{"id":1057,"date":"2018-04-19T22:52:18","date_gmt":"2018-04-19T20:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=1057"},"modified":"2018-04-20T10:52:56","modified_gmt":"2018-04-20T08:52:56","slug":"neues-aus-der-giftkueche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=1057","title":{"rendered":"Neues aus der Giftk\u00fcche"},"content":{"rendered":"<p>Als gleichsam szenischer Einstieg in diesen Beitrag eine &#8222;Geschichte&#8220; von einem aktuellen Fall von &#8222;Fake News&#8220;, in einer insgesamt \u00fcber Wochen dauernden, dramatischen Medien-Story. Und zwar von einem sehr etablierten Medium der westlichen Welt, von der franz\u00f6sischen Nachrichtenagentur AFP. Am 12.4.2018 meldete man dort im deutschen Dienst Folgendes ( https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=43460, Aufruf am 12.4.2018, 21.55 Uhr): &#8222;OPCW best\u00e4tigt russische Herkunft des Giftes im Fall Skripal&#8220;<\/p>\n<p>Wichtige deutsche Online-Medien wie Spiegel, Welt  und SZ \u00fcbernahmen diese Falschmeldung zun\u00e4chst anscheinend mehr oder weniger per &#8222;copy and paste&#8220;. Doch von &#8222;russischer Herkunft&#8220; des Giftes im Fall Skripal war in der an jenem Tag ver\u00f6ffentlichten Mitteilung der Organisation an keiner Stelle die Rede. Im Laufe des Tages \u00e4nderten die erw\u00e4hnten Medien ihre Texte, bei AFP war die Falschmeldung allerdings noch zehn Stunden sp\u00e4ter im Netz f\u00fcr jedermann zu finden (https:\/\/www.afp.com\/de\/nachrichten\/59\/opcw-bestaetigt-russische-herkunft-des-giftes-im-fall-skripal-doc-13y68j1, Aufruf am 12.4.2018, 22.19 Uhr). Thomas Borgb\u00f6hmer vom deutschen Branchendienst \u201emeedia\u201c schrieb (http:\/\/meedia.de\/2018\/04\/13\/fall-skripal-und-die-russen-wie-sich-qualitaetsmedien-ein-wettrennen-um-die-schnellste-falsche-eilmeldung-lieferten\/?utm_campaign=NEWSLETTER_MITTAG&#038;utm_source=newsletter&#038;utm_medium=email, Aufruf am 15.4.2018, 19.48 Uhr), es habe sich \u201ekeineswegs\u201c um \u201ebewusst verbreitete Desinformation\u201c gehandelt. Vielmehr h\u00e4tten in diesem Fall \u201ewohl g\u00e4ngige redaktionelle Arbeitsweisen gegriffen\u201c. Denn es gelte: \u201eNachrichtenagenturen wie die dpa, Reuters und die AFP sind vertrauensw\u00fcrdige Quellen, deren Material bedenkenlos verwendet werden kann. Dass die dort arbeitenden Journalisten Fehler machen, schlie\u00dft das freilich nicht aus. Im vorliegenden Fall war der Ausgangspunkt der Eilmeldungen und \u00dcberschriften ein von der Nachrichtenagentur AFP verbreiteter Artikel (&#8230;)&#8220;.<br \/>\nDas finde ich fragw\u00fcrdig: Denn ob etwas Falsches \u201ebewusst\u201c oder \u201eaus Versehen\u201c publiziert wird, erschlie\u00dft sich nicht ohne Weiteres. Es scheint mir in vielen F\u00e4llen leider als Glaubensfrage gehandhabt zu werden \u2013 wir glauben, AFP-Kollegen machten aus Versehen Fehler, und wir glauben, Kollegen zum Beispiel von RT oder anderen Medien machten bewusst \u201eFake News\u201c. Aber vielleicht &#8222;glauben&#8220; diese ja (auch), was sie publizieren. Auf der Reflexionsebene daher interessant: Man kann diese AFP-Falschmeldung durchaus als fast schon klassische &#8222;Fake News&#8220; im Sinne zum Beispiel der Definition von Alexander S\u00e4ngerlaub interpretieren (https:\/\/www.stiftung-nv.de\/sites\/default\/files\/fakenews.pdf, Aufruf am 3.1.2018, 17.02 Uhr). Das h\u00e4ufig benutzte Unterscheidungskriterium f\u00fcr &#8222;Fake News&#8220;, diese seien nicht nur falsch, sondern bewusst falsch und zudem ebenfalls bewusst zur Propaganda eingesetzt, halte ich allerdings zumindest f\u00fcr problematisch. Wer wollte wie in die K\u00f6pfe der Journalisten hineinschauen? Wissen sie es besser oder zumindest anders? L\u00fcgen sie also? Was auch diese Menschen glauben oder &#8222;wirklich glauben&#8220;, sollte ihre Privatsache sein und Theologen oder Psychologen vorbehalten bleiben. Doch die AFP-Meldung kann (auch) interpretiert werden als gezielte Verbreitung von falschen oder irref\u00fchrenden Informationen, um jemandem zu schaden (in dem Fall der russischen F\u00fchrung, woran die franz\u00f6sische F\u00fchrung &#8211; die der AFP relativ direkt einen wichtigen Teil von deren Ressourcen liefert &#8211; offenbar in jenen Tagen ein nicht unbetr\u00e4chtliches Interesse gehabt haben d\u00fcrfte mit Blick auf mutma\u00dfliche russische Verantwortung f\u00fcr den etwaigen Einsatz chemischer Giftstoffe in Salisbury und in Syrien).<br \/>\nTritt man medienkritisch noch einen Schritt weiter zur\u00fcck, zeigen sich Verbindungen zwischen Falschmeldungen (oder eben auch \u201eFake News\u201c) und dem Storytelling: Die Geschehnisse um den Nervengiftanschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter am 4.M\u00e4rz 2018 wurden in vielen westlichen Medien als &#8222;Story&#8220; vermittelt, als die Geschichte zweier Menschen, Vater und Tochter, die sich pl\u00f6tzlich mit einer gro\u00dfen Gefahr konfrontiert sahen. Der &#8222;b\u00f6se&#8220; Gegenspieler der beiden recht deutlich positiv besetzen Hauptfiguren wurde in vielen dieser Medien relativ schnell ausgemacht, &#8222;Russland&#8220; (Siehe unter anderem https:\/\/www.bild.de\/politik\/ausland\/skripal-sergej\/der-kreml-luegt-55374022.bild.html, Aufruf am 12.4.2018, 22.25 Uhr). Und damit die Geschichte auch klar ankommt bei der Zielgruppe, wurden manche klassischen Handwerksregeln anscheinend kaum noch beachtet: Die SZ meldete wie viele andere wichtige Medien am 12.4.2018: \u201eJulia Skripal will keinen Kontakt zur russischen Botschaft\u201c. Das passte ins Bild, das mochte man sehr gut verstehen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Screenshot-SZ-Skripal.png\"><img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Screenshot-SZ-Skripal.png\" alt=\"\" width=\"770\" height=\"487\" class=\"alignnone size-full wp-image-1058\" srcset=\"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Screenshot-SZ-Skripal.png 770w, http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Screenshot-SZ-Skripal-300x190.png 300w, http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Screenshot-SZ-Skripal-768x486.png 768w, http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Screenshot-SZ-Skripal-474x300.png 474w\" sizes=\"(max-width: 770px) 100vw, 770px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Kleiner Sch\u00f6nheitsfehler: Das konnte man hier nicht direkt von Frau Skripal wissen. Quelle dieser Meldungen war eine Verlautbarung von Scotland Yard, einer britischen Beh\u00f6rde. Und gerade bei kontroversen Themen sollte gelten, was u.a. Michael Haller immer wieder betont: Versionen als Versionen kennzeichnen! Die Quelle angeben, damit Mindestanforderungen an Transparenz erf\u00fcllt werden. Man h\u00e4tte also zum Beispiel von vornherein (und nicht erst im Kleingedruckten) schreiben sollen: \u201eLaut Scotland Yard will Julia Skripal keinen Kontakt zur russischen Botschaft\u201c. Solch eine Meldung k\u00f6nnten m\u00fcndige Nutzerinnen und Nutzer dann eigenst\u00e4ndig kritisch einordnen. Insgesamt l\u00e4sst sich anhand einer medialen Story wie jener \u00fcber den Anschlag auf Julia und Sergej Skripal sowie dessen Folgen diskutieren, was mein Konzept von \u201eNarrativismus\u201c kritisch zu beschreiben versucht (siehe in meinem Buch &#8222;Die Nachrichtenerz\u00e4hler&#8220; von 2009).  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als gleichsam szenischer Einstieg in diesen Beitrag eine &#8222;Geschichte&#8220; von einem aktuellen Fall von &#8222;Fake News&#8220;, in einer insgesamt \u00fcber Wochen dauernden, dramatischen Medien-Story. Und zwar von einem sehr etablierten Medium der westlichen Welt, von der franz\u00f6sischen Nachrichtenagentur AFP. Am &hellip; <a href=\"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/?p=1057\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1057"}],"collection":[{"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1057"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1057\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1063,"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1057\/revisions\/1063"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1057"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1057"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/blogs.hmkw.de\/HierMagKritisiertWerden\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1057"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}