{"id":591,"date":"2016-01-07T21:51:14","date_gmt":"2016-01-07T20:51:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=591"},"modified":"2016-01-07T21:57:43","modified_gmt":"2016-01-07T20:57:43","slug":"respekt-respekt-wo-hat-er-sich-versteckt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=591","title":{"rendered":"Zwei Fragen des Respektes"},"content":{"rendered":"<p>1.) Richard Gutjahr (geboren 1973 in Bonn) gilt als einer der bekanntesten deutschen Journalisten, Blogger und Moderatoren. Anfang 2016 war er Mitarbeiter der Chefredaktion des Bayerischen Fernsehens (BR) und neben seiner Bloggert\u00e4tigkeit auch f\u00fcr andere Medien (FAZ, Tagesspiegel etc.) journalistisch t\u00e4tig. Er hat das Medienjahr 2015 in zehn Lektionen bilanziert (http:\/\/www.gutjahr.biz\/2016\/01\/2015-learnings\/?xing_share=news, Aufruf am 6.1.2016, 19.12 Uhr). <\/p>\n<p>1. Platform killed the Media-Star &#8211; die etablierten Medien sieht Gutjahr als hilflos an gegen\u00fcber den neuen Akteuren wie vor allem Facebook und Google. Mit dem Siegeszug von Videos und &#8222;Instant Articles&#8220; und der weitgehenden \u00dcbernahme der Werbung durch die Plattformen wird f\u00fcr Gutjahr deutlich: Verlust der Kontrolle \u00fcber eigene Inhalte im Tausch gegen erhoffte neue Reichweiten.<\/p>\n<p>2. Technology matters!<br \/>\nJunge Nutzer seien vor allem in den USA zunehmend ungeduldig. Was Mark Zuckerberg und Jeff Bezos seit jeher predigten, scheint auch f\u00fcr Gutjahr ein reales Problem. Technische M\u00e4ngel wie zu lange Ladezeiten oder irref\u00fchrende Weiterleitungen werden von J\u00fcngeren abgestraft. Studenten klickten kaum noch auf Links. Zu langwierig, zu umst\u00e4ndlich. Der zu erwartende Informationsgewinn gegen\u00fcber dem Zeitverlust zu gering. Gutjahrs Forderung: Mehr Softwareentwickler (Coder)! Die technische Umsetzung journalistischer Angebote sei mindestens so entscheidend wie Themenauswahl oder Recherche.<\/p>\n<p>3. Partikel statt Artikel &#8211; Nachrichten werden Gutjahr zufolge kaum noch zusammenh\u00e4ngend verfolgt, sondern in Fragmenten, die wie eine Art Fortsetzungsgeschichte \u00fcber den Tag hinweg genutzt w\u00fcrden, oft sogar nur mehr \u00fcber verl\u00e4ngerte Schlagzeilen oder Push-Nachrichten auf dem Lock-Screen des Smartphones. Das setze v\u00f6llig neue Artikelstruktur und \u2013Taktung voraus. Aber auch l\u00e4ngere Texte blieben gefragt, verst\u00e4rkt am Wochenende oder an Feiertagen \u2013 dann gerne auch auf bedrucktem Papier. Gutjahrs Fazit hier entgegen dem &#8222;Snowfalling&#8220;: Weg von der strukturierten Geschichte, hin zu granularen (also f\u00fcr die Nutzer passgenauen), thematisch geb\u00fcndelten Nachrichten-Updates.<\/p>\n<p>4. New Kids On The Block &#8211; Bei diesem Punkt \u00e4u\u00dfert Gutjahr Zweifel, ob der sich von den USA auf Deutschland \u00fcbertragen lasse. Wenn man US-Studenten frage, aus welchen Quellen sie sich nachrichtlich informierten, finden sich Gutjahr zufolge auf der Liste der meistgenutzten Informationsquellen einige alte Bekannte, wie z.B. die New York Times oder auch CNN. Andererseits f\u00e4nden sich unter den Top-10-Nachrichtenquellen immerhin sechs Medienmarken (z.B. Huffington Post, Politico, Buzzfeed oder Vox), die es vor zehn Jahren noch nicht gab. Randnotiz: CNN werde bei den Jungen offenbar nicht mehr als TV-Sender wahrgenommen, sondern als Online-Angebot. Ein Wink f\u00fcr die deutschen \u00f6ffentlich-Rechtlichen? Also: Auch klassische Medienmarken k\u00f6nnten \u00fcberleben, sofern sie sich angemessen an die neue Medienrealit\u00e4t anpassten.<\/p>\n<p>5. Livestreaming goes Mainstream &#8211; Livestreaming-Apps wie Meerkat und Periscope deuten f\u00fcr Gutjahr mehr als nur an: Kein Liveticker sei schneller, intimer und n\u00e4her dran als Livevideo. Sp\u00e4testens mit der neuen Mobilfunkgeneration 5G (LTE+), besseren Akkus und einer Integration von Periscope &#038; Co in TV-Ger\u00e4te (siehe Apple TV) d\u00fcrften Livestreams den Mainstream erreichen. Der gute alte Live-Reporter werde dank Livestreaming sein gro\u00dfes Comeback erleben.<\/p>\n<p>6. Augenzeugenvideos betreuen &#8211; Die Instant-Messaging-Plattform Snapchat habe von allen so genannten &#8222;Social Networks&#8220; das gr\u00f6\u00dfte Potential, zu den gro\u00dfen Facebooks und Twitters aufzuschlie\u00dfen. Mit der Einf\u00fchrung von Profi-Inhalten (Discovery) sei es Snapchat gelungen, sein einstiges Image als Teenager- und Sexting-App abzulegen. Auch bei Ereignissen wie den Anschl\u00e4gen von Paris 2015 lie\u00df sich das Potential (kuratierter) Augenzeugen-Videos zumindest erahnen. Mit seiner Mischung aus Messaging- und Video-Plattform kombiniere Snapchat zwei gro\u00dfe St\u00e4rken von Smartphones. Hinzu komme die geschickte Integration der Lokalisierungsfunktion, von Filtern, In-App-Verk\u00e4ufen und nicht zuletzt Werbung. Keine Plattform zuvor habe so fr\u00fch so viele und so unterschiedliche Monetarisierungswege erschlossen. Die US-Pr\u00e4sidentschaftswahl 2016 sollte der App zum weltweiten Durchbruch als News-Plattform verhelfen k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>7. Die Smartwatch als Schl\u00fcsselbund &#8211; Gutjahr schreibt, er glaube an die Zukunft von Wearables. Wenn man die Smartwatch nicht als Uhr, sondern als Schl\u00fcsselbund begreife, mit dem man bezahlen, T\u00fcren \u00f6ffnen, digitale Inhalte freischalten kann, deren Nutzungsrechte man erworben hat. Keine Magnetkarten, keine PIN-Codes oder Passworte mehr. Ein Selbstl\u00e4ufer (nat\u00fcrlich auch, was den Datenhandel angeht, SeK). Smartwatches werden sich laut Gutjahr durchsetzen. Weniger als Medien-Empfangsger\u00e4t, sondern als digitaler Geldbeutel und Schl\u00fcsselbund.<\/p>\n<p>8. Klasse statt Klicks &#8211; Qualit\u00e4t wird laut Gutjahr neben der Schnelligkeit wieder wichtiger. Gemeint seien damit nicht jene Schau!-mich!-an!-Multimedia-Projekte, um zu prahlen, was man theoretisch alles drauf habe (das \u201cSnowfall-Syndrom\u201d). Allerdings m\u00fcsse man sich von dem Gedanken verabschieden, durch Qualit\u00e4t viele Klicks oder eine gro\u00dfe Reichweite zu generieren. Die neue W\u00e4hrung im Netz laute Aufmerksamkeit, also hier Relevanz und Vertrauen, die man zu seinem Publikum aufbaue. Refinanzierung erfolge nicht mehr ausschlie\u00dflich \u00fcber Masse, sondern \u00fcber neue, noch schwer messbare Kriterien wie Glaubw\u00fcrdigkeit, Vertrauen und Engagement.<\/p>\n<p>9. There is no business like &#8222;Beziehungsbusiness&#8220; &#8211; Wir sind Menschen \u2013 und als solche identifizieren wir uns vor allem mit anderen Menschen, nicht mit Marken. Ein Prinzip, das durch Digitalisierung eher noch wichtiger werde &#8211; FACEbook mache es vor. Journalisten werden Gutjahr zufolge Teil der Produkte, die sie herstellen. Er m\u00f6chte sogar behaupten: Das eigentliche Produkt seien am Ende wir selbst. In einer Zeit, in der es keinen Mangel an Information gebe, werde der Filter zum Entscheidungskriterium, nicht die beliebig austauschbaren Inhalte. Gefragt seien in Zukunft Experten, die \u00fcber ein eigenes Stammpublikum (Fans &#038; Follower) verf\u00fcgten, die sie einem potentiellen Unternehmer als \u201cMitgift\u201d mitbringen d\u00fcrften. Je weiter sich das Publikum fragmentiere, desto wichtiger w\u00fcrden die einzelnen Mitarbeiter, die in bestimmten Nischen eine \u00fcberdurchschnittliche Glaubw\u00fcrdigkeit besitzen sollten. Auch US-Starblogger Jeff Jarvis sehe im Relationship-Business den alles entscheidenden Faktor f\u00fcr das \u00dcberleben klassischer Medienanbieter. Daher r\u00fcckten die Mitarbeiter als einzelne st\u00e4rker ins Zentrum der Medienwelt, sollten an Macht innerhalb der Sender und Verlage gewinnen.<\/p>\n<p>10. Endspiel: Kreative Talente respektieren &#8211;  In einer digitalisierten Welt sind aus Gutjahrs Sicht Kreativit\u00e4t und Talent der letzte &#8222;Battleground&#8220;, der in der Konkurrenz \u00fcber Sieg oder Niederlage, Aufmerksamkeit oder Austauschbarkeit entscheide. Medienverantwortliche sollten in die Menschen &#8222;investieren&#8220; und innerhalb ihrer Teams f\u00fcr das richtige Klima zu sorgen. Derjenige, der Individuen exzellent bedienen kann, gewinnt Gutjahr zufolge. Aufmerksamkeit im Tausch gegen Respekt \u2013 und zwar sowohl gegen\u00fcber dem Publikum als auch gegen\u00fcber den eigenen Mitarbeitern \u2013 so Gutjahrs Formel f\u00fcr ein \u00dcberleben in digitalen Zeiten <\/p>\n<p>2.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Barbara Hallweg in den ZDF-Heute-Nachrichten am 6.1.: Es sei weiter unklar, &#8222;warum die Polizei in K\u00f6ln die \u00dcbergriffe in der Silvesternacht nicht hat verhindern k\u00f6nnen&#8220;. K\u00f6nnen? Genau das ist ja offenbar das Problem &#8211; die Sicherheitskr\u00e4fte haben das nicht verhindert. Ob sie es h\u00e4tten verhindern K\u00d6NNEN, ist aber die Frage. Die Formulierung nimmt die Polizei tendenziell in Schutz, was meines Erachtens nicht sein sollte. Auf der anderen Seite reden einige Medien bereits von &#8222;Massen\u00fcberf\u00e4llen&#8220; (siehe u.a. https:\/\/www.ndr.de\/info\/Wendt-besorgt-ueber-Massenueberfaelle-in-Koeln,audio268134.html, Aufruf 6.1.2016, 19.32 Uhr), wo ich Ausdr\u00fccke wie &#8222;Massen\u00fcbergriffe&#8220; nach derzeitigem Kenntnisstand f\u00fcr angemessener halte. Zwei inhaltliche Lehren ziehe ich aus dem medialen Geschehen: Trotz ausged\u00fcnnter Redaktionen sollte wieder mehr professionelle Skepsis auch gegen\u00fcber Beh\u00f6rden als Quelle praktiziert werden. Und andererseits &#8211; warum haben sich von den offenbar vielen, vielen Dutzenden Opfern oder auch Augenzeugen nicht viel schneller welche (auch) an klassische Medien gewandt? Wie steht es mit dem Vertrauen und damit der Legitimation vieler etablierter Medien bei anscheinend nicht gerade geringen Teilen der Bev\u00f6lkerung? Respekt d\u00fcrfte auch hier ein grundlegendes Problem sein &#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.) Richard Gutjahr (geboren 1973 in Bonn) gilt als einer der bekanntesten deutschen Journalisten, Blogger und Moderatoren. 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