{"id":284,"date":"2013-10-17T17:35:27","date_gmt":"2013-10-17T16:35:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=284"},"modified":"2013-10-17T19:07:47","modified_gmt":"2013-10-17T18:07:47","slug":"inszenierungen-und-fakes-im-fluchtlingsstrom","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=284","title":{"rendered":"Inszenierungen und Fakes im Fl\u00fcchtlingsstrom?"},"content":{"rendered":"<p>Von Sebastian K\u00f6hler<\/p>\n<p>Seit einigen Tagen sind sie Thema in vielen Metropolen-Medien: Tausende Fl\u00fcchtlinge sind auch im Herbst 2013 unterwegs von Afrika \u00fcber das Mittelmeer in Richtung EU-Europa. Vor allem die Nachrichtenfaktoren \u201eNegativismus\u201c und \u201eIntensit\u00e4t\u201c lie\u00dfen das Elend der Fl\u00fcchtlinge angesichts \u2013 nach offiziellen Angaben &#8211; Hunderter Toter vor den K\u00fcsten Lampedusas und Maltas ins Rampenlicht r\u00fccken. Aber auf den umk\u00e4mpfen M\u00e4rkten medialer Aufmerksamkeit reichen die Agenturberichte offenbar nicht aus \u2013 es sollen anscheinend, vor allem im Fernsehen, Geschichten erz\u00e4hlt werden, die in ihrer \u00dcber-Vereinfachung, \u00dcber-Personalisierung und \u00dcber-Emotionalisierung als \u201enarrativistisch\u201c zu kritisieren w\u00e4ren (siehe dazu ausf\u00fchrlich mein Buch \u201eDie Nachrichtenerz\u00e4hler\u201c von 2009). Das d\u00fcrften sie selbst sein, wenn sie \u201ewahr\u201c w\u00e4ren. Jedoch: die Grenzen zwischen Dokumentation, Inszenierung und Fake wirken weniger dicht als die s\u00fcdlichen EU-Au\u00dfengrenzen: Wie das verdienstvolle NDR-Format Zapp (TV und Online) berichtet (siehe http:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/film_fernsehen_radio\/fluechtlinge513.html, Aufruf am 17.10.2013, 15.09 Uhr), sollen drei junge Afrikaner von einer franz\u00f6sischen Fernsehproduktionsfirma zur Flucht von Libyen nach Paris angestiftet worden sein &#8211; mit Geld und Versprechungen. Diese drei M\u00e4nner aus Kamerun sollen von zwei Mitarbeitern der franz\u00f6sischen TV-Produktionsfirma &#8222;Tony Comiti Productions&#8220; in Libyen angesprochen worden sein, die f\u00fcr eine Fernsehreportage eine Flucht aus Afrika mit der Kamera begleiten wollten. Die Journalisten d\u00fcrften den jungen M\u00e4nnern dann offenbar Geld f\u00fcr die Fahrt gegeben haben &#8211; f\u00fcr die Reise durch Libyen, dann \u00fcbers Meer nach Italien und schlie\u00dflich bis nach Paris. Diese spektakul\u00e4re Flucht wurde erkl\u00e4rterma\u00dfen f\u00fcr die Investigativ-Sendung &#8222;Zone interdite&#8220; des franz\u00f6sischen privat-rechtlichen Senders M6 in Etappen gefilmt &#8211; als dokumentarische Fernsehreportage. Wurden die jungen M\u00e4nner so gek\u00f6dert und zur Flucht angestiftet &#8211; als Hauptdarsteller in einer Fernsehreportage? Und wurden damit, wenn die Umst\u00e4nde der Flucht so oder \u00e4hnlich waren, nicht auch die Grenzen zum Fake \u00fcberschritten? Faken kann pragmatisch n\u00e4her bestimmt werden (im Unterschied zum f\u00fcr TV- oder Radio-Aufnahmen oft unumg\u00e4nglichen Inszenieren &#8211; \u201eIst die Technik startklar, k\u00f6nnen wir beginnen?\u201c) als Hervorrufen von Ereignissen durch mediale Akteure, welche ohne diese Akteure (zumindest so) gar nicht stattgefunden h\u00e4tten.<br \/>\nDer franz\u00f6sische Medienjournalist Vincent Monnier recherchierte wiederum diese \u201eGeschichte\u201c (so ZAPP selbst &#8211; diesmal w\u00e4ren die Guten dann wohl die drei Fl\u00fcchtlinge und ihr Problem nicht die Flucht, sondern die b\u00f6sen, b\u00f6sen TV-Produzenten) schon f\u00fcr den &#8222;Nouvel Observateur&#8220; und stie\u00df auf zahlreiche Verdachtsmomente. Die verantwortliche Produktionsfirma weist die Vorw\u00fcrfe hingegen zur\u00fcck, es sei &#8222;nichts bezahlt und nichts versprochen worden&#8220;. Die drei Kameruner haben nun mit einem Anwalt Klage erhoben &#8211; unter anderem wegen aktiver Beihilfe zur illegalen Einreise. Ein lehrreiches Puzzleteil zum gro\u00dfen Thema \u201eFl\u00fcchtlingsstrom\u201c.<br \/>\n2.) Womit wir beim sprachkritischen Kaleidoskop w\u00e4ren: \u201eFl\u00fcchtlingsstrom\u201c, das schreiben nicht nur die Boulevardmedien (wenn sie sich denn des Themas annehmen), sondern auch die als seri\u00f6ser geltenden wie zum Beispiel die \u201eS\u00fcddeutsche\u201c (http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/fluechtlingsstrom-aus-afrika-italien-will-das-mittelmeer-staerker-ueberwachen-1.1793861, Aufruf am 17.10.2013, 15.22 Uhr). Auch bei Wikipedia steht der Terminus \u00e4hnlich sachlich aufgelistet wie z.B. die Wochentagsbezeichnungen: \u201eAls Fl\u00fcchtlingsstrom (engl. \u201eflood of refugees\u201c) bezeichnet man Bev\u00f6lkerungsgruppen, die sich auf der Flucht vor kriegerischen Konflikten, Umweltproblemen, Hunger oder Verfolgung befinden\u201c (http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fl%C3%BCchtlingsstrom, Aufruf am 17.10.2013, 15.25 Uhr). Der Onlien-Duden (http:\/\/www.duden.de\/rechtschreibung\/Fluechtlingsstrom, Aufruf am 17.10.2013, 15.28 Uhr) verweist neben seiner Umschreibung als \u201egro\u00dfe Zahl von einherziehenden Fl\u00fcchtlingen\u201c auf den relativ emotionalen Charakter des Wortes. Ich finde, \u00fcber die Emotionalit\u00e4t und die Massenabfertigung hinausgehend, die Richtung der so angesprochenen Emotionen bedenklich: Ein Problem sehe ich in unangemessener Naturalisierung, \u00e4hnlich wie bei Wendungen \u00e1 la \u201eAusbruch des Zweiten Weltkrieges\u201c. Hier werden Naturgewalten beschworen, als ob die bei Fl\u00fcchtlingsbewegungen schlicht naturgesetzlich da w\u00e4ren. Und gegen die man nat\u00fcrlich (sic!) einfach nichts machen k\u00f6nnte \u2013 au\u00dfer (was macht man gegen Str\u00f6me oder Fluten von Wasser?), sich \u2013 noch besser \u2013 abzuschotten. Und wie weit ist es vom \u201eFl\u00fcchtlingsstrom\u201c zur \u201eAsylantenflut\u201c? Dass diese massenhaften Menschenbewegungen nicht zuletzt soziale Katastrophen zur Ursache haben wie auch selber sind, kommt dabei kaum zur Sprache. Was ist dagegen ein so sperriges, ja unnat\u00fcrliches Wort wie \u201eWeltwirtschaftsordnung\u201c? Albert Einstein sagte sinngem\u00e4\u00df, Wissenschaftler (oder Journalisten, SeK) sollten alle Dinge so einfach wie m\u00f6glich machen \u2013 aber nicht einfacher.<br \/>\nWie ginge es journalistisch-praktisch besser als mit \u201eFl\u00fcchtlingsstrom\u201c? Ich w\u00fcrde melden oder kommentieren: \u201eGro\u00dfe Gruppen von Fl\u00fcchtlingen\u201c. Ist etwas l\u00e4nger, aber sowohl menschlicher als auch professioneller. Und damit vielleicht sogar so einfach wie m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sebastian K\u00f6hler Seit einigen Tagen sind sie Thema in vielen Metropolen-Medien: Tausende Fl\u00fcchtlinge sind auch im Herbst 2013 unterwegs von Afrika \u00fcber das Mittelmeer in Richtung EU-Europa. 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