{"id":810,"date":"2016-12-07T20:07:25","date_gmt":"2016-12-07T19:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=810"},"modified":"2016-12-07T20:07:25","modified_gmt":"2016-12-07T19:07:25","slug":"mord-und-medien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=810","title":{"rendered":"Mord und Medien"},"content":{"rendered":"<p>Die ARD-Chefetage hat Vorw\u00fcrfe zur\u00fcckgewiesen, eine Berichterstattung \u00fcber Vergewaltigungs- und Mordvorw\u00fcrfe gegen einen 17 Jahre alten Fl\u00fcchtling aus Afghanistan in Freiburg zu unterdr\u00fccken (vgl. u.a. http:\/\/de.reuters.com\/article\/deutschland-fl-chtlinge-ard-idDEKBN13U243, Aufruf am 7.12.2016, 9.20 Uhr). Zwar sei der Tod der 19 Jahre alten Studentin im Oktober f\u00fcrchterlich gewesen, aber der Fall der Festnahme des Verd\u00e4chtigen Anfang Dezember habe nicht die Tragweite f\u00fcr einen Tagesschau-Bericht, hatte ARD-Aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke via Facebook geschrieben: Es sei so, &#8222;dass es sich um einen Einzelfall, einen Kriminalfall gehandelt hat, der aus unserer Sicht eben nicht diese gesellschaftliche, diese nationale oder internationale Relevanz hat.&#8220; Mit seiner Stellungnahme reagierte Gniffke nach eigenen Angaben auf viele Anfragen, in denen Zuschauer wissen wollten, warum die Tagesschau im Unterschied zum ZDF nicht \u00fcber die neuen Entwicklungen in diesem Fall berichtet habe.<br \/>\nDer Verd\u00e4chtige war nach Polizeiangaben 2015 unbegleitet aus Afghanistan eingereist und bei einer Familie in Freiburg untergebracht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Vergewaltigung und Mord der 19-j\u00e4hrigen Studentin vor.<\/p>\n<p><strong><em>Petry beschwert sich<\/em><\/strong><\/p>\n<p>AfD-Chefin Frauke Petry wiederum warf der Tagesschau vor zu behaupten, &#8222;es handelt sich um ein regionales Ereignis&#8220;. Mit Blick auf den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk sprach sie vom &#8222;Verschweigen wichtiger Geschehnisse&#8220; und &#8222;Kleinreden&#8220; und nannte neben dem Freiburger Fall die Silvesternacht von K\u00f6ln, als eine gro\u00dfe Zahl von M\u00e4nnern mit Migrationshintergrund Frauen sexuell gen\u00f6tigt haben soll. &#8222;Das l\u00e4sst mich doch alles daran zweifeln &#8211; und das sind nur sehr wenige von sehr vielen Beispielen &#8211; dass wir tats\u00e4chlich eine Informationsfreiheit und eine breitere Berichterstattung erleben&#8220;, erkl\u00e4rte Petry.<br \/>\nGniffke erkl\u00e4rte, die Tagesschau h\u00e4tte auch nicht berichtet, wenn ein Deutscher ein Fl\u00fcchtlingsm\u00e4dchen get\u00f6tet h\u00e4tte. \u00dcber Brandanschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte werde aber informiert, weil sich dahinter ein offenbar breiteres gesellschaftliches Ph\u00e4nomen verberge, n\u00e4mlich Fremdenfeindlichkeit. Die ARD-Tagesthemen berichteten dann am Montagabend erstmals \u00fcber den Freiburger Fall (siehe https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iRdCyx4XlQs; Aufruf am 7.12.2016, 9.45 Uhr). Grund sei aber kein Sinneswandel gewesen, \u00e4u\u00dferte Gniffke, sondern das breite Echo, das der Fall und seine mediale Behandlung gefunden h\u00e4tten.<\/p>\n<p><strong><em>Mediale Wirklichkeiten<\/em><\/strong> <\/p>\n<p>Das ist interessant &#8211; es geht nicht nur um den Kriminalfall (in Deutschland hat es 2015 offiziell 296 Morde geben, also durchschnittlich etwa fast jeden Tag einen, Tendenz seit dem Jahr 2000 mit damals knapp 500 fallend, vgl. https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/2229\/umfrage\/mordopfer-in-deutschland-entwicklung-seit-1987\/; Aufruf am 7.12.2016, 9.30 Uhr), sondern beim Umschwenken von ARD-Aktuell um vor allem mediale Reaktionen darauf, die nun laut Moderator Ingo Zamperoni eine &#8222;politische Dimension&#8220; des Falles bis hin zur \u00c4u\u00dferung der Kanzlerin bedeuten. Auch wenn Nachrichten und Nachrichtenmagazine traditionell nicht gerade als medienkritische Formate bekannt sind, werden also Unterscheidungen von medialer und au\u00dfermedialer Realit\u00e4t anscheinend schwieriger. Nachrichtenfaktoren wie Negativismus, Frequenz, Schwellenwert, Eliteperson und Personalisierung sind auch daher nicht naiv zu fassen als Wirklichkeitsmerkmale, sondern wesentlich als Beitragsmerkmale. Kai Gniffke meint, &#8222;Relevanz&#8220; als hier kaum erf\u00fcllter Nachrichtenfaktor habe zun\u00e4chst \u00fcber dem &#8222;Gespr\u00e4chswert&#8220; gestanden und damit das Schweigen von ARD-Aktuell bis Montag begr\u00fcndet. <\/p>\n<p><strong><em>Einer f\u00fcr alle?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Relevant&#8220; meint hier offenbar &#8222;\u00f6ffentlich-relevant&#8220;, im Sinne von Problemen aus Politik, Wirtschaft, Grundrechtsfragen etc., die uns einerseits tendenziell alle und nachhaltig betreffen, die wir andererseits in unserer demokratisch verfassten Gesellschaft aber auch selbst zumindest mit-bestimmen k\u00f6nnen (sollten). &#8222;Gespr\u00e4chswert&#8220; hie\u00dfe dann privat-relevant, also alles, wor\u00fcber sich auch &#8222;normale&#8220; Menschen (keine Medienprofis) unterhalten, weil es irgendwie interessant scheint, zum Beispiel Sport, Promi-News oder Wetter. Gniffke wurde von einem Nutzer entgegengehalten, dass es doch fast jeder mittlere Waldbrand in den USA bis in die &#8222;Tagesschau&#8220; schaffe, obwohl die Relevanz solcher Ereignisse oder eben Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Nutzer jener Sendung gegen Null gehen d\u00fcrfte.<br \/>\nAber wom\u00f6glich war die lange funktionierende Unterscheidung wichtiger &#8222;hard news&#8220; von interessanten &#8222;soft news&#8220; schon immer eine exklusive, weil (unbewusst und unbefohlen) elit\u00e4re Angelegenheit? Das selbstkrisch zu reflektieren hei\u00dft nicht, sich von rechtspopulistischen Extremisten (aus) der Mitte wie Trump, Gauland oder Hofer treiben zu lassen. Wir Journalisten und unser Journalismus, vielleicht sogar die Journalismen sollten heterogener werden, um die Gesellschaft und ihre Widerspr\u00fcche, ja Spaltungen (zumindest besser) &#8222;repr\u00e4sentieren&#8220; zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><em>Fragw\u00fcrdige Praktiken<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Zwei Beispiele dazu aus diesem Anlass: a) Arno Frank schrieb auf Spiegel Online (http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/tv\/getoetete-studentin-maria-l-in-freiburg-warum-die-ard-nun-doch-ueber-den-mord-berichtet-a-1124574.html; Aufruf am 7.12.2016, 9.36 Uhr): &#8222;Dar\u00fcber berichteten alle, von &#8222;Focus&#8220; bis zum ZDF-&#8222;heute-journal&#8220;&#8220;, was nat\u00fcrlich Quatsch ist, selbst wenn, wie er selber einr\u00e4umt, nur die &#8222;Tagesschau&#8220; noch nicht dar\u00fcber berichtet h\u00e4tte. Solche sinnlosen All-Aussagen als \u00dcber-Vereinfachungen sind Teil der Probleme, die (viele Menschen mit den) Medien haben.<br \/>\nb) Alle drei Umfrage-O-Ton-Geber im Tagesthemen-Beitrag von Daniel Hechler sind offenbar linksliberale B\u00fcrger der Stadt. Das kann repr\u00e4sentativ sein, muss es aber nicht. Sollte man jedenfalls selbstkritisch recherchiert und als Rohmaterial produziert\/gesichtet\/ausgew\u00e4hlt haben. <\/p>\n<p><strong><em>Verweihnachtung in der Sprache<\/em><\/strong><\/p>\n<p>2.) Einfach heute hingegen mein sprachkritisches Kaleidoskop: Die PR-Profis vom Berliner Studentenwerk texteten dieser Tage: &#8222;Wegen der Durchf\u00fchrung einer innerbetrieblichen Veranstaltung bleiben unsere Mensen &#8230;.&#8220; Das liest sich elegant, ja fast schon literarisch und ist jedenfalls so viel ansprechender als &#8222;wegen unserer Weihnachtsfeier&#8220; (was ja au\u00dferdem auch viel zu kurz gewesen w\u00e4re). Eine sch\u00f6ne Absolvierung der Realisierung des dritten Adventes w\u00fcnsche ich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ARD-Chefetage hat Vorw\u00fcrfe zur\u00fcckgewiesen, eine Berichterstattung \u00fcber Vergewaltigungs- und Mordvorw\u00fcrfe gegen einen 17 Jahre alten Fl\u00fcchtling aus Afghanistan in Freiburg zu unterdr\u00fccken (vgl. u.a. http:\/\/de.reuters.com\/article\/deutschland-fl-chtlinge-ard-idDEKBN13U243, Aufruf am 7.12.2016, 9.20 Uhr). 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