{"id":163,"date":"2012-03-28T15:35:07","date_gmt":"2012-03-28T14:35:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=163"},"modified":"2012-03-28T15:35:45","modified_gmt":"2012-03-28T14:35:45","slug":"blog-vom-28-3-2012-wider-das-interview-als-blose-marketingstrategie-denken-und-sprechen-gemeinsam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=163","title":{"rendered":"Wider das Interview als blo\u00dfe Marketingstrategie: Denken und Sprechen gemeinsam"},"content":{"rendered":"<p>1.) Der Publizist Axel Br\u00fcggemann fordert, das Interview als journalistische Darstellungsform wiederzubeleben, es seinem etymologischen Rahmen von \u201eZwischenblick\u201c von Neuem entsprechen zu lassen (vgl. Freitag 51\/52\/2011, S.2). Im Interview m\u00fcssten Recherche und gelingendes Miteinander im offenen Augenblick zusammenkommen. Denn es sei \u201e\u00f6ffentliches Denken im Prozess\u201c. Interviews lebten davon, dass gleichberechtigte Personen, meist zwei, an einem Ort zur selben Zeit gemeinsam einen Text schrieben. Gute Argumente entst\u00fcnden am ehesten, wenn sie am Gegen\u00fcber wachsen, infrage gestellt und gemeinsam weiter entwickelt w\u00fcrden, als nachvollziehbares Denken und Sprechen. Das l\u00e4sst sich an Gespr\u00e4chspartnern wie Voltaire und Friedrich II., Goethe und Eckermann, Marx und Engels oder auch Heidegger und Hannah Ahrendt erkennen. Das Interview sei aber in wichtigen Bereichen heutzutage verkommen: Es sinke nicht nur in vielen TV-Talkshows ab zum Plausch als Marketingstrategie, zum Win-Win-Gesch\u00e4ft der Gespr\u00e4chspartner \u2013 die Nutzer werden kaum als Mitdenker samt Mitspracherecht verstanden, sondern als Endverbraucher, als K\u00e4ufer oder W\u00e4hler. Dagegen bleibe das Interview zu rekultivieren: mit gr\u00fcndlicher Vorbereitung, guten Fragen, Zuh\u00f6ren, weiterem Infragestellen, um mit Freund und Feind gemeinsam neu denken und reden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>2.) \u201eWhat&#8217;s the matter with the Internet?\u201c, fragte schon in den 90er-Jahren der US-Historiker und -Philosoph Mark Poster in sozial-kritischer Perspektive, und auch ich habe mich in Anlehnung daran in \u201eNetze \u2013 Verkehren \u2013 \u00d6ffentlichkeiten\u201c (2001) damit auseinandergesetzt, inwieweit das Netz der Netze &#8211; trotz Kolonialisierungen durch markt- und machtstarke Akteure &#8211; anhand seiner kulturell-technischen Potentiale und auch bestimmter empirischer Tendenzen dazu f\u00fchren kann, zumindest zweierlei zu ver\u00e4ndern (wie es Mark Poster sagte), n\u00e4mlich: \u201etransforming both contemporary social practices and the way we see the world and ourselves\u201c. Mittlerweile weicht in Theorie und Praxis mancher Optimismus mehr einem bestimmten Pragmatismus, so auch beim Philosophen Byung-Chul Han, in S\u00fcdkorea aufgewachsen und nun Professor f\u00fcr Medientheorie an der Hochschule f\u00fcr Gestaltung in Karlsruhe (vgl. Freitag, Nr. 1\/2012, S.15). Anhand des Beispieles, dass auf \u201eFacebook\u201c nur Zustimmung m\u00f6glich ist (\u201eGef\u00e4llt mir\u201c-Button), erkl\u00e4rt Han, die heutige Gesellschaft sei von einem \u201e\u00dcberma\u00df an Positivit\u00e4t\u201c gepr\u00e4gt. Denn \u201enegative Gef\u00fchle sind offenbar hinderlich f\u00fcr die Beschleunigung des Prozesses\u201c. Negativit\u00e4t hingegen verlangsame, verhindere \u201edie Kettenreaktion des Gleichen\u201c. Han unterscheidet eine sich immer mehr ausbreitende \u201eHyperkulturalit\u00e4t\u201c ohne jeden Abstand (ohne Schwellen und \u00dcberg\u00e4nge und stattdessen mit totaler Mobilit\u00e4t einschlie\u00dflich Promiskuit\u00e4t) von Inter- oder Multikulturalit\u00e4t, denen weiterhin die Negativit\u00e4t kultureller Spannungen innewohne. So sieht er, \u00e4hnlich wie seinerzeit Jean Baudrillard die Wirklichkeit in einer Hyperrealit\u00e4t verschwinden sah, die Kulturen in einer Hyperkultur verschwinden.<br \/>\nZwei Grundtendenzen beobachtet Han: eine ausgestellte Freundlichkeit (2006) und zugleich eine die gesamte Gesellschaft erfassende M\u00fcdigkeit (2010). Bezogen auf soziale Netzwerke wie Facebook sieht der Philosoph die panoptische Tendenz des Internets (alles kann gesehen werden) noch einmal versch\u00e4rft: Alle Nutzer seien hier tendenziell sowohl dem panoptischen Blick (und damit nicht zuletzt machtvoller Kontrolle) ausgesetzt als auch \u201eder kapitalistischen Verwertungsmaschinerie\u201c. Kontrolle erfolge hier nicht wie in Disziplinargesellschaften durch Isolierung, sondern durch Vernetzung. Die Nutzer w\u00e4hnten sich frei, was aber vor allem Gewalt zur Selbstausbeutung hervorbringe \u2013 Exzesse von Entgrenzung und Enth\u00fcllung bis hin zur pornografischen Nacktheit: \u201eDer Neoliberalismus hat die Individuen zu Mikro-Unternehmern gemacht\u201c, zwischen denen vor allem Gesch\u00e4ftsbeziehungen stattf\u00e4nden, die einen Profit verspr\u00e4chen. Auch die Freundschaftsbeziehungen bei Facebook sind so im Wesentlichen nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck, vermarktet zu werden. Oder wie es Han sagt: \u201eIn \u00f6konomischer Hinsicht ist Facebook ein Raum der Ausbeutung\u201c. Das Paradox sieht er darin, dass sich Nutzer im Panoptikum so frei wie noch nie f\u00fchlten. Denn die \u201eList des Systems\u201c bestehe darin, gerade das zum Verschwinden zu bringen, wogegen Menschen sich noch konkret emp\u00f6ren k\u00f6nnten. Allerdings hat auch Han keinen gesellschaftlichen Gegenentwurf, der gemeinschaftliche und individuelle Ebenen einschl\u00f6sse, sondern ihm scheint \u201eeine Gemeinschaft\u201c der (echten) Freundlichkeit vorzuschweben, die des Anderen und der Anderen bedarf und zugleich ohne Verwandtschaft oder gemeinsame Zugeh\u00f6rigkeit, ohne \u201eGruppendruck\u201c auskommen soll.<\/p>\n<p>3.) Und noch etwas aktuelle Sprachkritik aus meinem Kaleidoskop: Im ZDF-Morgenmagazin am 22.3.2012 um 7:02 Uhr lautete der Text einer Studiomeldung: \u201eBei Schlecker stehen 11.000 Arbeitspl\u00e4tze auf dem Spiel.\u201c Solch spielerisches Herangehen mag sich nicht jedem erschlie\u00dfen \u2013 f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten d\u00fcrfte es kaum ein Spiel sein, da ein solches zumeist ohne weitergehenden \u201eernsten\u201c Zweck dem Vergn\u00fcgen dienen soll und allein aus Freude an seiner Aus\u00fcbung betrieben wird. \u201e \u2026 sind in Gefahr\u201c w\u00e4re auch noch nicht sehr sachlich, k\u00e4me aber der Sache n\u00e4her. Was w\u00e4re die beste L\u00f6sung dieses \u201eSpieles\u201c, da es ja nicht nur um ein Sprachspiel geht?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1.) 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