{"id":171,"date":"2012-04-18T13:28:51","date_gmt":"2012-04-18T12:28:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=171"},"modified":"2012-04-18T13:38:23","modified_gmt":"2012-04-18T12:38:23","slug":"blog-vom-18-4-april-2012-kaltblutig-oder-blindwutig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=171","title":{"rendered":"Kaltbl\u00fctig oder blindw\u00fctig?"},"content":{"rendered":"<p>Mein Aktuelle-Stunde-Thema dieser Tage w\u00e4re \u201eBild\u201c und deren offenbar geplante 60.-Geburtstags-Ausgabe am 23. Juni dieses Jahres, die werbefinanziert bei den \u00fcber 40 Millionen Haushalten in Deutschland im Briefkasten landen soll &#8211; \u201ekostenlos\u201c f\u00fcr die Nutzer. Ich schreibe \u201eBild\u201c und nicht \u201eBild-Zeitung\u201c, weil es gute Gr\u00fcnde gibt (wie z.B. Hans-J\u00fcrgen Arlt und Wolfgang Storz in ihrer Studie im Auftrag der IG-Metall-nahen Otto-Brenner-Stiftung darlegen, siehe http:\/\/www.bild-studie.de\/, Aufruf am 18.4., 12.30 Uhr), die Drucksache aus dem Springer-Verlag f\u00fcr eine zu halten, die verschiedene mediale Kommunikationsmodi nutzt, darunter (gelegentlich) auch den journalistischen. \u201eBild\u201c ist mit einer verkauften Auflage von rund 2,7 Mio. Exemplaren t\u00e4glich und einer Reichweite von etwa 12,5 Mio. Lesern weiterhin das \u201eLeitmedium\u201c der Deutschen \u2013 weder Tagesschau noch Dieter Bohlen oder auch Bayern M\u00fcnchen am gestrigen Tage (mit einer Reichweite von immerhin 11,5 Mio. bei Sat.1) kommen da heran. Aber wir k\u00f6nnen auch anders:<br \/>\nVor zehn Tagen habe ich bei der Kampagnen-Plattform \u201eCampact\u201c eine Aktion unterzeichnet, die den Springer-Verlag auffordert, das Blatt nicht in den pers\u00f6nlichen Briefkasten zu stecken. Da waren es erst ein paar Tausend Unterzeichner, jetzt gerade (18.4., 14 Uhr) sind es bereits fast 150.000 Menschen, die eine der gr\u00f6\u00dften Werbe- und PR-Ma\u00dfnahmen der bundesdeutschen Mediengeschichte aktiv ablehnen. Soviel wegen der Transparenz zu meinem Hintergrund in diesem Zusammenhang.<br \/>\nEin Sprecher von Campact erkl\u00e4rte (BLZ, 17.4., S.26), die Gr\u00f6\u00dfenordnung der Nein-Sager d\u00fcrfte den Springer-Verlag bei der Zustellung vor ernsthafte logistische Probleme stellen. Das Projekt selbst geht Medienberichten zufolge auf Bild-Chefredakteur Kai Diekmanns Initiative zur\u00fcck. Ein Sprecher des Konzerns sagte: \u201eIm Erscheinungsfall w\u00fcrden wir selbstverst\u00e4ndlich alle Widerspr\u00fcche beachten.\u201c Auch dazu m\u00f6gen sich alle kompetenten Mediennutzer hierzulande bitte selbst ihre Meinung bilden \u2013 das \u201eselbst\u201c ist an der Stelle nicht selbstverst\u00e4ndlich, da sich ja doch mancher einbildet, \u201eBild\u201c bilde \u2013 mehr als nur die eigenen Vorurteile ab und bilde auch mehr als vor allem ein erfolgreiches Gesch\u00e4ftsmodell mit ganz verschiedenen medialen Kommunikationsmodi \u2013 siehe oben.<br \/>\n2.) Im sehr bemerkenswerten Buch \u201eNewspeak in the 21st Century\u201c (erschienen 2009 bei Pluto Press in London und New York\u201c, siehe hier Seite 84) haben die Autoren David Edwards und David Cromwell vom seit 2001 t\u00e4tigen journalismuskritischen Netzwerk \u201eMedia Lens\u201c (www.medialens.org) ein treffendes Zitat des Journalisten Hannen Swaffer aus dem Jahre 1928 ausgegraben, zum Nach- und Weiterdenken \u00fcber das Thema Medienfreiheit in demokratisch verfassten und kapitalistisch funktionierenden Gesellschaften: \u201eFreedom of the Press in Britain means freedom to print such of the proprietor\u00b4s prejudices as the advertisers don`t object to.\u201c<br \/>\nZur Objektivit\u00e4tsproblematik finden sich a.a.O., S.239, folgende Argumente, die f\u00fcr Transparenz, Au\u00dfenreferenz und Perspektivenwechsel als Mittel zur Objektivierung sprechen: Laut US-Historiker Howard Zinn steht hinter jedem pr\u00e4sentierten Fakt eine ausw\u00e4hlende Beurteilung, gerade diesen Fakt darzustellen &#8211; was zugleich hei\u00dft, viele andere m\u00f6gliche Fakten nicht darzustellen. Jede dieser Beurteilung beruht Zinn zufolge auf dem Glauben und den Werten des Journalisten oder auch des Historikers, wie sehr diese sich auch immer der \u201eObjektivit\u00e4t\u201c verpflichtet vorgeben. Laut dem US-Psychologen Jonathan Bargh ist dieses Ausw\u00e4hlen ganz und gar menschlich \u2013 selbst Ger\u00e4usche, Ger\u00fcche oder Bilder seien keine einfachen, objektiven Wahrnehmungen: \u201e\u201cThere\u00b4s nothing that\u00b4s neutral. We have yet to find something the mind regards with complete impartiality, without at least a mild judgement of liking or disliking\u201c.<br \/>\nDavid Edwards und David Cromwell entwickeln im Aufgreifen von Theorien und Praxen solcher Journalisten wie John Pilger oder solcher Medienkritiker wie Noam Chomsky ihren Ansatz f\u00fcr einen bewusst mitf\u00fchlenden Journalismus (a.a.O., S.240ff.). Laut US-Historiker Howard Zinn kann man auf einem fahrenden Zug nicht neutral sein. Das bedeutet f\u00fcr Edwards und Cromwell, erstens Mitgef\u00fchl zu entwickeln gegen Ignoranz, Gier und Hass. Zweitens sollten Journalisten sich bem\u00fchen \u201eto identify the real causes of human and animal suffering with as much honesty as we are capable\u201c. Das hei\u00dft Edwards und Cromwell zufolge, sich drittens der Ursache f\u00fcr unehrlichen, destruktiven Journalismus zu entledigen \u2013 des selbst-s\u00fcchtigen Vor-Urteiles. Alles Leben, alles Gl\u00fcck und alles Lebensgl\u00fcck sei von prinzipiell gleichem Wert, was der mitf\u00fchlende Journalist nicht nur glaube, sondern auch f\u00fchle. Das Problem ist den beiden Autoren zufolge nicht die stets unvermeidliche Subjektivit\u00e4t, zu der man vielmehr bewusst stehen solle. Das Problem liege in den systematischen und strukturellen Verzerrungen dieser Subjektivit\u00e4t durch die Brenngl\u00e4ser des selbst-s\u00fcchtigen Geizes und Hasses. Daher sei mitf\u00fchlender Journalismus auch ehrlicher Journalismus: Verpflichtet der Wohlfahrt der Anderen, der Sorge um alle. Die Grundannahme dieses Paradigmas lautet im Gegensatz zum common sense des \u201eFriss, oder werde gefressen\u201c: Allgemeines Mitgef\u00fchl erm\u00f6gliche gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Vorteile f\u00fcr alle.<br \/>\n3.) Und nun zum sprachkritischen Kaleidoskop: Im RBB-Inforadio hie\u00df es am 13.3. nach der T\u00f6tung von 16 afghanischen Zivilisten durch US-Milit\u00e4r, dort habe ein \u201ekaltbl\u00fctiger Amoklauf\u201c stattgefunden. Laut Duden online bedeutet Amok laufen, \u201ein einem Zustand krankhafter Verwirrung [mit einer Waffe] umherlaufen und blindw\u00fctig t\u00f6ten\u201c (Aufruf am 21.3.2012, 14.06 Uhr). Das kann dann aber kaum kaltbl\u00fctig passieren. Anderererseits sollten Journalisten zumindest im informationsbetonten Bereich doch eher \u201ekaltbl\u00fctig\u201c als \u201eblindw\u00fctig\u201c agieren.<br \/>\n4.) Im sprachkritischen Kaleidoskop darf auch gerne mal gelobt werden &#8211; Moderatorin Marietta Slomka versprach im \u201eheute journal\u201c vom 9.4.2012: \u201eVieles sonst noch Wichtige zum Syrienkonflikt finden Sie auf heute.de.\u201c Das klingt und ist doch viel besser, als viel zu oft die unsinnige, aber marktg\u00e4ngige All-Aussage zu h\u00f6ren: \u201eAlles Wichtige dazu finden Sie dort und dort\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Aktuelle-Stunde-Thema dieser Tage w\u00e4re \u201eBild\u201c und deren offenbar geplante 60.-Geburtstags-Ausgabe am 23. Juni dieses Jahres, die werbefinanziert bei den \u00fcber 40 Millionen Haushalten in Deutschland im Briefkasten landen soll &#8211; \u201ekostenlos\u201c f\u00fcr die Nutzer. 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