{"id":857,"date":"2017-04-05T16:11:08","date_gmt":"2017-04-05T15:11:08","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=857"},"modified":"2017-04-05T16:18:43","modified_gmt":"2017-04-05T15:18:43","slug":"fake-oder-fakt-haette-oder-habe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=857","title":{"rendered":"Fake oder Fakt, h\u00e4tte oder habe?"},"content":{"rendered":"<p>Fake News sind kein neues Ph\u00e4nomen. Georg Mascolo, Leiter des gemeinsamen Rechercheteams von SZ, NDR und WDR, verweist auf Desinformationskampagnen der DDR-Staatssicherheit (http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/journalismus-fuenf-vorschlaege-fuer-den-umgang-mit-fake-news-1.3413492, Aufruf 29.3.2017, 11.30 Uhr). Mir fallen Kampagnen von 1990 und 2003 ein, als Anlass und Legimation f\u00fcr US-gef\u00fchrte Kriege jeweils gegen den Irak. 1990 war es die &#8222;Brutkastenl\u00fcge&#8220;, es ging um angebliche T\u00f6tungen von S\u00e4uglingen aus kuwaitischen Brutk\u00e4sten durch irakische Soldaten (siehe https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Brutkastenl%C3%BCge, Aufruf 29.3.2017, 12.08 Uhr), 2003 dann die &#8222;Massenvernichtungswaffen-L\u00fcge&#8220; durch US-Au\u00dfenminister Colin Powell (http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/auf-luegen-gebaut.932.de.html?dram:article_id=236068, Aufruf am 29.3.2017, 12.11 Uhr), als der vor den Vereinten Nationen behauptete, die irakische F\u00fchrung k\u00f6nne binnen kurzer Zeit schlimmste Waffen einsetzen. H\u00e4tten das jeweils wichtige, einflussreiche Medien (besser) wissen k\u00f6nnen, ja m\u00fcssen? Es ging doch um nicht weniger als direkt um Fragen von Krieg und Frieden &#8230;.<\/p>\n<p>Mascolo machte im Fr\u00fchjahr 2017 f\u00fcnf Vorschl\u00e4ge, wie man mit einem alten Ph\u00e4nomen in neuen Zeiten von Facebook, Twitter, Snapchat &#038; Co. umgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>1. Desinformation und Fake News als enge Verwandte betrachten<\/p>\n<p>Desinformation wie Fake News meine die gezielten Verbreitungen unzutreffender Informationen.<br \/>\nSie m\u00fcssten nicht nur objektiv falsch sein, der Urheber m\u00fcsse dies auch wissen. Eine bewusste L\u00fcge also. Sie k\u00f6nnten v\u00f6llig erfunden sein oder durch Auslassungen und Verk\u00fcrzungen einen bewusst falschen Eindruck erwecken. <\/p>\n<p>Doch verk\u00fcrzen und vereinfachen Journalisten (insofern wie alle Menschen) nicht immer? K\u00f6nnen wir die &#8222;ganze Wahrheit&#8220;, die &#8222;vollst\u00e4ndige Realit\u00e4t&#8220; vermitteln? Viel wichtiger erscheint mir weiterhin bestm\u00f6gliche Objektivierung als offener, als \u00f6ffentlicher Prozess. Bestimmt durch intersubjektiv \u00fcberpr\u00fcfbare Au\u00dfenreferenz, durch Transparenz (nicht zuletzt der eigenen Interessen und damit Beschr\u00e4nkungen) sowie durch Vielfalt der Themen, Quellen und Darstellungsformen (Stichwort Perspektivenwechsel). Es k\u00f6nnte ja sein, dass &#8222;die Anderen&#8220; recht haben.<\/p>\n<p>Mascolo zufolge ist das Mittel gegen Fake News ein Journalismus, der sich der stetigen Beschleunigung entziehe, nach h\u00f6chsten handwerklichen und ethischen Standards strebe und seine Fehler gegen\u00fcber dem Publikum transparent korrigiere. Hilfreich seien auch schnelle Reaktionen von offiziellen Stellen, die \u00dcbles und Erfundenes z.B. auf Twitter sofort richtigstellten. Und eine Verpflichtung &#8222;der Betreiber&#8220;, Ehrenr\u00fchriges und Verleumderisches aus dem Netz zu entfernen.<\/p>\n<p>Irrt\u00fcmer, falsche Einsch\u00e4tzungen, \u00dcbertreibungen oder schlechter Journalismus seien noch keine Fake News. Nur wenn Journalisten trotz sp\u00e4teren besseren Wissens erkannte Fehler nicht korrigierten, werde aus einem Irrtum eine L\u00fcge. Journalismus lebe von sorgf\u00e4ltiger Abw\u00e4gung und doppelter \u00dcberpr\u00fcfung, Vereinfachung ist auch laut Mascolo notwendig, d\u00fcrfe aber &#8222;die Substanz&#8220; nicht ver\u00e4ndern (aber wie gesagt: wenn es so einfach w\u00e4re, &#8222;die Substanz&#8220; immer schon zu kennen &#8211; zumal global und intergenerationell, also in Raum und Zeit hinaus m\u00f6glichst nachhaltig). Die ungeheure Beschleunigung durch st\u00e4ndige Live-Berichterstattung und das Internet jedenfalls ist offenbar riskant.<\/p>\n<p>2. Vorhandene Beweise \u00f6ffentlich machen<\/p>\n<p>Angesichts von Debatten \u00fcber etwaige Hacker-Attacken sollten, meint Mascolo, vorhandene Beweise, wo immer sie existierten, \u00f6ffentlich gemacht werden. &#8222;Maximale Transparenz w\u00e4re wichtig&#8220;, habe dazu etwa Wolfgang Ischinger gesagt, der Chef der M\u00fcnchner Sicherheitskonferenz. Die Diskussion kranke an zu vielen Behauptungen und zu wenigen Belegen. Auch Mascolo schreibt, Propaganda-Verdacht gegen die russische F\u00fchrung sei keine &#8222;Smoking Gun&#8220;, also kein Beweis daf\u00fcr, dass der Kreml die AfD gro\u00df machen oder Kanzlerin Merkel st\u00fcrzen wolle. Mutma\u00dfliche Hacker-Angriffe lie\u00dfen sich schwer zur\u00fcckverfolgen, wer dahinterstecke, werde auch mithilfe einer sogenannten &#8222;geopolitischen Cui-bono-Analyse&#8220; zugeordnet. Wem es nutze, der sei es wohl gewesen. Das k\u00f6nne, aber m\u00fcsse nicht zutreffend sein. <\/p>\n<p>In der Tat sollte meines Erachtens diese Frage &#8222;Cui bono?&#8220; (wieder) \u00f6fter gestellt werden. Weil sie helfen kann, Interessen zu thematisieren, und zum Beispiel naive &#8222;Gut-B\u00f6se&#8220;-Glaubensbekenntnisse relativieren mag.<\/p>\n<p>3. Vorsicht, sich nicht als Handlanger einspannen zu lassen<\/p>\n<p>In den USA spreche man vom Ph\u00e4nomen der &#8222;weaponizing leaks&#8220;, also davon, echte Informationen in eine Waffe umzuwandeln. Beliebt seien hierf\u00fcr abgeh\u00f6rte Telefonate, ein Gespr\u00e4ch der US-Diplomatin Victoria Nuland (&#8222;Fuck the EU&#8220;) gelte als einer der ersten F\u00e4lle. Zweifel an der Authentizit\u00e4t habe es nicht gegeben.<\/p>\n<p>Klar scheint: Dass Informanten versuchen, Journalisten f\u00fcr ihre eigenen Zwecke einzuspannen, ist nicht neu. Aufgabe von Journalismus ist es, zu publizieren, was im \u00f6ffentlichen Interesse liegt (und nur das) und nicht das Gesch\u00e4ft ihrer Quellen zu betreiben. Das ist manchmal ein schwieriger Prozess der Abw\u00e4gung. Und ich erg\u00e4nze: das &#8222;\u00f6ffentliche Interesse&#8220; erscheint mir als ein \u00e4hnlich vertracktes Ding wie &#8222;die Wahrheit&#8220; oder Mascolos &#8222;die Substanz&#8220;. Ohne Leaks gibt es jedenfalls laut Mascolo keinen Journalismus, zumindest keinen guten. Geheimnisbruch geh\u00f6re dazu, Enth\u00fcllungen wie die Panama Papers trben notwendige gesellschaftliche Debatten voran. Auch w\u00fcrden oft die angeblich sch\u00e4dlichen Konsequenzen von Leaks \u00fcbertrieben. <\/p>\n<p>4. Es braucht Regeln f\u00fcr Staaten<\/p>\n<p>Bei den Vereinten Nationen werde nach solchen Regeln gesucht, man nenne es dort &#8222;Tischmanieren f\u00fcr Staaten&#8220;. Dass der Cyberspace milit\u00e4risch entdeckt, entwickelt und genutzt wurde, bevor er eine Technologie f\u00fcr Viele wurde, mache dies nicht einfacher. Die ersten Computer seien entwickelt worden, um Codes zu knacken. Zu den M\u00f6glichkeiten des Abh\u00f6rens sei das gezielte Manipulieren und Zerst\u00f6ren getreten. All das wollten Geheimdienste nicht aufgeben, &#8222;sie werden sich gegen Regeln sperren. Oder nur solchen zustimmen, an die sich dann doch nicht halten.&#8220; Aber ohne Regeln drohe enormer Schaden. <\/p>\n<p>Ich denke, es m\u00fcssen daf\u00fcr gemeinsame Interessen gefunden werden, denen entsprechend solche Regeln und ihre Einhaltung sinnvoll w\u00e4ren. Darauf deutet allerdings angesichts wachsender Konfrontationen auf der Erde derzeit wenig hin. Andererseits liegen hier gro\u00dfe Aufgaben f\u00fcr aufkl\u00e4rerischen Journalismus.<\/p>\n<p>5. Journalisten sollten cool bleiben<\/p>\n<p>Mascolo meint, aktive Ma\u00dfnahmen der Geheimdienste m\u00fcssten geheim bleiben, um erfolgreich zu sein. Werde allerdings bewiesen, &#8222;dass Russland in die US-Wahlen eingriff, k\u00f6nnte das Ergebnis verheerend sein. Ein emp\u00f6rter Kongress, eine w\u00fctende \u00d6ffentlichkeit, Trump w\u00e4re wohl gezwungen, auf Konfrontationskurs zu Moskau zu gehen.&#8220; Anscheinend w\u00e4re das aus Sicht von Mascolo etwas Positives, denn er schreibt, Strobe Talbott, einer der besten US-amerikanischen Russlandkenner, spekuliere schon auf eine &#8222;heilsame Gegenreaktion&#8220;.<\/p>\n<p>Mascolo zufolge w\u00e4re das ein weiterer Beleg daf\u00fcr, dass &#8222;die Demokratie&#8220; (in den USA oder in Deutschland?) eine Menge aushalte und sich zu wehren wisse. Die Deutschen jedenfalls w\u00fcssten das: &#8222;Kein Land war einem solchen Bombardement von Fake News und Desinformation ausgesetzt wie die alte Bundesrepublik, daf\u00fcr sorgten die Stasi-Offiziere in Berlin-Lichtenberg.&#8220; Eine gewagte Aussage: denn bisher sind ja nur die Akten der Stasi weitgehend komplett bekannt. Welche &#8222;aktiven Ma\u00dfnahmen&#8220; (siehe oben) NSA und CIA, MI5 und BND etc. damals durchf\u00fchrten und heute durchf\u00fchren &#8211; muss das &#8222;geheim bleiben&#8220;, oder sollte nicht gerade Aufkl\u00e4rung dar\u00fcber im \u00f6ffentlichen Interesse von demokratisch verfassten Gesellschaften sein? <\/p>\n<p>2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Der RBB meldete j\u00fcngst (http:\/\/www.rbb-online.de\/politik\/beitrag\/2017\/01\/staatssekretaer-andrej-holm-tritt-zurueck.html, Aufruf 16.1.2017, 17.16 Uhr): <\/p>\n<p>&#8222;Andrej Holm wirft seinen Kritikern in seiner R\u00fccktrittserkl\u00e4rung vor, es gehe nicht nur um seine Zeit bei der Stasi; sondern &#8222;vor allem um die Angst vor einer Wende im Bereich der Stadt- und Wohnungspolitik&#8220;. Er h\u00e4tte sich nicht nur in den letzten Wochen bem\u00fcht, offen und selbstkritisch mit seiner Biografie umzugehen.&#8220; <\/p>\n<p>Der Verbmodus im letzten Satz ist fragw\u00fcrdig: &#8222;h\u00e4tte&#8220; ist Konjunktiv II und meint maximale Distanzierung. Hier ist aber der Konjunktiv I angebracht, &#8222;er habe sich &#8230;. bem\u00fcht&#8220;, als neutrale Wiedergabe einer \u00c4u\u00dferung. Es sei denn, der Beitrag w\u00e4re als Kommentar oder Glosse gegen Holm gerichtet und gemeint. Was merkw\u00fcrdig w\u00e4re &#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fake News sind kein neues Ph\u00e4nomen. Georg Mascolo, Leiter des gemeinsamen Rechercheteams von SZ, NDR und WDR, verweist auf Desinformationskampagnen der DDR-Staatssicherheit (http:\/\/www.sueddeutsche.de\/medien\/journalismus-fuenf-vorschlaege-fuer-den-umgang-mit-fake-news-1.3413492, Aufruf 29.3.2017, 11.30 Uhr). 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