{"id":205,"date":"2012-10-24T19:32:55","date_gmt":"2012-10-24T18:32:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=205"},"modified":"2012-10-24T19:32:55","modified_gmt":"2012-10-24T18:32:55","slug":"bild-als-vorreiter-der-aufklarung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=205","title":{"rendered":"BILD als Vorreiter der Aufkl\u00e4rung?"},"content":{"rendered":"<p>Blog vom 24.10.2012 von Sebastian K\u00f6hler:<br \/>\n1.) Das ZDF ist dieser Tage in der Diskussion, mit zwei Beispielen zur Fragw\u00fcrdigkeit von Objektivit\u00e4t im Journalismus. Einmal mehr von der Themensetzung her, das andere Mal wegen Problemen in der Darstellung: Der DJV-Vorsitzende Michael Konken (siehe http:\/\/kress.de\/mail\/tagesdienst\/detail\/beitrag\/118546-versuchte-csu-einflussnahme-auf-zdf-bericht-djv-findet-vorgehen-skandaloes.html, Aufruf am 24.10.2012, 20:08 Uhr) kritisierte es als skandal\u00f6s, dass offenbar ein CSU-Sprecher mit einem Anruf beim ZDF verhindern wollte, dass der Sender \u00fcber den Parteitag der bayerischen SPD \u00fcberhaupt berichtet. \u00dcber den genauen Inhalt des Anrufes gibt es widerstreitende Versionen, aber dass ein solcher stattgefunden hat, scheint unstrittig. Wichtiger, als dass Herr Ude und seine Nominierung doch Beitragsthema im ZDF waren, finde ich, wer da bei wem im Umkreis solcher Fragen prinzipiell zu meinen scheint, anrufen zu k\u00f6nnen. Das spricht im Grundsatz weder f\u00fcr die CSU noch f\u00fcr das ZDF, wenn wir die Norm der \u201eStaatsferne\u201c auch nur halbwegs ernst nehmen. Mit einem anderen politischen Beitrag brachte sich das ZDF selbst in die Schlagzeilen, mit jenem im \u201eheute journal\u201c \u00fcber das Rede-Duell von Angela Merkel und Peer Steinbr\u00fcck im Bundestag. Hier avancierte J\u00fcrgen Trittin vom Nebendarsteller zur Hauptfigur (vgl. http:\/\/kress.de\/mail\/alle\/detail\/beitrag\/118499-trittin-jubelte-nicht-wegen-steinbrueck-zdf-hat-falsche-bilder-in-bericht-montiert.html, Aufruf am 24.10.2012, 20:17 Uhr). Nach Sequenzen aus den Reden der beiden Kontrahenten hatte es nach Recherchen des \u201eFocus\u201c im ZDF-Beitrag gehei\u00dfen: &#8222;Wenn Steinbr\u00fcck Attacke reitet, jubelt die Opposition.&#8220; Zu sehen war Trittin, der erst feixend die rechte Faust schwang und dann einen Knopf seines Hemdes \u00f6ffnete. Tats\u00e4chlich hatte Trittin nicht auf Steinbr\u00fcck reagiert, sondern auf die Rede von Rainer Br\u00fcderle von der FDP. Dieser hatte Trittin attestiert, dass der unter &#8222;feinem Zwirn&#8220; doch &#8222;immer noch das Mao-J\u00e4ckchen&#8220; trage. Das ZDF r\u00e4umte sp\u00e4ter eine \u201eungenaue\u201c Bildauswahl ein, machte darum aber bei weitem nicht so viel  Aufhebens wie um die von der UEFA im Sommer wohl auch etwas \u201eungenau\u201c manipulierten L\u00f6w-Bildchen vom scheinbaren Balljungen-Foppen live w\u00e4hrend des Spieles.<br \/>\n2.) BILD als Vorreiter der Aufkl\u00e4rung? Gerade war Verlegerin Friede Springer zur Nach-Feier ihres 70. Geburtstages offiziell zu Gast bei Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck. Und es gab 2012 erstmals den Henri-Nannen-Preis f\u00fcr die beste investigative Leistung im Journalismus f\u00fcr zwei Reporter der BILD &#8211; Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch. Wenn auch die Auflage sinkt, bleibt die BILD mit einer t\u00e4glichen Reichweite von mehr als zw\u00f6lf Millionen Print-Nutzern und mehr als sechs Millionen Online-Nutzern das massenwirksamste Medium in Deutschland. Aber was ist daran \u00fcberhaupt &#8222;Zeitung&#8220;? Was ist daran Journalismus? Den Nannen-Preis in der Rubrik &#8222;Investigative Recherche&#8220; gab es nicht f\u00fcr irgendeine Recherche, sondern f\u00fcr einen der ausl\u00f6senden Artikel (\u201eWirbel um Privatkredit\u201c) im &#8222;Fall&#8220; des Christian Wulff. BILD contra Wulff \u2013 da lief doch zuvor ganz Anderes? Die beiden Publizisten Hans-J\u00fcrgen Arlt und Wolfgang Storz untersuchten im Auftrag der IG-Metall-nahen \u201eOtto-Brenner-Stiftung\u201c mehrfach das Ph\u00e4nomen Bild. In der Studie \u201eDrucksache \u201eBild\u201c &#8211; Eine Marke und ihre M\u00e4gde\u201c (Frankfurt am Main 2011) bestimmen sie ausgehend von Bild-Darstellungen der Griechenland- und Eurokrise vor allem im Jahre 2010, was diese Publikation ausmacht. Laut Arlt und Storz ist BILD ein Hybrid-Medium par excellence: Als massenmediale Publikation bedient sie sich in Inhalt und Darstellung aus ganz verschiedenen \u201emedialen Kommunikationsgattungen\u201c (Karl Nikolaus Renner), von der PR und Werbung bis hin zu Formen des Journalismus. BILD gilt daher als Prototyp einer massenmedialen Ver\u00f6ffentlichung (ARLT 2011-95f.), der m\u00f6glichst viele Funktionen der Massenkommunikation erf\u00fcllt, und zwar als \u201edas entgrenzte, das transvestive Medium\u201c: Multimedialit\u00e4t in der Gestaltung, crossmediale Themensetzung und -verwendung, Erreichen von potentiell allen im Verbreitungsgebiet, Einsatz werblicher Mittel, Unterhaltsamkeit bis hin zur fiktiven Geschichte, Aussch\u00f6pfen der Identifikations- und Motivationsm\u00f6glichkeiten der PR-Kampagne, Reklamieren journalistischer Unabh\u00e4ngigkeit wie exemplarisch beim \u201eFallen-Lassen\u201c von Wulff, Nutzung ausgefeilten Marketings.<br \/>\nVon den drei Grundfunktionen jeder Kommunikation (Information, Motivation, Unterhaltung) scheint dabei die Unterhaltung jene zu sein, mit der sich Aufmerksamkeit als Ma\u00dfstab (Medium, Regulativ, knappe Ressource) in der \u00d6ffentlichkeit am besten erzielen l\u00e4sst und damit zugleich \u201edas Geld der Vielen\u201c (ARLT 2011-57f.). BILD darf als Makler \u00f6ffentlicher Aufmerksamkeit gelten, da das Blatt vermittelt zwischen der Alltagswelt der Nutzer, dem Show-Business einschlie\u00dflich Sportes, Teilen des Politik- und Unternehmer-Betriebes sowie gro\u00dfen Bereichen der anderen Medien. Die Forscher sehen BILD als Vorreiter einer neuartigen Aufl\u00f6sung \u00f6ffentlich-relevanter Kommunikation (Politik, Wirtschaft, Grundrechte) in Richtung Unterhaltung (ARLT 2011-81). Allerdings abstrahiert jener Ansatz zun\u00e4chst von der \u00f6konomischen Seite des Journalismus als massenmedialer Kommunikationsgattung (ARLT 2011-93f.), um die normative Unabh\u00e4ngigkeit des Journalismus besser extrapolieren  zu k\u00f6nnen. Jedoch gibt es historisch und systematisch gute Gr\u00fcnde, den modernen Journalismus von vornherein durch den Doppelcharakter von Ware und Kulturgut bestimmt zu sehen (so u.a. Marie-Luise Kiefer).<br \/>\n3.) \u201eBerliner Zielfahnder fassen einen Totschl\u00e4ger vom Alex\u201c, so lautete die Haupt\u00fcberschrift auf Seite 1 der M\u00e4rkischen Allgemeinen (MAZ) in Potsdam am 24.10.2012. In der Unterzeile ist von einem \u201eVerd\u00e4chtigen\u201c die Rede, und auch der Berichtsvorspann spricht von einem \u201em\u00f6glichen T\u00e4ter\u201c. Aber diese Schlagzeile ist in der Tat schon mehr als ein Urteil \u2013 sie darf in dieser tragischen Angelegenheit selbst wiederum als Rufmord gelesen werden. Denn auch zw\u00f6lf Stunden nach Redaktionsschluss redeten viele seri\u00f6se Quellen weiter von einem \u201eVerd\u00e4chtigen\u201c oder \u201eFestgenommenen\u201c, aber eben nicht von einem T\u00e4ter. Im Rechtsstaat sollte auch (und gerade) bei schlimmsten Verbrechen die Unschuldsvermutung gelten, bis ein Gerichtsverfahren den\/die Verd\u00e4chtigen \u00fcberf\u00fchrt hat. Und die Medien als selbsternannte vierte Gewalt d\u00fcrften sich nicht auf derart platte Art als \u201eVolkes Stimme\u201c (die MAZ war zu DDR-Zeiten die \u201eM\u00e4rkische Volksstimme\u201c) verstehen, dass sie hier auf ihre eigene Weise \u201ekurzen Prozess\u201c machten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blog vom 24.10.2012 von Sebastian K\u00f6hler: 1.) Das ZDF ist dieser Tage in der Diskussion, mit zwei Beispielen zur Fragw\u00fcrdigkeit von Objektivit\u00e4t im Journalismus. 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