{"id":286,"date":"2013-10-24T20:06:36","date_gmt":"2013-10-24T19:06:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=286"},"modified":"2013-10-24T20:57:19","modified_gmt":"2013-10-24T19:57:19","slug":"gatewatcher-gesprachswert-und-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=286","title":{"rendered":"Gatewatcher: Gespr\u00e4chswert und Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Von Sebastian K\u00f6hler<br \/>\n1.) Zur Zukunft des Journalismus sagte bei der Er\u00f6ffnung der M\u00fcnchener Medientage im Oktober 2013 der BR-Intendant Ulrich Wilhelm (ein fr\u00fcherer Regierungssprecher von Angela Merkel), es solle dabei weniger um lineare Reichweiten- oder Quotenmessungen gehen als mehr um \u201eRelevanz und Themen, die einen Gespr\u00e4chswert f\u00fcr die Gesellschaft\u201c h\u00e4tten (vgl. FAZ 18.10.2013, S.43). Wilhelm ermahnte vor allem die Politiker (und leider erst danach Wirtschaftsbosse wie die von Facebook und Google sowie Geheimdienstchefs), die \u00f6ffentlichen R\u00e4ume zu sch\u00fctzen und damit nicht zuletzt das Internet als Sph\u00e4re des oszillierenden Verkehrens zwischen Privatheit und \u00d6ffentlichkeit. Zu jenem Zeitpunkt d\u00fcrften weder er noch wir etwas mitbekommen haben von der mutma\u00dflichen Handy-\u00dcberwachung selbst der deutschen Kanzlerin durch die NSA. Aber warum sollte es der Regierungschefin besser gehen als vielen Journalistinnen oder B\u00fcrgern? Dass Journalismus wiederum gerade solche \u00f6ffentlich-relevanten Probleme thematisiert und vermittelt, entspricht seiner modernen \u00f6ffentlichen Aufgabe. Allerdings angesichts des vielf\u00e4ltigen Netzverkehrs kaum noch tradiert im Sinne vom alleinbestimmenden \u201eGatekeeper\u201c, sondern mittlerweile angesichts vieler Interaktivit\u00e4ten und schier unendlicher Informations- und Kommunikationsm\u00f6glichkeiten eher als \u201eGatewatcher\u201c und Moderator.<br \/>\n2.) Nachdem die deutsche Nachrichtenagentur dapd im April 2013 endg\u00fcltig ihren Betrieb eingestellt hatte, ist die heutige Rolle solcher Agenturen von neuem fraglich. Yasmin Schulten-Jaspers hat das aktuelle \u201eGesch\u00e4ft mit den Nachrichten\u201c untersucht (http:\/\/de.ejo-online.eu\/author\/yasmin-schulten-jaspers, Aufruf am 24.10.2013, 14.38 Uhr). Sch\u00e4tzungen zufolge stammten noch 2005 wenigstens die H\u00e4lfte aller Tageszeitungsbeitr\u00e4ge von Agenturen, bei TV und Radio war der Anteil sogar h\u00f6her. Befragte Experten (Journalisten, Verlagsmanager, Wissenschaftler) gehen klar mehrheitlich weiterhin von einer Gatekeeper-Rolle aus, vom verl\u00e4sslichen Vorsortieren. Die Materialien seien aktuell, gepr\u00fcft und \u00fcbernehmbar. Gek\u00fcrzte Redaktionen werden tendenziell noch abh\u00e4ngiger von Agentur-Material, da sie mit weniger Ressourcen mehr und schneller (und m\u00f6glichst auch noch besseren) Output liefern sollen. Online-Experten allerdings sehen eine schwindende Bedeutung der Agenturen wegen Tendenzen der Regionalisierung und Lokalisierung ebenso wie wegen jener des Bem\u00fchens um Exklusivit\u00e4t. TV-und Radio-Fachleute sehen in Nachrichtenagenturen vor allem ein Korrektiv und einen Ideengeber (Themensetzer) f\u00fcr die dann jeweils eigene Story. Netz-Plattformen d\u00fcrften allerdings eine starke Konkurrenz f\u00fcr die Agenturen sein und noch mehr werden: Von global bis hyperlokal, hyperaktuell, multimedial und nicht zuletzt h\u00f6chstpers\u00f6nliche Quellen mit Augenzeugenanspruch.<br \/>\nK\u00fcnftig d\u00fcrften gerade auf dem umk\u00e4mpften deutschen Nachrichtenagenturmarkt Kundenportale f\u00fcr die Abonnenten der Dienste eine wichtigere Rolle spielen: Laut Studie ist von etwa 20 Prozent Agenturbeitr\u00e4gen als \u201ework-on-demand\u201c auszugehen, was aber auch hie\u00dfe, dass rund 80 Prozent der Themen und Beitr\u00e4ge \u201eEigeninitiative\u201c von dpa, Reuters, AFP, AP, sid, epd, KNA, vwd etc. blieben. Etwa die H\u00e4lfte der Befragten geht im Sinne einer \u201eEntdifferenzierung\u201c (weg vom spezialisierten Journalismus) davon aus, dass Agenturen bald schon ihren Hauptumsatz abseits ihres Kerngesch\u00e4ftes erzielen werden, durch Tochterunternehmen und Beteiligungen nicht zuletzt in Bereichen der Auftragskommunikation (PR-T\u00f6chter etc.). Entdifferenzierungen d\u00fcrfte es auch bei den Ressorts und bei der Belegschaftsstruktur geben (K\u00fcrzung der Kernbelegschaften). Qualit\u00e4tskriterien blieben Glaubw\u00fcrdigkeit und Zuverl\u00e4ssigkeit (ist das nicht \u2013 fast \u2013 dasselbe?), w\u00e4hrend die Schnelligkeit nicht mehr so wichtig sein d\u00fcrfte. Multimedialit\u00e4t wird in den Agenturen wachsen, ebenso der Anteil an Ratgeber-Beitr\u00e4gen im Vergleich zu den tagesaktuellen. Thematisch geht es auch daher mehr in Richtung Privat-Relevantes (Soft News und Sport), w\u00e4hrend \u00d6ffentlich-Relevantes zwar mit Blick auf Politik und Wirtschaft wichtig bleiben mag, allerdings in Form der Kulturberichterstattung eher zur\u00fcckgehen d\u00fcrfte.<br \/>\n3.) Zum sprachkritischen Kaleidoskop: Sprechen wir vom ehemaligen R\u00f6mischen Reich oder vom ehemaligen Zweiten Weltkrieg? Kaum, aber immer wieder wird gerade in L\u00e4ndern deutscher Zunge von der \u201eehemaligen DDR\u201c geredet und geschrieben. Als ob es eine andere g\u00e4be. Die Briten haben f\u00fcr solche Br\u00e4uche die Rede-Wendung \u201ekicking dead horses\u201c. Das machen Gentlemen and -women nat\u00fcrlich nicht. Aber Medien wie die Berliner Zeitung (15.7.2013, S.24) immer mal wieder \u2013 die d\u00e4nische \u201eOlsenbande\u201c (in der damaligen BRD hie\u00df sie marktschreiend \u201ePanzerknackerbande\u201c) und ihre Filme waren neben ihrer Heimat laut BLZ z.B. auch in Polen und Ungarn, in der T\u00fcrkei oder Libyen beliebt: \u201eDen gr\u00f6\u00dften Erfolg erzielten sie aber in der ehemaligen DDR\u201c. Da es hier um die Zeit zwischen 1968 und 1981 geht, ist der Ausdruck definitiv tautologisch. Es sei denn, man formulierte per Negation der Negation im gleichen Tenor auch \u00fcber die \u201eehemalige Olsenbande\u201c. Aber auch dann lie\u00dfe sich \u201eehemalig\u201c nicht \u201ewegk\u00fcrzen\u201c, sondern w\u00e4re schlicht besinnungsloser Sprachgebrauch. Der nicht einmal \u201eein St\u00fcck weit\u201c einen gewissen \u201eSinn machen\u201c w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sebastian K\u00f6hler 1.) 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