{"id":177,"date":"2012-05-09T12:27:22","date_gmt":"2012-05-09T11:27:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=177"},"modified":"2012-05-09T12:27:22","modified_gmt":"2012-05-09T11:27:22","slug":"der-augenblick-wo-kopfe-rollen-sollen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=177","title":{"rendered":"Der Augenblick, wo K\u00f6pfe rollen sollen?"},"content":{"rendered":"<p>Blog vom 9.5.2012 von Sebastian K\u00f6hler<\/p>\n<p>1.) War vor Facebook etwas im Netz? Und g\u00e4be es ein Danach? Diese Fragen stellt Felix Stalder, der in Z\u00fcrich Neue Medien lehrt (vgl. Freitag 13\/2012, S.15; http:\/\/www.freitag.de\/kultur\/1213-vor-und-nach-facebook). Das Internet war in den 1990er-Jahren bestimmt von ersten Versuchen, many-to-many-Kommunikation auf zivilgesellschaftlicher Ebene zwischen Individuen und Gruppen (peers) sowohl zu verwirklichen als auch dar\u00fcber nachzudenken. Einen H\u00f6hepunkt dieser Kultur der Offenheit und Partizipation bildete 1995 der Request for Comments (RFC) mit der Toleranzfaustregel: \u201eSei zur\u00fcckhaltend in dem, was du verschickst, und gro\u00dfz\u00fcgig in dem, was du empf\u00e4ngst.\u201c Kurz darauf begann die massive und massenhafte Kommerzialisierung des Internets, das in bestimmter Weise auch zum Massenmedium wurde mit neuer einseitiger Gerichtetheit f\u00fcr viele Konsumenten. Gemeinschaften verschoben sich rasant zu Gesch\u00e4ftsmodellen, B\u00f6rsenkurse hoben ab und st\u00fcrzten bald darauf wieder. Doch nur scheinbar verlangsamte sich die Kommerzialisierung: Im Gegenteil, mit dem Web 2.0 wurde ein Label geschaffen, das in kurzer Zeit die Ware-Werdung der sozialen Bereiche in ganz neue Sph\u00e4ren treiben sollte. Aus sozio-kultureller und politischer Teilhabe wurde \u201euser generated content\u201c, der laut Stadler zum \u201emodus operandi\u201c einer neuen Kulturindustrie wurde. W\u00e4hrend die tradierte Kulturindustrie (Musik- und Medienverlage, Filmfirmen) immer st\u00e4rker unter Druck zu geraten schien, legten die neuen Plattformen ungeheure Wachst\u00fcmer hin. Die sozialen Kosten der Massentauglichkeit h\u00e4lt Stalder f\u00fcr hoch, denn die Vernetzung der Vielen wurde den Gesch\u00e4fts-Strategien der Plattformanbieter untergeordnet. Diese Vernetzung muss seitdem stets zwei Zielen dienen: Zum einen soll sie kommunikative Bed\u00fcrfnisse der Nutzer befriedigen, zum anderen die Sammlung von Daten und deren Vermarktung unterst\u00fctzen. Stalder schreibt: \u201eDiente es dem ersten Ziel nicht, floppte das Angebot, diente es dem zweiten nicht, wurde es erst gar nicht entwickelt.\u201c Keiner kann mehr unterscheiden zwischen Bed\u00fcrfnissen der Nutzer und solchen, die \u00fcberhaupt erst durch die Plattformanbieter geschaffen werden. Die Teilhabe auf solchen Plattformen dient laut Stalder der Verschleierung der neuen Macht- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse. Verschleiert wird durch die weiterhin bestehende Augenh\u00f6he, also Horizontalit\u00e4t auf Seiten der vielen Nutzer, dass gleichzeitig neue, hochgradig vertikale Machtzentren auf Eigent\u00fcmer- und Managementseite entstehen. Hier wird nicht nur der Wert gemeinsamer Arbeit abgesch\u00f6pft, sondern es entstehen auch neue Kontrollpunkte. An diesen Punkten f\u00e4llt Wissen \u00fcber die Zusammensetzungen und Entwicklungen der Gesellschaft \u201ein Echtzeit\u201c an. Aus Motiven der Vermarktung oder auch Vermachtung kann mit solchem Herrschaftswissen &#8211; kaum bemerkbar &#8211;  in gesellschaftliche Prozesse eingegriffen werden. Die Widerspr\u00fcche zwischen den Dynamiken horizontaler Vernetzung und vertikaler Kontrolle werden Stalder zufolge deutlicher. F\u00fcr politische Aktivisten ist Facebook mittlerweile ein Risiko \u2013 Geheimdienste werten nicht nur routiniert Daten aus, sondern es werden auch gezielt Seiten gel\u00f6scht oder Zug\u00e4nge gesperrt. So kommt der engagierte Nutzer zeitlich von \u201evor Facebook\u201c zu \u201enach Facebook\u201c: Die alte Internet-Erfahrung, dass man nicht nur Inhalte, sondern auch Infrastrukturen selber schaffen kann und manchmal muss, f\u00fchrt zu Entwicklungen wie den \u201eMaschen-Netzwerken\u201c, \u201emesh-networks\u201c, jenseits zentraler oder zentralisierter Infrastrukturen. Gemeinsame Infrastrukturen sollen entstehen durch die Vernetzung vieler lokaler Netzwerke. So k\u00f6nnte das emanzipatorische Potential der Horizontalit\u00e4t von Gruppen von Neuem befreit werden von den Zw\u00e4ngen der Vertikalit\u00e4t durch Vermarktung und Vermachtung.<br \/>\n2.)  Lokaljournalismus hat es anscheinend besonders schwer, den Fallen der \u201eHofberichterstattung\u201c und des \u00dcberangepasstseins mit Blick auf die M\u00e4chtigen zu entgehen \u2013 selbst an den wenigen Orten in Deutschland, an denen nicht nur ein Verlag allein \u00fcber das \u00f6rtliche Geschehen berichtet. In Potsdam gibt es immerhin zwei Lokalredaktionen von Tageszeitungen, die der MAZ (seit 2012 zur Madsack-Gruppe Hannover geh\u00f6rig) und die der PNN (\u00fcber den Berliner \u201eTagesspiegel\u201c zum Holtzbrinck-Konzern Stuttgart\/M\u00fcnchen z\u00e4hlend). In einem Bericht \u00fcber die Diskussion im Potsdamer Stadtparlament zum Angebot des Software-Milliard\u00e4rs Hasso Plattner, in Potsdam eine Kunsthalle zu errichten, schreibt Henri Kramer (vgl. PNN, 4.5.2012, S.9), dem das Angebot Plattners apriori als \u201eGeschenk\u201c gilt: \u201eDoch nun sprachen jene, die das Geschenk Plattners auch bereit sind auszuschlagen. So Hannes P\u00fcschel von der Fraktion Die Andere: Er behauptete, Plattners Firma \u201eSAP\u201c sei gewerkschafts- und betriebsratsfeindlich.\u201c Das Verb \u201ebehaupten\u201c als eines aus dem Wortfeld \u201esagen\u201c ist schon viel negativ-wertender als die Verben, die Kramer in seinem Bericht  den    Unterst\u00fctzern von Plattners Vorschlag zuspricht: Die n\u00e4mlich \u00e4u\u00dfern sich, indem sie etwas \u201esagen\u201c, vor etwas \u201ewarnen\u201c, etwas \u201enennen\u201c oder um etwas \u201ebitten\u201c, sich sogar \u201efreuen\u201c oder einfach \u201ereden\u201c. Allesamt relativ sachliche oder leicht positiv-glaubw\u00fcrdig besetzte Verben aus dem Wortfeld \u201esagen\u201c. Aber f\u00fcr besagten Vertreter der \u201eAnderen\u201c, einen der wenigen erkl\u00e4rten Kritiker des Projektes, hat Journalist Kramer noch einen besonderen Sprechakt in petto: Dieser Hannes P\u00fcschel n\u00e4mlich \u201e\u00e4tzte, f\u00fcr &#8218;hungernde Kinder&#8216; h\u00e4tten (sic! Konjunktiv II) die Stadtverordneten kein Geld \u00fcbrig\u201c. Laut Duden ist \u201e\u00e4tzen\u201c ein Terminus, der relativ stark wertet &#8211;  er wird demzufolge salopp verwendet und besagt, dass sich jemand \u00e4tzend und damit zerst\u00f6rend und zerfressend \u00e4u\u00dfere. Solch ein Verb m\u00f6gen Journalisten \u2013 gut begr\u00fcndet \u2013 in Kommentaren oder Glossen verwenden &#8211;  aber in einem Bericht? Man mache die Umkehrprobe und frage sich, ob im Sinne des m\u00f6glichst gleichen Abstandes zu allen (gew\u00e4hlten) Akteuren auch der Oberb\u00fcrgermeister oder die Dezernentin (als Vertreter des Regierungslagers) \u201e\u00e4tzen\u201c k\u00f6nnten in der Optik des Journalisten Kramer? Das darf als extrem unwahrscheinlich gelten. Es gibt die &#8211; meines Erachtens sehr sinnvolle &#8211; Forderung des Journalistik-Professors Michael Haller nach \u201e\u00c4quidistanz\u201c gerade f\u00fcr die informationsbetonten Darstellungsformen wie Meldung oder Bericht. Oder auch die Mahnung des einstigen TV-Nachrichtenmoderators Hanns-Joachim Friedrichs, der zufolge sich Journalisten nie verbr\u00fcdern sollten mit einer Sache \u2013 und scheine sie auch noch so gut zu sein. Zumal bei in der betroffenen Bev\u00f6lkerung durchaus umstrittenen Angelegenheiten (wie der hier un\u00fcberlesbar hofierten Offerte Plattners) sollten solche Handwerksregeln nicht einfach \u201ewegge\u00e4tzt\u201c werden \u2013 zumindest nicht in einem Journalismus, der sich der Demokratisierung verpflichtet sehen m\u00f6chte.<br \/>\n3.) Im RBB-Inforadio fragte am Morgen des 9.5. Moderatorin Anne-Kathrin Mellmann im Interview die Politikerin Ramona Popp von den Berliner Gr\u00fcnen angesichts der Meldung von der Sch\u00f6nefelder Flughafen-Versp\u00e4tung: \u201eIst das der Augenblick, wo K\u00f6pfe rollen sollten?\u201c. \u201eK\u00f6pfe rollen\u201c klingt nat\u00fcrlich immer gut \u2013 aber \u201ewo\u201c?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blog vom 9.5.2012 von Sebastian K\u00f6hler 1.) War vor Facebook etwas im Netz? Und g\u00e4be es ein Danach? Diese Fragen stellt Felix Stalder, der in Z\u00fcrich Neue Medien lehrt (vgl. 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