{"id":321,"date":"2014-03-29T18:26:01","date_gmt":"2014-03-29T17:26:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=321"},"modified":"2014-04-01T17:48:11","modified_gmt":"2014-04-01T16:48:11","slug":"eskalation-der-tatarenmeldungg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=321","title":{"rendered":"Eskalation der Tatarenmeldung?"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Sebastian K\u00f6hler<\/p>\n<p>1.) Im Mainstream des deutschen Journalismus zeigen sich w\u00e4hrend der Ukraine-Krise bemerkenswerte Dynamiken: In vielen F\u00e4llen scheint er, was die Eskalations-Forderungen angeht, jenseits von Bev\u00f6lkerungsmehrheit, auch von Wirtschaftseliten und sogar von der Regierung zu stehen. Diese Forderungen nach &#8222;mehr H\u00e4rte gegen Putin&#8220; sind strukturell wohl am ehesten erkl\u00e4rbar daher, dass von der politischen Grundorientierung sich ja viele Journalisten in Deutschland tendenziell als den Gr\u00fcnen zuneigend verstehen &#8211; dabei weit \u00fcberproportional zum Wahlergebnis mit im Jahre 2005 immerhin 35,5 Prozent aller Journalisten als &#8222;Gr\u00fcne&#8220;. (siehe die Weischenberg-Studie von 2005 unter http:\/\/www.media-perspektiven.de\/uploads\/tx_mppublications\/07-2006_Weischenberg.pdf, Aufruf am 29.3.2014, 12.13 Uhr &#8211; die Gr\u00fcnen waren 2005 f\u00fcnftst\u00e4rkste politische Kraft bei der Bundestagswahl mit 8,1 Prozent hinter Union, SPD, FDP und PDS). An dieser deutlichen \u00dcberrepr\u00e4sentanz b\u00fcndnisgr\u00fcner Neigungen in den Reihen der Journalisten d\u00fcrfte sich bis heute wenig ge\u00e4ndert haben. Aktueller Bezug: Zumindest einige aktuelle Spitzenvertreter der Gr\u00fcnen (Katrin G\u00f6ring-Eckardt, Rebecca Harms, Marie-Luise Beck) versuchten ja 2014 durchaus, sich mit eher eskalierenden Forderungen gegen die russische Politik zu profilieren.<\/p>\n<p>Dem FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher ist, vielleicht auch in diesem Kontext, vor allem ein Gespr\u00e4ch von ZDF-Moderator Claus Kleber mit Siemens-Chef Josef Kaeser aufgefallen (http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/echtzeitjournalismus-dr-seltsam-ist-heute-online-12867571.html, Aufruf am 29.3.2014, 12.20 Uhr). In der &#8222;Krim-Krise&#8220; (ich spreche eher von Ukraine-Krise, weil der Ausl\u00f6ser kaum auf der Krim lag) sehe man: Der &#8222;Echtzeitjournalismus&#8220; sei schneller als die Reaktionszeit f\u00fcr einen Atomangriff. Er setze auf die Semantik der Eskalation und werde dadurch selbst zur Waffe.Der von Schirrmacher und mir gesch\u00e4tzte Karl Kraus schrieb in diesem Sinne einst: &#8222;\u201eWas Redaktionen beschlossen haben, vergelten und b\u00fc\u00dfen Nationen.\u201c Schirrmacher kritisiert am Journalismus \u00e1 la Kleber, dass die Nutzer nicht erfahren sollten, was Kaeser in Moskau getan habe (das w\u00e4re Au\u00dfenreferenz und damit eine journalistische Grunddimension), sondern vielmehr, was der emp\u00f6rte Moderator dar\u00fcber denke (Selbstreferenz): &#8222;Beharren auf einer normativen Deutung dessen, was die westlichen Sanktionen angeblich bedeuten, verwandelt Journalismus in Politik und das Fernsehstudio in einen Ort, wo der Interviewer pl\u00f6tzlich au\u00dfenpolitische Bulletins abgibt.&#8220; Schirrmacher gr\u00e4bt tiefer und narrative Grundstrukturen dieser Art von Eskalation aus: &#8222;Die formalen Kriterien dieser f\u00fcnf Minuten \u201eheute journal\u201c sind mittlerweile eins zu eins \u00fcbertragbar auf einen aktuellen Echtzeit-Eskalationsjournalismus, der Lebenssendezeit f\u00fcllen und Storys erz\u00e4hlen muss.&#8220;<\/p>\n<p>Es sei egal, so hatte Karl Kraus als Erster ein Kennzeichen der Massenmedien definiert, ob man eine Operette oder einen Krieg lanciere: &#8222;Gemeint war: Die dramaturgischen, auf Kunden oder Klicks zielenden Strukturen von Konflikt, Eskalation, Krise und Katastrophe, mit denen man \u00fcber die Welt redet, ver\u00e4ndern die Welt beim Reden. Die Erz\u00e4hlung vom Kalten Krieg samt Atomwaffen-Angst und biblischer Apokalypse ist das schlechthin un\u00fcberbietbare Narrativ &#8211; Spannung pur, in der sich der sprachlose Siemens-Chef pl\u00f6tzlich in der Rolle des Spions wiederfindet, der aus der K\u00e4lte kam.&#8220;<\/p>\n<p><a name=\"pageIndex_2\"><\/a>Von Michael Crichton stamme, schreibt Schirrmacher, der Spruch, dass sich eine Geschichte, wenn die Zutaten stimmen, fast von selbst schreibe: &#8222;Nicht nach Kriegsgeschrei und dem Donnern von Stiefelabs\u00e4tzen muss man deshalb heute in der Sprache suchen, sondern nach diesen Automatismen, die durch moderne Kommunikationssysteme sich atemberaubend beschleunigt haben. Es war ein Automatismus, nicht die angebliche moralisch-politische Reflexion, die Claus Klebers Performance erkl\u00e4rt.&#8220; Weil Echtzeit Reflexionskraft minimiere, infiziere sie derzeit auf h\u00f6chst bedrohliche Art das politische und gesellschaftliche Leben in allen Bereichen. Es sei eine Pointe der Geschichte, dass nun auch die entsprechende soziale Kommunikation in den Lichtgeschwindigkeitsmodus wechsele. Schirrmacher: &#8222;Wer Zeitpuffer f\u00fcr Hochgeschwindkeitsb\u00f6rsen verlangt, sollte nach den j\u00fcngsten Erfahrungen auch \u00fcber solche f\u00fcr Nachrichtenb\u00f6rsen nachdenken.&#8220; Oder vielleicht Nachrichten nicht nur als Waren oder Machtmittel begreifen m\u00fcssen, sondern als \u00f6ffentliche Leistungen, die anderen Kriterien als Gelderwerb, Machtausbau oder Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen zu folgen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend zu Schirrmachers Kritik bleibt mein Punkt die fehlende &#8222;\u00c4quidistanz&#8220; dieser Art von Journalismus: Die rasant zunehmende Einseitigkeit, mit der eben nicht allen wichtigen Seiten gegen\u00fcber (hier ja zumindest zumindest zwei Parteien: mehr Ablehnung versus eher Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die russische Politik) der gleiche Abstand gewahrt wird. Dieses &#8222;Sich-Nicht-Gemein-Machen&#8220; (HaJo Friedrichs) mit einer Sache, und sei sie noch so gut, gilt als eine bew\u00e4hrte Norm aus den Zeiten der Entstehung des modernen Journalismus Mitte des 19. Jahrhunderts. Als es \u00fcbrigens schon einmal einen Krim-Krieg gab (1853-1856), in dem der erste moderne Kriegsreporter, William Howard Russell, f\u00fcr die Londoner &#8222;Times&#8220; mangels anderer Neuigkeiten sich eine bewusst falsche Nachricht ausgedacht haben soll (man staune: eine anti-russische). So entstand eben die &#8222;Tatarenmeldung&#8220;. Allerdings st\u00fcrzte schlie\u00dflich im Kontext dieses Krieges die britische Regierung von Premier Aberdeen. Soviel Zeit muss doch sein &#8211; zur Ironie von Geschichte.<\/p>\n<p>2.) By the Putin-Bashing-Way: Wo ist eigentlich Edward Snowden? Klar, als Opfer russischer Propaganda sitzt er irgendwo im &#8222;Reich des B\u00f6sen&#8220;. Das ist oberfies &#8211; oder liegt es daran, dass ihn &#8222;die Guten&#8220; nicht friedlich aufnehmen wollen?<\/p>\n<p>And now for something completely different, wie es bei Monty Python hei\u00dft: Der britische Guardian, eine der angesehensten Qualit\u00e4tszeitungen der westlichen Welt, stand j\u00fcngst kurz vor der Schlie\u00dfung. Nicht durch die heilsame Hand des Marktes und auch nicht durch einen russischen Oligarchen, sondern durch die britische Regierung.\u00a0 Wie im M\u00e4rz 2014\u00a0 der stellvertretende Chefredakteur Paul Johnson auf einer Konferenz in Dublin erkl\u00e4rte (siehe http:\/\/www.heise.de\/newsticker\/meldung\/NSA-Skandal-Britische-Regierung-drohte-Guardian-mit-Schliessung-2156345.html?wt_mc=sm.feed.tw.ho,, Aufruf am 29.3.2014, 13.54 Uhr), wurden der Redaktion nach Beginn der Enth\u00fcllungen in Zusammenarbeit mit dem fr\u00fcheren US-Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden nicht nur auf Gehei\u00df der Regierung Festplatten zerst\u00f6rt, sondern es wurde der Zeitung sogar unverbl\u00fcmt mit der Schlie\u00dfung gedroht. Insgesamt sei die Arbeit mit Snowdens Material \u00fcber die gewaltige \u00dcberwachung die schwierigste in der Geschichte seiner Zeitung gewesen \u2013 auch schwerer als die Arbeit an den Dokumenten von Wikileaks. So habe ein Regierungsbeamter dem Chefredakteur Alan Rusbridger gesagt: &#8222;Der Premierminister, sein Stellvertreter, der Au\u00dfenminister, der Innenminister und der Justizminister haben ein Problem mit Ihnen.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist alles bemerkenswert genug &#8211; aber warum erfahren wir dies zwar, aber erst viele Monate sp\u00e4ter? Weil eben gerade die vielbeschworene Pressefreiheit selbst in einem Land wie Gro\u00dfbritannien auch politisch (von wirtschaftlich zu schweigen) nie eine absolute ist, sondern stets eine sehr relative, abh\u00e4ngig von aktuellen Macht- und sonstigen Einflussverh\u00e4ltnissen? Dann w\u00e4re ja die Welt auch in dieser Hinsicht gar nicht in Schwarz und Wei\u00df zu zeichnen (hier Pressefreiheit, dort keine), und vielleicht auch nicht allein in &#8222;Gut versus B\u00f6se&#8220;? Hmm, das d\u00fcrfte also anstrengend bleiben &#8230;.<\/p>\n<p>3.) Sprachkritisch geht es heute auch um einen Aspekt der Ukraine-Krise: Was passiert mit der Krim nach dem Votum der Menschen, die dort leben? &#8222;Annexion&#8220;, &#8222;Besetzung&#8220;, &#8222;Diebstahl&#8220; (Claus Kleber), &#8222;Anschluss&#8220;, &#8222;Beitritt&#8220;, &#8222;Eingliederung&#8220;, &#8222;Angliederung&#8220;, &#8222;Wiedervereinigung&#8220;, &#8222;Heimkehr&#8220;? Die Bundesregierung hatte den Vergleich des russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin zwischen den Ereignissen auf der Krim und der deutschen Vereinigung zur\u00fcckgewiesen. Die deutsche Einheit habe zwei getrennte Staaten gleicher Nation wieder zusammengef\u00fchrt, hatte Regierungssprecher Steffen Seibert gesagt. (http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ausland\/krim-krise-berlin-weist-putins-vergleich-mit-wiedervereinigung-zurueck-12854046.html, Aufruf am 29.3.2014, 14.09 Uhr). Kann mensch so sehen, aber Journalisten sollten ja, im Unterschied zu Steffen Seibert, das Sprachrohr keiner Regierung sein, weder der von Frau Merkel noch der von Herrn Putin. Daher d\u00fcrfen wir uns f\u00fcr informationsbetonten Journalismus die Frage stellen, welchem Terminus die meisten Nutzer mit ihren ganz verschiedenen Interessen und Standpunkten am ehesten zustimmen k\u00f6nnten. Also Merkel-Fans und Putin-Fans und Fans des Rechten Sektors und eher Unentschiedene etc. Deshalb ist meine Wahl in der t\u00e4glichen Meldungsarbeit das Wort, das mir am wenigsten wertend erscheint aus diesem semantischen Feld: &#8222;Eingliederung&#8220; (oder auch, wegen des absehbaren Sonderstatus innerhalb der Russischen F\u00f6deration: Angliederung). Das kann mensch, je nach Perspektive, schlecht oder gut (oder unentschieden) finden &#8211; was sich von &#8222;Annexion&#8220; oder &#8222;Wiedervereinigung&#8220; kaum sagen l\u00e4sst. Daf\u00fcr gibt es ja meinungsbetonte Formen wie Kommentare. Und manchmal leider auch, siehe oben, TV-Interviews mit &#8222;Moderatoren&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Von Sebastian K\u00f6hler 1.) Im Mainstream des deutschen Journalismus zeigen sich w\u00e4hrend der Ukraine-Krise bemerkenswerte Dynamiken: In vielen F\u00e4llen scheint er, was die Eskalations-Forderungen angeht, jenseits von Bev\u00f6lkerungsmehrheit, auch von Wirtschaftseliten und sogar von der Regierung zu stehen. 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