierte Version. Wie gesagt und wie schon Albert Einstein ähnlich formuliert haben soll: Wir sollten alles so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher.

Einfaches, das schwer zu machen ist

1.) Mit vielen Stimmen der Großen Koaltion hat Mitte Oktober der Bundestag die Vorratsdatenspeicherung beschlossen. Vertreter von Linken und Grünen sind weiterhin dagegen, FDP-Chef Christian Lindner hat gesagt, er wolle Verfassungsbeschwerde einlegen, weil die Speicherung das Berufsgeheimnis von Journalisten, Juristen und Pastoren verletze. Es geht also um Informantenschutz. Für investigativ arbeitende Journalisten sollte der Priorität haben, wie auch NDR-Zapp meint ((http://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Vorratsdatenspeicherung-gefaehrdet-Informanten,vds110.html (Aufruf am 28.10.2015 um 17.45 Uhr). Der Justiziar des Deutschen Journalistenverbandes DJV, Benno Pöppelmann, sagt, er halte die neue Rechtslage (sic!) für ein Problem aller investigativ arbeitenden Journalisten: „Die Gefahr der Speicherung, wenn sie denn zulässig ist, besteht darin, dass aus der Art dieser Daten und der Menge dieser Daten Rückschlüsse auf Personen gezogen werden können und damit natürlich auch auf Informanten.“ Das bedeute nicht, dass Staatsanwaltschaften Zugriff darauf hätten, aber dass diese Daten ausgewertet werden könnten.“ Informantenschutz sieht sicher anders aus.

Hier geht es zum Zapp-Beitrag

2.) Der RBB-Inforadio-Korrespondent am 28.10.2015 um 13.28 Uhr auf Sendung: „Die Bild-Zeitung hatte berichtet, dass Östereich Flüchtlinge direkt nach Deutschland schickt“. Leider wieder dicht daneben und damit auch vorbei. Der Nebensatz sollte hier, gerade als informationsbetonte Form in den Nachrichten, mit dem Konjunktiv I als Verbmodus arbeiten und NICHT mit der Wirklichkeitsform des Indikativ: Quelle XY äußert, dass dies und jenes PASSIERE. Dabei sollte es uns egal sein, ob die Quelle Bild oder Angela Merkel oder wer auch immer ist.

Versionen als Versionen kennzeichnen, wie es unter anderem Michael Haller zu Recht fordert.

Es gibt genügend Möglichkeiten zur professionellen Variation:

Direkte Rede: Bild schreibt: „Österreich schickt die Flüchtlinge direkt nach Deutschland“.

Auch sollten wir im Indikativ formulieren bei der Quellenangabe direkt im Hauptsatz: „Laut Bild schickt Österreich …“

Oder eben: „Bild zufolge schickt Österreich ….“

Eine besondere Version bietet die des beigestellten „Wie“-Satzes als Nebensatz- auch hier gilt der Indikativ für den Hauptsatz:

„Wie Bild berichtete, schickt Österreich Flüchtlinge ….“.

Man sollte meinen, das sei nicht so schwer – aber anscheinend ist auch dies, wie Bertolt Brecht einmal in anderem Zusammenhang schrieb, „das Einfache, das schwer zu machen ist“.

Mini mal Standard – und wo beginnt Europa?

Bundesbehörden wie der Bundesnachrichtendienst (BND) sind gegenüber Journalisten nur begrenzt auskunftspflichtig. Das hat das Bundesverfassungsgericht in einem 13.10.2015 veröffentlichten Beschluss entschieden, wie Reuters am selben Tage meldete. Die Karlsruher Richter verwarfen die Beschwerde eines Journalisten, der im November 2010 vom BND Auskunft über die NS-Vergangenheit der hauptamtlichen und inoffiziellen Mitarbeiter des Geheimdienstes verlangte. Als die Antwort des BND auf sich warten ließ, erhob der für die „Bild“-Zeitung arbeitende Reporter eine sogenannte Untätigkeitsklage, die aber vom Bundesverwaltungsgericht abgewiesen wurde (Az. 1 BvR 1452/13).
Die Karlsruher Richter entschieden nun, der Journalist sei dadurch nicht in seinen Grundrechten verletzt worden. Die Landespressegesetze – auf die er sich berief – gewährten Journalisten „nur Zugang zu solchen Informationen, die bei öffentlichen Stellen bereits vorhanden sind“. Die Landespressegesetze beinhalteten keinen Anspruch darauf, dass eine Behörde Journalisten Informationen „verschafft“. Der Reporter habe Angaben vom BND verlangt, über die die Behörde damals selbst noch nicht verfügt habe. Die angefragten Informationen sollten vielmehr erst von einer eigens eingesetzten Historikerkommission erarbeitet werden.
Das Bundesverfassungsgericht beantwortete nicht die umstrittene Grundsatzfrage, auf welche Rechtsgrundlagen Auskunftsansprüche von Journalisten gegen Bundesbehörden gestützt werden können. Bislang gibt es dazu keine Bundesregelung. Ob diese nötig seien, ließen die Verfassungsrichter offen.

Das Bundesverwaltungsgericht hatte die Politik 2013 aufgefordert, Gesetze zu erlassen, mit denen die Ansprüche festgeschrieben werden sollten. Ein Vorschlag der SPD im Bundestag scheiterte. Die Regierung sieht derzeit offenbar keine Veranlassung, die Transparenz auch ihrer selbst für Journalisten neu zu regeln. Sie hat es, so Jost-Müller Neuhof im Berliner Tagesspiegel, im „Minimalstandard“ bequem gemacht.

Zum Artikel im „Tagesspiegel“

Zum sprachkritischen Kaleidoskop: In einer Meldung von Reuters hieß es am 21.9.2015: „Kroatien forderte Griechenland auf, keine Flüchtlinge mehr nach Europa durchzulassen“. Europa – es scheint immer unklarer, was und wo das noch ist oder sein soll ….
Dass Russland in vielen Medienberichten ganz und gar nicht zu „Europa“ zählt – das ist leider Standard. Die Ukraine liegt komplett in Europa, ist aber laut vielen Pressestellen und Journalisten erst „auf dem Weg nach Europa“. Aber das EU- und Euro- und NATO-Land Griechenland? Ganz, ganz böse Zungen könnten unken, hier werde im Sinne von Freudschen Versprechern Deutschland mit Europa gleichgesetzt. Mini mal Europa gleich Deutschland? Merkwürdige Standards …