Gronkh, Y-Titty, daaruum und andere YouTuber haben sich zu bekannten Markennamen entwickelt. Mit ihren Videos locken sie täglich Millionen Menschen auf das weltweit größte Videoportal. Sie unterhalten, informieren, interagieren. Sie sind jung und dynamisch, scheinen greifbar – und weisen damit das traditionelle Fernsehen in seine Schranken. Nicht so beim WDR. Der öffentlich-rechtliche Sender ahmt das YouTube-Konzept des nerdigen Newsjunkies LeFloid nach, um die digitale Avantgarde für sich zu gewinnen. Doch lässt sich Erfolg so einfach kopieren?
von Anne Dittmann
Man könnte meinen, bei YouTube gibt es nichts, das es nicht schon gibt – von Filmrezensionen über Fitnessvlogs oder Nachrichtenshows. Nun versucht auch der Westdeutsche Rundfunk mit WDR #3sechzich sein Glück bei dem Videoportal. Mit der täglichen Kurznachrichtensendung für junge Menschen startete das öffentlich-rechtliche Fernsehen am 19. Januar den Versuch, eine ganz neue Zielgruppe zu erreichen: „die Generation YouTube.“1 Schließlich liegt das Durchschnittsalter der WDR-Fernsehzuschauer derzeit bei stattlichen 61 Jahren.2 „Zu unserem Auftrag gehört es auch, Leute anzusprechen, die man mit linearem TV nicht mehr erreichen kann“, erklärt WDR-Redakteur Jonas Wixforth gegenüber Broadmark.3 Doch worin unterscheidet sich das neue Format von LeFloid und Co.?
Mit WDR #3sechzich soll ein „360-Grad-Rundumschlag“ erreicht werden, verrät Tim Schrankel, einer der Moderatoren.4 Dies beziehe sich nicht nur auf die Thematik, sondern auch auf die digitale Verbreitung. #3sechzich wird crossmedial eingesetzt: Die ursprüngliche Idee der Kurznachrichten setzt die WDR-Redaktion Aktuelle Stunde in 2- bis 4-minütigen Videos auf YouTube um, welche ebenso auf Facebook und Twitter eingebettet werden. Soweit, so bekannt. Jedoch nutzt die Redaktion auch Instagram, um mehrmals täglich 15-Sekunden-Videos zu publizieren. Dabei werden in Bildabfolgen ohne Off-Sprecher Schlagworte eingeworfen, die den Zusammenhang geben – fast immer verständlich. Bleibt trotzdem ein Fragezeichen beim Zuschauer zurück, klärt der Nachrichtentext unter den Videos den Sachverhalt auf.
Netzwerken mit bekannten YouTube-Größen
Auch versucht sich WDR #3sechzich mit ItsColeslaw (fast 80.000 Abonnenten) als Gast-Moderatorin zum Thema „Anwesenheitspflicht an Unis“ direkt im YouTube-typischen Netzwerken5: YouTuber mit einer ähnlich hohen Abonnentenzahl erstellen gemeinsame Videos, um neue Abonnenten aus dem Zuschauerpool des jeweils anderen zu gewinnen. Zwar kann WDR #3sechzich mit derzeit knapp 2.300 Abonnenten6 bekannte YouTuber zunächst noch nicht mit einem potentiellen Zuschauertransfer locken – jedoch mit einem großen Namen im Lebenslauf. Und der Westdeutsche Rundfunk im Hintergrund verschafft dem Kanal noch einen weiteren Vorteil gegenüber normalen YouTubern: den Zugang zu den Newsservern der Öffentlich-Rechtlichen sowie exklusiven Interviewpartnern. Wahrscheinlich hätte die WHO kaum einem anderen YouTuber ein Interview zur Ebola-Epidemie gegeben.7
https://www.youtube.com/watch?v=yTSKS4BTyoE
Doch trotz aller Vorteile, Kooperationen und Pressemitteilungen kann WDR #3sechzich bisher nicht so recht bei seiner Zielgruppe punkten. Gerade die ersten Videos haben meist von jedem vierten Zuschauer einen Daumen nach unten erhalten. Das mag mitunter daran liegen, dass der WDR vorab „ein öffentlich-rechtliches LeFloid“8 versprochen hat – und es auch liefern wollte. Doch wie der Blogger und Journalist, Stefan Niggemeier, in einem Verriss9 geschrieben hat, ist es eine Sache, LeFloid zu sein und eine andere, ihn zu imitieren. Bei Letzterem geht jeder Reiz für den Zuschauer flöten.
Das eigene Gesicht hinhalten
Genauso gekünstelt wirkt die zwanghafte Jugendsprache und aufgesetzte Stimmungsmache, wie bei der Moderatorin M3lly im Video „Don´t Eierlikör and Fahrrad!“.10 Nicht nur der Zuschauer wird peinlich berührt, wenn sie „Freitag! Wochenende! Party!“ in die Kamera grölt. Auch ihr sieht man an, dass sie sich eigentlich zu alt für solche Parolen fühlt. Hier wird deutlich, dass der WDR zumindest anfangs keinen eigenen Kanal wollte, sondern am liebsten die bekannten YouTuber im Original. So fallen immer wieder die gleichen Namen in vorangegangenen Online-Artikeln des WDR: „[…]Kanäle von Gronkh über LeFloid bis daaruum sind vor allem so erfolgreich, weil ihre Macher ihr Gesicht hinhalten […]“11, erklärt der WDR-Kollege Dennis Horn im Hausblog.
Aber noch ist nicht alles verloren: Aus dem enttäuschenden Abonnentenzuwachs und den „Daumen nach unten“ hat WDR #3sechzig schnell gelernt. Die neuesten Videos wirken weniger hektisch, authentischer und steigen in ihrer inhaltlichen Relevanz. WDR #3sechzich bleibt somit ein vielversprechendes Experiment, das trotz altem Grundkonzept Mehrwerte zu bieten hat. Eine Erkenntnis aber musste auch die Redaktion von #3sechzich machen: Erfolg lässt sich bei YouTube nicht einfach imitieren. Wie Gronkh, LeFloid oder daaruum sollten auch die #3sechzich-Moderatoren ihre eigenen Gesichter hinhalten. Denn mit schlecht kopierten LeFloid-Masken wird der Erfolg ausbleiben.
- Vgl.: http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2015/01/wdr_3sechzich_-_offentlich-rec.html, Zugriff 20.2.2015. ▲
- Quelle: http://broadmark.de/artikel/kritik/wdr-3sechzich-zwischenfazit/21758/ ▲
- Quelle: http://broadmark.de/allgemein/wdr-startet-neuen-youtube-kanal-3sechzich/20479/ ▲
- Quelle: http://www1.wdr.de/fernsehen/aks/themen/3sechzich/interview-presenter-100.html ▲
- Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=XgcrQYse630 ▲
- Quelle: https://www.youtube.com/channel/UCV6W8_nrWxJLQakqBHEvT3Q/about ▲
- Videonachweis: https://www.youtube.com/watch?v=yTSKS4BTyoE, Zugriff: 20.02.2015. ▲
- Quelle: http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2015/01/wdr_3sechzich_-_offentlich-rec.html ▲
- Quelle: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/20424/voll-krass-der-wdr-macht-einen-auf-youtube/ ▲
- Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=TcriGqAM6xg ▲
- Quelle: http://wdrblog.de/digitalistan/archives/2015/01/19/ ▲