Die neuen Missionare – Religionen entdecken das Web 2.0

von RAYK NEUBAUER

Technologischer Fortschritt und Religion stehen sich traditionell kritisch gegenüber. Vor dem Internet warnen viele religiösen Würdenträger noch heute. Ausgerechnet das Web 2.0 beflügelt nun allerdings die Wiedererstarkung religiöser Missionierung.

Kirchen sind Glaubensgemeinschaften und benötigen vor allem zwei Dinge, um ihr Fortbestehen zu sichern: Einen steten Zustrom neuer Mitglieder, um gesellschaftliche Relevanz zu bewahren, und Geld, um die Weiterführung ihrer operativen Geschäfte zu gewährleisten. Mit dem Geld scheint es vor allem bei der katholischen Kirche rund zu laufen. Sie gilt als vermögendste Organisation und größter Grundbesitzer der Welt.

Problematischer sieht es mit der Werbung neuer Mitglieder aus, zumindest im reichen Westen. Während das Christentum in vielen Entwicklungsländern wächst, bleiben die Kirchen der westlichen Welt vielerorts leer. Vor allem die katholische Kirche genießt den zweifelhaften Ruf des Bremsers und Ewig-Gestrigen. Dessen oberster Vertreter Papst Benedikt XVI. warnt noch heute vor dem Internet, Jahrzehnte nach dessen Kommerzialisierung. Starre Rituale und langwierige Messen scheinen im unüberwindbaren Kontrast zu stehen, zu einer im Internet sozialisierten Generation, die auf Schnelligkeit, Erreichbarkeit und Partizipation konditioniert ist. Doch in die digitale Lücke, die kirchliche Oberhäupter offenbar aus Unverständnis über die neuen Medien entstehen ließen, drängen nun Scharen überzeugter Amateure, die ihren Glauben über das Netz verbreiten wollen.

ONLINE-MARKETING FÜR DIE ERLÖSUNG

Jesus Daily

© "Jesus Daily"

Die Berichterstattung über Erfolge von Facebook-Seiten hängt sich aktuell fast ausschließlich an der Zahl ihrer sogenannten „Fans“ auf. Mit über 60 Millionen dieser „Fans“ gilt gegenwärtig die Facebook-Seite des US-amerikanischen Rappers Eminem als erfolgreichste Seite des gesamten Netzwerks.

Doch allein die Zahl der „Fans“ zu berücksichtigen, greift zu kurz. Das sogenannte Page Engagement hingegen gibt ein genaues Bild davon ab, wie sehr sich die User mit einer Facebook-Seite auseinandersetzen. Es erfasst die Interaktion der Nutzer mit der Seite: Wie oft werden Statusmeldungen kommentiert, Fotos geteilt oder anstehende Veranstaltungen mit dem „Gefällt mir“-Button für gut befunden? Wer sich mit diesen Werten auseinandersetzt, wird eine handfeste Überraschung erleben.

Vier der fünf Facebook-Seiten mit dem höchsten Page Engagement sind religiöse Seiten. In den Medien mögen Musik-Stars wie Justin Bieber oder Lady Gaga aufgrund ihrer hohen „Fan“-Zahlen als Könige von Facebook bezeichnet werden – die wahren Größen im Web 2.0 sind mittlerweile jedoch Jesus und Mohammed. Seiten wie „Im a Muslim & Im Proud“, „IloveAlaah.com“ und „Dios Es Bueno“ („Gott ist gut“) gehören zu den aktivsten Seiten des gesamten Netzwerks. Mit klaren Aufforderungen werden die „Fans“ dazu aufgerufen, die Seite unter ihren Freunden zu verbreiten. „Klicke ‚Teilen‘ um deinen Freunden zu helfen, Christus zu finden“ oder „Teile unsere Seite, um deine Freunde und Familie zu retten“ heißt es etwa bei „Jesus Daily“.

„JESUS DAILY“ – KINDER UND PHOTOSHOP

Jesus Daily

© "Jesus Daily"

Die Seite „Jesus Daily“ hat 13,7 Millionen „Fans“ und ist die Facebook-Seite mit dem weltweit höchsten Page Engagement. Keine andere Seite hat mehr geteilte Inhalte, Kommentare und „Likes“ – insgesamt bringt sie es auf rund 5,9 Millionen Interaktionen ihrer Nutzer. Zum Vergleich: Snoop Dogg, der Musiker mit dem höchsten „Page Engagement“-Wert Facebooks kommt mit lediglich 498.000 Interaktionen auf weniger als ein Zehntel.

„Jesus Daily“ bedient sich bei der Bewerbung ihrer Seite einiger erwähnenswerter Marketing-Kniffe. Es werden meist Bilder von Kleinkindern benutzt, die mit Aufforderungen, sein Leben Jesus zu widmen, untertitelt werden. Was für Unbeteiligte schnell geschmacklos oder sogar gruselig anmaßen mag, hat Erfolg: Zu zehntausenden werden die Kinder-Fotos geteilt. Auch mit Photoshop erstellte Bilder von Gotteserscheinungen, wie etwa Wolken in Jesus- und Kruzifix-Form bewegen die Nutzer erfolgreich zur Interaktion und erreichen regelmäßig Werte von fast einer halben Million „Likes“. Gleichzeitig versteht es die Seite, inhaltlich einen Bogen von traditioneller Gottesanbetung zur aktuellen Lebensrealität der Moderne zu schlagen – wenn auch oft mit dem Holzhammer. So wird etwa für ein Foto das Antlitz von Jesus auf einen Handybildschirm kopiert und gefragt: „Würdest du seinen Anruf annehmen?“. Das In-Kontakt-treten mit dem Erlöser, früher durch Konzentration und Selbstaufopferung angestrebt, wird in einer Zeit der geringen Aufmerksamkeitsspannen auf das Benutzen eines Mobiltelefons reduziert. Und nicht mehr der Mensch versucht Gott zu erreichen – der Erlöser selbst ist es nun, der Kontakt zu den Menschen suchen muss. Ein Konzept, das aufgeht.

KIRCHEN DRÄNGEN INS INTERNET

In den USA haben die Kirchen die Chancen, die ihnen soziale Netzwerke bieten, inzwischen erkannt. In einer im Juli 2012 veröffentlichten Studie über die Social Media-Nutzung von Kirchen gab fast jede zweite befragte Kirche an, dass sie soziale Netzwerke für die effektivste Methode der Kontaktaufnahme und Werbung halte. An die zuvor bewährteste Methode, das traditionelle Gehen von Tür zu Tür, glaubt nur noch weniger als jede fünfte.

Bereits heute nutzt mehr als jede dritte Kirche Facebook täglich. Gleichzeitig gibt es derzeit kaum Personal, dass die Auftritte in den sozialen Netzwerken professionell betreut. Doch die aus der Studie abzulesende Erkenntnis der Kirchen über die Bedeutung von Social Media sollte gemeinsam mit dem Erfolg von Amateur-Seiten wie „Jesus Daily“ dafür sorgen, dass Kirchen und Religionsgemeinschaften künftig verstärkt digitale Kanäle für ihre Mitgliederbetreuung und -werbung nutzen werden.

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